Die Tänzerin und der Playboy

> Anke Dörrzapf

P.M. Biographie, 1/2006

Ihre Liebe beginnt mit Liebeskummer und überdauert eine Revolution und viele Affären. Ein Attentat schweißt die große englische Ballerina und den Macho-Diplomaten aus Panama noch enger zusammen. Sie schmuggelt sogar Waffen für ihn

Margot Fonteyn ist 18, als sie ihn kennen lernt: Den Mann, den sie rund zwei Jahrzehnte später heiraten wird, für den die große Ballerina des 20. Jahrhunderts Handgranaten nach Panama schmuggeln und Kidnapping-Pläne ausarbeiten wird, den sie ein Leben lang liebt - trotz aller Affären, die er und sie noch haben werden. Und mit dem sie mit 65 auf einer einfachen Farm in Panama leben wird. Als Bäuerin in Mittelamerika.

Alles beginnt an einem Abend im Juni. Margot Fonteyn ist in Cambridge: eine Woche Gastspiel mit dem Ensemble. Es ist spät geworden. Sie läuft die Treppe zu ihrem Apartment hoch, in dem sie mit zwei Kolleginnen wohnt. Die Party hat schon begonnen. Das Licht ist gedämpft, Studenten stehen in dem Zimmer des Fachwerkhauses, rauchen. Sie hört Musik. Rhythmische, Südamerikanische Musik.

In der Mitte des Raums ist er: Tito. Er tanzt Rumba, trägt Anzug und Krawatte, hat dicke, geschwungene Lippen, kaffeebraune, kräftige, leicht gelockte Haare, durch die er mühsam versucht hat, einen Seitenscheitel zu ziehen. Ein junger Mann aus Panama in Zentralamerika, der sie scheinbar gar nicht beachtet. Roberto Emilio Arias, genannt Tito, ist 18. Ein reicher Jura-Student, dessen Familie seit Beginn des Jahrhunderts die Politik in Panama dominiert. Sein Vater war dort Präsident.

Margot Fonteyn ist 1937 eine viel versprechende englische Ballerina. Ein Kind aus der englischen Mittelschicht, mit einer ehrgeizigen Mutter, die sie mit vier Jahren in die Tanzschule geschickt hat: Damals, in den zwanziger Jahren in der Londoner Vorstadt Ealing, hieß sie noch Peggy Hookham. Der Vater war Ingenieur.

Peggy, das kleine Mädchen mit den braunen Haaren, dem Bob und Pony, den dunklen, großen Augen und dem ernsten Blick war gut, talentiert. Lernte artig Plies und Demi-Plies an der Ballettstange. So wie es die Mutter wollte. Nicht, dass sie dem Ballett besonders zugetan war.

Peggy Hookham war pflichtbewusst. Sie arbeitete wie ein Soldat: stundenlanges Training der Füße, Arme, Beine; Spitzentanz, bei dem am Anfang die Zehen bluten; strenge Lehrer, die durch den Saal schreien: "Nein, Nein! Das ist immer noch falsch! Noch mal zurück!" oder "Sei nicht so steif!" Nichts für Sensibelchen. Peggy hielt durch.

Doch etwas unterschied sie von den vielen, braven, talentierten Ballett-Mädchen: Einsamkeit. Mit neun zog sie mit den Eltern nach Tientsien, später nach Shanghai. Ihr Bruder Felix blieb in einem Internat. Fünf Jahre später kam sie mit der Mutter zurück nach England, der Vater blieb in China. Nicht leicht, Freundschaften zu erhalten. Ein unsicheres, scheues Mädchen. Tanzen war eine Ausdrucksform, in der sie Sicherheit bekam, wenn sie nur Plies und Pas de deux beherrschte.

Zurück in England kam sie auf die Sadler's Wells Schule. Hier wurde Peggy Hookham zu Margot Fonteyn. Mit 14 stieg sie von der Schülerin zum Ensemblemitglied auf, verdiente zum ersten Mal Geld als Schneeflocke im Nussknacker und änderte ihren Namen.

Als Peggy 17 war suchte das Sadler's Wells eine neue Prima Ballerina. Eine Tänzerin, die der Ensemblechefin dabei half, ein typisches, englisches Ballett zu etablieren, das mit Russland oder Frankreich mithalten konnte. Eine, deren Künstlernamen nicht mehr russisch klang, sondern britisch und elegant: Margot Fonteyn. Margot war Teil des Ensembles geworden, Teil einer neuen Beziehung jenseits der Bindung Mutter - Tochter.

Dann, an diesem Abend im Juni 1937, sieht sie Tito zum ersten Mal. Er tanzt, nicht sie. "Sein Körperbau war so ausgewogen, dass jede Bewegung im Gehen oder Sitzen entspannt und gelassen wirkte", schreibt sie später in ihrer Autobiographie. Am Ende des Abends verschwindet er und Margot hat nicht einmal herausbekommen, wie er heißt.

Trotzdem steht er am nächsten Tag vor ihrer Tür. Sie scheint doch Eindruck gemacht zu haben. Tito schweigt, berührt flüchtig ihre Hand, geht auf und ab und verschwindet wieder, ohne etwas zu sagen. Ein seltsamer Auftritt.

Die nächsten Tage taucht er immer wieder auf "und nie sagte er, woher er kam oder wann er mich wieder sehen wollte. Dann wieder stand er wie aus dem Boden gewachsen neben mir, fasste meine Hand und blickte in die Ferne, während er mit jemand anderem sprach." Tito ist nie ganz zu fassen. So als habe er Angst, vor den Altar geschleppt zu werden. Er sagt mit keinem Wort, was er für Margot empfindet.

Tito war nicht ihr erster Liebhaber: Den ersten Sex hatte sie mit 16. Mit Donald Hodson, einem jungen Mann vom "BBC World Service". Später begann sie eine Affäre mit Michael Somes, einem der wenigen Tänzer im Ballet, der sich für Frauen interessierte. Sie ist es gewohnt, von Verehrern nach der Vorstellung Blumen zu bekommen, zum Essen ausgeführt zu werden. Alle Liebhaber kommen aus der Umgebung des Balletts.

Tito ist anders. Als sie ihn fragt, ob er Ballet mag, sagt er "Nein", halb ernst, halb um sie zu Ärgern. Margot findet es originell.

Tito fährt in den Ferien nach Panama. Sie schreibt ihm, schickt ihm ein Foto von sich. Wartet. Tito antwortet nie. "Es war schrecklich für eine Frau, einen Mann mehr zu lieben als er sie liebte", schreibt sie später.

Im nächsten Frühsommer in Cambridge sieht sie ihn wieder. Er fragt sie: "Gehörst Du mir noch immer mir?" Sie sagt: "Nein". "Mein Herz hatte sich um eine winzige aber entscheidende Nuance verhärtet. Meine Gefühle waren unverändert, aber ich war ihnen nicht mehr schutzlos ausgeliefert." Tito kehrt endgültig nach Panama zurück. Sie werden jahrelang nichts von einander hören.

Margot steckt längst in der nächsten Affäre: mit dem Komponisten des Ensembles, Constant Lambert. Er ist selbstbewusst, Ehemann, Vater und 14 Jahre Älter. Und im Gegensatz zu Tito liebt er sie mehr als sie ihn.

In Europa beginnt der Zweite Weltkrieg. Margot bleibt mit Lambert zusammen. Meistens jedenfalls. "Natürlich war jeder mit fast jedem im Bett", sagt ein ehemaliges Ensemble-Mitglied. "Es war Krieg und wir blieben die ganze Nacht auf, weil wir morgen tot sein könnten. Wenn da ein Mann war, hast Du ihn Dir geschnappt." Die Tänzerinnen verschwinden manchmal für Tage und Wochen für geheime Abtreibungen. Margot hatte zwei in ihrem Leben.

Je älter Margot wird, desto weniger Interesse zeigt Constant Lambert an ihr. Und desto mehr trinkt er. Sie holt ihn nachts besoffen aus Bars ab, wischt ihn ab, wenn er sich übergeben hat. Kinder wollte sie wegen der Karriere nie. Aber sie will heiraten, wie die meisten ihrer Kolleginnen.

Margot weiß, dass sie bald in das Alter kommt, in dem sie durch eine jüngere Tänzerin ersetzt wird. Unverheiratete Ballerinas gaben meist im Alter trotz Rückenschmerzen und Rheuma noch Ballettstunden, um sich ein schäbiges Zimmer leisten zu können. Margot klammert sich an Constant Lambert. Doch er will nicht. Er nennt sie "Old Girl".

Margots Mutter und Ninette de Valois versuchen sich deswegen als Kuppler. Sie bitten Charles Hass, einen Film-Regisseur mit Margot auszugehen. Eine ruhige, vertraute Beziehung beginnt, die vier Jahre dauert. Die große Liebe war es nie, aber es reichte, um sich von Constant Lambert zu lösen.

Margot hat sich längst dazu entschlossen, weiter zu machen, sich nicht durch Jüngere vertreiben zu lassen. Sie kümmert sich um ihr Aussehen. Statt in die Rolle der klassischen Hausfrau und Ehefrau zu schlüpfen wird sie zur Grande Dame. Ihr nächster Liebhaber Roland Petit, ein vier Jahre jüngerer Tänzer und Choreograph, bringt sie zu Dior in Paris. Sie lässt sich die Nase operieren, die Nase, die sie immer zu groß fand. Sie wirkt ein bisschen wie Audrey Hepburn: dunkle Haare, große, fröhliche Augen. Das Lachen auf der Bühne erreicht sie, indem sie die Zunge an den Gaumen drückt. Sie findet sich ein in die Rolle als Star.

Margot fühlt sich oft einsam und kompensiert die Leere mit Ehrgeiz. "Alles im Leben basiert auf Disziplin", sagt sie 1987 in einem Interview mit der Welt am Sonntag.

1949, mit 30 Jahren, schafft sie den Durchbruch in den USA. Nach der Aufführung am Metropolitan Opera House ist sie auf den Titelseiten des Time Magazins. Peggy Hookham ist zur Prima Ballerina Assoluta geworden.

Dann taucht Tito wieder auf: am 18. September 1953 in New York, auf der dritten USA-Tournee. In der Pause zu ihrem zweiten Auftritt bringt ihr Bühnenpförtner eine Visitenkarte: "Roberto E. Arias, Delegate of Panama to the United Nations."

Normalerweise wirft sie jeden hinaus, der es wagt, sie während der Vorstellung in der Garderobe zu besuchen. Tito darf hinein. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und einen Bauch bekommen. Am nächsten Morgen besucht er sie zum Frühstück und fragt sie: "Warum heiratest Du mich nicht?" Er will sich von seiner Frau scheiden lassen.

Margot traut ihm nicht. Versucht, sich nicht wieder zu verlieben. Doch diesmal ist Tito hartnäckig. Er schickt ihr Blumen, Pelzmäntel, schenkt ihr Diamanten, nennt sie Mujer de mi vida, die Frau meines Lebens. Tito reist ihren Aufführungen hinterher: taucht in Boston auf, in Seattle und Los Angeles. Er schreibt ihr einen drei Seiten langen Brief aus dem Flugzeug: "Als ich noch der Junge war, der Dich mit bebenden Lippen und fest geschlossenen Augen küsste, überwältigten mich die Hindernisse, die ich damals für unüberwindlich hielt: mein Mangel an Selbstvertrauen, meine Unsicherheit, das geographische Problem, unsere Karrieren und auch finanzielle Erwägungen."

Tito überredet sie zu einem Bootsausflug nach Catalina Island. "In dieser Stunde der Ruhe und des Friedens begriff ich, dass ich Tito liebte, jedoch nicht mit jener Liebe, die ich erwartet hatte", sagt sie später. "Auf meiner Suche nach einer wilden Leidenschaft hatte ich nicht an die Möglichkeit des schlichten Einswerdens zweier Seelen gedacht. In Titos Gesellschaft hatte ich weder das Gefühl der Einsamkeit noch der Zweisamkeit, ich fühlte mich eins mit ihm."

Wenige Wochen vor der Hochzeit: Margot Fonteyn sitzt am Boden ihres Apartments. Um sie herum liegen Bücher, die Constant Lambert ihr geschenkt hat. Sie reißt alle Widmungen aus den Büchern. Sie schickt Golduhren an ehemalige Liebhaber zurück, verbrennt Partituren, die Constant Lambert für sie komponiert hat. Sie entsorgt die Erinnerungen an frühere Liebhaber. Sie will ein neues Leben als Ehefrau beginnen, das sie sich so lange gewünscht hat. Ein Leben neben dem Ballettensemble, mit seinem strengen Training, der Disziplin, dem Lampenfieber.

Mit 34 heiratet sie Tito in der Pariser Botschaft Panamas. Tito wird kurz darauf Botschafter in London und Margot schlüpft neben der Arbeit in eine neue Rolle: die der Botschaftergattin. Sie trifft Winston Churchill, Errol Flynn, Bobby Kennedy, König Hussein von Jordanien, lernt Elisabeth Taylor kennen. 1956 adelt die Queen sie zu Dame Margot Fonteyn de Arias.

Auch wenn Margot der große Star ist, der mit einem unbekannteren Diplomaten aus Panama verheiratet ist - eine emanzipierte Beziehung führen die beiden nicht. Margot gefällt sich zu sehr in der Rolle der Ehefrau. Sie sorgt sich um das Essen auf ihren Empfängen, lässt sich Tipps von anderen Botschaftergattinnen geben. Und ignoriert eisern Titos Affären.

Tito macht nebenher Geschäfte, unter anderem mit Aristoteles Onassis. Was er genau treibt, sagt er ihr nicht, höchstens ein paar nebulöse Sätze wie: "Ich helfe reichen Männern, ihr Geld an sicheren Orten zu halten."

Und er träumt von der Revolution in Panama - das gerne auch öffentlich: "Es ist so teuer", pflegte er Bekannten gegenüber zu klagen. "Niemand versteht, wie viel eine Revolution kostet. Allein die Telefonrechnungen sind unglaublich."

Ende der Fünfziger Jahre hatte Titos Familie an politischen Einfluss verloren und lag im Streit mit der autoritär regierenden Familie La Guardia. Tito tritt 1958 von seinem Botschafter-Posten zurück und widmet sich ganz den Revolutions-Plänen.

Eine seiner Dienstreisen führt Tito und Margot nach Kuba: Drei Tage nach dem Sturz Batistas kommen die Tänzerin und der Revolutionär mit Bauchansatz in Havanna an. Tito hofft, dass Castro ihn unterstützt. Castro empfängt sie im obersten Stock des Havanna Hilton, nimmt Tito aber nicht allzu ernst: "Was wissen Sie Tito, alter Mann, schon von Politik und Regierung? Dazu braucht es Jugend, Mann, Jugend!" soll er gesagt haben.

Tito macht weiter, sammelt Geld - unter anderem von John Wayne. Und besorgt Waffen, die er ins Land schmuggeln will. Margot ist fasziniert von dem Mann, der von der Revolution träumt, Aufregung und Leidenschaft in ihr Leben bringt.

Frühjahr 1959. Margot freut sich auf 14 Tage Urlaub mit Tito nach einer Tournee durch Japan und Neuseeland. Tito warnt sie am Telefon: "Die Lage hier ist ein bisschen gespannt. Darling, ich fürchte, es könnte ziemlich ungemütlich für Dich werden." Sie will trotzdem nach Panama kommen. Sie fahren mit dem Motorboot "Nola" aufs Meer, dösen tagsüber in Buchten. Nachts treffen sie sich mit Rebellen auf einem Krabbenkutter.

Doch die Revolution geht schief, bevor sie begonnen hat: Ein Schnellboot mit Waffen ist zu schwer und läuft in seichtem Gewässer auf Grund. Titos Truppe muss mühsam die Waffen aus dem Wasser bergen. Flugzeuge der Guardia Nacional kreisen bereits über ihnen.

Tito muss flüchten, er will mit dem Krabbenkutter nach Costa Rica. Margot fährt zurück nach Panama, um die Guardia von Tito abzulenken. An Land wird sie verhaftet, verbringt eine Nacht im Gefängnis. Man ist höflich zu ihr: Der Gouverneur lässt ihr Rosen aus seinem Gefängnisgarten auf die Zelle bringen, Tee servieren, bietet ihr ein Radio an, damit sie Musik zum Tanzen hat. Rund 24 Stunden später sitzt Margot in einem Flugzeug nach Miami.

Auf Titos Boot war in der Zwischenzeit der Treibstoff ausgegangen. Er flieht zu Fuß durch die panamaische Pampa, vergräbt die Waffen und fährt nach Panama City - im Kofferraum eines Abgeordneten der Nationalversammlung, der als Anhänger des Präsidenten gilt und somit an den Straßensperren nicht kontrolliert wird. Dort bittet er in der brasilianischen Botschaft um Asyl.

Drei Jahre später hat Tito wieder einen Posten als Botschafter, doch er bleibt immer öfter in Panama. Margot und Tito lösen das Haus in London auf, Margot packt und verschifft alles, inklusive einer Holzkiste mit Handgranaten, die sie zur Tarnung in Vorhänge einwickelt. Am Zoll in Panama lenkt sie die Beamten so lange ab, bis die Handgranaten unbeachtet ausgeladen sind - "ein Überbleibsel aus Revolutionstagen", bemerkt sie nüchtern in ihren Erinnerungen. Ihr Mann wird zwischendrin beim Whisky-Schmuggeln erwischt. "Tito versuchte alles zu sein - ein bisschen Playboy, ein bisschen Schmuggler", beschreibt ihn sein Cousin Lucas Zarak. "Er mochte es, wenn über ihn geredet wurde. Was die Leute sagten, war ihm egal."

Margot scheint den Zenit ihrer Karriere erreicht zu haben, als 1961 Rudolf Nurejew in ihr Leben tritt: ein russischer Tänzer, der nach einer Tournee im Westen geblieben ist.

Rudolf ist 23. Ungestüm, ruppig, leidenschaftlich. Ein hübscher Mann, mit männlichem Kinn, ausgeprägten Wangenknochen und lässigem, über die Ohren fallenden Haar. Er will unbedingt mit Margot Fonteyn tanzen, der mittlerweile 42-jährigen Ballerina. Die zögert: "Ich werde aussehen wie seine Mutter." Doch dann sagt sie zu.

Rudolf überrascht sie - wie Tito. Rudolf wagt es, die große Ballerina zu kritisieren. "Wir begannen zu feilschen, und jeder änderte hier und dort ein paar Schritte." Er beeindruckt sie, weil er respektlos ist und leidenschaftlich. "Er arbeitete wie eine Dampfwalze. Zugleich dachte ich, er werde niemals das Solo bis zu Ende tanzen können, wenn er sich bei jeder Bewegung so verausgabte. Aber ich hatte nicht mit Rudolfs Kraft gerechnet." Die FAZ schrieb 1991 über das Paar Fonteyn-Nurejew: "Durch ihn gewann ihr Tanzen eine Ahnung von Leidenschaft, einen erotischen Funken, eine Prise Leichtsinn."

Margot und Rudolf kichern wie frisch Verliebte, gehen abends aus, halten Händchen. "Ich war zutiefst beeindruckt von dem unerwarteten Glücksgefühl, das die Arbeit mit ihm in mir auslöste." Nurejew ist zwar zu mit einem Mann liiert, doch er beginnt gleichzeitig eine heimliche Affäre mit Margot.

Später wird Rudolf sagen: "Ich habe nur drei Menschen in meinem Leben geliebt" Zwei davon sind Männer, die dritte ist Margot Fonteyn. Und: "Sie ist alles, was ich habe." Joan Thring, lange Zeit Nurejews persönliche Assistentin, sagt sogar: "Nurejew wollte sie heiraten." Es gibt Gerüchte, dass Margot in dieser Zeit eine Fehlgeburt hatte.

Tito mischt mittlerweile wieder in die Politik Panamas mit - diesmal kandidiert er zur Abwechslung legal für die Nationalversammlung. Er hat weiter Affären und er gibt sich keine Mühe, sie vor Margot zu verbergen. Gleichzeitig sehen sich die beiden immer seltener. Die Ehe steckt in der Krise und Margot denkt zum ersten Mal über Scheidung nach.

8. Juni 1964. Margot tanzt gerade in Bath in Westengland. Nach dem Abendessen bekommt sie die Nachricht: "Es wurde auf Tito geschossen." Ein ehemaliger Mit-Revolutionär hatte fünf Kugeln auf Tito gefeuert, weil Tito ihn nicht zum Stellvertreter ernannt hatte.

Als Margot im Krankenhaus ankommt, atmet Tito durch eine Kanüle aus einem Schnitt an der Kehle. Er ist gelähmt, kann kaum sprechen, wird künstlich ernährt. In diesen Tagen am Krankenbett beschließt sie, bei ihm zu bleiben. Für immer. Trotz Nurejew.

Einen Monat nach dem Attentat kommt Tito in ein englisches Krankenhaus, wo Margot ihn fast jeden Tag besuchen kann. Er ist bis zum Lebensende gelähmt. Tito bleibt zwei Jahre im Krankenhaus, macht Sprechtherapie. Dann reist er wieder nach Panama. Er tritt seinen Parlamentssitz an. Und lässt sich vorzugsweise von hübschen, jungen Panamaerinnen pflegen.

Margot verdient das Geld für Titos Wahlkämpfe und Reisen, fliegt sobald sie frei hat zu ihm. Ihre Bindung wird wieder stärker. Ihre Mutter sagt über die Beziehung: "Tito ist das Kind, das Margot nie hatte." Roland Petit, ihr ehemaliger Liebhaber: "Sie macht ihr Leben zur Hölle, um ihm zu helfen. Sie ist wunderbar und unglücklich und tut alles, was sie kann, um aufrichtig mit sich selbst zu sein."

Margots Liebe zu Nurejew ist mittlerweile rein platonisch. Sie hat eine letzte Affäre, zehn Jahre lang, mit Charles Hughesdon, Pilot und Unternehmer, der wiederum mit der Schauspielerin Florence Desmond verheiratet ist. Eine ruhige Beziehung ohne Forderungen und Verpflichtungen.

1968 findet die nächste Wahl in Panama statt. Margot hört von Schießereien und bekommt Angst um Tito, vermutet im Polizeichef von Panama eine Bedrohung. Zusammen mit Titos Sohn Roberto und einem Privatdetektiv überlegt sie, wie sie den Polizeichef kidnappen könnten, um Tito zu schätzen. Sie setzt den Plan nie um. Doch Entführungen zu überlegen, erscheint ihr nach dem langen Leben mit Tito relativ normal.

Tito ist zwar im Rollstuhl, doch er wird immer rastloser. Er fliegt umher, immer mit Diener und Pfleger im Schlepptau. Margot bezahlt die Tickets und Hotelzimmer. Sie will, dass es ihm gut geht. Längst hat sie Arthritis, die Beine schmerzen beim Tanzen. Erst 1979, mit 60, zieht sie sich von der Bühne zurück.

Eineinhalb Autostunden von Panama City. Ein ungeteerter Weg führt vorbei an Rinderweiden. Am Ende der staubigen Straße liegt ein weiß getünchtes Haus mit vier Zimmern und Wellblechdach. Eine Kuh liegt im Schatten der Terrasse, dahinter sitzt Margot an einem Holztisch, Tito im Rollstuhl neben ihr. Margot trägt ein weites, gestreiftes Kleid und die langen Haare offen. Die schwarze Färbung ist herausgewachsen und sie ist so entspannt wie vielleicht noch nie in ihrem Leben.

Ein paar Dior-Kleider sind übrig geblieben, ein Teil ihres Schmucks wird sie bald bei Christie's versteigern lassen. Sie hat die Bühne für immer verlassen und es sieht so aus, als habe sich endlich das erfüllt, was sie sich immer gewünscht hat: Alltag mit Tito. Sie füttert die Hühner, guckt nach den Rindern, hilft Tito beim Essen und Trinken, erntet Avocados, und Grapefruits. "Ich bin die glücklichste Frau der Welt. Ich mache genau das, was ich will, nämlich mit Tito sein, in Panama, auf unserer Farm, nach den Rindern sehen, Jeans tragen." Sie war eine Farmerin geworden, eine "ranchera".

Zehn Jahre leben sie zusammen in Panama, fünf Jahre auf ihrer eigenen Farm. 1998 ist Tito tot. "Als Tito starb, gab sie einfach auf", erinnert sich Rosario de Galindo, Titos Schwester. Margot stirbt gut ein Jahr später an Krebs. "Es war ihre Wahl. Sie hatte ihre eigene, ganz private Beziehung zu Tito und sie fühlte, dass sie ohne ihn nicht leben wollte." Querube, Titos Tochter, erinnert sich an Margots letzten Tag: "Sie hatte keine Angst."