Die eine und die andere Stille

> Dela Kienle

Geo Special „Baltikum“, August/September 2007
Sie teilen ihren Namen, ihre Geschichte, ihren Reiz, und nur 100 Kilometer liegen zwischen ihnen. Aber es ist eine Weltenreise vom lettischen bis ins litauische Nida.


NIDA, LETTLAND
Biruta Kerve liebt die Ruhe nach dem Sturm. Wenn der Wind nicht mehr heult, nicht mehr an ihrer Holzkate rüttelt, wenn die Ostsee nicht mehr schäumt, dann stapft sie über die nahe Düne hinüber zum Strand. Auf Schatz- oder auf Müllsuche – für Biruta Kerve ist es dasselbe, denn was immer der Sturm für sie aus dem Meer spuckt, wird Teil ihrer surrealen Treibgut-Kunst. Zahnbürsten hat sie gefunden und auf Planken zu Blumenmustern genagelt, angetriebene Badeschlappen am Hühnerstall in Reih und Glied gehängt. In ihren Bäumen wachsen Bojen wie übergroße Orangen, und von der Wand ihres Häuschens sprießen Schiffslautsprecher.
Biruta Kerve lebt in Nida, dem südlichsten Küstendorf Lettlands. Nur selten nehmen Touristen zufällig die Abzweigung dorthin; fahren über eine kilometerlange Schotterstraße, vorbei an knorrigen Weiden und Kanälen, in denen Biber Dämme gebaut haben, bis sie vor den Bojen-Orangen stehen. Es gibt in Nida kein Restaurant, keinen Sonnenstuhlverleih, nicht einmal einen Krämer. Es gibt nur das Meer, einige Häuser und eben Biruta Kerve. Hat sie gute Laune, winkt sie ihre Zaungäste herein, damit sie einen Gruß ins Gästebuch schreiben. Lobt ein Fremder ihr Kunstwerk, lächelt sie, und ihre Goldzähne blitzen.
Zu Sowjetzeiten war Biruta Kerve Traktoristin. Damals lebten noch mehr als 100 Menschen in Nida, sie arbeiteten für die Kolchose. Mit Lettlands Unabhängigkeit kam die Pleite des Staatsbetriebs, nun sind nur noch sechs der verstreuten Häuser von Letten bewohnt. Ein gutes Dutzend der verlassenen Höfe haben wohlhabende Litauer gekauft. Im Sommer kommen sie über die nahe Grenze, legen sich an den leeren Strand und blicken auf die Ostsee hinaus; sie wandern und sammeln Beeren.
Biruta Kerve sammelt Treibgut, seit sie keine Arbeit mehr hat. Sogar ein Fernsehgerät hat sie am Strand gefunden. „Es funktionierte noch“, sagt sie. Doch längst hat es seinen Geist aufgegeben, und es herrscht wieder Stille. Nur die Ostsee rauscht. Biruta Kerve sitzt auf ihrer Bank vor der Kate und lauscht, die sommersprossigen Arme verschränkt. Ihre Skulpturen tanzen im Wind. Bis 2005 ist sie mit ihrem Mann auf Treibgutsuche gegangen, mit Juri. Seit er starb, ist sie allein. Aber Biruta Kerve, 63 Jahre alt, will nicht jammern. Und will auch nicht aus Nida fortziehen, „niemals“.

NIDA, LITAUEN
Etwa 100 Kilometer weiter südlich sitzen Birute Kumpaniene und ihr Mann Jurij vor ihrem Holzhaus, knabbern Erdnüsse und prosten mit zwei Bierkrügen. Auch sie wohnen in einem Fischerdorf namens Nida. In ihm aber leben über 1500 Menschen, und an der Mole schaukeln Segelyachten. Das Holz der alten Häuser ist frisch rotbraun gestrichen. Schwalben kurven über prächtigen Gärten, vor denen Touristen für ein Erinnerungsfoto posieren. Die Straßen sind neu gepflastert, im Restaurant Seklycia goutiert man Hummer und „Zander in exotischer Soße“, nippt an Montepulciano-Wein und Perrier. Satellitenschüsseln hängen an den alten Katen und viele Schilder: „Zimmer zu vermieten/Rooms to rent“.
Dieses zweite Nida liegt auf der Kurischen Nehrung; jener schmalen Landzunge, die sich 98 Kilometer entlang der Ostseeküste streckt, wie eine Sichel aus weißem Sand. Vor ihr wogt das offene Meer, in ihrem Windschutz glitzert das Haff, eine weite Bucht, in der sich das Süßwasser des Nemunas sammelt. Seit einigen Sommern ist die Kurische Nehrung ein baltisches Sylt. Jährlich zieht sie etwa 1,5 Millionen Gäste an, einen Großteil davon aus Deutschland, wo Nida „Nidden“ genannt wird.
Birute Kumpaniene und ihr Mann Jurij hatten Glück: Noch in den letzten Sowjetjahren bekamen sie das damals baufällige Holzhäuschen zugeteilt, vor dem sie jetzt in der Abendsonne sitzen. Schon bald nach Litauens Unabhängigkeit begannen sie, Zimmer zu vermieten. Nur ein paar Schritte von ihrem Grundstück liegen Haff und Hafen, was die Gäste schnell zu schätzen wussten. Im Sommer war bald jedes Bett belegt. 2001 bauten die Eheleute daher ein zweites Haus in den Gemüsegarten, im alten Stil, aber mit Doppelglas-Fenstern, großen Bädern und einer Sauna. Und auch das hat sich schon gelohnt: Der Sohn kann in Vilnius Jura studieren, und die Eltern haben sich, mit Mitte 40, zum ersten Mal eine Auslandsreise gegönnt, nach Venedig, Florenz, Rom und Capri.
Inzwischen aber darf kein Neubau mehr auf der litauischen Nehrung errichtet werden, ein Sieg des Umweltschutzes. Die Immobilienpreise sind auf bis zu 5000 Euro pro Quadratmeter geklettert. Die Einheimischen müssen zusammenrücken. Selbst auf Garagen setzen sie winzige Wohnungen, und den zu Sowjetzeiten erbauten Betonklötzen stülpen sie Spitzdächer über wie Pudelmützen.
Dass es auch in Lettland ein Nida gibt, wissen im erfolgreichen Nida nur wenige. Und niemand kann sagen, woher die beiden Dörfer ihren Namen haben. Möglicherweise leitet er sich von dem Sanskrit-Wort „nedati“ ab, das „fließt“ bedeutet.
Wenn ja, ist das Leben in ihnen in sehr unterschiedliche Richtung geflossen. Auch das Nida auf der Kurischen Nehrung war einmal ein armes Dorf. Bewohnt von Litauern, Kuren und Deutschen, die auf flachen Kähnen im Haff fischten und die sogar Krähen verspeisten. Wanderdünen verschluckten mehr als ein Dutzend Nehrungsdörfer; auch Nida. 1730 wurde es zum zweiten Mal erbaut.
Doch dann, im 19. Jahrhundert, wurden die Dünen mit Kiefern- und Strandhaferpflanzungen gezähmt, die Sommerfrische am Meer kam in Mode, Dampfer brachten Urlauber vom preußischen Festland heran. Sie kamen auch dann noch, als die nördliche Nehrung 1923 von Ostpreußen an Litauen fiel. Maler wie Max Pechstein verewigten die wüstenartige Dünenlandschaft und die stillen Kiefernwälder von Nida. Thomas Mann kam, schwärmte und baute ein Ferienhaus, durch das sich nun täglich bis zu 1000 Touristen schieben.

NIDA, LETTLAND
Das lettische Nida verschlief jene Jahrzehnte, in denen aus vielen Fischerdörfern entlang der Ostseeküste Badeorte wurden. Nur etwa 20 Strandkilometer weiter südlich, jenseits der Grenze, wuchs heran, was mittlerweile einer der drei größten Urlauberorte des Baltikums ist: das litauische Palanga. An dessen Strand stehen Erlebnisrutschen, Hüpfburgen und Umkleidekabinen, halb Litauen scheint dort die Sommerferien zu verbringen. Noch mehr als durch den Aufstieg des Nachbarorts ist das kleine Nida aber durch die Sowjetarmee in jene Windstille geraten, in der es bis heute verharrt.
Denn während des Kalten Krieges war der Strand des Örtchens gesperrt. Zur nahen schwedischen Insel Gotland sollte niemand flüchten können, ein Armeestützpunkt lag in der Nähe, Wachtürme reihten sich am Wasser, im Wald waren nach Westen gerichtete Raketenabschussrampen versteckt. Täglich pflügten Soldaten schnurgerade Furchen in Nidas weißen Strand, um jeden Schritt eines Fluchtwilligen – oder eines womöglich angelandeten Spions – bei ihren Patrouillen sofort entdecken zu können.
„Uns haben sie nur einen schmalen Streifen zum Baden gelassen, gleich bei der alten Schule“, sagt Janis Liparts. „Unsere Ruderboote haben sie mit Äxten in Stücke gehauen. Alle in meiner Familie waren Fischer, und nun durfte niemand mehr zur See!“ Janis Liparts hat gefeiert, als die Soldaten abzogen. Und hat sich einen Wunsch erfüllt: Hinter dem Holzhaus liegt sein Boot im Gras. Damit fährt der 71-Jährige wieder auf die Ostsee hinaus, um Scholle und Hering zu fangen.

NIDA, LITAUEN
Auch auf der Kurischen Nehrung war nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst nicht mehr an Tourismus zu denken. „Überall waren Soldaten, die Einwohner fast alle geflohen“, erinnert sich Christel Tepperis. Sie war eine der wenigen Deutschen, die blieben. Zu lange hatte sich der Onkel, bei dem sie lebte, geweigert zu fliehen. „Er war sehr störrisch.“ Als er nachgab, waren die letzten Schiffe in den Westen abgefahren. Christel Tepperis hat gehungert im Nachkriegs-Nida. Nur langsam wurden wieder Zivilisten angesiedelt, Russen und Litauer zogen in die verlassenen Häuser der Deutschen; Bauern, die von ihren Höfen vertrieben worden waren und die nun lernten, im Haff zu fischen.
Christel Tepperis schuftete in einer Bäckerei, von vier Uhr morgens bis nachts um eins, und war so dünn, dass sie oft in Ohnmacht fiel. Später arbeitete sie in der neuen Fischfabrik, wo Berge von Butt, Flunder und Aal geputzt und geräuchert wurden; Nida qualmte und stank.
In den 1960er Jahren wurden wieder erste Hotels gebaut, in denen Nomenklatura und Arbeiter mit Bezugsschein ihre Ferien verbringen durften. Mehrere Familien hatten sich ein Zimmer zu teilen, noch mehr Familien eine Dusche. Und etwa im Hotel Jurate, wo Christel Tepperis schließlich bis zu ihrer Verrentung arbeitete, wurden schon bald 1200 Menschen gleichzeitig abgefüttert. „Das war ein echter Massenbetrieb!“
Die ersten ostpreußischen Heimwehtouristen trafen bald nach der Unabhängigkeit Litauens in Nida ein. Christel Tepperis, geborene Sakuth, lernte wieder Deutsch und begann, Zimmer zu vermieten. „Ich war Christels Pensionsgast“, erzählt ihr Ehemann Heinz, in Kiel geboren, die Eltern aus Ostpreußen stammend. Und
ergänzt: „Wir haben uns kennengelernt wie in einem Sonntagsfilm im Zweiten.“ Christel Tepperis, bald 70 Jahre alt, trägt ein pinkfarbenes Twinset und Bernsteinohrringe. Es geht ihr nun gut – wie vielen Menschen im litauischen Nida.

NIDA, LETTLAND
Eine Elchkuh und ihr Kalb treten zwischen den Kiefern hervor. „Elche haben wir in Massen“, sagt Ints Mednis ungerührt. Auch Wolfsrudel und Luchse leben in den Wäldern beim lettischen Nida. Dass die Gegend ein halbes Jahrhundert lang Sperrzone war, hat sie zu einem Wildnisrefugium gemacht. Damit sie es bleibt, finanziert der World Wildlife Fund ein Naturschutz-Projekt. Ints Mednis, 32, ist im Jeep unterwegs, um das Gebiet um Pape und Nida zu
kontrollieren.
Über 270 Vogelarten haben die Naturschützer gezählt, darunter gefährdete Schelladler, Wachtelkönige, Doppelschnepfen und Zwerggänse. Schätzungsweise fünf Millionen Vögel flattern im Frühjahr über den Pape-See nach Norden und im Herbst wieder zurück, wenn das Nida-Moor vor Moosbeeren rot leuchtet. Nur wenige Schritte von diesem Moor schlagen die Wellen der Ostsee an den Strand; auch der Pape-See liegt nur ein paar Gehminuten vom Meer entfernt. Süß- und Salzwasser sind einander so nah, dass die jeweils dafür typischen Tiere und Pflanzen hier fast in Koexistenz leben. Lichte Wälder grenzen an Küstenlagunen, Feuchtwiesen
an Wanderdünen.
Am Waldrand nahe der Schotterpiste sichtet Mednis die Wildpferde, die von WWF-Mitarbeitern 1999 im Schutzgebiet freigelassen wurden. Die Herde soll, wie ein Vogelbeobachtungsturm und ein Waldlehrpfad, naturverliebte Urlauber anlocken. „Wir wollen nicht, dass hier eines Tages alles voller Ferienbungalows steht“, sagt Mednis. Doch das Geld für das WWF-Projekt ist knapp. Und die Konkurrenz um Gäste, die gern zelten, um sich morgens von Vogelstimmen wecken zu lassen, ist groß. Es gibt an der baltischen Küste vielerorts ähnlich wilde Schönheit wie um Nida.
Deshalb stecken viele der „Zu verkaufen“-Schilder schon so lange vor Nidas verlassenen Holzkaten. Die Treibgutkünstlerin Biruta Kerve hat im vergangenen Winter einen orangefarbenen Ölanzug aus den Dünen gezogen, hat ihn ausgestopft, hat ihm einen Fußball
als Kopf aufgesetzt und dem Kopf eine Taucherbrille. So hat sie die Gestalt in ihren Garten gestellt: seit Jahren Nidas erster echter Neubürger