Bayerisches Blau

> Anke Dörrzapf

Geo Saison, November 2005

Die Leute aus dem Dorf waren skeptisch: ein Russe und eine Berlinerin, die in ihre oberbayerische Idylle eindrangen. Doch der Zauber des Alpenvorlands hatte es dem Malerpaar angetan, die Berge, das weiche Licht über dem See... Der Rest ist Kunstgeschichte. Die Schönheiten aber faszinieren noch heute

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Es muss dieses Blau gewesen sein: Dieses tiefdunkle Blau von Herzogstand und Heimgarten in der Ferne. Dahinter, Gebirgskette um Gebirgskette, wird es heller: königsblau, taubenblau, hellblau – bis man kaum noch weiß, wo der Berg endet und wo der Himmel beginnt. Die Moorwiesen davor schimmern rotbraun, eine weite samtige Fläche. Es ist ganz still. Nur ab und an ist das leise Rascheln des Schilfgrases zu hören, wenn der Wind sanft durch die Halme fährt. Er trägt den Geruch von Heu vorbei. Irgendwo läutet eine Kirchturmglocke.

Es ist Juni 1908, als Wassily Kandinsky und Gabriele Münter das erste Mal hierher kommen, nach Murnau. Sie sind seit sechs Jahren ein Paar, der Mann aus Moskau, verheiratet, promovierter Jurist, und die ledige Tochter eines Berliner Kaufmanns. Er ist Anfang 40, sie 31. Seit Jahren reisen durch die Welt, nur weg von München, wo sie früher wohnten, weg von Kandinskys Frau: Erst nach Holland, dann nach Tunis, Italien, Dresden, Brüssel, Sèvres bei Paris.

Auf einem Ausflug kommen sie nach Murnau. Und bleiben. Gabriele Münter kauft ein Haus auf einem Hügel mit Blick auf die roten Dächer und das Schloss. Nicht in Paris lassen sie sich nieder, wo Picasso und Matisse für Skandale sorgen. Sondern in diesem Dorf, 70 Kilometer südlich von München im bayerischen Alpenvorland. Katholisch, konservativ, ländlich. Zwischen Zwiebeltürmen und Kuhweiden, Barockkirchen mit dicken Engeln und roten Marmorsäulen. Durch das 2500-Einwohner Dorf rumpeln Ochsenkarren.

Ausgerechnet hier schafft die europäische Malerei den Sprung zur Abstraktion: Kandinsky und Münter malen die Gänse auf dem Dorfweg, die Gassen mit den rosa, gelb und taubenblau getünchten Häusern, die Misthaufen vor dem Hof, die Nebelfetzen auf dem Murnauer Moos, den Staffelsee. „Immer mehr erfasste ich die Klarheit und Einfachheit dieser Welt“, erinnert sich Gabriele Münter später. „Besonders bei Föhn standen die Berge als kräftiger Abschluss im Bilde, schwarz-blau. Dies war die Farbe, die ich am meisten liebte.“ Kandinsky geht noch weiter. Mit der Zeit verschwinden Hügel, Bäche und Häuser aus seinen Bildern. Nur noch schemenhaft ist der Turm der Kirche St. Nikolaus mit ihrem geschweiften Giebel zu erkennen. Blaue, weiße und grüne Farbflächen durchziehen jetzt die Fläche. Während Picasso in Paris noch Stilleben und Porträts in viele kleine, realistische Ansichten spaltet, befreit sich die Malerei bei Kandinsky völlig vom Gegenstand.

Das Licht wechselt rasch hier am Alpenrand: Bei Föhn ist die Luft so klar, dass man glaubt, jede Schlucht im Wettersteingebirge erkennen zu können. Im Norden türmt sich dann die Wolkenfront, die der warme Fönwind abhält. Wenn der Fön zusammenbricht hängen Wolken an den Bergen fest, hüllen die Landschaft in Dunkelheit, Krottenkopf und Heimgarten erscheinen wie eine mattblaue Wand, die irgendwo in der Wolkendecke verschwindet. Der Staffelsee wird zu einer taubengrauen Ebene.

Dann wieder ist der Himmel klar, Dunst färbt die Berge vom Boden her immer heller, fast weiß. Die Lichtreflexe auf dem Staffelsee scheinen die hellgrünen Wiesen noch zusätzlich zu beleuchten. Am späten Nachmittag werden die Alpen zur einfarbigen Fläche, deren gerundete und gezackte Konturen sich klar gegen den Himmel abzeichnen. Die Heuschober auf den Weiden werfen lange, eckige Schatten ins dunkle Grün.

Im intensivern Licht des Alpenvorlandes entwickelt Kandinsky seine Farbtheorie: Nicht mehr realistische Gegenstände oder Szenen sollen beim Betrachter Gefühle auslösen, sondern Farben. „Im allgemeinen ist also die Farbe ein Mittel, einen direkten Einfluss auf die Seele auszuüben“, schreibt er 1910. „Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten. Der Künstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste zweckmäßig die menschliche Seele in Vibration bringt.“

Auch Münters Formen werden einfacher: „Ich habe da nach kurzer Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhaltes – zum abstrahieren – zum Geben eines Extrakts.“ Sie umrandet Häuser, Berge und Bäume mit schwarzen Konturen. Eine Technik, die sie sich bei der bayerischen Hinterglasmalerei abguckt.

Die Vorliebe fürs Bodenständigkeit geht sogar so weit, dass der Russe Kandinsky gerne mal in die Krachlederne steigt, Gabriele Münter im Dirndl im Garten werkelt. In ihrem Haus mit blauen Fensterläden bemalt Kandinsky Treppengeländer, Kommoden, Regale und den Schreibtisch: mit Blüten, Punkten, grünen Blättergirlanden und Reitern auf gelben und lila Pferden, eine Mischung aus bayerischer Bauernmalerei und russischer Volkskunst.

Im Ort werden die Exoten misstrauisch beäugt. „Das Russnhaus“, nannte man ihr Heim in der Kottmüllerallee. Und außerdem: Diese Künstler waren ja noch nicht mal verheiratet. Und dann war da ja noch ein anderes Paar, das sie immer wieder in Murnau besuchte. Noch so ein „gschlamperts Verhältnis“:

Maria Franck, eine schüchterne, pausbäckige Malerin aus Berlin. Und Franz Marc, vier Jahre jünger, dunkelhaarig, gut aussehend, wie schon sein Vater ein Münchner Maler. Am Anfang ihrer Beziehung hatte Franz Marc gleichzeitig eine Affäre mit einer sechs Jahre älteren Malerin. Im Sommer 1906 fuhr er mit seinen beiden Geliebten zum Malen nach Kochel. Erst zwei Jahre später entscheidet sich Franz Marc ganz für Maria. Sie ziehen von München nach Sindelsdorf bei Kochel, später nach Ried, einem Ortsteil von Kochel – nur 17 Kilometer von Murnau entfernt.

Anders als Murnau liegt Kochel direkt am Fuß des Herzogstandes. Der Kochelsee ist von zwei Seiten eingerahmt von dicht bewachsenen Hängen. Wie eine große, blaue Schutzwand. Die Berge drücken hinein in den tiefen See. Felsvorsprünge werfen Schlagschatten. Nach Norden hin fallen die Hügel langsam ab, flach breitet sich das Loisachtal aus: rechts sieht man das Kloster Benediktbeuern mit seinen Zwiebeltürmen, links, am westlichen Ufer des Sees, Kloster Schlehdorf. Über dem Ort liegt der schwere Geruch von Gebirgsseen.

Franz Marc kennt Kochel seit seiner Kindheit, von der Sommerfrische mit den Eltern. Als Student wohnt er wochenlang beim Senner auf der Staffelalm, einer kleinen Hütte mit einem Zimmer, Holzbetten und einem Ofen. Hier oben hört er nicht mal mehr die Geräusche aus dem Dorf. Nur noch die Glocken des Viehs. Dunkelgrün und in warmem Beige ragen die gezackten Gipfel der österreichischen Alpen in den Himmel, auf einigen liegt Schnee. Hin und wieder ist eine Hütte mit rotem Dach zu sehen, ein Weg, der sich am Berg entlang zieht. Eine Kuh schließt beim Kauen die Augen, streckt das Gesicht zur Sonne. Die neben ihr schleckt ihr übers Ohr. Grashüpfer springen durch die abgegraste Almwiese.

Franz Marc sucht am Kochelsee Ruhe von der Großstadt. Wie Gabriele Münter und Wassily Kandinsky sehnt er sich nach dem einfachen Leben. Er trägt Trachtenjacke, geht Bergwandern auf dem Herzogstand und Heimgarten. „Ich male jetzt schon überhaupt nur mehr das Allerallereinfachste; ich sehe auch gar nichts anderes in der Natur an. In mir lebt jetzt eine Stimme, die mir immerwährend sagt: Zurück zur Natur, zum Allereinfachsten. Alles andere lenkt ab, verkleinert und verstimmt“ , schreibt er 1907. Damals ist er 27 Jahre alt.

Er malt fast nur noch Tiere: die braun-weiß gefleckten bayerischen Milchkühe auf der Weide, die Haflingerpferde mit den dicken Beinen der Brauereipferde, seinen weißen Hund Russi. Er hält sich sogar Rehe in einem eigenen Gehege. „Der unfromme Mensch, der mich umgab (vor allem der männliche) erregte meine wahren Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitet mich ein Instinkt zum Abstrakten.“ Rot und blau malt er die Pferde, die Kühe gelb. Seine Rehe fügen sich in eine Schnee-Landschaft ein. Hügel und Weiden werden zu geschwungenen Linien, Berge zu Dreiecken. „Wir werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern wie sie wirklich sind, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen.“

Kandinsky hat 1911 die Idee zu einem Almanach, ein Buch zur Rechtfertigung ihrer neuen, abstrakten Kunst: „Den Namen ‚Der Blaue Reiter’ erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube; beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst. Und der märchenhafte Kaffee von Frau Maria Marc mundete uns noch besser“, erinnert er sich später. Im Oktober findet die legendäre Redaktionssitzung in Münters Haus in Murnau statt, zusammen mit den Maler August Macke. In langen Diskussionen entsteht die Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“. Marc, Kandinsky, Macke und der 12-Ton-Komponist Arnold Schönberg schreiben Artikel und Essays für den Almanach. Ein Buch, das die Kunst revolutionierte, geschaffen in der heilen Welt der Lodenjanker, Kuhglocken und bayerischen Alpen. Vielleicht braucht man das manchmal, um Großes zu schaffen: Bilderbuch-Idylle.

1914 trennen sich die Leben der beiden Paare. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Franz Marc eingezogen, im März 1916 stirbt er in Frankreich. Maria Marc lebt bis zu ihrem Tod 1955 in Ried bei Kochel, hört auf zu malen und kümmert sich ganz um den Nachlass ihres Mannes. Kandinsky geht zurück nach Russland. Er spricht zwar nie von einer endgültigen Trennung von Gabriele Münter, heiratet dann aber 1917 seine zweite Frau Nina. Murnau sieht er nicht wieder.

Gabriele Münter geht wieder auf Reisen. Bis sie sich 1931 ganz in Murnau niederlässt, mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem Kunsthistoriker Johannes Eichner. Bei der schnellen Abreise aus Deutschland 1914 hatte Kandinsky seine Bilder in Murnau zurück gelassen. Und Münter hat sie ihm – vielleicht als kleine Rache für die Heirat mit einer anderen – nicht mehr zurück gegeben. Im Zweiten Weltkrieg versteckte sie die Bilder im Keller, um sie vor den Nazis zu schützen, die das für „entartete“ Kunst hielten. Und vor den Amerikanern, die nach Kriegsende ebenfalls ihr Haus nach Kandinsky-Werken durchsuchten. „Die Bilder waren unter einer dicken Schicht eingemauert. Frau Münter, Dr. Eisner und ich haben den Putz in den fünfziger Jahren mit Hämmerchen wieder weggeklopft“, erinnert sich Jo Kramer, ihre ehemalige Krankengymnastin und spätere Freundin, die heute mit 85 in Murnau lebt. „Wenn man bedenkt, was diese Bilder heute wert sind und Gabriele Münter war doch so arm.“ An ihrem 80. Geburtstag schenkt Gabriele Münter dem Münchner Lenbachhaus die Ölgemälde und Skizzen von Wassily Kandinsky. 1962 stirbt sie in Murnau.

Zu Lebzeiten galten Gabriele Münter und Maria Marc in Murnau und Kochel immer als seltsame, arme, alte Damen. Über Marc sagten die Bauern: „Der gspinnerte Maler. Wenn einer scho’ a Ross blau malt...“

Erst in den achtziger Jahren änderte sich das: „Zum 100. Geburtstag von Franz Marc hat der Pfarrer am Grab eine wunderbare Ansprache gehalten: Er hat die Kunst so gepriesen“, sagt Werner Englert, der Bürgermeister von Kochel. Heute gibt es in Kochel das Franz-Marc-Museum, am Friedhof erklärt ein Schild im Schaukasten: „Wie finde ich das Grab von Maria und Franz Marc“ – inklusive Lageplan. Das Murnauer Schlossmuseum zeigt Bilder des Blauen Reiters und in einem Extra-Saal Werke von Gabriele Münter. Ihr Wohnhaus ist ein Museum mit dem bemalten Treppengeländer, den Paletten von Münter und Kandinsky und Hinterglasbildern.

Murnau hat mittlerweile 12000 Einwohner. Der Obermarkt ist heute eine Fußgängerzone, mit Geschäften und Straßencafés. Es gibt einen französischen Weinladen und eine italienische Eisdiele. Und auf einer Bank liest ein Schüler mit blonden Dreadlocks und Dreitagebart in einem Buch. .

Aber was in Erinnerung bleibt, wenn man Murnau längst wieder verlassen hat, sind die taubenblauen und himbeerroten Häuser im Ort. Die Bäche, die aus den Bergen gurgeln, um dann in die ruhigen, glatten Flächen der Seen einzutauchen. Der Herzogstand im blauen Dunst. Vielleicht haben Münter, Kandinsky und Marc das geschafft, was so viele realistische Maler vor ihnen versucht haben: Das bayerische Voralpenland so darzustellen wie es ist.

Nämlich als einen Traum aus zarten Nebelschleiern und satten Farben. Einen Traum, in dem der Kirchturm zu tanzen scheint, das braunrote Moorgras zu wispern und die grünen Hügel sich so plastisch dem Betrachter entgegenwölben, dass der Geruch nach Heu und Mist zu ahnen ist, der heute noch aus dem Kuhstall im Schneidergassl weht – mitten in der Stadt.