Geolino Extra, Juni 2007
„Kelsang Meto“ wird Sabriye Tenberken in Tibet gerufen. Das heißt „Glücksblume“. Denn seit die blinde Deutsche vor zehn Jahren allein in das Bergland reiste, um eine Blindenschule zu eröffnen, haben viele Kinder ohne Augenlicht endlich eine Zukunft
Der Pfad, der sich den Berg hinaufwindet, ist steinig und schmal. In_der Ferne grummelt es. Ein Gewitter zieht auf und zerrt mit seinen_ersten Windstößen an den Satteltaschen. „Ganz ruhig, Nagpo“, flüstert_Sabriye und greift noch fester in die Mähne ihres zotteligen Hengstes. Pferd und Reiterin müssen sich beeilen. Auf einem Bergpass im tibetischen Hochland vom Sturm überrascht zu werden, kann das Leben kosten. Der Ritt ist schon jetzt, ohne Regen, extrem gefährlich. Bei jedem Schritt des Hengstes lösen sich Sand und Geröll und toben den Hang hinab.__Ein Ausrutscher, und Sabriye würde hinterherstürzen.__Die junge Deutsche spürt die Gefahr: Sie hört das Fallen der Steine, das Gewitterdonnern im Tal._Sehen aber kann sie weder Abgrund noch Regenwolken. Sabriye Tenberken ist blind – seit ihrem zwölften Lebensjahr, als eine Krankheit ihr das Augenlicht nahm.
Doch dieses „Nicht-sehen-Können“ hat sie nie aufgehalten. Erst recht nicht, als die 26-Jährige im Sommer 1997 aufbrach, um in Tibet die erste Blindenschule aufzubauen._Als Blinde allein in Tibet? In einer Region, deren Berge 5000 Meter und höher sind und deren Einwohner zum Großteil glauben, Blinde seien von Geistern besessen? „Das ist viel zu gefährlich!“, sagte fast jeder, dem Sabriye von ihrem Plan erzählte._Selbst ihre Studienfreunde in Bonn runzelten die Stirn: „Du brauchst doch jemanden, der dich begleitet!“ Sabriye aber blieb stur._ „Das Schlimme ist nicht, dass wir Blinden nicht sehen können, sondern dass man uns nichts zutraut. Dabei muss man Blinden nur die richtigen Techniken zeigen, dann steht ihnen die ganze Welt offen!“, sagt sie heute.__
Eine solche Technik hatte Sabriye im Gepäck, als ihr Flugzeug Richtung China abhob. Sie sprach damals nicht nur Tibetisch: Während ihres Studiums hatte sie auch als erster Mensch eine eigene Blindenschrift für diese Sprache entwickelt._Jede der 34 Silben des tibetischen Alphabets wird dabei durch eine Kombination von maximal sechs Punkten dargestellt, die sich mit einer Blinden-Schreibmaschine in Papier stanzen und dann mit den Fingern ertasten lassen. Blinde Kinder in Europa lernen mit dieser sogenannten Brailleschrift seit Jahrzehnten auf Deutsch, Französisch oder Englisch Lesen und Schreiben._Warum sollten nicht auch Tibeter diese Chance erhalten, fragte sich Sabriye. Und zog allein in die tibetische Hauptstadt Lhasa. Einfach so. „Angst hatte ich, wenn überhaupt, immer nur hinterher“, sagt Sabriye über ihre Reise.__In der Gebirgsstadt spricht sich schnell herum, dass sich eine blonde „Langnase“, wie Europäer hier genannt werden, mit einem komischen weißen Stock durch die Straßen tastet und nach Kindern fragt, die nicht sehen können. „Sie will eine Blindenschule gründen, obwohl doch jeder weiß, dass man ohne Augenlicht nicht lesen kann“, lästern manche Tibeter hinter ihrem Rücken._
Sabriye aber gibt nicht auf: Sie geht auf die Menschen zu. Ganz selbstbewusst. Erklärt jedem, dass Blinde keine hilflosen Geschöpfe sind. Nein, auch wer nicht sehen kann, ist ein Mensch wie jeder andere und kann für sich sorgen._Sabriyes Eifer, ihr Mut und ihre Unerschrockenheit stecken an: Der Leiter eines Waisenhauses bietet ihr Räume in einem Nebengebäude an._Paul, ein Techniker aus Holland, hilft ihr beim Einrichten, wird zum Freund und Partner. Und Dolma, eine medizinische Beraterin, reitet mit ihr in entlegene Bergdörfer, um blinden Kindern von der Schule zu erzählen.
Oft sind die Frauen tagelang unterwegs. Sie überwinden gefährliche Bergpässe, schlafen nachts im Zelt. Doch die Mühe lohnt sich:_Manche Kinder kommen den Reisenden schon am Dorfeingang entgegen.__Sie haben von der Deutschen gehört und wollen am liebsten sofort mitkommen. Denn zu Hause fühlen sich die Jungen und Mädchen ausgeschlossen. Die Erwachsenen gehen ihnen aus dem Weg, von den sehenden Kindern werden sie gehänselt. Eine sinnvolle Aufgabe haben nur wenige.__Der achtjährige Tendsin darf immerhin die Ziegen und Yak-Rinder seines Dorfes hüten. Er erkennt jedes Tier am Klang seines Glöckchens. Viel lieber aber möchte der Junge eine Schule besuchen._Chilä, Norbu und Tashi geht es genauso.__Und die zwölfjährige Meto träumt davon, Freunde zu finden und mit ihnen zu spielen. Ihre Mutter verbietet ihr jedoch, das Haus zu verlassen – aus Angst, dem blinden Mädchen könne etwas zustoßen._
Tendsin, Meto, Chilä, Norbu und Tashi: Sie alle ziehen in Sabriyes Blindenzentrum nach Lhasa.__Dort steht neben Schreiben, Lesen und Rechnen auch das Fach „Orientieren“ auf dem Stundenplan. „Es ist wichtig, dass die Kinder lernen, sich ohne fremde Hilfe zurechtzufinden“, sagt Sabriye. Also marschiert sie mit ihnen durch Lhasa und zeigt ihnen, wie man mit einem Stock den Boden vor sich abtastet und was Geräusche, Gefühle und Gerüche verraten:_„Achtet darauf, was eure Füße euch über den Weg erzählen“, sagt sie. „Fühlt er sich sandig an oder steinig? Wie klingt das Echo eurer Schritte? Sind wir in einer engen Gasse oder auf einem weiten Platz?“ Schnell haben die Schüler den Bogen raus. „Hier riecht es nach Kleber und Leder. Das ist die Straße mit den Schustern!“, ruft Meto. „Genau!_Jetzt müssen wir gleich rechts, und dann sind wir bei der Schule“, ergänzt Tendsin und flitzt los.__
Heute, genau acht Jahre später, sind Blindenstöcke in Lhasa ein gewohnter Anblick. Die Schule hat ein eigenes, schöneres Gebäude, in dem 35 Schüler zwischen sieben und 15 Jahren leben. Die Älteren können auf einem Bauernhof im Hochland einen Beruf erlernen.__Tendsin ist Masseur geworden, Norbu arbeitet heute in einer Käserei.__Und für alle gilt: Wer nach zwei bis drei Jahren Schule zurück in sein Dorf geht, lässt sich von niemandem mehr erzählen, er sei zu nichts zu gebrauchen.__Als der neunjährige Gyendsen auf der Straße hörte, wie jemand abfällig über ihn und seine Freunde sprach, wurde er erst traurig, dann wütend. Er hat sich umgedreht und gerufen: „Du darfst nicht so über uns reden! Wir sind blind, aber nicht dumm! Kannst du vielleicht im Dunkeln lesen oder aufs Klo gehen?“ Sabriye ist in diesem Moment sehr stolz auf ihn gewesen.