Gräber für die Ewigkeit

> Ruth Hoffmann

Die Zeit, 29. November 2007
Der jüdische Friedhof in Hamburg soll Weltkulturerbe werden. Seit dieser Woche ist er wieder öffentlich zugänglich


Schätze müssen vergraben sein oder zumindest versunken auf dem Grund eines Meeres. Erst dann bekommen sie offenbar ihren Wert. Wenn sie einfach offen daliegen und still vor sich hinfunkeln, werden sie übersehen. Hamburgs ältester, 1611 gegründeter jüdischer Friedhof ist so ein unbemerkter Schatz.

Dabei zählt er zu den weltweit bedeutendsten Zeugnissen jüdischen Lebens: Nur 500 Meter von der Reeperbahn entfernt finden sich Grabkunstwerke aus drei Jahrhunderten auf Deutschlands größtem frei stehenden Marmorfeld. Angehörige berühmter Familien wie Heine, Guggenheim, Mendelssohn und Warburg wurden hier bestattet. Große Gelehrte, deren Werke bis heute in den Talmudschulen der Welt studiert werden, fanden hier ihre letzte Ruhe.

Jetzt ist der Schatz endlich geborgen: In jahrelanger Kleinarbeit haben Wissenschaftler die gut 6600 erhalten gebliebenen Steine fotografiert, katalogisiert, entziffert und übersetzt. Chemiker, Restauratoren, Denkmalschützer und Natursteinexperten haben versunkene oder von Moosen und Flechten überwucherte Steine vorsichtig freigelegt, gereinigt und konserviert; Bruchstellen verglichen, Grabmäler zurück in die Senkrechte gewuchtet und Tausende Fragmente zusammengesetzt. Finanziert wurde das Projekt unter anderem von der Stiftung Denkmalpflege, der ZEIT- und der Reemtsma-Stiftung.

Als der Friedhof 1869 geschlossen wurde, standen und lagen dort etwa 8000 Steine. Nazizeit und Krieg überstanden die meisten erstaunlich gut. Die schlimmsten, zum Teil irreparablen Schäden entstanden erst später durch Luftverschmutzung, Vandalismus und vor allem jahrzehntelange Vernachlässigung.

Dabei sind die Restaurierung und die Erforschung eines jüdischen Friedhofs ohnehin mühselig genug: Die Totenruhe, fordert das jüdische Recht, müsse unter allen Umständen gewahrt, der Friedhof »auf Ewigkeit« erhalten bleiben. Nur wenn die Gräber nicht angetastet werden, können die Toten eines Tages wiederauferstehen. Mit Georadar- und Ultraschallgeräten suchten die Forscher darum nach verschütteten Gräbern der Spaten war tabu.

Unter diesen Umständen wird jedes Steinchen zur sorgsam gehüteten Kostbarkeit. Denn irgendwann, so die Hoffnung der geduldigen Sucher, wird sich ihr ursprünglicher Zusammenhang wiederherstellen lassen. Wie beim Stein für Fromet Guggenheim (1737 bis 1812), Witwe des Philosophen Moses Mendelssohn. Ihr Grabmal galt als verschollen, bis man seine Bruchstücke wiederfand. Durch vorsichtiges Kratzen konnten die Forscher direkt an der Friedhofsmauer 16 komplette Grabplatten freilegen. Darunter die des portugiesischen Rabbiners David Cohen de Lara, dem bedeutendsten Philologen des 17. Jahrhunderts. Von anderen Gräbern, wie zum Beispiel dem von Heinrich Heines Vater Samson, fehlt bis heute jede Spur.

»Mit den Fotos und den transkribierten Inschriften haben wir jetzt eine Zweitüberlieferung, die hoffentlich sogar haltbarer ist als die Steine selbst«, sagt der Projektleiter Michael Brocke, Direktor des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte in Duisburg. »Es ist eine riesige Quellensammlung, die jetzt für weitere Forschungen zur Verfügung steht.« Sie dokumentiert das Leben einer jüdischen Gemeinde, die Mitte des 19. Jahrhunderts zur größten des Deutschen Reichs anwuchs. Und eine Zeit, in der Juden maßgeblich zum Wohlstand und zur Kultur Deutschlands beitrugen, eine Blütezeit jüdischer Gelehrsamkeit, Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Eine Zeit vor der Shoah.

Das Gelände wirkt wie zweigeteilt: Ein großes Feld aufrecht stehender Steinreihen umgibt ein kleineres mit liegenden Grabplatten, Sarkophagen und an Zelte erinnernden Marmorgräbern. Tatsächlich hat es hier früher einmal zwei Friedhöfe gegeben, getrennt durch eine hohe Mauer. Auf dem einen beerdigten die Aschkenasen genannten deutschen Juden ihre Toten, auf dem anderen die von der Iberischen Halbinsel stammenden Sefarden.

»Dass die beiden so nah beieinander liegen ist sehr ungewöhnlich, denn so richtig gemocht haben sich die beiden Gruppen nicht«, sagt der Sprachwissenschaftler Michael Studemund-Halévy, der im Auftrag des Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden die sefardischen Gräber erforscht hat. »Allein dieses Nebeneinander liefert schon unendlich viel Stoff für die Wissenschaft.« Es war eine erzwungene Nachbarschaft: Juden durften ihre Toten nicht innerhalb der Hamburger Stadtgrenzen begraben. Nur im benachbarten, liberaleren Altona gelang es Aschkenasen und Sefarden, »auf Ewigkeit« ein Stück Land zu erwerben.

Die ersten Sefarden, die Ende des 16. Jahrhunderts nach Hamburg kamen, waren Nachkommen zwangsgetaufter Juden, die die Inquisition aus ihrer Heimat vertrieben hatte. Religionsfreiheit gewährte ihnen die Hansestadt zwar nicht, dafür aber gute Handelsbedingungen und Bleiberecht aus kaufmännischem Kalkül: Unter ihnen waren viele reiche Kaufleute mit internationalen Beziehungen, von denen sich der Rat satte Gewinne versprach, vor allem beim Import kostbarer Gewürze, Tabak und Zucker.

Die orthodoxen, traditionell-religiös gebildeten Aschkenasen, die zur selben Zeit versuchten, sich in der aufstrebenden Hafenstadt niederzulassen, hatten es da deutlich schwerer: Als Gelehrte, Pfandleiher und Kleinhändler spielten sie für Hamburgs Wirtschaft kaum eine Rolle und waren daher ständig von der Ausweisung bedroht. Die meisten zogen nach Altona. Nur wenigen gelang es, auf Dauer in Hamburg Fuß zu fassen oft als Dienstboten der Sefarden, von denen sie abfällig Tudescos genannt wurden.

Auf den Grabsteinen spiegeln sich die Lebenswelten der ungleichen Glaubensbrüder wider: Die aufrecht stehenden Steine der Aschkenasen sind schlicht und traditionell gestaltet. Fast alle sind ausschließlich hebräisch beschriftet, und nur auf wenigen finden sich kleine Bildreliefs. Die Grabplatten und Sarkophage der Sefarden hingegen wurden aufwendig mit Ornamenten, Familienwappen und Figuren verziert. Kostbare Materialien wie Basalt und Carrara-Marmor zeugen vom Wohlstand der Auftraggeber. »Zugespitzt«, sagt Studemund-Halévy, »liegen hier die frommen Armen neben Grandezza und Hoheiten.«

Ergiebig sind die Steine auch als Quelle der Mentalitätsgeschichte. »Alles, was im Judentum diskutiert wurde und sich verändert hat, findet sich auch in der Grabkunst und den Inschriften wieder«, erklärt Brocke. »Man muss aber sehr genau hinsehen. Es sind oft nur ganz kleine, allmähliche Veränderungen.« So ist etwa in den Grabtexten des 18. Jahrhunderts zunehmend vom Aufstieg der Seele in den Himmel die Rede, während die älteren Inschriften noch die traditionelle jüdische Hoffnung auf Auferstehung betonen.
»Oft entdecken wir zwischen all den formelhaften Sätzen auch individuelle, persönliche Spuren«, erzählt Brocke. Wie beim Grab des kleinen Mädchens, dem offenkundig sein gelehrter Vater, der Arzt Mordechai Schnaber-Levison, die hebräische Inschrift schrieb: »Als du mich mein Vater riefest, meine schöne, reine Tochter, da warst du die Sonne meines Herzens, doch nun bin ich in Not.«

In der Regel aber sind die Texte nicht so leicht zu deuten zu kunstvoll verwoben die Verfasser Zitate aus Talmud und Tora mit dem Lob der Verstorbenen und Anspielungen auf deren Namen. Buchstabenrätsel und Wortspiele erschweren das Verständnis zusätzlich. Oft ergibt sich nur mit Hilfe anderer Quellen ein Sinn.

Anders als ihre seit Generationen im Judentum verwurzelten deutschen Glaubensbrüder kehrten die Sefarden erst in der neuen Heimat zum Glauben ihrer Väter zurück. Auf ihren Gräbern entfaltete sich eine überbordende Bilder- und Formenwelt, die für jüdische Kunst eher untypisch ist: Allegorien, Vögel, Lämmer, weinende Engel, Sanduhren, Totenköpfe mit verschränkten Knochen.

»Erstaunlich daran ist, dass es sich zum Teil um christliche Motive und Symbole handelt«, sagt Studemund-Halévy. Zugleich aber betonen die sefardischen Gräber das entschiedene Bekenntnis zum Judentum: Neben der portugiesischen gibt es fast immer auch eine hebräische Inschrift; detaillierte Reliefs zeigen die großen Legenden des Alten Testaments. Manche Gräber schmückt außerdem ein Stammbaum, der die Namen der Kinder des Verstorbenen trägt. Studemund-Halévy interpretiert sie als »Versprechen auf ein neues, jüdisches Leben«.

Diese Stammbäume tauchen nur auf Hamburger Gräbern auf ein rätselhafter Befund, zumal sich die meisten Motive sefardischer Grabkunst überall dort wiederfinden, wo die portugiesischen Juden gelebt haben. Durch Handel und Familienbande waren sie auf der ganzen Welt zu Hause. Selbst in der Karibik finden sich Gräber, die denen in Hamburg verblüffend ähnlich sehen. »Anhand ihrer Friedhöfe können wir erkennen, dass die Sefarden ein globales Netzwerk bildeten«, sagt Studemund-Halévy. »Die Gräber sind das steinerne Archiv ihrer Migrationsgeschichte.«

Brocke und Studemund-Halévy haben beantragt, den Friedhof zusammen mit den Grabfeldern in Amsterdam und Curaçao ins Unesco-Weltkulturerbe aufzunehmen. Zwischen den drei Gemeinden gab es enge familiäre, kulturelle und wirtschaftliche Kontakte. »Die Grabinschrift für Cohen de Lara haben wir in der Manuskriptsammlung eines Amsterdamer Rabbiners gefunden«, sagt Studemund-Halévy. »Etliche Familien sind über alle drei Friedhöfe verstreut.« Die Stadt Hamburg unterstützt den Antrag, bewirbt sich aber auch mit dem Chilehaus, einem Kontorbau aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhundert.

In dieser Woche wird der Friedhof, der zuvor nur im Rahmen von Führungen besucht werden konnte, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust und Karin Feingold von der Jüdischen Gemeinde weihen das neue, nach dem 1944 ermordeten Rabbiner Eduard Duckesz benannte Eingangsgebäude ein. Dort können sich Besucher über den Friedhof informieren und so den Blick schärfen für das Funkeln zwischen den ehrwürdigen Steinen.