Mit allen Sinnen

> Ruth Hoffmann

Vivai, Mai 2010

Der Duft nach einem Gewitter, das Morgenlicht über dem See - mit den Sinnen erfassen wir die Welt. Unser Gehirn macht daraus das, was wir für real halten

Die Wirklichkeit, da sind wir uns sicher, die kennen wir genau. Schließlich sehen, hören und riechen wir sie ja und müssen nur die Hand ausstrecken, um auch zu wissen, wie sie sich anfühlt. Doch wer sagt, dass unsere Wahrheit die einzige ist? Für Vögel zum Beispiel ist der Himmel von Linien durchzogen; Schmetterlinge erkennen Muster auf Blüten, die für uns einfarbig sind, und für Fledermäuse schwirrt die Luft von Tönen. Selbst der härteste Fels, so die Erkenntnis moderner Physik, erscheint uns nur fest - tatsächlich besteht er aus unvorstellbar kleinen Teilchen, die ständig in Bewegung sind.

Wirklich ist für uns eben immer nur das, was wir über die Sinne wahrnehmen und was unser Kopf daraus macht. Die Sinnesorgane sind dabei nur die Fühler nach außen. Erst im Gehirn wird das, was sie empfangen, zu Bildern, Gerüchen oder Tönen, setzen sich Räume zusammen, entsteht eine Vorstellung von der Welt. Und von uns selbst.

Es ist ein Wunder. Aber eines, das wir für selbstverständlich halten. Erst wenn uns ein Sinn verlässt, wird uns bewusst, welche Kostbarkeit wir einmal besaßen. Die meisten Menschen fürchten am meisten das Blindwerden, dabei haben auch vermeintlich kleinere Verluste weit reichende Folgen: Wer nichts mehr riecht, dem schmeckt auch das köstlichste Essen nicht, und wem das Gefühl in den Fingerspitzen abhanden gekommen ist, kriegt kaum einen Knopf zu. Was uns so normal und alltäglich erscheint, ist eben ein ausgefeiltes - und sehr zerbrechliches - System.

Das Grundgerüst dafür liefert der Tastsinn: Ein hoch kompliziertes Geflecht aus Millionen Sensoren in der Haut, den Gelenken, Sehnen, Muskeln und Knochen schickt dem Hirn ununterbrochen Informationen über Reize von innen und außen: Schmerz, Druck, Spannung und Dehnung, Hitze und Kälte - jede noch so kleine Regung wird registriert.

Manche Sensoren sind hoch spezialisiert und reagieren nur auf Vibration, andere nur auf kurzen Druck. Allein in den Fingerkuppen liegen bis zu 100 Tastkörperchen und Nervenenden pro Quadratmillimeter - einer Fläche, die kleiner ist als ein Stecknadelkopf. Ähnlich empfindsam sind nur noch Lippen und Zunge. Dank der ständigen Rückmeldung dieser Sensoren können wir selbst im Stockfinstern problemlos aus einem Glas trinken: Das Gehirn berechnet in Sekundenbruchteilen exakt den nötigen Druck der Finger und den erforderlichen Kraftaufwand des Armes. Sogar den Mund finden wir „blind" - Genie Tastsinn macht's möglich.

Aristoteles hielt ihn für den wichtigsten Sinn von allen. Tatsächlich könnten wir ohne die taktilen Wahrnehmungen unseres Körpers nicht existieren: Babys, die lediglich versorgt, nicht aber liebevoll gestreichelt werden, erreichen kaum das Kleinkindalter - durch den fehlenden Körperkontakt ist ihr Immunsystem zu schwach. In Indien geben Mütter seit Jahrhunderten die Technik der traditionellen Babymassage an ihre Töchter weiter; vor 30 Jahren kam sie auch in den Westen. Neuere Forschungen zeigen, dass sogar Frühchen, die regelmäßig massiert werden, sich besser entwickeln und gesundheitlich stabiler sind. Auch älteren Kindern helfen die sanften Griffe und Berührungen, sich ihres Körpers bewusst zu werden.

„Bei Erwachsenen ist es im Grunde ganz ähnlich", sagt Erika Haussener Borter, Leiterin der Schweizerischen Schule für Aromatherapie in Belp. „Über Massagen kann man Menschen tief berühren - im doppelten Sinne. Man hilft ihnen, sich wieder zu spüren. Und je nachdem, mit welcher Technik und welchen ätherischen Ölen man arbeitet, kann man ihnen dabei Sicherheit geben und sie erden oder auch seelische Entwicklungen anstoßen oder unterstützen."

Noch unmittelbarer wirken Gerüche, weil sie sich ihren Weg direkt ins limbische System bahnen, einem der entwicklungsgeschichtlich ältesten Teile des Gehirns, in dem auch Erinnerungen und Gefühle verarbeitet werden. Hier setzt die Psycho-Aromatherapie an. „Im engen Austausch mit dem Klienten suche ich nach Düften, die bei ihm eine Resonanz hervorrufen", erklärt Haussener Borter das Prinzip. „Dabei erlebe ich oft sehr heftige und schnelle Reaktionen. Es macht ‚zack', und die schöne oder schmerzhafte Erinnerung ist wieder da. Auf diese Weise tasten wir uns nach und nach vor. Es ist ein sehr individueller Prozess. Selbst bei ein und demselben Problem sind für den einen Menschen ganz andere Duftstoffe hilfreich als für den anderen."

Neuerdings bedienen sich auch Firmen der unsichtbaren Macht der Düfte: Manche lassen ihre Verkaufsräume gezielt beduften, damit Kunden sich länger dort aufhalten. Und in den Häusern von Swissotel weht ein eigens kreiertes Parfum durch Flure und Lobby, das die Hotelkette unverwechselbar machen und ihre „Swissness" unterstreichen soll: „Alpenblumen und Enzian, eine delikate Holznote und ein leichtes Echo von wilden Beeren". Um diese Nuancen wahrzunehmen, bedarf es allerdings der geschulten Nase eines Parfümeurs: Ein Laie wird den Duft allenfalls mit „irgendwie blumig" beschreiben. Und doch ist auch er in der Lage, über 10.000 Gerüche zu unterscheiden - ein Wunder, das auf ein zwei-Franken-Stück passt, denn so groß ist die Region in der Nase, mit der wir riechen. Was genau dabei vor sich geht, ist Wissenschaftlern immer noch ein Rätsel: „Inzwischen verstehen wir zumindest das Prinzip", sagt Boris Schilling, Biochemiker in der Forschungsabteilung des Duftherstellers Givaudan. „Jeder der etwa 350 Rezeptoren in der Nase ist auf ein bestimmtes Duftmolekül spezialisiert. Zu ihm passt er wie das Schloss zum Schlüssel. Da sich jeder Geruch aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt, werden stets mehrere Rezeptoren auf einmal aktiviert. Im Gehirn entsteht dann der Gesamteindruck. Doch welche Schlüssel nun in welche Schlösser passen, wissen wir noch immer nicht."

Klar ist aber, dass uns ohne die Höchstleistungen der Nase mehr entgehen würde als ein bisschen Rosen-Schnuppern: „Was wir ‚schmecken' nennen, ist in Wirklichkeit zu 80 Prozent riechen", sagt Annette Bongartz, Sensorikerin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. „Die Geschmacksknospen der Zunge nehmen ja nur süß, sauer, salzig, bitter und das so genannte ‚umami'* wahr. Erst wenn die Eindrücke der Nase hinzukommen, haben wir die ganze Bandbreite. Auch die Textur, die uns Tastsinn und Gehör vermitteln, spielt eine wichtige Rolle." Wir schmecken also mit dem Ohr? „Ja, auch. Denken Sie nur mal daran, wie es ist, in ein knuspriges Brötchen zu beißen. Da hören Sie schon, dass es frisch ist. Deswegen bemühen sich Lebensmitteltechniker ja zum Beispiel auch um das perfekte Knuspergeräusch, wenn sie einen neuen Kartoffelchip entwickeln."

Das Hören selbst ist pure Mechanik. Aber was für eine! Durch minimale Druckschwankungen in der Luft - die Schallwellen - kommen Trommelfell und winzige Knöchelchen in Schwingung. Der Druck aus dieser Bewegung wird im Mittelohr verstärkt und gelangt an die Gehörschnecke. Auf der wässrigen Flüssigkeit in ihrem Innern entstehen nun kleine Wellen, wobei jede Frequenz eine eigene, unverwechselbare Welle erzeugt. Diese trifft in der Schneckenspitze auf zarteste Härchen, die sich etwa 20.000 Mal pro Sekunde bewegen und den Reiz präzise codiert an den Hörnerv weitergeben, der die Signale schließlich ins Hirn transportiert.

Mit den Ohren eines Hundes können wir es zwar nicht aufnehmen, immerhin aber ist auch unser Gehör so fein, dass wir noch in 15 Metern Entfernung eine fallende Nadel hören können. Und offenbar, so die Erkenntnis neuronaler Forschung, lässt sich das auch noch steigern: Bei Musikern sind die entsprechenden Hirnareale deutlich vergrößert. Wie fein unsere Sinne sind, hängt eben auch davon ab, in welcher Weise wir sie gebrauchen.

Es lohnt sich also, so oft wie möglich ganz bei der Sache zu sein, Nuancen im vermeintlich Bekannten zu schmecken, fremden Gerüchen nachzuspüren oder im Freien der Sinfonie aus Rascheln, Knistern, Plätschern und Summen zu lauschen. Für einen vielfältigeren, sinnlicheren Alltag. Und um wieder ein Bewusstsein zu gewinnen für das, was wir in uns tragen: eine Schatzkiste voller Wunder.


* UMAMI: Geschmackskomponente, die durch die Aminosäure Glutamat beigesteuert wird und natürlicherweise z.B. in Käse, reifen Tomaten, Fleisch oder konzentrierten Fonds vorkommt.