Hoheit ließen einpacken

> Anke Dörrzapf

Art, Juli 2003

Wie nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Schlossmuseum von Gotha wertvolle Kunst in den Westen verschwand und dort für viel Geld verkauft wurde. Zum Beispiel an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen

Es ist Ende Juni 1945, als Victoria Adelheid von Sachsen-Coburg und Gotha in Thüringen auftaucht. Victoria Adelheid ist knapp 60. Herzogin. Sie stellt sich im Schlossmuseum von Gotha vor einen Offizier der amerikanischen Militärregierung hin und fordert: Die Amerikaner sollten ihr doch bitte zwei Eisenbahnzüge zur Verfügung stellen; sie müsse dringend Kunst ins bayerische Coburg transportieren. Die Werke hier seien schließlich seit Jahrhunderten im Besitz ihrer Familie.

Doch die Werke im Schlossmuseum sind keineswegs ihr Eigentum – sie gehören seit 1928 einer Kunststiftung. Diese Tatsache lässt die Herzogin bei ihrem Auftritt mal eben außer acht. Während ihre Mitbürger damit beschäftigt sind, den Schutt der zerbombten Häuser aus den Städten zu räumen und sich Essen zu organisieren, kümmert sich Victoria Adelheid um den Abtransport von Kunst nach Bayern. Ein paar Tage später hat sie erreicht, was sie wollte: In Windeseile, denn der Wechsel Thüringens von amerikanischer in russische Besatzung steht bevor, werden ganze Schränke des Gothaer Münzkabinetts leer geräumt, die Münzen auf Lastwagen des US-Militärs gepackt. Auch zehn mittelalterliche Pergamenthandschriften aus der Bibliothek landen auf der Ladefläche. Dann fahren die Laster los Richtung Coburg.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kunst aus dem Gothaer Schlossmuseum nach Bayern verschwindet: „Schon vor der Kapitulation hat es zwei kleinere Transporte gegeben,“ schreibt Museumsdirektor Eberhard Schenk zu Schweinsberg im Juli 1945 an das Landratsamt Gotha. Die weggebrachten Stücke „sind von entscheidender Bedeutung für das Museum.“ Dabei sind wohl unter anderem drei Skizzen von Peter Paul Rubens, ein Gemälde des Niederländers Frans Hals in Coburg gelandet, sowie neun wertvolle Handschriften.

Direktor Schenk zu Schweinsberg hilft sogar selbst mit, bedeutende Schätze aus seinem Museum abzutransportieren: Das Echternacher Evangeliar packt Schweinsberg in einen Rucksack und bringt die wohl wertvollste erhaltene Handschrift aus ottonischer Zeit zu Fuß über den Thüringischen Wald nach Bayern. Selbst als die Sowjets die Besatzung in Thüringen übernommen haben, gehen die Transporte weiter: „Ich habe es dann noch unternommen, das kleine Selbstbildnis von Rembrandt und ein gerade im Format dazu passendes Bild von Dou durch einen nicht zum Personal gehörenden Boten nach Coburg zu schicken“, schreibt Schweinsberg 1953 auf. „Trotz Überwachung gelang das, wurde aber offenbar in kürzester Frist bekannt.“ Die russischen Besatzer haben Wind bekommen von den Transporten. Mit Inventarlisten gehen sie durch das Museum und stellen fest, dass ein Großteil der wertvollsten Stücke der Kunststiftung fehlt. Schenk zu Schweinsberg kommt für drei Monate ins Gefängnis. Als er wieder entlassen wird, wechselt der 56-jährige 1948 in den Westen. Dort lebt der Kunsthistoriker von gelegentlichen Aufträgen und von einer Pension aus Coburg.

Die Sammlung, die da 1945 auseinandergerissen wird, befand sich jahrhundertelang im frühbarocken Schloss Friedenstein in Gotha. Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. und Frans Hals, antike Münzen und eine große Bibliothek mit seltenen Handschriften waren dort zu sehen. Auch das Rembrandt-Selbstbildnis, heute in München, hing dort.

Herzog Ernst der Fromme hatte die Sammlung um 1640 gegründet. Seine Nachfahren erweiterten sie. Seit 1842 waren die Kunstwerke in einer Galerie mit regulären Öffnungszeiten ausgestellt. Herzog Friedrich IV. (1774-1825) lag so viel an seiner Galerie, dass er in seinem Testament verfügte, dass die „jetzt auf dem Hause Friedenstein aufbewahrten Sammlungen nie von der Hauptstadt Gotha getrennt oder an einem anderen Ort aufgestellt werden.“

Bis 1928 gehörte die Sammlung tatsächlich noch den Herzögen von Sachsen-Coburg und Gotha, aber eben nur bis 1928. Es war keine Familie mit großem politischen Einfluss, herrschend nur über ein kleines Herzogtum mit Gebieten im heutigen Bayern und Thüringen. Das Haus machte sich einen Namen als Heiratsvermittler, seine Kinder ehelichten in fast alle europäischen Fürstenhäuser. Bismarck nannte sie das „Gestüt Europas“.

Letzter Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha war Carl Eduard, Gatte der 1945 so organisierfreudigen Viktoria Adelheid. Ein schmaler Mann mit strengem Blick aus blauen Augen, dessen Hofalltag sich in Ausritten, Teetrinken und ein bisschen Repräsentieren erschöpfte. Und der sich darauf eingestellt hatte, dass es bis an sein Lebensende so bleiben würde. Doch 1919 kam die Demokratie - Carl Eduard musste abdanken.

Viele deutsche Monarchen übereigneten damals ihre Kunstsammlungen dem Staat – schließlich waren diese Sammlungen zu großen Teilen aus Steuergeldern finanziert worden. Und da Revolutionen in Deutschland gesittet ablaufen, zahlte die neue Republik den Ex-Monarchen im so genannten Fürstenausgleich als Entschädigung brav Geld für die Sammlungen. Die Thüringische Regierung bot Carl Eduard für die Gothaer Kunstsammlungen fünf Millionen Mark – eine hohe Summe. Zumal Carl Eduard nun ein schlichter Privatmann war und als solcher ein Museum schwer unterhalten konnte.

Carl Eduard lehnte die Millionen ab. Er behauptete gerne, er „habe zwar die Regierung niedergelegt, aber niemals auf den Thron verzichtet“. Die Monarchie sei dem Wesen der Deutschen angemessen. Das stand in der Weimarer Verfassung anders, und so wandelte Carl Eduard 1928, nach jahrelangem Rechtsstreit, die Sammlung in eine Kunststiftung um. Die Stiftung durfte dafür weiterhin den Namen der Familie tragen: „Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’sche Stiftung für Kunst und Wissenschaft“. Carl Eduard durfte sich fortan zwar Vorstandsvorsitzender nennen, Eigentümer der Werke war er aber nicht mehr: Die Gothaer Kunstsammlung, das Münzkabinett und die Bibliothek gehören seit 1928 der Stiftung. Das Thüringische Ministerium für Volksbildung und Justiz hatte die Aufsicht darüber.

Ansonsten kümmerte sich Carl Eduard um seine 20000 Hektar Grundbesitz, seine Schlösser und Gutshöfe. Nebenbei unterstützte er noch eine nationalistische Terror-Gruppe, empfing hin und wieder Adolf Hitler in Coburg. In den dreißiger Jahren widmete sich der Ex-Regent einer zweiten Karriere als SA-Gruppenführer, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes und Obergruppenführer des NS-Kraftfahrer- und Fliegerkorps. Wegen seiner braunen Vergangenheit wurde er nach Kriegsende für einige Zeit eingesperrt.

Während Hoheit noch im Internierungslager weilte, schaffte seine Gattin Viktoria Adelheid wertvollste Bestände des Museums und der Bibliothek nach Bayern. „Insgesamt verschwanden damals mindestens 19 wertvolle Handschriften, zwei Drittel der Highlights“, sagt Rupert Schaab, heute Bibliotheks-Chef in Gotha. Mit dem Rembrandt-Selbstportrait, den Rubensskizzen und dem Frans Hals-Gemälde holten sich die Coburger auch zentrale Werke der Gemäldegalerie – Werke von ganz erheblichen Wert auf dem Kunstmarkt, wie sich später herausstellen sollte.

Denn dort tauchten sie Stück für Stück wieder auf: Eine der drei Rubensskizzen gehört heute der Sammlung Bührle in Zürich, eine andere der Albright Art Gallery im amerikanischen Buffalo. Die Handschriften befinden sich in Bibliotheken in München, Göttingen, Genf, Washington, London, Luxemburg und New York.

Schon damals erzielten die Verkäufer enorme Summen: 1955 bezahlte das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg für das Echternacher Evangeliar 1,1 Millionen Mark an Coburg. Zum Vergleich: Eine Sekretärin verdiente damals rund 300 Mark im Monat. Das Rembrandt-Selbstbildnis brachte 75000 Mark ein.

Heute lässt das Gothaer Schlossmuseum nur noch erahnen, welche Schätze es einst bieten konnte. Ein paar vereinzelte Besucher tappen durch die stillen Gänge. Im Turm der Bibliothek platzt der Putz ab, aus Löchern an der Decke sind Holzstreben herausgekracht. „Vergangenes Jahr hat es drei Schwelbrände gegeben, weil die Elektroleitungen völlig veraltet sind“, sagt Bibliothekschef Rupert Schaab. Hinter ihm, in dem mit Regalen vollgestopften Turm, stehen Gerüste, die Stromleitungen werden notdürftig repariert. Zu mehr reicht das Geld nicht. „Das ist auch eine politische Sache. Je mehr Highlights ein Museum hat, desto mehr Zuschüsse bekommt es.“

Ortswechsel: Schloss Callenberg. Eine Anlage mit einem Türmchen aus hellem Sandstein. Von der Terrasse blickt man auf die Coburger Hügel. An den frisch gestrichen Wänden hängen Hirschgeweihe und die Ahnen-Porträts der Familie. Auf dem Parkettboden steht ein grünes Sofa von Viktoria Adelheid. Prinz Andreas von Sachsen-Coburg Gotha, Enkel von Carl Eduard, hat das Schloss für über zehn Millionen Mark renovieren lassen. Es dient als Familienmuseum.

Prinz Andreas ist das Familienoberhaupt. Und daher vielbeschäftigt: Kürzlich hat er in Ost-Berlin für die Familie einen Block mit 140 Wohnungen zurückerstritten. In Österreich muss er sich um seine über 9000 Hektar Wald kümmern. In Gotha sagen die Leute: Der Prinz hilft uns, damit unsere Stadt wieder bekannt wird. Auf Schloss Friedenstein wird die Flagge gehisst, wenn Prinz Andreas in der Stadt weilt. Und zum Ehrenbürger hat ihn der Bürgermeister auch gleich ernannt. Es gibt Pläne, Prinz Andreas in einen neuen Stiftungsrat für Schloss Friedenstein zu berufen.

Wenn es darum geht, wie und warum in der Zeit seiner Großeltern Kunst aus Gotha im Westen verkaufen konnten, dann lässt er sich von art befragen. Seine Aussagen gibt er jedoch anschließend nicht zur Veröffentlichung frei. Stattdessen verweisen er und sein Anwalt auf ihre schriftliche Stellungnahme: „Von der und für die Kunststiftung wurden in den Jahren 1945ff. Teile der in ihrem Eigentum stehenden Sammlungsbestände nach Coburg verbracht, um das Eigentum und Vermögen der Kunststiftung vor illegalen Zugriffen und Konfiskationen (entschädigungslosen Enteignungen) in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) zu schützen“, formulieren da der Prinz und sein Anwalt. „Der Wechsel der Stiftungsaufsicht zum Fideikommisssenat des Oberlandesgerichts Bamberg vollzog sich in Folge der nach 1945 ‚automatisch’ erfolgten und ununterbrochenen Fortsetzung der Kunststiftung in Coburg.“

Soll heißen: Die Kunststiftung hat seit 1945 nicht mehr ihren Sitz in Gotha, sondern in Coburg – und damit war die zuständige Aufsichtsbehörde das Oberlandesgericht Bamberg. Denn das Stiftungsrecht verlangt, dass vor jedem Verkauf die Aufsichtsbehörde gefragt werden muss. Und die war laut Satzung ursprünglich das Thüringische Ministerium für Volksbildung und Justiz. Da aber mit den besten Werken der Sammlung auch gleich noch „automatisch“ der Sitz der Kunststiftung in Coburg gelandet war, musste die herzogliche Familie also nur in Bamberg anfragen. Hat Bamberg den Verkauf genehmigt, so ist juristisch alles korrekt.

Doch zum Verkauf des Rembrandt-Porträts erklärt das Oberlandesgericht Bamberg art gegenüber, eine schriftliche Erlaubnis zur Veräußerung sei nie erteilt worden: „Die Aufsicht über die Kunststiftung ist vom Oberlandesgericht Bamberg erst am 30.11.1960 mit Wirkung vom 1.1.1961 übernommen worden.“ Die Handschriften und der Rembrandt waren zu diesem Zeitpunkt längst verkauft.

Scheinbar floss auch zumindest ein Teil des Geldes nicht auf das Konto der Kunststiftung, sondern direkt auf das der Familie. Prinz Andreas behauptet: „Das Selbstbildnis von Rembrandt ist nicht von der Familienstiftung, sondern von der Kunststiftung an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München veräußert worden.“ Doch in den Verkaufsunterlagen zum Rembrandt in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen fällt der Begriff „Kunststiftung“ kein einziges Mal. Stattdessen ist die Rede davon, das Gemälde sei einer der wenigen Rembrandts, der sich in den fünfziger Jahren noch in Privatbesitz befänden. Die Herzogliche Hauptverwaltung verlangte von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, das Geld aus dem Verkauf auf das Konto der Familienstiftung zu überweisen. Die Familienstiftung ist unter anderem dazu da, den Unterhalt der Herzoglichen Familie zu regeln und ihr Vermögen zu verwalten.

Ein Einzelfall? Auch in den Unterlagen der Universitätsbibliothek Mainz, die 1949 eine wertvolle Handschrift aus ehemals Gothaer Besitz erwarb, heißt es, die Familie Sachsen-Coburg und Gotha habe sie verkauft. Nicht die Kunststiftung.

Nach der Wende, im Jahr 2000, bekam die herzogliche Familie über 6000 Hektar Forstland in zurück. Ein Jahr später gab es noch einmal 800 Hektar. Bei dieser Einigung mit dem Land Thüringen ließen die Coburger auch gleich bestätigen, dass Gotha keinen Anspruch auf Kunstwerke erhebt, die bis zum 6. Juli 1945 in den Westen wanderten – offensichtlich hat die Familie hier noch einmal Bedarf an einer rechtlichen Absicherung verspürt.

Für das Gothaer Schlossmuseum bedeutet das: Auf juristischem Wege sind das Rembrandt-Selbstporträt, die Rubensskizzen und das Echternacher Evangeliar kaum wieder zu bekommen. Gotha könnte die Kunstwerke höchstens zurückkaufen. So wie das silberne Trinkgeschirr in Form eines Elefanten, das nach dem Zweiten Weltkrieg verschwunden war: Über einen Schweizer Händler war es noch vor wenigen Jahren in das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gelangt. Erst 2002 konnte es das Gothaer Schlossmuseum zurückkaufen – für rund 359000 Euro. Die Summe hatten unter anderem die Kulturstiftung der Länder und das Land Thüringen aufgebracht.

„Rechtlich ist vielleicht nichts mehr zu machen, doch hier sollte man Moral über Recht stellen“, sagt Frank Däberitz, stellvertretender Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder. „Die Museen der ehemaligen DDR waren doch in den fünfziger Jahren gehandikapt bei der Durchsetzung ihrer Rechte.“ Und die westlichen Museen, die damals die Kunst kauften, „haben doch alle gewusst woher die Gemälde stammen“. An sich, so Däberitz, müsse Gotha die in den Westen verschwundenen Werke wieder bekommen.

Der Justiziar der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Robert Kirchmaier, sieht das anders: „Nach jetzigem Kenntnisstand haben wir keine Zweifel, dass das Rembrandt-Selbstporträt rechtmäßig erworben wurde und deswegen sehen wir keinen Anlass zu einer Rückgabe nach Gotha.“ Zu moralischen Aspekten wollte sich Kirchmaier „nach derzeitigem Stand“ nicht äußern.