Hey, Marco Polo, warst du echt in China?

> Anke Dörrzapf

P.M. Willi wills wissen, 2007
Picolino ist eigentlich ein Geschöpf unserer Grafikerin. Doch frisch aufs Papier gezeichnet, hat Picolino ein Eigenleben entwickelt: als rasender Reporter durch die Geschichte. Er hat sich eine Zeitmaschine gebaut und fetzt damit durch die Jahrhunderte, trifft Feldherren, Prinzessinnen und Revolutionäre. Diesmal will er rund 700 Jahre zurück in die Vergangenheit, nach Venedig zum großen Weltreisenden Marco Polo. Doch zuerst macht die Zeitmaschine beim Landen laut „Krrraaawummmm!“
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Aaaaaaaah“, plärrt Picolino. Die Landung wäre beinahe schief gegangen. Seine fliegende Zeitmaschine hängt mit dem hinteren Fuß in einem venezianischen Kanal. „Zum Glück ist der Rest sicher auf dem Ufer gelandet“, stöhnt Picolino und klettert aus der Maschine. Es ist heiß heute. Eine Taube guckt ihn erstaunt vom Giebel eines Hauses an und schnäbelt dann weiter im Gefieder ihres Flügels rum. Von irgendwoher quäkt eine Möwe. Es ist zwei Uhr, und fast alle Venezianer haben sich in ihre Paläste und Wohnhäuser verzogen. Die Geschäfte sind geschlossen. Picolino klopft an einem großen Holztor. Nach einer Weile hört er von innen Schritte schlürfen. „Wer ist da? Ich habe gerade ein Nickerchen gemacht“, brummt ein Mann hinter der Tür. „Guten Tag“, sagt Picolino zaghaft. „Ich komme von weit her und suche Marco Polo, den Abenteurer, der bis nach China kam, das bis dahin erst wenige Europäer gesehen haben. Wo finde ich ihn?“ Das Tor öffnet sich einen Spalt breit. Ein alter Mann guckt Picolino mürrisch an, mustert ihn von der Seite, brummt: „Hören Sie mir bloß mit dem auf! Der erzählt doch nur Lügengeschichten. Will den Leuten weismachen, er sei in China gewesen und hätte sogar als Gesandter des Herrschers, dieses Kublai Khans, gearbeitet. Alles Blödsinn. Marco will sich nur wichtig machen.“ „Ich will ihn aber lieber selbst fragen, ob er wirklich im Fernen Osten war. Sie wissen doch bestimmt, wo er in Venedig wohnt, oder?“ „Wenn du meinst. Ist gar nicht weit weg von hier. Du gehst einfach über den Platz da vorne, dann an der ersten Brücke rechts, und gleich auf der linken Seite findest du sein Haus. Aber, ragazzo, lass dir von dem bloß keine Märchen erzählen ...“ „Danke für die Wegbeschreibung“, sagt Picolino und läuft los zum Haus des Marco Polo.

Marco Polo: Wer ist da?
Picolino: Ich bin Reporter aus der Zukunft. Ich will dich über deine Reisen befragen. Schließlich bist du einer der berühmtesten Fernreisenden des Mittelalters.
Aus der Zukunft?
Ja.
Ich weiß ja nicht, ob ich dir glauben soll. Was soll’s, komm rein. Noch einer mehr, dem ich von China erzähle.
Das ist ja mal’n Palast! Die Reisen scheinen dich reich gemacht zu haben …
Nun ja, ich beklage mich nicht.
Jetzt sag mal ehrlich: Bist du echt bis nach China gekommen? Viele Leute sagen ja, du schwindelst ein bisschen.
Na hör mal, klar war ich in China! 24 Jahre war ich weg von zu Hause. Ich bin über Jerusalem, Persien, die Seidenstraße gewandert, bin durch Wüsten gegangen und habe Banditenüberfälle überstanden. Und schließlich bin ich nach China gekommen …
…Ja, darüber habe ich in deinen Erinnerungen gelesen, aber was ich fragen wollte …
… In China wurde ich von Kublai Khan, dem Herrscher des Mongolischen Reichs, empfangen. Er fand solch großen Gefallen an mir, dass er mich zum Präfekten ernannte.
Aber in all deinen Berichten über China fehlen ein paar wichtige Dinge: die große, tausende Kilometer lange chinesische Mauer, die damals gebaut wurde ...
… was bitte? Mein Gott, ich habe so viele Dinge auf meiner Reise gesehen. Wieso soll ich mich da ausgerechnet an eine Mauer erinnern?
Du hast auch nie erwähnt, dass die Chinesen mit Essstäbchen speisen.
Unwichtige Nebensachen!
Deswegen glauben einige Wissenschaftler, dass du vielleicht in den Nahen Osten gekommen bist, aber nicht nach China. Sie glauben, dass du nur von anderen Händlern über China gehört hast.
Blödsinn. Glaub’ ihnen kein Wort. Ich war dort und basta! 17 Jahre habe ich in China gelebt. Aber sag mal, reisen denn in deiner Zukunft viele Europäer nach China?
Oh ja, mit Flugzeugen.
Womit?
Tschuldigung, aber ich sehe gerade auf der Uhr, dass es später Nachmittag ist. Ich muss los. Danke für das Interview!

Picolino muss zurück zur Zeitmaschine, bevor sie ohne ihn losdüst. Mit einem Spurt durch die Gassen von Venedig erreicht er sie gerade noch rechtzeitig, dann hebt sie mit lautem „Kraaawwumm“ ab.