Unsere Sehnsucht nach Rot, Grün und Blau

> Ruth Hoffmann

Wunderwelt Wissen, Dezember 2008
Zu allen Zeiten waren die Menschen fasziniert von Farben – als Schmuck, in der Malerei und als Statussymbol. Manche riskierten sogar ihr Leben, um hinter das Geheimnis ihrer Herstellung zu kommen.


Den Kopf stolz erhoben, vor der Brust ihr in Leder gebundenes Gebetsbuch, betritt Maria Stuart, Königin von Schottland, am 8. Februar 1587 nach 18 Jahren Gefangenschaft das Schafott. Sie trägt ein Kleid in flammendem Rot: die Farbe der Märtyrer – Zeichen ihres Mutes, sich gegen das übermächtige England zu stellen. Und ihrer Entschlossenheit, dem Tod zu begegnen. Es ist die teuerste Farbe der damaligen Zeit. Würdig, nur die edelsten Stoffe zu färben: eine Farbe aus Blut.

Um sie entspann sich vor 400 Jahren der größte Farb-Export der Geschichte; Generationen von Händlern machten mit diesem Rot ein Vermögen; manche riskierten ihr Leben, um hinter das Geheimnis seiner Herstellung zu kommen – und doch ist es nur ein Kapitel im großen Farbroman der Weltgeschichte: Zu allen Zeiten waren Menschen von Farben fasziniert. Sie zerstießen Edelsteine und zerstampften Insekten, hantierten mit Säure, Kuhmist und Gift – immer auf der Suche nach dem leuchtendsten Grün, dem meerestiefstem Blau, dem strahlendsten Weiß.
Die allerersten Künstler griffen vor über 30.000 Jahren zu verkohlten Holzstücken, um Wildpferde, Bisons und Mammuts an Felswände zu zeichnen und kolorierten ihre Werke mit Ocker, der ersten Malfarbe überhaupt. Chemisch gesehen handelt es sich dabei um Eisenoxid – ein Erdpigment, das in verschiedenen Braun- und Rottönen praktisch auf der ganzen Welt vorkommt: In Swasiland stießen Archäologen auf eine Mine, aus der Menschen schon vor mindestens 40.000 Jahren Ocker förderten. Am anderen Ende der Welt schufen die Aborigines mit ihm magische Tier- und Menschenbilder, und in Amerika bemalten die Ureinwohner ihre Körper mit Ocker, als Symbol für das Gute und Schutz vor dem Bösen – die ersten weißen Siedler nannten sie darum „Rothäute“.

Als Maria Stuart vor ihren Henker trat, war das „Karmin“ genannte Rot, das sie trug, in Europa gerade in Mode gekommen: Spanische Entdecker hatten es aus der Neuen Welt mitgebracht. Die Inkas und Azteken aber färbten mit ihm schon seit Jahrhunderten ihre Stoffe, verzierten Keramik und Hauswände damit. Sie gewannen es aus dem Blut trächtiger Koschenille-Schildläuse, die sie auf Feigenkakteen heranzüchteten und in großen Kesseln zerstampften. Um die Farbe zu fixieren, mischten sie sie mit Zinn oder Alaun.

Die Spanier waren tief beeindruckt von den leuchtenden Stoffen, die die Indios aus diesem Farbbad zogen, und witterten das große Geschäft – zu Recht: Die unscheinbaren Insekten sollten sich für die Konquistadoren als ebenso kostbar erweisen, wie das Gold, das sie säckeweise außer Landes schafften. Allein im Jahr 1575 transportierte die so genannte Koschenille-Flotte rund 80 Tonnen roten Farbstoff nach Europa. Dort war die Nachfrage kaum zu decken. Jeder, der etwas auf sich hielt und vermögend genug war, verlangte nach Stoffen im neuen Spanisch-Rot. In Mittelamerika schufteten unterdes Tausende Indios als Zwangsarbeiter, um das rote Fieber der Alten Welt zu befriedigen.

Allgemein nahm man an, die wundervolle Farbe werde aus einer exotischen Frucht oder Nuss gewonnen. Auf die Idee, es könne Insektenblut sein, kam niemand, und die Spanier hüteten ihr Geheimnis wie einen Staatsschatz. Erst rund 200 Jahre später gelingt es einem waghalsigen Franzosen namens Thierry de Menonville, sich in Guatemala auf einem Koschenille-Feld einzuschleichen. Zu seiner Überraschung stößt er dort nicht auf rote Beeren, sondern auf mit weißen Pulver überzogene Kakteen. „Ich wurde von Zweifeln gequält“, schreibt er später in seinen Erinnerungen. Sollte die Reise vergeblich gewesen sein? Schließlich zerquetscht er eines der weißlichen Insekten auf Papier. Das Ergebnis lässt ihn „vor Erregung zittern“: Er ist am Ziel.
In ständiger Angst vor den Häschern der Spanier schmuggelt er eine Kiste läusebesetzter Kakteen nach Frankreich, wo ihn Louis XVI als Dank zum Königlichen Botaniker ernennt. Doch Menoville wird nicht der Held, der er gern gewesen wäre: 1789 stirbt sein königlicher Gönner auf der Guillotine, und kurz darauf kommen auch schon die ersten synthetischen Kleiderfarben auf den Markt und verdrängen die Koschenille.

Wie kostbar und rar eine Farbe einmal war, lässt sich noch heute an den Kunstwerken der jeweiligen Epoche ablesen. So trägt Maria auf den Bildern des 15. Und 16. Jahrhunderts meist ein rotes Gewand, während byzantinische Künstler sie im 7. Jahrhundert noch in Violett kleideten – der teuersten Farbe der damaligen Zeit, die schon die alten Ägypter aus dem Sekret einer Meeresschnecke gewannen. Und als sich im 13. Jahrhundert Ultramarin zur begehrtesten Farbe entwickelt, trägt die Heilige Jungfrau fortan Blau.

Denn für die Künstler der Renaissance ist nur jenes neue, intensive und doch so lichte Blau der Muttergottes würdig. „Vollkommen über alle Farben“ sei es, schwärmt der Verfasser eines zeitgenössischen Handbuchs. Man könne von ihm „nicht zuviel Rühmens machen“. Was es so schön, aber auch so kostspielig macht, ist seine Basis: gemahlener Lapislazuli, der nur in fernen Ländern, vor allem im Reich der Perser zu finden ist. „Ultramarino“ nennen die Italiener die neue Farbe denn auch: überseeisch, also von sehr weit her.

Aus dem Halbedelstein Pigment zu gewinnen, ist harte Arbeit: Der Farbhersteller verknetet das Steinmehl mit Harz, Wachs, Gummi und Leinöl – ein Prozess, der mehrere Tage dauern kann und enorme Muskelkraft erfordert. Anschließend legt er den zähen Teig in Aschenlauge und knetet ihn weiter, bis die Flüssigkeit sattblau geworden ist. Sie wird abgeseiht und stehengelassen, bis alles Wasser verdunstet ist und sich am Grunde der Schüssel ein blaues Pulver absetzt: ein Blau, fast so wertvoll wie Gold.

Es sind die Minen bei Sar-e-sang, einem kleinen Dorf im Nordosten Afghanistans, aus denen jahrhundertelang das Ultramarin für die Paletten westlicher und östlicher, christlicher, buddhistischer und muslimischer Künstler kommt: Farbe für die Heiligenscheine der Buddhas von Bamiyan aus dem 6. Jahrhundert, die die Taliban 2001 mutwillig sprengten; für den Himmel in mittelalterlichen Handschriften; Farbe für die Gewänder der Jungfrau Maria auf den Gemälden Michelangelos. Erst 1828, als es zwei französischen Chemikern gelingt, für einen Bruchteil des Preises synthetisches Ultramarin herzustellen, verschwindet Sar-e-sang aus der Kunstgeschichte.

Heute, wo die chemische Industrie das uralte Wissen der Farbherstellung weitgehend überflüssig macht, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der sogar ein haltbares Schwarz etwas Besonderes war: Als sich im 17. Jahrhundert der Protestantismus ausbreitete, stieg der Bedarf an schwarzer Kleidung. Für dunkle Stoffe benutzten die Färber damals einen Sud aus Galläpfeln und Alaun, doch die Farbe verblasste schnell und griff das Gewebe an. Auch Walnüsse, Mädesüß und Brombeeren ergaben bestenfalls Grau.

Die Lösung kam wieder einmal aus der Neuen Welt, hieß Blauholz und entwickelte sich schnell zu einer der besten Methoden, um reich zu werden: In den Mangrovenwäldern der Karibik, wo die begehrten Bäume wuchsen, machten sich Piraten die neue europäische Mode zunutze und brachten den Handel mit Blauholz unter ihre Kontrolle. So landete das Geld der strengsten Puritaner ausgerechnet in den Händen von Banditen, die es – wie wir aus dem Bericht eines britischen Reisenden wissen – in Rum und in die Bordelle karibischer Hafenstädte investierten.

Die Sehnsucht des Menschen nach Farbe ist eben stärker als die Vernunft. Sonst hätten wohl auch kaum Generationen von Künstlern Bleiweiß verwendet, obwohl sie um seine Giftigkeit wussten. Ihre größere Sorge galt vielmehr der Tatsache, dass jenes unvergleichlich brillante Weiß mit der Zeit schwarz wurde, wenn man es nicht fixierte – genau wie das satte, aus Grünspan gewonnene Grün, das nur deswegen noch heute auf den Gemälden niederländischer Meister leuchtet, weil diese es mit einem Schutzlack überzogen.

Manchen Künstlern ist die Wirkung einer Farbe aber wichtiger als ihre Haltbarkeit. Auf dem Gemälde „Waves breaking against the Wind“ von William Turner beispielsweise sieht der Betrachter von heute nur das verwaschene Grau eines trüben Nachmittags. In Wirklichkeit aber hatte Turner an jenem Tag im Jahre 1835 einen flammenden Abendhimmel vor Augen. Er wusste, dass die rubinrote Ölfarbe, mit der er die Strahlen der untergehenden Sonne auf die Wolken treffen ließ, eines Tages verblassen würde. Doch er wusste auch, dass es für diesen Himmel nur eine Farbe geben konnte und sei es nur für diesen Moment: das Rot der Azteken, das Rot Maria Stuarts, das Rot aus Blut.