Wie wir kreativer werden

» Ruth Hoffmann

Zeit Wissen, Juni 2008
Es steckt mehr in uns, als wir glauben. Wir alle können kreativer, motivierter und konzentrierter werden. Doch woher kommen die guten Ideen? Wie können wir uns für etwas mehr begeistern? Und wie bei der Sache bleiben? Die neue Psychologie-Serie von ZEIT Wissen zeigt, wie wir erfolgreicher werden können und was neue Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie dazu beitragen. Im ersten Teil der Serie: Warum Kreativität wenig mit Geistesblitzen und Begabung zu tun hat und wie jeder sich gute Einfälle erarbeiten kann.


„Das hier“, sagt Institutsleiter Ernst Pöppel, „ist unser wichtigster_Raum. Hier kommen die meisten Ideen zustande.“ Er hebt die_Augenbrauen, und seine Stimme bekommt einen feierlichen Ton. „Und_zwar solche, auf die keiner alleine gekommen wäre. Diversität – das ist das Entscheidende!“ Zum Beweis stellt der 68-jährige Hirnforscher reihum seine Mitarbeiter vor: die Biologin aus Kroatien, den russischen Mechaniker, die Genetikerin aus Brasilien, den bayerischen Chemiker. „Es ist wie in der Evolution: Je größer die Vielfalt, desto mehr neue Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich.“ Er nickt und schmunzelt, sichtlich zufrieden mit diesem Vergleich. „Genau so ist es. Wir versuchen, die Evolution nachzustellen. Den kreativsten Prozess aller Zeiten.“

Im wichtigsten Raum des Instituts für Medizinische Psychologie in München (IMP) surren keine Hochleistungsrechner, und an den Wänden hängen keine Balkendiagramme. Stattdessen gurgelt die Kaffeemaschine, stehen Butterbrezn und Nusszopf auf dem Tisch – der wichtigste Raum ist die Küche. Und jeder neue Tag beginnt mit einem ideenfördernden Frühstück: Die Genetikerin spricht darüber, wie das Schlafverhalten im Erbgut ausgeprägt ist, der Mediziner erzählt von einem Videospiel, das man im Magnetresonanztomografen (MRT) allein durch Gedankenkraft steuert. „Im Austausch entsteht das wirklich Neue“, schwärmt Pöppel, „weil jeder seine ganz eigene Sichtweise mitbringt.“ Jeder hier hat schon erlebt, wie bei einem Gespräch über zwei gegensätzliche Fachbereiche völlig neue Blickwinkel und Fragen auftauchten. Damit die Forscher solche Einfälle schnell notieren können, sind alle Türen im Institut mit Tafelfarbe gestrichen. „Und sie stehen immer offen“, ergänzt der Psychologe Evgeny Gutyrchik. „Jeder redet mit jedem, auch wenn das, was der andere macht, nichts mit der eigenen Arbeit zu tun hat.“

Kreativität ist am IMP nicht nur ein wichtiger Forschungsbereich, sondern zugleich Nährboden der eigenen Arbeit. Deswegen versuchen Pöppel und seine Mitarbeiter ihre Forschungsergebnisse im eigenen Umfeld umzusetzen, wann immer es geht. „Kreativität lässt sich nicht herbeiführen“, sagt Pöppel. „Man kann nur die Bedingungen schaffen, in denen sie sich ereignen kann. Und das sind vor allem: möglichst viele verschiedene Einflüsse und Gedanken.“ Zum Beispiel ergab sich aus einer laufenden Studie zur sozialen Kompetenz von Musikern jüngst ein völlig neues Thema: Als chinesische Kollegen das IMP besuchten, kam beim Mittagessen die Frage auf, ob es beim Wahrnehmen von Dichtung und Musik Gemeinsamkeiten gibt, die unabhängig von der Muttersprache und der eigenen Kultur sind. Seitdem untersucht Pöppel mit einem Team, wie chinesische und deutsche Testpersonen Gedichte aus beiden Ländern empfinden und neuronal verarbeiten. Die Wertschätzung möglichst unterschiedlicher Einflüsse spiegelt sich auch im Arbeitszimmer des Institutsleiters wider: Auf dem langen Besprechungstisch in der Mitte liegt zwischen Seminararbeiten, Zeitschriften und Skizzen ein Buch mit Reproduktionen von Werken Leonardo da Vincis. „Bloß nicht zu sehr aufräumen!“, kommentiert Pöppel das scheinbare Durcheinander. „Wenn man alles immer gleich wegräumt, ist es erledigt und kann sich nicht mehr gegenseitig befruchten.“ Darauf aber kommt es an im kreativen Prozess: den Geist auf immer neue Fährten zu setzen, um Gewohnheit und Routine zu entrinnen.

Ob es der unaufgeräumte Schreibtisch ist oder das regelmäßige Gespräch mit Andersdenkenden – der Weg zur eigenen Kreativität ist individuell. Dass jeder die Fähigkeit besitzt, kreativ zu sein, davon ist Pöppel fest überzeugt. Sie ist nur verschüttet: von Gewohnheiten und dem Wunsch nach Sicherheit; von der Angst, Fehler zu machen oder ausgelacht zu werden. Und vor allem: von festen Vorstellungen, wie etwas ist oder zu sein hat. „Der härteste Gegner der Kreativität ist das krampfhafte Festhalten am Alten, Vertrauten“, sagt Pöppel. „Fortschritt und Entwicklung sind nur möglich, wenn ich nicht darauf bestehe, recht zu haben.“

Was genau aber ist Kreativität? Die meisten Wissenschaftler betrachten sie als offenes Konzept, das sich aus vielfältigen Bedingungen zusammensetzt. Von denen sei jedoch, betont Pöppel, „keine für sich allein genommen hinreichend. Notwendig, aber nicht hinreichend“. Um beispielsweise ein Klavierstück zu komponieren, muss man das Instrument beherrschen. Trotzdem macht virtuoses Können allein aus einem Klavierspieler noch keinen Komponisten. Was also ist der Stoff, aus dem Ideen sind? Zunächst einmal: reichlich Arbeit. Egal, ob es sich um Malerei, Kochen oder Quantenphysik handelt - man braucht profundes Wissen auf einem Gebiet, um auf Gedanken zu kommen, die es bereichern. „Es ist ein großes Missverständnis zu glauben, dass kreative Leistungen vom Himmel fallen“, sagt Rainer Holm-Hadulla, Professor für Psychotherapeutische Medizin an der Universität Heidelberg. „Alle großen Kreativen haben diszipliniert und strukturiert gearbeitet.“ Franzis Preckel bestätigt diese Beobachtung. „Im musikalischen Bereich sind zehn Jahre intensivster Übung und Beschäftigung mit der Materie das Minimum“, sagt die Hochbegabtenforscherin und Professorin für Psychologie an der Universität Trier. „Und in anderen Fachgebieten ist es ähnlich.“

Das ergibt sich aus der so genannten Zehn-Jahres-Regel der Expertiseforschung, für die Menschen mit besonderen Fähigkeiten in unterschiedlichen Bereichen wie Medizin, Schach, Dichtung oder Mathematik miteinander verglichen wurden. Wer Außerordentliches vollbringen möchte, muss demnach zehn Jahre lang jeden Tag fünf bis sieben Stunden trainieren. Forscher sprechen von deliberate practice, anstrengungsorientiertem Üben. „Mit normalem, regelmäßigem Üben kann man seine Fähigkeiten nur erhalten“, sagt Preckel. „Erst mit diesem intensiven und zeitaufwendigen Reinknien entwickelt man sie auch weiter.“ Können also nur strebsame Meister ihres Fachs kreativ sein? „Keineswegs“, beruhigt Pöppel. „Kreativität beginnt schließlich nicht erst beim Nobelpreis oder in ausverkauften Konzerthallen. Es schadet aber nicht, sich klarzumachen, dass zum Kreativsein auch Anstrengung gehört – anders als es einem viele Ratgeberbücher und selbst ernannte Coaches weismachen wollen.“

Auch intellektuelle Fähigkeiten sind hilfreich. Hochintelligente Menschen sind zwar nicht automatisch kreativ, haben aber eine gute Voraussetzung dafür. Der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Kreativität ist gut belegt – Forscher streiten allerdings darüber, ob eine höhere Intelligenz in jedem Fall mehr Kreativität ermöglicht. Dagegen spricht die Theorie, dass schon ein IQ von 120 optimal für Kreativität ist; zusätzliche Punkte auf der Intelligenzskala steigern die sie demnach nicht mehr. Intelligenz allein jedoch erzeugt noch keine guten Ideen – dazu sind noch andere Eigenschaften notwendig. „Besondere Intelligenz bedeutet noch lange nicht, dass man auch ein Gespür für offene Fragen und Probleme entwickelt“, sagt die Hochbegabtenforscherin Franzis Preckel. Diese „Problemsensitivität“, wie Psychologen dieses Gespür nennen, ist aber eine Grundvoraussetzung für Kreativität: Um den Reißverschluss zu erfinden, muss man erst einmal darauf kommen, dass Knopfreihen nicht der Weisheit letzter Schluss sind.

„Wer kreativ sein will, darf sich nicht zufrieden geben“, sagt Karl-Heinz Brodbeck, Professor für Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg. „Weder mit dem, was er selbst erreicht hat, noch mit dem, was allgemein als richtig gilt. Er muss laufend bereit sein, vermeintliche Gewissheiten in Zweifel zu ziehen.“ Wenn er die Nadel im Heuhaufen gefunden habe, sagte Albert Einstein, suche er eben nach weiteren Nadeln.

Viele große Entdeckungen und Erfindungen kamen nur zustande, weil ein kluger Kopf auf Unregelmäßigkeiten und vermeintliche Unfälle richtig reagierte. Der Biologe Alexander Fleming beispielsweise hatte während des Ersten Weltkriegs als Arzt im Feldlazarett täglich dabei zusehen müssen, wie verletzte Soldaten an ihren infizierten Wunden starben. Zurück in London, suchte er nach einer Methode, Bakterien wirksam zu bekämpfen, und studierte dafür jahrelang die Eigenschaften verschiedener Mikroben.

Im Sommer 1928 widmete er sich dem Eitererreger Staphylococcus aureus. Bevor er für einige Tage in Urlaub fuhr, ließ er einen Stapel Petrischalen mit Nährlösung einfach im Labor stehen. Als er zurückkam, entdeckte er, dass er noch einmal von vorn anfangen musste: Ein Schimmelpilz hatte die Kulturen befallen. Fleming war gerade dabei, die Petrischalen wegzuwerfen, als ihm auffiel, dass der unbekannte Pilz das Bakterium regelrecht aufzulösen schien. Statt die Schalen zu entsorgen, untersuchte er die Kolonien weiter – zum Glück, denn der Pilz gehörte zur Art des Penicillium notatum und revolutionierte Jahre später als Antibiotikum die Medizin.

„Der Zufall begünstigt nur einen vorbereiteten Geist“, sagte der berühmte Chemiker Louis Pasteur einmal. Einen Geist, der zwar über das nötige Wissen verfügt, zugleich aber offen für andere Sichtweisen bleibt. Mit rein logischem, sogenanntem konvergenten Denken hätte Fleming sein Experiment schlicht als gescheitert betrachtet, ohne nach anderen Möglichkeiten zu suchen.

Konvergentes Denken stößt schnell an seine Grenzen, sobald sich etwas anders entwickelt als erwartet: wenn der Job einen Stadtwechsel verlangt, die Ehe kriselt, eine Aufgabe schwerer ist als gedacht. „Wenn die gewohnten Strategien versagen, man aber partout an ihnen festhalten will, bekommt man es schnell mit der Angst zu tun“, sagt Brodbeck. „Deswegen ist es so wichtig, eine offene – eben kreative – Haltung zu sich selbst zu entwickeln. Wer sich nicht ein für allemal auf bestimmte Eigenschaften und Fertigkeiten festlegt, kommt viel besser mit Veränderungen klar.” Mit Hilfe des eher spielerischen divergenten Denkens kann man die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten und kommt so unter Umständen auf Ideen, die einem sonst entgangen wären. Denn während konvergentes Denken nach der einzig richtigen Lösung sucht, lässt das divergente Denken mehrere Möglichkeiten zu und nähert sich dem Problem eher assoziativ und aus verschiedenen Richtungen.

Die Begabung dafür ist zwar von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt, die grundsätzliche Fähigkeit dazu hat aber offenbar jeder. Das konnte Franzis Preckel gerade in einer Studie mit über 1300 Schülern zwischen 13 und 16 Jahren zeigen. Die Jugendlichen machten einen Test, der auch kreative Fähigkeiten maß. Das Ergebnis: Alle Teilnehmer konnten divergent denken – egal, ob sie die Hauptschule oder das Gymnasium besuchten, durchschnittlich oder hochbegabt waren. „Die Anlage zum Kreativsein“, folgert Preckel, „steckt in jedem.” Der kreative Prozess erfordert jedoch beides: das fließende, freie Denken, das neue Verknüpfungen findet, und das rational- wertende, das diese auf ihre Tauglichkeit hin überprüft. „Kreativität findet im Spannungsfeld zwischen Struktur und Auflösung, Ordnung und Chaos statt“, sagt Holm-Hadulla._Thomas Mann zwang sich beim Schreiben zu festen Zeiten, aber auch zu Pausen und Müßiggang, Einstein ging neben seinen Studien einer geregelten Tätigkeit beim Berner Patentamt nach, ließ dann aber abends seinen Gedanken freien Lauf.

Heute weiß man aus experimentellen Versuchen, dass gerade diese Phasen des Loslassens wichtig sind für kreative Einfälle. „In diesen Zeiten finden im Hirn implizite Verarbeitungsprozesse statt“, erläutert Pöppel. „Es ist gewissermaßen ein Probehandeln, ein unbewusstes Spiel mit Möglichkeiten, bis eine Kombination auftaucht, die Erfolg verspricht.” Dass sich gerade über Nacht für so manches Problem überraschend eine Lösung findet und man oft auf ungeahnte Ideen kommt, geht vermutlich auf dieses Prinzip zurück.
Das zeigte auch eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Lübeck: Sie gaben Studenten die Aufgabe, Zahlenreihen nach mathematischen Regeln so zu bearbeiten, dass die letzte Zahl zugleich die Lösung angab. Was sie ihnen verschwiegen: Es gab auch einen direkten, viel schnelleren Weg zum Ergebnis. Nachdem sich die Teilnehmer an der Aufgabe versucht hatten, bekamen sie acht Stunden Pause. Ein Teil verbrachte diese mit Schlafen, die anderen blieben wach. Ergebnis: 60 Prozent derjenigen, die geschlafen hatten, fanden auf Anhieb die einfache Lösung, aber nur 22 Prozent der Wachgebliebenen. „Im Schlaf transferiert das Gehirn frische Informationen vom Zwischenspeicher ins Langzeitgedächtnis. Dabei werden sie noch einmal reaktiviert und an bereits vorhandene Gedächtnisinhalte angepasst“, erklärt Studienleiter und Neurowissenschaftler Jan Born. „Wir vermuten, dass das Hirn durch diese Aufräumarbeit das Wesentliche eines Problems herausfiltert, sodass sich dann beim Aufwachen neue Perspektiven ergeben. Ein äußerst kreativer Prozess also.“

Wenn alles Grübeln nichts bringt, tut man demnach gut daran, sich anderem zuzuwenden. Man müsse, empfiehlt Pöppel, „es in einem denken lassen“. So wie James Watson und Francis Crick es taten. Ihnen kam die entscheidende Idee zur Struktur der DNA zwischen zwei Tennisspielen. Oder wie Kary B. Mullis, der während einer nächtlichen Autofahrt auf einmal das Prinzip der Polymerase-Kettenreaktion vor sich sah. Mit dieser Technik lässt sich Erbsubstanz vervielfältigen – für die Entdeckung bekam Mullis später den Nobelpreis. Inkubation nennen Kreativitätsforscher jene Phase, die der Idee vorausgeht. Viele Kreative füllen die Inkubationszeit des einen Projektes mit der Arbeit an einem anderen. Sie springen hin und her, wenn sie nicht weiterkommen – und profitieren auf diese Weise zusätzlich von den ideenfördernden Synergieeffekten.

Komplexität im Leben, in der Arbeit und der Persönlichkeit ist daher das deutlichste Merkmal schöpferischer Menschen, wie der amerikanische Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi herausfand. Sie interessieren sich ihm zufolge für viele Themen, nicht nur für die, mit denen sie sich etwa bei der Arbeit beschäftigen. Häufig haben sie zudem Charakterzüge, die als widersprüchlich gelten – sind mal pedantisch, mal chaotisch, mal albern und kindlich, dann wieder ernst und streng. Diese Komplexität eröffne ihnen, so Csikszentmihalyi, „ein wesentlich reicheres Spektrum an Interaktionsmöglichkeiten“ – und damit neue Sichtweisen und Verknüpfungen.

Menschen, die so offen sind, haben jedoch manchmal ähnliche Eigenschaften wie psychisch Kranke: Eine Studie der Harvard University ergab, dass in vielen kreativen Köpfen die „latente Hemmung” reduziert ist. Diese wirkt normalerweise wie ein Filter, der wichtige und unwichtige äußere Reize voneinander trennt – eine Voraussetzung für psychische Gesundheit. Kreative scheinen weniger zu filtern: Ihre Sinne sind auch für Irrelevantes offen, ähnlich wie die Schizophrener.__Kinder bipolarer, also manisch-depressiver Eltern schneiden bei Kreativitätstests besser ab als ihre Altersgenossen mit psychisch gesunden Familien, glauben Forscher der Stanford University. Das Gleiche gilt für Kinder, die selbst an einer bipolaren Störung leiden. Und einer isländischen Untersuchung zufolge sind überdurchschnittlich viele Schriftsteller und Wissenschaftler in Familien aufgewachsen, in denen Psychotiker leben.

Das Klischee vom Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn sei dadurch jedoch nicht belegt, sagt Shelley Carson, Leiterin der Studie an der Harvard University. Auch Holm-Hadulla meint, dass Künstler wie Virginia Woolf, Robert Schumann oder Edvard Munch, die an unterschiedlichen psychischen Störungen litten, nicht wegen, sondern trotz ihrer Krankheiten kreativ gewesen seien. Seelisches Leid könne zwar „ein starker Impuls sein, sich kreativ auszudrücken“, sagt er. „Picasso zum Beispiel entwickelte erst nach dem Selbstmord seines besten Freundes, in seiner größten Lebenskrise, seinen persönlichen, unverwechselbaren Stil und arbeitete wie ein Besessener.” Goethe habe den Schmerz manchmal sogar gezielt herbeigeführt, indem er Frauen verließ, die er noch liebte. Aber wenn eine Psychose überhandnehme, sei „kreatives Arbeiten nicht mehr möglich, kann aber durch eine Behandlung häufig ermöglicht werden“.

Der Griff zu Drogen ist eine ähnlich extreme Strategie, sich künstlich in seelische und körperliche Ausnahmezustände zu versetzen, in der Hoffnung, so an die geheimnisvolle Quelle der Schöpferkraft zu kommen. Es ist der Versuch, eingefahrene Denkbahnen zu verlassen und sich aus der Enge von Konvention und Gewohnheit zu befreien. Denn wer kreativ sein will, muss es mit einem mächtigen Gegenspieler aufnehmen: dem Ökonomieprinzip. Mit anderen Worten: der Bequemlichkeit. „Das Gehirn geht davon aus, dass im Wesentlichen alles bleibt, wie es ist“, sagt Pöppel._Im Laufe der Evolution habe sich das als energiesparende Strategie erwiesen. „Wir denken darum immer in festen Rahmen und meinen zu wissen, wie die Dinge sind._Und weil unser Denken unsere Wahrnehmung bestimmt, werden unsere Vorurteile immer wieder bestätigt.”

Was bekannt ist, wird bevorzugt. Funktionale Fixierung nennen Psychologen jenes Verhaftetsein in Routinen, das sich bequem und sicher anfühlt, neue Ideen jedoch wirkungsvoll verhindert. „Wir leiden alle unter Monokausalitis“, sagt Pöppel, „und suchen immer nach der einen Ursache. Dabei wird fast alles im Leben von mehreren Faktoren bestimmt._Wenn wir das ignorieren, nur weil unser Hirn es hübsch einfach haben will, machen wir kreatives Denken von vornherein unmöglich.“ Den gewohnten Rahmen so oft wie möglich zu verlassen, lautet darum der vielleicht wichtigste Rat, wenn es um die Entwicklung der eigenen Kreativität geht.

Am IMP in München hat der Psychologe Evgeny Gutyrchik Computerausdrucke vor sich ausgebreitet: Querschnitte durch Schädel und Hirn auf schwarzem Untergrund – Scans aus einem Magnetresonanztomografen. Sie bilden das Hirn der Sopranistin Edda Moser ab. „Wir wollten wissen, ob ihr Gehirn auf musikalische Motive anders reagiert als das eines Menschen, der nicht musikalisch ausgebildet ist“, erklärt Gutyrchik._Tatsächlich gab es einen Unterschied: Mosers Gehirn war bei traurigen und freudigen Motiven deutlich aktiver als die der anderen Personen. „Es scheint, dass Musik uns besonders für Emotionen sensibilisiert“, sagt der Psychologe. Offenbar kann kreative Arbeit Spuren im Gehirn hinterlassen._Trotzdem ist man am IMP vorsichtig mit der Interpretation von Hirnscans: Die Ergebnisse seien immer nur Annäherungen an eine mögliche Wahrheit und zudem gefärbt durch die Interpretation des jeweiligen Forschers, sagt Pöppel. Aber „solange man angesichts solcher Scans nicht dem Irrtum aufsitzt, man habe es hier mit dem Zentrum für Angst, Liebe oder eben Kreativität zu tun, liefern sie interessante Hinweise darauf, was in unserem Kopf vor sich geht“.

Das gilt zum Beispiel für intuitive Entscheidungen – ein Thema, zu dem das Institut vergangenes Jahr eine Studie veröffentlichte: Die Teilnehmer bekamen im MRT jeweils drei Wörter präsentiert – zum Beispiel „Ziege“, „hoch” und „grün” – und mussten spontan und ohne nachzudenken entscheiden, ob diese zusammenpassen oder nicht. Im Hirn spiegelten sich diese Bauchentscheidungen zum einen in Regionen wider, die an emotionalen Bewertungen beteiligt sind, zum anderen in Strukturen, die mit Selbstdarstellung und Ich-Identität assoziiert werden. „Ein völlig anderes Bild, als wir es bei expliziten Entscheidungen haben“, sagt Pöppel. „Offenbar geht Intuition, die ja ein Teilaspekt der Kreativität ist, mit einer größeren Ich- Nähe einher.” Deshalb vermutet er: „Um kreativ zu sein, braucht man Vertrauen in sich selbst.”

Leichter gesagt als getan, schließlich ist der Zensor im Kopf fast immer im Dienst – bereit, jeden neuen Impuls mit der Begründung zu bremsen: „Das klappt sowieso nicht.” Wer etwas Neues schaffen will, muss diese Stimme zumindest zeitweilig zum Schweigen bringen.

Jazzmusikern gelingt das offenbar, wie Forscher der University of Baltimore zeigen konnten: Während des Improvisierens ging in ihren Hirnen die Aktivität in jenen Regionen zurück, die an Selbstzensur und geplanten Handlungen beteiligt sind. Aktiver waren hingegen die Strukturen, in denen vermutlich individuelle Handlungen und Selbstdarstellung entstehen. Dieselben Mechanismen, glauben die US-Forscher, funktionieren bei jedem Menschen. Doch wie kann man sie nutzen?

Bestimmte Techniken können dabei helfen._Die meisten beruhen auf dem Prinzip, die Zensur zu umgehen: Sie trennen die Phase der Ideenfindung von der Bewertung. Jeder Gedanke ist erlaubt, Kritik zunächst verboten._So kommen auch schräge Einfälle auf. Allerdings scheint gerade das beliebte Gruppen-Brainstorming wenig ergiebig zu sein, wie Studien zeigen. Wer alleine für sich assoziiert, kommt auf dreimal mehr und deutlich bessere Einfälle als große Gruppen._Offenbar blockieren sich die Teilnehmer gegenseitig, weil sie immer wieder warten müssen, bis andere ausgeredet haben.

Kreativität ist aber mehr als das Produzieren möglichst vieler Ideen. Gerade im Alltag drückt sie sich auch in unserer Fähigkeit aus, Beziehungen zu knüpfen, einen Job zu finden, Konflikte zu lösen oder die Sexualität in der Partnerschaft lebendig zu halten. Übungen und Techniken zur angeblichen Steigerung der Kreativität helfen gerade da allerdings nicht weiter. „Diese Spielchen trainieren immer nur genau die Fertigkeiten, die zur Lösung erforderlich sind“, sagt Pöppel. „Kreativer wird man davon nicht.” Brodbeck sieht es ähnlich: „Schon das Wort ‚Kreativitätstechnik’ ist ein Widerspruch in sich: Eine Technik wende ich an, wenn ich ein bestimmtes Ergebnis haben möchte. Das Wesen der Kreativität ist aber doch, dass ich gerade nicht weiß, was herauskommt.” Und wer Aufgaben richtig löse, habe noch lange nicht die alten Denkgewohnheiten abgelegt – selbst wenn sie erfordern, dass man um die Ecke denkt. „Grenzen zu überschreiten kann man eben nicht üben“, lautet darum Brodbecks Fazit. „Man muss erst begreifen, wie man sich begrenzt.“ Die wichtigste Übung sei darum Achtsamkeit: Die eigenen Gewohnheiten zu beobachten und zu hinterfragen.

„Man braucht Disziplin, um sich immer wieder dazu anzuhalten, der Bequemlichkeit nicht das Feld zu überlassen«, sagt Pöppel. „Was uns aber am allermeisten fehlt, sind Pausen.” Er findet deshalb, dass jeden Tag für eine festgelegte Stunde Ruhe herrschen sollte, bundesweit. Kein Telefon, keine E-Mails, keine Meetings. Jeder soll in dieser Zeit für sich sein und etwas tun, das nicht zum Tagesgeschäft gehört. „Ich garantiere Ihnen: Es gäbe in diesem Land einen ungeheuren Kreativitätsschub.“