Die Folgen der SED-Diktatur

> Ruth Hoffmann

Cicero Online, Mai 2012
Keine Personengruppe überwachte das Ministerium für Staatssicherheit so gründlich wie die eigenen Mitarbeiter. Das DDR-Regime ist seit über 20 Jahren Geschichte, doch die Folgen seiner Eingriffe in die innersten familiären Beziehungen wirken bis heute nach

„Das Verhalten und die strafrechtliche Handlung meines Sohnes verurteile ich auf das Schärfste“, erklärt Siegfried Herbrich, Oberstleutnant der DDR-Staatssicherheit, im Mai 1981 seinen Vorgesetzten. „Die gleiche Haltung hierzu wird auch von meiner Ehefrau bezogen“, heißt es weiter in der Stellungnahme. Nach der „Strafverbüßung“ werde er „keine persönlichen oder schriftlichen Kontakte mehr“ zu ihm „unterhalten“ – eine „Festlegung“, die auch seine Ehefrau und seine „im Haushalt lebende Tochter“ betreffe.

Stefan Herbrich, über den der Vater hier hoch offiziell den Stab bricht, ist gerade „wegen öffentlicher Herabwürdigung der staatlichen Ordnung“ zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Seit fast acht Monaten sitzt er bereits in Untersuchungshaft. Sein Vergehen: Er hat für das Altersheim in Gera, in dem er als Pfleger arbeitet, zum „Republikgeburtstag“ eine Wandzeitung gestaltet, deren Inhalt der Stasi zu kritisch war. Das Anfertigen von Wandzeitungen gehört zu den „gesellschaftlichen Pflichten“ in jedem Betrieb. Das Material stellt die Kreisparteileitung, kritische Töne sind nicht vorgesehen. Aus Sicht des Staates begeht Stefan daher ein Verbrechen, als er den jubelnden Parteiparolen ein paar Fragezeichen hinzufügt. Kollegen melden den Vorfall, und als der 21-Jährige am nächsten Tag zum Dienst erscheint, erwarten ihn schon zwei Herren von der Staatssicherheit.

Für Siegfried Herbrich ist Stefans Verhaftung eine ernste Bedrohung seiner beruflichen Laufbahn. Schon am nächsten Tag fühlen ihm seine Vorgesetzten in einer „Aussprache“ auf den Zahn. Der Oberstleutnant beeilt sich, zu seinem Sohn auf Distanz zu gehen. „In einer Aussprache im Familienkreis“, stellt er in einem mehrseitigen Schreiben klar, „wurde die strafbare Handlung ... ausgewertet und übereinstimmend festgestellt, dass sich unser Sohn mit seinem Verhalten außerhalb der Gesellschaft und auch außerhalb der Familie gestellt hat. Durch die Verunglimpfung unseres sozialistischen Staates hat er sich selbst jede Grundlage genommen, künftig auch weiterhin als anerkanntes Familienmitglied zu gelten.“

Politische Meinungsverschiedenheiten gab es in jeder Familie – Ost wie West. Gehörte aber ein Elternteil oder sogar beide zu den hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), ging es um mehr als nur das Austauschen gegensätzlicher Argumente: Es ging um die berufliche Existenz. Denn mit ihrer eidesstattlichen Verpflichtung hatten sich die Hauptamtlichen einem umfangreichen Katalog von Regeln und Verhaltensnormen unterworfen, der bis weit in ihr Privatleben reichte und darum automatisch auch ihre Familien betraf: Es war nicht egal, in wen sich die Tochter verliebte, für welchen Fußballclub der Sohn schwärmte oder ob die Ehefrau Briefe an ihre Tante in München schrieb – jede Abweichung von der sozialistischen Norm fand ihren Weg in die Akten. Schon kleine Vergehen konnten zu unangenehmen Befragungen durch die Disziplinarabteilung führen, ein Sohn, der in den Westen wollte, eine Tochter, die sich in Kirchenkreisen bewegte, gar das Ende der Karriere bedeuten.

Der Logik der „inneren Sicherheit“ folgend, wächst das MfS in 40 Jahren DDR beständig. Vor allem die Überwachung der eigenen Bevölkerung ist ein personalintensives Geschäft: Alle zehn Jahre verdoppelt sich die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter. 1989 sind es über 91.000, rund 40.000 davon allein in Berlin. In der Mehrheit sind es Männer.

Jeder von ihnen wurde vor seiner Anwerbung umfassend durchleuchtet und steht auch danach unter ständiger Beobachtung hinsichtlich seiner Gesinnung, seines Umgangs und sogar seiner Freizeitgestaltung. Kontakte in den Westen sind ihm strengstens verboten, auch wenn es sich um die eigene Großmutter handelt. Persönliche Veränderungen jedweder Art hat er „umgehend“ dem Dienstherrn zu melden – die neue Lehrstelle der Tochter genauso wie das Scheitern seiner Ehe. Keine Personengruppe überwacht und analysiert das MfS so gründlich wie die eigenen Mitarbeiter.

Ob diese sich tatsächlich an die Regeln halten, darüber wachen nicht nur Kollegen und Vorgesetzte, sondern nach Feierabend auch die Nachbarn, denn die sind meist ebenfalls bei der Stasi: Das MfS siedelt seine Mitarbeiter nach Möglichkeit in zusammenhängenden Wohngebieten an und übernimmt dafür ganze Straßenzüge. Gegenseitige Kontrolle und Konformitätsdruck sind in diesen Blöcken besonders hoch. Eine klare Trennung zwischen Dienst und Privatleben gibt es für die Hauptamtlichen nicht – und ihre Kinder stecken auf Gedeih und Verderb mit drin.

„Du kannst dich in diesem Viertel nicht unbeobachtet bewegen. Alles, was du tust, wird mir früher oder später zu Ohren kommen“, bekommt Frank Dohrmann immer wieder von seinem Vater zu hören, einem Offizier der Hauptabteilung VI: Grenzkontrolle und Tourismus. „Er hätte das nicht ständig wiederholen müssen“, sagt der heute 43-Jährige. „Ich wusste ja längst aus Erfahrung, dass es so war.“

Frank wächst in der Frankfurter Allee in Berlin-Lichtenberg auf, die mächtigen Gebäude der MfS-Zentrale liegen gleich gegenüber. Später zieht die Familie nach Hohenschönhausen, das ebenfalls fast vollständig in Stasi-Hand ist. Seinen Eltern gehen Disziplin und Gehorsam über alles. Jede Mahlzeit, jede Tätigkeit ist auf die Minute festgelegt; Ausnahmen gelten als Belohnung. Franks Kleidung liegt Kante auf Kante im Schrank, sein Schreibtisch muss leer sein, die Schuhe gesäubert, das Bett in der Früh gleich als Erstes gemacht. Und überall lauern Fehlerquellen. „Dann musst du eben jeden Tag hier antreten, bis du es gelernt hast“, sagt der Vater oft.

Wie bei den Dohrmanns herrscht in vielen Familien eine Atmosphäre aus Schweigen und Distanz, ersetzen Befehle und Strafen den Austausch zwischen Eltern und Kindern. Zärtlichkeiten, persönliche Zuwendung – die meisten haben sie nie erlebt. Sie sollen vor allem Leistung bringen, auf Linie sein, den Erwartungen entsprechen. Und den Vätern keine Schande machen.

Was diese tun, wenn sie frühmorgens das Haus verlassen, wissen die Kinder nicht. „Angestellter im MdI“ lautet die Sprachregelung in fast allen Familien. Das Kürzel steht für „Ministerium des Innern“, und das, so schärft man ihnen ein, sollen sie auch antworten, wenn sie „draußen“ nach dem Beruf des Vaters gefragt werden. „Vor meinen Klassenkameraden war mir das immer furchtbar peinlich“, erzählt Stefan Herbrich. „Deren Väter waren Bäcker, Klempner oder Fabrikarbeiter. Darunter konnte man sich ja was vorstellen. Aber MdI? Wie sollte ich das erklären? Ich wusste es ja selbst nicht. Und wenn ich den Alten gefragt habe, gab’s, zack, eins auf den Hinterkopf.“

„Die Lügen und Verschleierungsmanöver gehören zur Dynamik der Staatssicherheit“, sagt Harald Freyberger, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Greifswald. Er behandelt seit Jahren Töchter und Söhne ehemaliger MfS-Mitarbeiter und hat in der therapeutischen Arbeit immer wieder gesehen, welch massiven Schaden das Klima aus Kontrolle und Misstrauen angerichtet hat, mit dem diese Männer und Frauen aufgewachsen sind. „Weil die Arbeit des Vaters mit einem Tabu belegt war, konnten sie sich kein zusammenhängendes Bild von der Wirklichkeit machen. Sie wussten ja letztlich nicht, wen sie vor sich hatten. Und sie konnten nie sicher sein, ob das, was man ihnen erzählte, stimmte oder nicht. Unter dieser grundlegenden Verunsicherung leiden viele bis heute.“

Anna Warnke, 39, brauchte Jahre, um sich einzugestehen, dass die Ursachen ihrer durch nichts zu dämpfenden Eifersucht in ihrer Kindheit zu suchen sind. Der Gedanke, dass es einen Zusammenhang zur Arbeit ihres Vaters geben könnte, war ihr nie gekommen. Schließlich war er für sie immer nur der Wissenschaftler gewesen, der als Professor an der Berliner Humboldt Universität lehrte. Tatsächlich aber diente Hermann Warnke zugleich dem MfS als „Offizier im besonderen Einsatz“, gehörte also zu jener Gruppe hauptamtlicher Mitarbeiter, die die Stasi – verdeckt – auf wichtigen gesellschaftlichen Positionen einsetzte. Sein zweites Dienstverhältnis durfte unter keinen Umständen bekannt werden.

Als Kind leidet Anna unter dem Schweigen, das ihr Zuhause umgibt. Sie spürt, dass man ihr etwas vorenthält. Dass es ein Geheimnis gibt, an das sie nicht rühren darf. Einen doppelten Boden, vielleicht sogar mehrere. Jahrzehnte später gelingt es ihr mit Hilfe eines Psychologen, sich dieses Gefühl wieder ins Bewusstsein zu rufen. Bilder und konkrete Erinnerungen an früher fehlen ihr aber noch immer fast völlig, so sehr sie sich auch darum bemüht: Das zweifache Tabu, das einst ihr Familienleben bestimmte, hat sie verschluckt.

Bis vor kurzem war es auch noch mächtig genug, Anna daran zu hindern, „eins und eins zusammenzuzählen“, wie sie es nennt. Erst in der Therapie fand sie den Mut, bei Google den Namen des Vaters einzugeben und dann zu lesen, was sie eigentlich schon wusste: dass er Offizier der Staatssicherheit war. Worin seine Arbeit bestand und ob er anderen damit bewusst geschadet hat, weiß sie bis heute nicht.

Vera Lengsfeld ist 17, als ihr durch Zufall der Dienstausweis ihres Vaters in die Hände fällt. Ein Schock, den sie mit niemandem zu teilen wagt, schon gar nicht mit den Eltern. „Meine Schwester und ich wurden so erzogen, dass wir keine Fragen stellen und mit dem zufrieden sein sollten, was man uns sagte“, erzählt die heute 60-Jährige.

Solange die Kinder klein sind, funktioniert das in den meisten Familien noch gut. Mit Beginn der Pubertät aber bekommt das System oft die ersten Risse: Die Jugendlichen fangen an, Fragen zu stellen, verlieben sich, hören Musik aus dem Westen, schwänzen die Mai-Demonstration oder weigern sich, am Wehrkundeunterricht teilzunehmen. Viele Väter reagieren darauf mit Verboten und Strafen, viele auch mit Gewalt. Denn wenn sich Sohn oder Tochter nicht staatskonform verhalten, zieht das auch ihre eigene politische Loyalität in Zweifel. Der Feind, das kann eben auch der eigene Sohn sein.

Es braucht nicht viel, um als Stasi-Offizier vor der Entscheidung zwischen Kind und Karriere zu stehen. Viele entscheiden sich gegen ihre Kinder, verraten sie in vorauseilendem Gehorsam oft sogar noch bevor sie dienstlich Schwierigkeiten bekommen. Zeugnisse dieser Art finden sich in den Akten zu Hunderten; welche Dramen innerhalb der Familien dahinter stehen, lässt sich nur erahnen: „Aus einem Gespräch meiner Ehefrau mit meiner Tochter Ulrike wurde Folgendes bekannt“, beginnt zum Beispiel ein Oberst sein Schreiben an die nächsthöhere Dienststelle, um dann ausführlich den „Personenkreis“ zu schildern, mit dem Ulrike Umgang hat, darunter auch „Musiker“, die ein „illegales Jazzfest“ veranstaltet hätten.

In einem anderen Dokument versichert ein Hauptmann, sein Sohn sei „jetzt endgültig gewillt, ... sein zum Teil labiles Verhalten in allen Fragen grundlegend zu ändern. Ihm wurde ... bewusst, dass er seinen Bekanntenkreis, oben genannt, abbauen und lösen wird.“ Und ein Generalmajor meldet diensteifrig die illegale Ausreise seiner Tochter Grit: „Wir beide – auch meine Frau – verurteilen diesen Schritt des Verrats an unserem Staat.“ Die „Konsequenzen“ dieser Angelegenheit müsse er seiner Frau jedoch „schonend klarmachen, da es für uns nur eine endgültige Trennung oder für mich eine Entlassung aus dem MfS geben kann“.

Als Vera Lengsfeld sich in den Sohn des jugoslawischen Handelsattachés verliebt, ahnt sie nicht, dass diese Beziehung eigentlich für sie verboten ist. Eines Abends wird das junge Paar von der Volkspolizei aufgegriffen: Vera hat ihren Ausweis vergessen und muss mit aufs Revier. Nachdem dort auch die Identität ihres Vaters festgestellt wurde, bestehen die Beamten darauf, sie nach Hause zu bringen.

Es ist schon spät, Franz Lengsfeld öffnet die Tür im Schlafanzug. „Genosse Major“, sagt einer der Polizisten, „Ihre Tochter wurde mit einem kapitalistischen Element aufgegriffen.“ Diesmal würde man noch ein Auge zudrücken, wenn so etwas aber noch einmal vorkäme, hätte das Konsequenzen für ihn. Den Ausdruck im Gesicht ihres Vaters werde sie nie vergessen, sagt Vera Lengsfeld über vierzig Jahre danach: „Es war nackte Angst.“ Major Lengsfeld sagt nichts und stellt keine Fragen. Als die Polizisten gegangen sind, dreht er sich zu Vera um und schlägt zu. Hart und mit dem Zorn des erlittenen Schreckens. Bis sie das Bewusstsein verliert.

Die Prügel verzeiht sie ihm schon damals, so eindrücklich ist ihr die Angst des sonst so selbstbewussten Mannes. Politisch aber vertieft sich der Graben zwischen Vater und Tochter immer weiter und wird schließlich unüberwindlich, als Vera in die Friedensbewegung geht und eine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen der DDR wird.

Einige Jahre später aber kommen Franz Lengsfeld selber Zweifel am System – nicht zuletzt durch die Art, wie der Staat, an den er sein Leben lang geglaubt hat, mit seiner „kriminellen“ Tochter umgeht. „Ich habe große Hochachtung davor, dass er noch deutlich vor dem Mauerfall den Mut hatte, sich zu distanzieren und über die eigene Verantwortung nachzudenken“, sagt Vera Lengsfeld. „Im Sommer 1989 haben wir uns versöhnt.“ Über die Schwierigkeiten, die er ihretwegen hatte, seine Strafpensionierung, den Rauswurf aus der Wohnung in Lichtenberg, verliert er kein Wort. Vera erfährt von alledem erst viel später – aus ihrer eigenen Stasi-Akte.

Eine Versöhnung wie diese ist selten. In vielen Familien setzt sich das Schweigen auch nach dem Mauerfall fort, und die inzwischen erwachsenen Kinder bleiben mit ihren Fragen allein. Dabei ist es meist gar nicht die Stasi-Tätigkeit selbst, mit der sie hadern. Viel schmerzlicher ist, dass die Eltern ihnen ein wirkliches Gespräch verweigern. Viele bis heute.

Die öffentliche Debatte über die Stasi macht es den Töchtern und Söhnen der ehemaligen Hauptamtlichen zusätzlich schwer, sich zu ihrer Familie zu bekennen – vor allem dann, wenn sie zu DDR-Zeiten nicht mit ihr oder dem System in Konflikt geraten sind und auch heute noch loyal zu Vater und Mutter stehen. Das Brandmal Stasi tragen eben auch jene, die sich gar nicht selbst für diese Arbeit entschieden haben. Sippenhaft. Auch 23 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Die Kinder von damals sind längst erwachsen, viele haben selber schon Kinder und Enkel. Das MfS ist seit über zwanzig Jahren Geschichte. Die Folgen seiner Eingriffe in die innersten familiären Beziehungen aber wirken bis heute nach.

* Bis auf Vera Lengsfeld wurden alle Namen geändert.

Ruth Hoffmann: „Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat“, erschienen bei Propyläen. 320 Seiten, 19,99 EUR.

Die TV-Dokumentation der Autorin und des Filmemacher Thomas Grimm „Stasikinder. Mein Vater war beim MfS“ ist auf DVD erschienen und kann unter www.zeitzeugen-tv.com bestellt werden.