Angekommen!

> Anke Dörrzapf

BRIGITTE, 12/2005

Wie Bergseen riechen und Wälder klingen - die letzte Strecke unserer großen Radtour durch ganz Deutschland führt durch das bayerische Voralpenland von Kempten nach Rosenheim.

Sie sitzen da, mitten auf dem Radweg. Die Isomatte ausgebreitet, Stützkissen im Rücken, Schuhe ordentlich zur Seite gestellt: Lli, koreanische Krankenschwester aus Heilbronn, und ihre Freundin aus Kalifornien. Mit Stäbchen in der Hand tauchen sie Sushi in Sojasoße, kichern wie junge Mädchen. "Komm, du musst probieren", sagt Lli, als ich anhalte, und reicht mir mit Stäbchen ein Sushi. "Wir wollen nach Neuschwanstein. Aber da ist so viel los, wir müssen warten."

Neuschwanstein, ausgerechnet: Busparkplätze, Souvenirshops, Filzhüte. Eigentlich war ich gerade dabei, den Umweg von Füssen Richtung Kitsch-Schloss wegen des Trubels zu bereuen. Doch dann sitzen da Lli und ihre Freundin und füttern mich.

Zwei Tage zuvor bin ich in Kempten losgefahren: Ich habe mein Rad durch Gassen geschoben, vorbei an verschnörkelten Rokokofassaden und Patrizierhäusern, bin über Hügel geradelt, an Weiden mit graubraunen Allgäuer Kühen vorbei. Bin durch den stillen Kempter Wald gefahren, habe frisch geschnittenes Holz und das nasse Moos gerochen, die Grillen auf der Lichtung gehört. Ich bin durch Dörfer gefahren, die Betzenried heißen oder Guggemoos.

260 Kilometer lang ist die Strecke von Kempten nach Rosenheim insgesamt: von der Residenzstadt im Ostallgäu über Nesselwang, Füssen, vorbei an Forggensee, Bannwaldsee und Wieskirche, am Staffelsee weiter nach Murnau, Kochel, Benediktbeuern, Bad Tölz, Tegernsee und Schliersee bis ins Inntal. Meist bin ich auf dem Bodensee-Königssee-Radweg unterwegs, am Alpenrand entlang, auf etwa 500 bis 1000 Meter Höhe, leichte Hügel rauf und runter. Manchmal, zum Beispiel bei Nesselwang, muss ich aber auch mein Rad ein steiles Stück hochschieben. Die Straßen sind fast immer weit weg, ich radle auf Forstwegen und geteerten Feldwegen.

Einer der hübschesten Abschnitte ist der zwischen Nesselwang und Füssen: Als ich morgens auf das Fahrrad steige, liegen die Berge in blauem Dunst, der zum Boden hin heller wird. Langsam reißen die Wolken auf, die Sonne wirft einzelne Sprenkel auf die Hügel davor, zwischen Tannen spitzt die Ruine Eisenberg hervor. Der Hopfensee liegt ganz glatt zwischen den Hügeln des Voralpenlandes und leuchtet tiefblau gegen die Berge.

27 Kilometer hinter Füssen: Ich stelle mein Fahrrad an der Pferdekoppel bei der Wieskirche ab. Ein Kater hüpft auf den Zaun, macht einen Satz in den Souvenirstand nebenan, latscht über Heiligenbildchen und Enzianbroschen, schnuppert kurz am Kruzifix, das von der Decke baumelt. "Des is der Dominikus", sagt die Verkäuferin, "der gehört hier mit dazu." Dominikus nimmt neben einer Opferkerze Platz. Die Wallfahrtskirche, Unesco-Welterbe und Inbegriff des bayerischen Rokoko, wirkt hell, zart und heiter in Rosa, Mintgrün, Gold und viel Weiß. Sonnenstrahlen fallen von der Seite ein, beleuchten Blättergirlanden aus Stuck und dicke Engel.

Ich fahre entlang der Illach weiter Richtung Murnau. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohnten hier Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. Sie malten die rotbraunen Moorwiesen des Murnauer Moos, den tiefblauen Staffelsee, die Heuschober aus dunklem, verwittertem Holz, die Häuser der Murnauer Innenstadt in Gelb und Rot und immer wieder die Murnauer Kirche. Als ich das Rad von ins Loisachtal rollen lasse, rieche ich den Kochelsee schon von weitem: frisch und schwer zugleich - so wie nur Bergseen im Hochsommer riechen.

Grün, apricot und lila sind die Häuser in Bad Tölz getüncht, mit viel Stuck über den Fenstern. Leute mit Videokameras suchen nach den Drehorten der Krimiserie "Der Bulle von Tölz", der Metzger in der Fußgängerzone verkauft "Bullenknacker". Das alte Tölz mit seinen Gassen und einstöckigen Häusern, die noch nicht alle frisch gestrichen sind, entdeckt man eher in den Seitengassen der Marktstraße. Nach Tölz wird es ruhiger. Manchmal weht der Geruch von Pilzen aus dem Wald. Langsam geht es bergauf auf einem einsamen Forstweg - bis ich an einem Golfplatz vorbeifahre. Auf dem Parkplatz stehen schicke Autos, ein paar Hügel weiter sehe ich einen großen, edel hergerichteten Bauernhof mit Geranien am Balkon. Ich bin am Tegernsee, dem bayerischen Gebirgssee mit der höchsten Millionärsdichte.

Hinter Schliersee ist plötzlich Stau: Ein Kalb ist ausgebüxt und steht auf der Straße. Es streckt den Kopf in meine Richtung, läuft ein paar Meter zurück, um mich dann wieder neugierig anzusehen. Von hinten kommt ein Bauer: "Gehört die zu dir?", fragt er und grinst. Wir suchen nach dem Schlupfloch im Zaun und bringen das Kälbchen zurück auf die Weide. Dann lasse ich das Rad laufen, die Hügel hinunter durch die Dörfer hinter Fischbachau: durch Hundham, Sonnenreuth, Karrenhub, Brettschleipfen. Weit öffnet sich das Inntal: rechts der Wendelstein, links der Wilde Kaiser mit seinen Zacken. Es riecht süß und schwer nach dem roten indischen Springkraut, das am Inn wuchert.

260 Kilometer durch das bayerische Voralpenland liegen hinter mir, die letzte Strecke der großen BRIGITTE-Radtour. Rund 2500 Kilometer sind wir, die sieben Teams, insgesamt geradelt. Wir sind Hügel und Berge hochgestrampelt, haben es zwischendurch einfach rollen lassen, sind in Seen gesprungen, haben auf Wiesen gelegen, schöne Aussichten genossen, Bauernhöfe, gemütliche Pensionen und tolle Restaurants entdeckt. Wir sind durch Städte und Dörfer gefahren, von denen wir noch nie gehört hatten, und haben oft gedacht: Hier war ich nicht zum letzten Mal.