Die Macht der Psyche

> Ruth Hoffmann

Zeit Wissen, Mai 2008
Essen ist Ritual, Essen ist Gewohnheit. Morgens gibt es immer Brötchen mit Marmelade.Mittags kommt Fleisch auf den Teller. Das Nachmittagstief lässt sich nur mit Schokolade überstehen. Und abends machen Vitamin-Pillen die Sünden wett. Alles wie immer. Alles gut?


Insekten sind eine feine Sache. Mistkäfer zum Beispiel schmecken, wenn_man sie röstet, außen knusprig und innen wie feines Soufflé, Termiten_erinnern an Kopfsalat, rohe Tarantel schmeckt nach Mandeln. Eklig?__Mag sein. Die überwältigende Mehrheit der Menschheit teilt diese Meinung jedoch nicht. Für sie gelten Insekten als normaler Teil des Speiseplans, wenn nicht gar als Delikatesse._Andererseits schütteln sich die meisten Chinesen schon beim bloßen Gedanken an Käse, und für Inder ist es undenkbar, Kuhfleisch zu essen._

So nachvollziehbar, wie wir oft meinen, sind unsere Essgewohnheiten eben keineswegs._Sie sind das Ergebnis einer Vielzahl von Einflüssen. Das rein körperliche Bedürfnis, unseren Hunger zu stillen, ist nur ein Aspekt davon. Vielleicht sogar der kleinste._Essen ist viel mehr als Nahrungsaufnahme._Es ist Identität, Ritual und Statussymbol, Heimat, Belohnung, Erinnerung und Qual._Es ist mal Unterhaltung, mal Trost, mal eklig, mal köstlich, mal vertraut, mal trennend, mal verbindend: Es ist emotional.__

Das Wissen darüber, was gut ist und was schlecht, ist dabei durchaus vorhanden: Die Mehrheit der Erwachsenen beantwortet die Frage „Was verstehen Sie unter gesunder Ernährung?“ ganz im Sinne der Regeln, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung aufgestellt hat. Selbst Grundschulkinder können schon gesunde und ungesunde Lebensmittel unterscheiden.__Am Verhalten scheint all das jedoch nichts zu ändern: Jeder zweite Deutsche, belegte jüngst die Nationale Verzehrsstudie, ist zu dick und jeder fünfte adipös, also so stark übergewichtig, dass es gesundheitsgefährdend ist. Die Deutschen essen zu wenig Obst und noch weniger Gemüse, zu viel Fleisch und Zucker, zu fett und zu einseitig._Energiebilanz, Vitaminzufuhr oder Nährstoffdichte sind eben einfach nur abstrakte Begriffe – meilenweit entfernt vom sinnlichen Erlebnis, in ein fetttriefendes Stück Pizza oder eine im Ketchup badende Currywurst zu beißen._Die stets gern wiederholte Forderung nach mehr Aufklärung ist zwar gut gemeint, aber sinnlos, solange weiterhin jene Macht ignoriert wird, die unsere Essentscheidungen maßgeblich mitbestimmt: die Emotionen.__

Die Werbung weiß das längst und nutzt diese Erkenntnis, indem sie Lebensmittel mit emotionalen Bedeutungen auflädt: mit Natur und Ursprünglichkeit (etwa Kerry Gold), Tradition (Dallmayr), Genuss (Magnum) oder lässigem Lebensgefühl (Bacardi). „Werbung erreicht uns in erster Linie über unsere Gefühle“, sagt Doris Hayn, Ökotrophologin am Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt, „und ist damit erheblich erfolgreicher als die Ernährungsberatung mit ihren Appellen an die Vernunft.“ Schon in unseren ersten Stunden erfahren wir, dass Nahrung und Emotion zusammengehören:_Der süße Geschmack der Muttermilch, das entspannende Gefühl der einsetzenden Sättigung, die beruhigende Wärme und Weiche der Mutter – all das verschmilzt zu einer emotionalen Einheit. „Die Hirnregionen für Emotionen überlappen zum Teil mit denen für Geschmack“, sagt der Hirnforscher Hans Markowitsch, Professor an der Uni Bielefeld. „Außerdem wird während des Stillens bei Mutter und Kind Oxytozin ausgeschüttet, das die Bindung zwischen beiden stärkt. Das Baby lernt also, Sattwerden mit Trost und Zuwendung zu verbinden.“

Die ersten Eindrücke der Geschmackswelt bekommt das Kind sogar schon vor der Geburt: Über Nabelschnur und Fruchtwasser lernt es indirekt die Lebensmittel kennen, die die Mutter während der Schwangerschaft isst – und wird diese später anderen vorziehen._Psychologen am Chemical Senses Center in Philadelphia konnten experimentell belegen, wie die Ernährung der Mutter die ihrer Kinder prägt. Sie teilten Schwangere in drei Gruppen auf. In der ersten Fraktion wurde vor der Geburt Karottensaft getrunken, aber nicht während des Stillens; in der zweiten lief es umgekehrt; die dritte Gruppe trank ausschließlich Wasser. Als die Babys im Alter von sechs Monaten Brei bekamen, der mal mit Wasser, mal mit Möhrensaft angerührt war, zeigten die Kinder der Mütter, die Wasser getrunken hatten, keinerlei Vorlieben.__Die der anderen beiden Gruppen aßen den Karottenbrei mit Begeisterung.__Beim Stillen, so zeigten die Forscher aus Philadelphia nun kürzlich, setzt sich die sogenannte In-utero-Programmierung fort._Gestillte Kinder, deren Mütter regelmäßig Früchte und Gemüse gegessen hatten, waren sehr viel schneller von Neuem zu überzeugen als diejenigen, die nur Flaschenmilch bekommen hatten. „Das könnte auch der Grund dafür sein, dass gestillte Kinder ein geringeres Adipositasrisiko haben“, vermutet Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie der Universität Göttingen. „Ihre Vorlieben sind weniger einseitig, und so ernähren sie sich dann auch als Erwachsene abwechslungsreicher.“

Angeboren ist lediglich eine ganz bestimmte Vorliebe: Überall auf der Welt reagieren Neugeborene positiv auf Süßes. Salziges, Saures und Bitteres mögen sie hingegen gar nicht. „Sicherheitsgeschmack der Evolution“ nennt das der amerikanische Psychologe Paul Rozin. Denn während Bitterstoffe ein Hinweis auf Gifte sein können, ist Süße ein Anzeichen für genießbare und energiereiche Nahrung. Ihr ohne Argwohn zu begegnen hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte bewährt und gehört noch heute zu unserem Verhaltensrepertoire._Genau wie das Misstrauen gegenüber Unbekanntem: Eine Frucht, die wir noch nie gegessen haben, prüfen wir mit der Zunge, kauen den ersten Bissen noch vorsichtig und schlucken ihn nur herunter, wenn wir den Geschmack einordnen können. Was wir kennen, ist sicher.__

Wer sich aber zeitlebens an das Gleiche hält, verpasst nicht nur Leckeres, er lässt auch eine Fähigkeit verkümmern, ohne die er heute weder Kaffee noch Bier mögen würde: die Bereitschaft, sich auf neue Geschmäcke einzulassen. Kinder entwickeln sie im Laufe der Zeit: durch das, was sie zu essen bekommen, und durch das, was andere ihnen vorleben und -essen.__Die Fähigkeit dazu ist angeboren; wie sie sich ausprägt, hängt aber sehr davon ab, welche Schmeck- und Esserfahrungen das Kind macht. „Der Mechanismus ist ganz simpel“, sagt Joachim Westenhöfer, Professor für Ernährungspsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. „Wir gewöhnen uns an das, was wir immer wieder zu essen und zu schmecken bekommen, und mit der Zeit mögen wir es dann auch.“

Der Volksmund beschreibt das umgekehrte Phänomen mit dem Satz „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“, Wissenschaftler nennen es den mere exposure effect - dem Essen schlicht ausgesetzt sein._Er ist das Herzstück eines soziokulturellen Lernprozesses, in dessen Verlauf wir die Nahrungsmittel und tradierten Essweisen unserer Kultur verinnerlichen._Spätestens als Erwachsene finden wir es dann ganz normal, so und nicht anders zu essen. Wir wissen, dass man morgens keinen Schweinebraten und kein Lammragout zu sich nimmt, und wir ekeln uns vor Hundefleisch. Ein Thailänder aber hält Nudelsuppe für das beste Frühstück der Welt und knabbert vor dem Fernseher geröstete Kakerlaken statt Kartoffelchips. Wir essen nicht, was wir mögen, sondern wir mögen, was wir essen.__

Und wir mögen nicht, was unsere Eltern nicht mögen. Wenn der Vater keine Äpfel isst oder immer den Spinat von der Pizza pult, wird er sein Kind nur schwer davon überzeugen können, dass Äpfel und Spinat lecker sind. Studien deuten darauf hin, dass Aversionen sogar besonders nachdrücklich weitergegeben werden. Vergleicht man Mütter mit ihren Kindern, gibt es beim Ungeliebten die größten Übereinstimmungen._Ernährungspsychologen vermuten, dass etwas, das Vater oder Mutter nicht mögen, schlichtweg nicht oder nur selten eingekauft wird und den Kindern so die Gewöhnung fehlt._Möglicherweise spielen aber auch unbewusste Signale eine Rolle. „Wer Möhren nicht ausstehen kann, verzieht vielleicht unwillkürlich beim Füttern das Gesicht“, sagt Ines Heindl, Professorin für Ernährungsund Verbraucherbildung an der Universität Flensburg. „Kinder spüren das.“ Sie lernen gleichsam die Abneigung gegen bestimmte Lebensmittel von ihren Eltern.__

Eltern haben es generell nicht leicht. Unbewusste Ernährungsgewohnheiten schauen sich die Kinder ab, bewusstes Maßregeln führt auch nicht immer zum Ziel. „Ermahnungen nach dem Motto ‚Iss nicht so viel Süßes, sonst bekommst du Karies’ bringen herzlich wenig. Der unmittelbare Genuss ist ein viel stärkeres Motiv als irgendeine ferne Gefahr oder ein gesundheitlicher Nutzen in der Zukunft“, sagt Thomas Ellrott._Erwachsenen geht es genauso. Stehen den vagen Versprechungen für eine Zukunft ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen doch immer und überall verlockende Genüsse gegenüber, die sofort zu haben sind – ein ungleicher Kampf, bei dem die Vernunft meist unterliegt.__

Neben den täglichen Verlockungen hat die Vernunft einen weiteren mächtigen Gegenspieler: die Gewohnheit. „Geht man von drei Mahlzeiten am Tag aus“, rechnet Joachim Westenhöfer vor, „hat ein 45-Jähriger in seinem Leben schon mindestens 45 000 Mal gegessen. Können Sie sich vorstellen, was für eine Verhaltensstabilität entsteht, wenn Menschen etwas 45 000 Mal tun?“ Wenn sie also mehrere Tausend Male fettige Pommes in Mayonnaise getaucht, Schokolade und Chips gefuttert oder Brote dick mit Butter bestrichen haben?_So ist die Macht der Gewohnheit auch mitverantwortlich für die Ohnmacht der Diät._Mit einer kurzfristigen Crashkur nehmen wir zwar ab, an unseren Gewohnheiten aber ändert sie nichts: Schon bald essen wir wieder wie bisher, und das verlorene Gewicht ist wieder da._

Ein weiteres Dilemma: Jede Abmagerungskur verlangt, mit Hilfe des Verstandes zu regulieren, was eigentlich eine emotionale Angelegenheit ist. So wird denn auch für fast jede Diät mit dem Attribut „Genuss“ geworben - nur so lässt sie sich verkaufen._Wir wollen eben glauben, dass eine Diät „ganz einfach“ ist und „lecker“. Vor allem aber darf sie nicht einschränken, zumindest nicht allzu offensichtlich. Denn strikte Verbote kann man auf Dauer nicht durchhalten – diese Erfahrung hat jeder schon mal gemacht. „Was man sich verbietet, wird nur noch attraktiver“, sagt Thomas Ellrott, „und wenn man doch einmal schwach wird, denken wir ‚Jetzt ist es auch egal!’ – und man schlägt erst recht zu.“

_Warum aber bekommt man fast nie Heißhunger auf Gesundes? Warum wird die Möhre verschmäht, die Schokolade aber verschlungen? Ganz einfach: Gute Lebensmittel haben ein Imageproblem. Sie machen, so die landläufige Meinung, zwar nicht dick, sind aber auch nicht lecker. Sondern eben gesund. Doch woher kommt dieser Gegensatz? Ist es naturgegeben, dass all das ungesund ist, was schmeckt? Keineswegs, meinen Ernährungspsychologen._Auch das ist erlernt._

Thomas Ellrott verwendet darum das Wort „gesund“ in der Erziehung seiner Kinder gar nicht mehr. „‚Gesund’ hört ein Kind zum ersten Mal, wenn es etwa zwei Jahre alt ist und Vater oder Mutter versuchen, es mit kognitiven Argumenten davon zu überzeugen, dass es zum Beispiel seine Paprika essen soll.“ Es könne völlig banale Gründe haben, dass das Kind sie gerade nicht essen wolle, es müsse noch nicht einmal generelle Abneigung sein. „Aber durch die Bemühungen der Eltern setzt sich bei ihm die Erfahrung fest: ‚Gesund’ hat mit Bevormundung zu tun, mit etwas, das ich nicht will und das mir auch nicht schmeckt. Auf diese Weise verbindet sich ‚gesund’ zunehmend mit der Überzeugung  ‚schmeckt sowieso nicht’.“ Sehr viel wirkungsvoller ist es, die Strategie der Werbung zu kopieren und emotionale Signale einzusetzen – indem man nämlich mit sichtlichem Vergnügen selber regelmäßig das isst, von dem man möchte, dass auch das Kind es irgendwann probiert.

Wie unsere Vorlieben begleitet uns auch der Widerwille gegen bestimmte Speisen oft ein Leben lang. Meist verbinden wir sie mit unangenehmen Erfahrungen, an die wir uns bewusst nicht mehr erinnern können: eine Krankheit mit Durchfall und Erbrechen oder den immer wiederkehrenden Streit bei Tisch. Oft reicht schon der spezielle Geruch, und es schnürt uns die Kehle zu. „Der Geruchssinn entwickelt sich als erster, noch im Mutterleib. Also lange, lange bevor wir die Dinge, die wir riechen, auch benennen können“, sagt Hans Markowitsch. „Er agiert darum weitgehend unbewusst.“ So kann ein Duft innerhalb von Sekundenbruchteilen eine ganze Welt aus Geschmack, Gefühl und Erinnerung in uns wiedererstehen lassen, oft auch eine sehr schöne: Der Duft einer sonnenwarmen Tomate – schon sehen wir wieder das flirrende Licht der Provence, fühlen das Glück jenes lange vergangenen Kindersommers. „In Phasen sinnlicher Erlebnisse entscheidet sich, was schmeckt“, sagt Ines Heindl. „Darum sind unsere Vorlieben immer auch Teil unserer Biografie und Identität.“

Bei allem, was wir essen und trinken, schwingt eine Botschaft mit; ein Code, über den wir mit anderen kommunizieren, sagt die Ernährungssoziologin Monika Setzwein. „Wir zeigen damit, wer wir sind, wem wir uns zugehörig fühlen oder was wir von unserem Gegenüber halten.“ Wer Hummer bestellt oder seinen Gästen vorsetzt, demonstriert nicht nur seinen Wohlstand, sondern auch seine Weltläufigkeit. Wer zur Elite gehören will, muss sich nicht nur richtig kleiden und benehmen, er muss auch das Richtige essen. Das gilt mit umgekehrten Vorzeichen für jede gesellschaftliche Schicht. In den Worten des französischen Soziologen Pierre Bourdieu: „Der Geschmack paart Dinge und Menschen, die zusammengehören.“ Jede Gruppe hat ihren Geschmack und findet den der anderen abstoßend, protzig, unmoralisch, spießig – je nach Standpunkt. Auf diese Weise, sagt Bourdieu, bleiben alle auf ihren Plätzen.__

Daher ist das Essverhalten immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, bis hinein in die Supermarktregale. Sobald Nahrungsmittel, die für einen exklusiven Lebensstil stehen, auch für untere Gehaltsgruppen erschwinglich werden, verlieren sie ihre Anziehungskraft, und die Oberschicht sucht sich neue Produkte. Der Weg von Sushi als Geheimtipp hin zum Sushi-Lieferservice ist ein Beispiel dafür._Wenn wir als Kind durch Nachahmung die kulinarische Sprache unsere Kultur lernen, verinnerlichen wir zugleich diese ungeschriebenen Codes. Spätestens als Erwachsene beherrschen wir dann die Grammatik und wissen, dass es ein Affront wäre, den Chef mit Erbsensuppe zu bewirten. Genauso intuitiv ist uns klar, dass der herzhafte Biss in eine Haxe alles andere als damenhaft wirkt. Ein Mann hingegen sollte tunlichst keine Tofupastete bestellen, will er nicht als Weichei gelten.__

Männer und Frauen essen anders, haben Forscher herausgefunden. Männer essen in der Woche durchschnittlich etwa 150 Gramm mehr (vor allem rotes) Fleisch und Wurst als Frauen. Das Muster spiegelt sich auch in den Lieblingsgerichten wider:__Männer nennen unter insgesamt 40 Speisen nur 6, die nicht von Fleisch dominiert werden._Frauen bevorzugen hingegen Fisch, Gemüse, Süßspeisen und Salat. Auch hier wirken offenbar die unsichtbaren Codes, denn die Unterschiede verlaufen genau zwischen den Speisen, die als „typisch weiblich“, und denen, die als „typisch männlich“ gelten. „Interessanterweise sind  ‚weibliche Speisen’ süß, leicht, weich und mild“, sagt Monika Setzwein. „Sie zu essen erfordert keinen großen Kraftaufwand, und geschmacklich sind sie eher zurückhaltend. In unserer Wahrnehmung gehören sie zu den schonenden, ‚schwachen’ Nahrungsmitteln.“ Bei den typisch männlichen Gerichten sei das ganz anders: „Da muss man ordentlich zubeißen und etwas vertragen können. Sie sind deftig, herb und schwer, also  ‚stark’.“ Sogar bei den bevorzugten Garmethoden gebe es Unterschiede: Dass Frauen am Grill stünden, sei eher die Ausnahme. „So spiegelt sich in dem, was und wie wir essen, wider, wie Männer und Frauen unserer Meinung nach zu sein haben.“

Sozialpsychologische Studien aus den USA konnten zeigen, dass die optische Attraktivität einer Frau – nach Ansicht männlicher und weiblicher Versuchspersonen – umso stärker sinkt, je mehr sie während einer Mahlzeit isst. Selbst wenn es sich um dieselbe Frau handelt, wird sie als femininer beurteilt, wenn sie eine kleine Portion gegessen hat. Auch die Einschätzung der Nahrungsmenge, so die Erkenntnis der Forscher, fällt unterschiedlich aus, je nachdem, ob ein Mann oder eine Frau sie zu sich genommen hat._

Schon unter Schulkindern lassen sich im Sinne dieser geschlechtlichen Zuschreibungen deutliche Unterschiede beobachten:_Während Jungen sich nach einer Mahlzeit besonders wohl und fit fühlen und Essen insgesamt zu den schönsten Dingen des Lebens zählen, haben Mädchen meist ein viel weniger lustbetontes Verhältnis dazu._Sie kontrollieren ihr Essverhalten eher.__Nahrung betrachten die meisten von ihnen nicht vornehmlich als eine Quelle des Genusses und der Befriedigung, sondern als potenzielle Gefahr, die man ständig im Auge behalten muss. Im Gegensatz zu Jungen werden sie denn auch in der Regel nicht für ihren „gesunden Appetit“ gelobt oder darin bestärkt, bei Tisch ordentlich zuzulangen._Zeigen sie trotzdem vermeintlich jungenhafte Lust am Essen, gilt das oft als sanktionsbedürftig._Wenn es dann in der Pubertät zunehmend wichtiger wird, das eigene Geschlecht zu betonen, verfestigen sich diese Verhaltensmuster. „Obwohl Übergewicht bei Mädchen und Frauen viel seltener vorkommt, wissen wir aus vielen Untersuchungen, dass sie mit ihrem Körper erheblich unzufriedener sind als Männer und Jungs mit ihrem“, sagt Monika Setzwein.__

Schon junge Mädchen beschäftigen sich intensiv mit Ernährung und ihren Auswirkungen. „Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Gesundheitsorientierung jedoch als Attraktivitätsorientierung“, sagt Setzwein. „Viele Mädchen benutzen nämlich ihr größeres Wissen über Ernährung dazu, ihren Körper zu formen und Maß zu halten – typisch weiblich eben.“ Und oft ist das das Gegenteil von gesund, wenn nämlich strenge Kontrolle zur Essstörung wird – eine eher weibliche Krankheit._Oberflächlich betrachtet, prägt also auch das Geschlecht unsere Essentscheidungen._Setzwein plädiert jedoch für eine andere Sichtweise: „Wir nutzen unsere Ernährung dazu, die eigene Männlichkeit oder Weiblichkeit sozial in Szene zu setzen. Wenn ich statt Wildschweinbraten den kleinen gemischten Salat mit Putenstreifen bestelle, demonstriere ich damit meine Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht. Zugleich liefere ich auch ein weiteres Beispiel für typisch weibliches Essverhalten. Essen eignet sich hervorragend zur sozialen Konstruktion von Geschlecht.“

Essgewohnheiten sind tief verwurzelt, in der Psyche, in der Gesellschaft, in Rollenklischees._Wie schwierig sie sich verändern lassen, zeigt auch die Tatsache, dass viele Kinder heute noch mit der Ermahnung aufwachsen, der Teller gehöre leer gegessen. So werden die Lehren aus Hunger und Krieg mittlerweile schon an die vierte Generation weitergegeben, obwohl sie im heutigen Überfluss fatal enden können. Essen ist eben, wie der Ethnologe Marcel Mauss es formulierte, ein „soziales Totalphänomen“, und es aus seinen vielschichtigen Kontexten zu lösen ist zumindest ein problematisches Unterfangen._Können Erwachsene ihr Essverhalten überhaupt noch verändern? Durchaus, sagen Ernährungsforscher: Statt ängstlich oder resigniert auf Expertenempfehlungen zu schielen, sollten sie lieber das eigene Geschmacksspektrum vergrößern. „Wir verlieren zwar selten die Vorlieben unserer Kindheit, können sie aber jederzeit erweitern“, sagt Ines Heindl. Und je abwechslungsreicher und vielfältiger unser Speiseplan aussieht, desto sicherer bekommen wir alle nötigen Nährstoffe – ganz ohne Rechnerei und aufwendige Diätpläne.

Das gewohnte Terrain immer wieder mal zu verlassen, sich das Ausprobieren zur Gewohnheit zu machen, ist darum das Beste, was man für seine Ernährung tun kann.__Dabei kann es hilfreich sein, sich Brücken zwischen Neuem und Vertrautem zu bauen: Warum nicht mal Austernpilze in die altbekannte Nudelsoße schnippeln oder Topinambur in den Salat? So gewöhnt man sich an den Geschmack und wagt sich mit der Zeit immer weiter vor. „Nichts gelangt in den Verstand, das nicht vorher in den Sinnen war“, sagt Heindl._Auch das vermeintlich Bekannte birgt Potenzial für neue Erfahrungen – wie anders zum Beispiel eine alte, regionale Apfelsorte schmeckt im Vergleich zur üblichen Supermarktware aus Argentinien, was Bamberger Hörnchen von Cilena-Katoffeln unterscheidet und Instantbrühe von selbst gemachter.

„Sinneskost“ nennt der Sozial- und Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann diese Art der Ernährung, die unsere Wahrnehmung und Genussfähigkeit schult und so den Boden bereitet für neue Vorlieben. Jeder Bummel über einen Wochenmarkt kann zum Anstoß für sinnliche Essexperimente werden. „Genau wie Kinder sind auch wir viel leichter von Neuem zu überzeugen, wenn wir es in angenehmen Situationen probieren. Darum schmeckt es ja im Urlaub immer besonders gut“, sagt Ines Heindl. „Das können wir uns zunutze machen und uns zum Beispiel regelmäßig mit Freunden zum Kochen treffen.“ Diese Strategie hat einen weiteren Vorteil: Von Menschen, die wir mögen, gucken wir uns gerne mal etwas ab._Auch beim Essen.__

Wer besser essen möchte, braucht also nicht zu resignieren, muss aber die Initiative ergreifen. Richtig einfach könnten Menschen ihre Essgewohnheiten nur in einer Situation ändern, weil sie dabei so offen für Neues seien wie nur selten, sagt Heindl. Leider ist diese Lebenslage eher die Ausnahme: wenn wir uns verlieben.