Der größte Kunst-Krimi des Comandante Musella

> Anke Dörrzapf

Brigitte, Juli 2006

Sie überwachen Telefone, verwanzen Wohnungen, geben sich als Sammler aus: Die Kunst-Carabinieri in Italien spüren Fälscher, Diebe und Raubkunsthändler überall in der Welt auf – auch die Angeklagten im Getty-Prozess, der gerade weltweit für Aufsehen sorgt

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„Eselsurin. Damit geht es am besten“, sagt Ferdinando Musella. „Wirklich. Sie nehmen eine Bronzeskulptur, so eine nachgemachte etruskische Frauenbüste zum Beispiel. Die graben sie für drei Monate unter eineinhalb Metern Erde ein. Und dann begießen Sie die Erde täglich mit Urin.“ Tenente Colonello Ferdinando Musella lehnt sich zurück, grinst, klopft sich eine Zigarette aus der Packung. „Da bekommen Sie eine Patina, die normalerweise erst nach 2000 Jahren entsteht. Das täuscht sogar Experten.“ Der Tenente Colonello schwingt auf seinem weißen Ledersessel hin und her, streicht mit der nervösen Hand über die gegeelten Haare. Auf seinem Schreibtisch liegt der „Corriere della Sera“, auf dem jemand mit schwarzem Stift „Comandante“ geschrieben hat. An der Wand gegenüber hängt ein gefälschter Van Gogh: der „Gärtner“ mit Bart und offenem Hemd. Hinter dem Tenente Colonello bedecken Wappen und Ehrenurkunden die Wand – Auszeichnungen und Geschenke, die er für erfolgreiche Ermittlungen bekommen hat: aus der Schweiz, Argentinien, von Interpol.

Tenente Colonello Ferdinando Musella ist Chef der investigativen Abteilung des „Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale“. Die Kunst-Polizisten sind die weltweit erfolgreichste Abteilung, die sich ausschließlich mit Kunstraub, Raubgräbern, Antiquitätenschmuggel und Fälschungen beschäftigt. Die Italiener waren die ersten, die 1969 diese Spezialeinheit einrichteten. In Deutschland gibt es keine vergleichbare zentrale Truppe. Die Carabinieri haben gefälschte Modiglianis aus dem Verkehr gezogen, über 500000 archäologische Stücke beschlagnahmt. In ihrer Datenbank sind 2 Millionen geklaute Werke gespeichert und die Namen der großen Diebe und Schwarzmarkthändler.

Musellas Abteilung hat zehn Jahre lang die Ermittlungen rund um das Getty-Museum geführt und damit die Beweise für den derzeit weltweit spektakulärsten Kunstprozess geliefert: Die ehemalige Kuratorin des amerikanischen Museum steht in Rom vor Gericht. Sie soll wissentlich Raubkunst aus Süditalien angekauft haben.

300 Carabinieri arbeiten in ganz Italien: in Rom und in 11 Dependancen unter anderem in Venedig, Florenz und Neapel. „Kunstwerke, die in Italien geklaut werden, wandern meistens ins Ausland, weil der Markt dort lukrativer ist“, sagt Musella. Deswegen sind seine Mitarbeiter ständig unterwegs: Vor kurzem haben Carabinieri zusammen mit amerikanischen Behörden in New York Vernehmungen geführt, im Londoner Auktionshaus Bonhams ein Bild sicher gestellt.

Vor Musellas Büro beginnt ein langer Gang mit Rundbogen. Früher war der römische Palazzo ein Franziskaner-Kloster. In den Mönchszellen sind heute die Büros von Musellas Mitarbeitern: Graue Schreibtische, blaue Bürostühle und viele Flachbildschirme. An den Wänden im Flur hängen gefälschte, moderne Ölgemälde: italienische Landschaften, Strandszenen, ein Blumenstilleben von Michele Cascella, das die Carabinieri aus dem Verkehr gezogen haben.

Nello Celentano, gewelltes, leicht grau meliertes Haar, große Augen, Typ Bär, ist frisch aus dem Irak zurückgekehrt. An der Wand hat er einen arabischen Zeitungsartikel aufgehängt: Auf dem Foto posiert er in Uniform vor antiken Vasen und Schalen. Fünf Monate war er im Irak. Er hat Ausgrabungen überwacht, nach Raubgräbern gefahndet. „30 Personen haben wir dort verhaftet“, sagt Nello Celentano und zeigt einen Film, den sie aus dem Hubschrauber von einer antiken Grabstätte gedreht haben: „Wie nach einem Meteoritenregen sieht es da aus. Aus der ganzen Umgebung kamen die Leute und fingen einfach an, Löcher zu graben.“

Ein paar Büros weiter sitzt Maresciallo Roberto Vallarella: schwarze, elegant schimmernde Jeans, enges Hemd, spitz zulaufende Lederstiefel, Armband mit Silberamulett. Er arbeitet seit 20 Jahren bei den Kunst-Carabinieri. Auf dem Sideboard neben ihm steht ein dicker Wälzer über Heiligenfiguren. Maresciallo Vallarella kontrolliert einen Auktionshauskatalog aus Prato bei Florenz. „Sehen Sie hier, das Ölbild von Benedetto Luti. Da geht es um die Unterrichtung der Jungfrau. Erkennt man an dem Buch in ihrer Hand. Ende 17. Jahrhundert, Anfang 18. Jahrhundert ist das.“ Maresciallo Vallarella tippt die Angaben zum Bild in die Datenbank ein: „figuratives, religiöses Gemälde“, „Buch“. Er prüft, ob es als gestohlen gemeldet ist. „Bei den Maßen bin ich großzügig. Das hier hat 113 Zentimeter, dann suche ich mal nach Bildern zwischen 150 bis 80 Zentimeter.“ Um es den Carabinieri nicht zu leicht zu machen, schneiden die Diebe oft ein paar Zentimeter vom Bild ab. Der Benedetto Luti ist sauber.

Die Diebe zerlegen sogar Bilder komplett, machen aus zwei Meter hohen Altarbildern zehn Porträts. Altarbilder sind zwar leicht aus Dorfkirchen zu klauen, aber wegen ihrer Größe schwer zu verkaufen. Manchmal löschen sie Figuren aus dem Bild raus: „Bei dieser Venedig-Ansicht von Canaletto haben die einfach rechts ein Boot wegretuschiert“, sagt Maresciallo Vallarella.

Zwanzig Meter weiter steht die Bürotür leicht offen. Ein Mann um die 40 mit kurz geschorenen Haaren und beigem Sakko sitzt auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch. Ganz vorne an die Stuhlkante ist er gerückt, mit den Händen umklammert er seine Knie. Ein Verhör. Der Carabinieri mit Nickelbrille im Zimmer schräg gegenüber hört Tonbänder ab: gelbe Linien hüpfen auf seinem Bildschirm auf und ab, am Computer hat er einen Kopfhörer angeschlossen. „Eine Diebesbande aus Neapel, die brechen viel in Kirchen ein. Ziemlich brachiale Typen“, sagt Tenente Colonello Musella mit lauter Stimme, während er durch den Gang schreitet, die Hände lässig in die Hosentaschen gesteckt. In der Brusttasche seines grauen Sakkos hat er einen Montblanc-Füller gesteckt. Seine Lederschuhe klappern auf dem Granit-Boden.

„Wir verwenden die klassischen Polizeimethoden: Telefonüberwachung, Wanzen, Beschattung, Kronzeugen. Und wir kennen die Namen vieler Hehler und Diebe. Ich nenne sie immer meine Klienten.“ München ist der deutsche Hauptmarkt für gestohlene Antiquitäten. „Da arbeitete lange ein großer Händler, italienischen Ursprungs. Er ist jetzt gestorben. Das Geschäft führt seine Frau weiter. Mit der haben wir noch ziemlich viele Angelegenheiten in der Schwebe“, tönt Musella durch den Flur.

Wenn der Tenente Colonello die Büros seiner Beamten betritt, springen sie vom Schreibtisch auf. Manche schlagen die Hacken zusammen, sagen „agli ordini“, „Zu Befehl“ – halb im Scherz, halb ernst. Die Carabinieri sind Militärs, auch wenn sie hier in der Kaserne im römischen Trastevere fast immer Zivil tragen. „Meine Leute müssen jederzeit Undercover arbeiten können. Sie geben sich als Händler oder Sammler aus.“

Vor seiner Tür hat der Tenente Colonello einen antiken Marmor-Herkules aufstellen lassen. Frauen gibt es hier nicht. Die dürfen erst seit fünf Jahren Carabinieri werden und haben frühestens in sechs Jahren die nötige Ausbildung. „Ich brauche Leute, die in der Drogenbekämpfung waren, im Anti-Mafia-Kommando. Wenn jemand Kunstgeschichte studiert hat, dann will ich ihn nicht. Meine Leute müssen ermitteln können.“ Der Tenente Colonello hat selbst bei der Kavallerie angefangen, später Jura studiert und in der Mafia-Bekämpfung gearbeitet.

Kunstdiebe verstehen dagegen sehr viel von Kunst: „Wir sehen Einbrüche in Apartments voll mit Kunstwerken. Aber die Diebe tragen dabei vielleicht nur sieben Gemälde fort. Weil sie auswählen“, sagt Musella. „Die meisten haben tatsächlich eine Leidenschaft für Kunst. Wir kennen Leute, die gerade mal die fünfte Klasse Hauptschule geschafft haben, aber sich in Archäologie besser auskennen als ein Universitätsprofessor. Wenn wir diese Leute verhaften, entdecken wir manchmal ganze Bibliotheken“, sagt Musella.

Das große Geld machen die Händler: „Für eine gestohlene etruskische Vase bekommt der Dieb maximal 20000 Euro. Wenn ein amerikanisches Museum die Vase kauft, erreicht sie bis zu zwei Millionen Dollar.“ Dafür müssen die Hehler eine Geschichte erfinden: „Ohne Dokumentation über die legale Herkunft kauft kaum ein Museum. Also muss ein Zertifikat her, die besagt, dass das Stück aus der Türkei oder was weiß ich wo herkommt.“

Manchmal kaufen Museumsdirektoren heiße Ware aber durchaus wissentlich. Musellas spektakulärster Fall sind die Ermittlungen zum Getty-Prozess: „Die Untersuchungen haben 1995 begonnen. Wir haben zusammen mit der Schweizer Polizei im Zollfreilager in Genf eine Razzia in der Lagerhalle der Firma Edition Service durchgeführt“, erklärt der Tenente. Die Firma gehört einem italienischen Kunsthändler. Er soll über weitere Händler die Stücke an das Getty-Museum in Los Angeles verkauft haben. „Bei der Durchsuchung sind wir auf Unterlagen gestoßen, welche die Raubgrabungen aus Italien mit den derzeit Mitangeklagten verbinden.“ Die Angeklagte, Museums-Kuratorin Marion True, soll gewusst haben, woher Stücke stammen. 40 antike Kunstwerke im Wert von rund 20 Millionen Dollar soll sie so in den achtziger und neunziger Jahren angekauft haben. „Wenn das Gericht Marion True für schuldig befindet, dann wird zum ersten Mal eine ausländische Museumsmitarbeitern in Italien verurteilt“, sagt Musella.

Genf ist einer der wichtigsten Umschlagplätze für Raubkunst. Hier laufen die Fäden zwischen Auktionshäusern, Händlern und Käufern zusammen. Illegal ausgegrabene antike Statuen gehen hier durch so viele Hände, bis die Herkunft einigermaßen verschleiert ist. „Aus altem Schweizer Familienbesitz“ steht dann oft in den Katalogen der Auktionshäuser. Insider kennen den Begriff.

„Der Getty-Prozess hat einen symbolischen Wert für uns“, sagt Musella. „So zeigen wir den Verantwortlichen in den Museen, dass sie durchaus ein Risiko eingehen, wenn sie Kunst kaufen, deren Herkunft sich nicht genau kennen.“ Derzeit ermittelt seine Abteilung rund um die Getty-Angelegenheit noch gegen andere Ausstellungshäuser. Das New Yorker Metropolitan Museum soll ebenfalls Raubkunst aus Italien besitzen. „Auch deutsche Museen haben wir im Auge“, sagt er.

„Was machen die Bilder hier im Zimmer?“, herrscht Musella einen Maresciallo an. „Ich will hier keine Beweisstücke sehen. Die müssen in die Asservatenkammer!“ Zwei rot-blaue Leinwände liegen am Boden – angeblich vom italienischen Pop-Art-Künstler Mario Schifano. „Er ist vor acht Jahren gestorben und seitdem steigt die Zahl der Fälschungen“, sagt Musella. „Die Fälscher kopieren nicht konkrete Gemälde, sondern den Stil des Malers. So als wäre das ein unbekanntes Bild von Mario Schifano. Das ist nicht schwer. Dieses Abstrakte hier könnte sogar ich malen.“ Fälscher imitieren Kunst des 20. Jahrhundert. Bei älteren Bildern können Experten zu schnell nachweisen, dass Farbe und Leinwand nicht alt sind.

Für das Berufsbild Fälscher und Kunsträuber interessiert sich inzwischen das organisierte Verbrechen. „In diesem Bereich gibt es große Verdienste und wenig Risiko. Wenn ich einen Modigliani fälsche und ihn auf dem Markt platziere, verkaufe ich den für ein paar Millionen Euro“, sagt Musella. „Im Gegensatz zum Drogenhandel kriegt man für Diebstahl maximal vier Jahre Gefängnis.“

Einbrücke in Museen, wie der Raub des „Schreis“ von Edward Munch vor zwei Jahren in Oslo, sind Ausnahmen. Kunstdiebe stehlen überwiegend in Kirchen oder Privatsammlungen. „Was in Museen hängt, ist zu bekannt. Dafür gibt es keinen Markt.“

Denn der Sammler, der den Manet rauben lässt, weil er ihn unbedingt besitzen will, ist eine Legende: „Sehen Sie, ein Sammler ist ja kein normaler Mensch. Das ist ein Verrückter, mit einer Form des Wahnsinns“, sagt Musella, beugt sich vor, lässt seine Stimme ein wenig tiefer knarren. „Wenn ich Abzeichen und Wappen aus der ganzen Welt sammle, dann hänge ich sie ja auch in meinem Büro an die Wand. Und es macht mir Freude sie zu zeigen: Seht, ich war dort. Die Leidenschaft des Sammlers liegt darin, seinen Besitz zu zeigen. In dem Moment, in dem ich den Diebstahl des Munch beauftrage, kastriere ich mich schon zur Hälfte, denn ich kann ihn nicht herzeigen.“

Hinter spektakulären Museumseinbrüchen stecken oft Erpressungen: Geld gegen das unversehrte Kunstwerk. Und die Versicherungen zahlen, weil es für sie billiger ist, als die volle Versicherungssumme auszuzahlen. Offiziell wird das dann als „Belohnung für Hinweise zur Wiederbeschaffung“ verbucht.

Tenente Colonello Ferdinando Musella verschwindet in seinem Büro. Umziehen: „Ich dachte mir, für das Brigitte-Foto trage ich besser nicht zivil, sondern Uniform“, sagt er. Ein Mitarbeiter ruft im zu: „Denken Sie an all die deutschen Frauen, die Sie dann sehen werden!“ Musella grinst.

Im Erdgeschoss, dem Reich von Nunzio Mollica, scheppert Italo-Rock von Ligabue aus dem Radio. Nunzio Mollica trägt eine blaue Stoffhose mit großen Taschen, ein beiges Polohemd, durch das sich der Kugelbauch abzeichnet. Er ist der Herr über die Asservatenkammer: römische Marmorbüsten lagern hier unter dem alten Gewölbe, geschwungene Kommoden mit Intarsien. In einer Holzkiste mit rotem Samteinschlag liegt eine Karaffe aus dem 18. Jahrhundert mit dem Wappen der Familie Torlonia Colonna. An einem Schieberegal mit Metallgittern hängt ein gefälschter Modigliani, ein echter Mantegna. Nunzio Mollica beschriftet weiße Zettel und befestigt sie an den Kisten, mit Angaben wie: „Madonna mit Kind auf den Knien“, „beschlagnahmt Oktober 03“. Er zieht eine Schiebewand raus, auf der Porträt eines barocken Herren mit Lockenperücke befestigt ist: „Das ist auch von jemand Wichtigem, aber ich muss ja die Namen nie auf die Zettel schreiben.“

Oben in den Büros der Fahnder führt Maresciallo Ciro Gatta sein Hobby vor: Er klebt Farbkopien von Renaissance-Gemälden auf Leinwände und bestreicht sie mit einem Schutzfirnis aus Harz. Damit schützen Maler normalerweise ihre Ölbilder. Ciro Gattas Madonnen-Kopien sehen fast so aus, wie echte Bilder mit weißen Altersspuren. „Ich mach das zur Büro-Dekoration, für die Kollegen. Das hab ich im Laufe der Zeit hier gelernt. Fälscher machen das auch so“, sagt er voller Bewunderung. „Nur eben viel besser.“