Bahnhof Zoo, Abstellgleis

> Dela Kienle

NEON, 10/2004

Was Drogen anrichten können, lernte eine ganze Generation anhand des Buches "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Gut 25 Jahre nach der Geschichte von Christiane F. ist der Bahnhof in Berlin modern, clean, gepflegt. Die Szene versteckt sich am Hinterausgang. Am Elend des Einzelnen hat sich nichts geändert.

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Wie Erbsen sehen sie aus, die drei kleinen grünen Kugeln, die Rick* in seiner verschwitzten Hand umklammert. Wie Erbsen – nicht wie Abhängigkeit und langsamer Tod. Die Dealer Berlins zwirbeln das Heroin neuerdings in farbige Plastikfetzen ein. Droht eine Kontrolle, kann Rick die Kugeln im Mund verschwinden lassen. Mit den Heroin-Briefchen, die Christiane F. hier vor gut 25 Jahren gekauft hat, wäre das nicht gegangen. Dann hätten die Bullen sie wohl wieder wegen Drogenbesitzes aufs Revier gebracht, “Mädchen, du bist doch erst 14” gemurmelt und sie nach ein paar Stunden wieder freigelassen: zurück zur Szene, zurück auf den Strich, zurück zur Jagd nach Dope. Vieles hat sich seitdem geändert am Bahnhof Zoo – das Elend des Einzelnen ist gleich geblieben.

Rick zieht umständlich ein Portemonnaie aus der Jeans und verstaut die Heroinkugeln darin. Die Jeans schlabbert, weil er abgenommen hat. In den graugrünen Augen tanzen winzige Pupillen, er lehnt an der Bahnhofsmauer, Jebensstraße, Ecke Hertzallee, über ihm donnern die Züge. Rick ist breit: Vor kaum einer Viertelstunde hat er sich die vierte Heroinkugel gespritzt; nichts Besonderes für ihn, er macht das seit neun Jahren, seit er 15 ist. “Ich hab’s bei anderen gesehen”, sagt er. “Warum machen die das, hab ich mich gefragt. Das muss ein tierisch geiles Gefühl sein, wenn die wirklich alles tun für den nächsten Druck.” Also hat er es auch probiert. “Zusammen mit Andre. Der ist jetzt tot.”

Vielleicht hätte es Ricks Kumpel damit früher in die Boulevardpresse gebracht, unfreiwillig natürlich, halb nackt abgelichtet in einem Bahnhofsklo. So hat Christiane F. erfahren, dass ihre große Liebe Atze gestorben war, und Axel, und Babsi als damals jüngste Drogentote Deutschlands (B.Z.: “Sie war erst 14”). Heute interessiert das kaum. 8000 Junkies gibt es allein in Berlin, bundesweit sterben rund drei Mal so viele Menschen an Drogen wie 1978. Aber die Szene ist unauffälliger geworden, hat sich ins Private zurückgezogen. Vergleichsweise wenige hängen hier noch am Zoo ab, in der Jebensstraße, wie Rick.

Die Jebensstraße, gleich hinten raus, ist das Refugium aller, die im schönen neuen Hauptstadt-Bahnhof nicht erwünscht sind. ICEs fahren dort ein wie futuristische weiße Lindwürmer. Sie spucken Berlinreisende aus, die Richtung Abenteuer Großstadt eilen. Vielleicht stärken sie sich noch am Frischsaftstand oder mit einem Deluxe-Sandwich aus der Bahnhofshalle. Früher gab”s hier bloß senfgelbe Kacheln, Schließfächer – und Elend. “Es war ein ungeheuer mieser Bahnhof”, beschreibt ihn Christiane F. “Da lagen Penner in ihrer Kotze, überall hingen Besoffene rum”, es stank nach Pisse und Desinfektionsmittel. Ihr Buch und der Film haben den Zoo berühmt gemacht. Eine ganze Generation ist so – pädagogisch wertvoll – erstmals mit Drogen in Berührung gekommen, hat schlecht geschlafen, weil die Bilder im Traum zurückkehrten von den verklebten Spritzen und von Christiane, die sich beim Entzug im Erbrochenen windet. Abschreckend war das, ja. Und trotzdem faszinierend. Anfang der 80er spazierten Schulklassen und westdeutsche Kegelclubs durchs Bahnhofselend, weil sie auch mal Junkies und Stricher sehen wollten.

Mit dem Gruseltourismus ist es heute vorbei. Dafür sorgen die patrouillierenden “Rotkäppchen”, Wachleute, denen die Bahn rote Baskenmützen aufgesetzt hat. Sie haben sich die Gesichter von Rick und den anderen gemerkt, sie mahnen, erteilen Hausverbot. Und wenn sie schlecht drauf sind, marschieren sie die Jebensstraße auf und ab, weil der Gehweg ja auch zum Bahnhof gehört – “Also haut bloß ab!”.

Michi haben sie heute in Ruhe gelassen. Er steht am Hinterausgang, Ecke Hardenbergstraße, mit den anderen Strichern, schmächtig, blass, ein Piercing über dem Auge. Mädchen gehen in der Kurfürstenstraße anschaffen, am Bahnhof Zoo stehen seit langem nur Jungs. Jugendliche. Von 15 bis Anfang 20. Kommen mal Jüngere an, kleine Ausreißer mit Abenteuerlust, gabeln Vermittler sie auf: Streetworker vermuten, dass diese die Kleinen direkt zu gut zahlenden Pädophilenkreisen bringen. Auf dem offenen Strich tauchen sie erst zwei, drei Jahre später auf, wenn Bart und Schamhaare sprießen und die Seelen kaputt sind.

Michi sagt, dass er lieber hier steht, als kriminell zu werden. Beim Klauen stelle er sich blöde an. 20 Jahre ist er alt, machte in Süddeutschland eine Ausbildung zum Koch, als er zu kiffen anfing und anderen Kram probierte. Jetzt raucht er Heroin, braucht dafür 50 Euro am Tag. Ausgerechnet Christiane F.s Leidensgeschichte habe ihn auf die Idee gebracht, zum Bahnhof Zoo zu kommen. “Das Buch animiert doch”, sagt er. “Es hat sich so leicht angehört mit dem Anschaffen.”

Sein erstes Mal war im Tiergarten, vor drei Jahren. Seitdem ist Michi in Autos gestiegen, in Pensionen mitgegangen oder zu Freiern nach Hause, er hat seinen Körper verkauft in fünferlei Varianten, “Küssen, Runterholen, Französisch, Ficken und Geficktwerden”. Zum Glück könne er sich die Freier noch aussuchen, Sachen wie Anpinkeln lasse er nicht mit sich machen. “Ich hab zwei Grundsätze”, sagt er. “Die Vorauskasse. Und wenn der Typ kommt, soll er so abspritzen, dass ich das Zeug nicht in den Mund oder ins Gesicht bekomme. Die meisten halten sich dran.”

Gleich nach dem Mauerfall standen hier am Zoo noch massig Jungs, 30 oder 40 gleichzeitig. Die ganze Jebensstraße runter lehnten sie an der Mauer, sahen Edelkarossen und Rostlauben nach, die auf der Suche nach Frischfleisch ihre Runden drehten. Vergangene Zeiten. Ein Auto mit dem Nummernschild “B-OY” parkt zwar gerade vor Michi und seinen Kumpels – und das ist sicher kein Zufall. Prinzipiell haben die Jungs heute aber Handys, oder die Kontakte laufen übers Internet, diskret, ohne dass die Freier Kontrollen wie beim Straßenstrich fürchten müssten.

Auch Sexkinos sind in Berlin zum Treffpunkt geworden, gern waschechte Hetero-Schuppen. Dann können die Familienpapis unauffällig darin verschwinden und ihr zweites, schwules Ich ausleben. Bei “Beate Uhse” etwa, gleich links vom Bahnhof, lehnen bei den Videokabinen Halbwüchsige an der Bar. Gepflegt sind sie, tragen Markenklamotten. Aber wenn einer der Herren ihnen zublinzelt, gehen sie zu ihm, in die winzige Kabine, wo die Bildschirme flimmern und ein ausladender Ledersessel bereitsteht. Dann schließt sich die Tür.
Französisch für vielleicht zehn Euro.

Auch Michi schafft eigentlich lieber bei “Beate” an, aber momentan hat er Hausverbot. In der Jebensstraße lungern an diesem Nachmittag nur vier, fünf weitere Stricher herum. Am Zoo sind vor allem die geblieben, die harte Drogen nehmen. Schlimm ist, wenn die berauschende Wirkung nachlässt, wenn sie “’nen Affen schieben”, wenn Schmerz den Körper übermannt und die Gedanken nur noch um Rauschgift kreisen. Dann ist ihr fesches Grinsen weggewischt, dann ahnen die Freier, dass sie’s billig haben können. Französisch für vielleicht zehn Euro. Die Jungs haben keine Wahl.

Bei Rick hat die Wirkung des Heroins nachgelassen. Er ist nicht mehr so breit wie nach dem Schuss, aber irgendwie guter Dinge. Zeit auch für ihn, “wieder Geld zu machen”. Sozialhilfe bekommt er keine, einen Wohnsitz hat er nicht. Zur Zeit schläft er auf einer Isomatte in einer Obdachlosenunterkunft, mit dutzenden Männern in einem Saal. Seine Mutter im Ruhrgebiet, sagt er, die habe immer zu ihm gehalten, die würde ihm sicher Geld schicken. Aber er will das nicht, will keinen Kontakt mehr: “Ich hab sie zu oft enttäuscht.”

Rick hat schon allerlei gedreht, war mehrfach im Knast. Seit ein paar Monaten versucht er’s nun ehrlich mit dem Verkauf von Obdachlosenzeitungen, gerade auf Gleis 3, wo Pendler warten. “Wollen Sie die neue Motz?”, fragt er freundlich. Die Dame mit dem Pelzkragen schaut seine Zähne an, einer ist durch den Drogenkonsum ausgefallen, einer braun angefault. Sie schüttelt den Kopf, der Pferdeschwanz-Typ neben ihr auch, Rick flitzt weiter, das Gleis hoch und runter, und zwischen- drin lässt er Münzen in seine tiefe Jeanstasche klimpern. Kälte spürt man nicht auf Heroin, Wärme auch nicht. Im Übrigen träumt man auch nicht. Keine Träume – wobei trotzdem manchmal kleine Wunder geschehen. “Kürzlich hat mir einer 50 Euro geschenkt!”, erzählt Rick. “Boah, echt, das war ein Millionär. Der hat mir das Portemonnaie mit den Scheinen entgegengestreckt und gesagt: Hier, such dir einen aus!”

50 Euro – das ist am Zoo unendlich viel und gleichzeitig unendlich wenig. Eine Kugel Heroin kostet um die 10 Euro. Für einen Schuss brauchen die Junkies ein bis zwei Kugeln, das Ganze drei oder vier Mal am Tag. An ihrer Sucht verdienen in Berlin arabisch-kurdische Familien, die das Geschäft eisern beisammenhalten. Die Dealer spazieren nicht mehr mit ihrer Ware am Bahnhof herum, wie Christiane F. es gekannt hat – viel zu gefährlich. Wer kaufen will, muss bestimmte Handynummern anrufen. Dann wird er zu einer U-Bahn-Station bestellt, gern auf den Nord-Süd-Strecken der U8 und U9. Der Zug fährt ein, plötzlich steht einer da. Geldübergabe, Drogenübergabe, der Spuk dauert nur Sekunden.

Jenny will aufhören mit dem ganzen Kram, ausgerechnet hier, am Zoo. Bis vor kurzem war sie in Bielefeld und hart drauf in der Szene. Jetzt sitzt die 18-Jährige neben der Bahnhofstür auf einem Gitterrost, wo von unten warm-abgestandene Luft gepustet wird. Ihr weißer Schäferhund Murphy zittert, sie legt ihre Jacke um ihn. Dabei rutscht der Ärmel nach oben. Der ganze Arm ist verkrustet, rot-brauner Schrund, Kreuz-und-quer-Linien, mit denen sie sich selbst verstümmelt, sich selbst ins Fleisch schneidet, wenn der Frust zu groß wird, und die Gefühle irgendwo hinmüssen, irgendwo.

Neben ihr auf dem Gitter hockt Jon, aus einer Kleinstadt abgehauen. Er sagt, dass er mit 15 Mitglied einer satanistischen Sekte geworden sei, und als er mit 18 wieder aufhören wollte, hätten sie ihn überfallen und sein Gesicht aufgeschlitzt, als Warnung. Die Narbe ist halb verborgen unter dem Piratentuch, das er trägt, passend zum geheimnisvoll schwarzen Wallemantel. Und dann ist da noch Ira, vor vier Monaten abgehauen, mit Babyspeck-Wangen und gefährlich gemalten schwarzen Augenbrauen. “Am Anfang habe ich gedacht: endlich frei. Aber inzwischen fehlt es mir, irgendwo hinzugehören”, sagt sie leise. Und dass sie gern kifft und schon Speed gezogen hat und dass sie ohne Wodka-Cola nicht mehr einschlafen kann: “Sonst fällt mir mein ganzes Leben ein.”

Ira ist 17, noch minderjährig und hat gute Chancen, vom Bahnhof Zoo wieder wegzukommen. Das Jugendamt kennt sie, sie versucht nun, einen Platz in einer Wohngruppe zu ergattern. Je länger einer jedoch am Zoo ist und je abhängiger er wird, desto schwieriger kommt er da wieder raus. Bei Heroinsüchtigen, die Therapien machen, schafft es etwa jeder Dritte, auf Dauer clean zu bleiben. Immerhin gibt es heute mehr Therapieplätze als zu Christiane F.s Zeiten. Und die Methoden haben sich geändert: Damals hat man den Junkies in manchen Berliner Einrichtungen noch die Haare rasiert wie Sträflingen, sie mussten Toiletten mit Zahnbürsten putzen und wurden gedemütigt – weil die Sozialarbeit an die “Leidensdruck”-Theorie glaubte, dass man den Abhängigen noch tiefer in die Gosse treten müsse, bis er sich ändert.

Auch Spritzentausch galt damals als “suchtverlängernd” – und war damit politisch nicht gewollt. Also hat Christiane F. ihre Spritze wieder benutzt, hat sie mit Klowasser gereinigt, wenn an den Waschbecken zu viele Leute standen. Und zur Not wurde das verklebte Besteck eben mit Freunden geteilt. Vielleicht wär’s noch heute so, für Rick, für die anderen Junkies – doch dann kam Aids und das große Umdenken.

Am hinteren Ende der Jebensstraße parkt umständlich ein Campingbus. Hunde kläffen, ein Grüppchen Kids steht schon da. Als die Bustür sich öffnet, klettern sie hinein, rufen “Hey Katrin, hey Jeanine!” und “Ich hätt’ gern die tollen Cornflakes vom letzten Mal, aber mit viel Zucker.” Das ist Sozialarbeit heute, der Mobilix-Bus des “Fixpunkt”-Vereins. Vier Mal die Woche hält er am Zoo, es gibt Tee, Cornflakes, für 10 Cent belegte Vollkornstullen – oft die einzige Nahrung des Tages. Wer will, bekommt Beratung. Die anderen wissen zumindest, dass ihnen hier geholfen würde.

“Zwei Spritzen, zwei Mal Ascorbinsäure… Brauchst du auch Venencreme?” Katrin steht am Fenster des Busses, hat heute den Spritzenaustausch übernommen. Ein Junge mit Sonnenbrille lässt seine blutigen Nadeln in eine Klappe rutschen, sie reicht ihm neue heraus. Katrin ist selbst eins der Zoo-Kids. Keine Fixerin, nein, vor Spritzen habe sie Angst. “Ich find Drogen geil, die dich beleben. Die müssen im Kopf scheppern – und das mit der richtigen Musik.” Sie war in der Ausbildung zur Restaurantfachfrau, als es schlimm wurde mit den bunten Pillen. Zwei Entgiftungen hat sie gemacht, dann eine Therapie in Berlin. Da hat sie ihren damaligen Freund kennen gelernt, einen Junkie. Frisch aus der Therapie ist sie mit ihm am Zoo gelandet. Und es ging wieder los mit Ecstasy, LSD, Speed, Cannabis, dazu zwei Jahre ständig Prügel, “ich hab mich dann in die Ecke gekauert und gehofft, dass er das Gesicht nicht trifft.”

Katrin arbeitet jetzt regelmäßig im Bus, hilft den Sozialarbeitern, albert mit den Gästen herum. Seit drei Jahren gibt es das “Peer-Projekt”: Acht Jungs und Mädels aus der Szene sind derzeit eingebunden, erscheinen zu ihren Dienstzeiten, geben Insider-Wissen weiter, fühlen sich geschätzt und gebraucht. Katrin wird aber wohl bald eine Pause machen müssen: Sie ist im fünften Monat schwanger. Nicht von dem prügelnden Ex, sondern von dem Freund, der danach kam. Der habe ihr auch geholfen, mit den chemischen Drogen aufzuhören. Ein halbes Jahr sind die beiden damals aber auch anschaffen gegangen, “fürs Essen, Klamotten, den Hund, das Weggehen”. Auf der Kurfürstenstraße hat Katrin wie Christiane F. auf Freier gewartet. Nur tagsüber, sie sei ja nicht lebensmüde, und Sex gab’s nie im Auto, nur in Pensionen. “Manchmal war’s fast lustig, was die Typen für ’ne Scheiße erzählen: Ich lieb dich, ich hol dich hier raus!”, sagt sie und lacht.

In der Ecke am Campingbus-Tisch kauert Erik vor einem Teller Cornflakes. Große, dunkle Augen hat er, zurückgegelte Haare. Er stammt aus Kasachstan, ist Spätaussiedler. Mit zwölf ist er in ein unterfränkisches Dorf gezogen, ohne ein Wort Deutsch zu können. Die Hauptschulkameraden hätten ihn “wie ein Tier behandelt”. Erik spricht leise, starrt auf den Löffel, von dem die Milch in den Teller rinnt. Irgendwann habe er angefangen zu klauen und “Ecstasy zu schmeißen. Um vor den Mädchen cool zu sein.”

Seinen Eltern, die er liebt, wollte er den ständigen Ärger mit der Polizei ersparen. Mit 19 ist er abgehauen, am Bahnhof Zoo blieb er hängen. Sechs Jahre ist das her, seitdem ist er immer weiter abgerutscht. Der erste Schuss Heroin? Erik erinnert sich genau: “Du spürst ganz langsam, wie Wärme kommt, dann fängt alles an zu prickeln”, sagt er. “Es ist, als würden Flügel wachsen. Du fühlst dich dem Rest der Welt überlegen.” Aber das Gefühl habe sich geändert, sagt er. Schweigt. “Es macht keinen Spaß mehr, die Flügel sind weg. Nicht du bestimmst das Zeug, das Zeug bestimmt dich. Mich kotzt das alles so an.”

Von Christiane F. hat Erik nichts gehört, er sagt, er habe noch nie ein Buch gelesen. Aber im Mobilix-Bus setzt großes Gejohle ein, wenn man ihren Namen erwähnt. “Klar kennen wir die!”, sagt einer. “Ich hab den Film gesehen!” “Ich bin ihr sogar vorgestellt worden, da hing sie vorn an den Busbuchten mit “nem Bekannten von mir ab”, sagt ein anderer. “Meine Ex hat sich noch im letzten Sommer mit ihr einen Schuss gesetzt”, behauptet ein Dritter. Wer in alten Artikeln wühlt, findet Bruchstücke. Mit 15 wurde Christiane zur Tante aufs Dorf geschickt: Entzug, Happy End in Buch und Film. Und im Leben? Da bekam sie zum 18. Geburtstag gut 450 000 Euro aus den Bestseller-Verkäufen. Sie war mit dem Gitarristen der “Einstürzenden Neubauten” zusammen, verkehrte mit Dürrenmatt und Fellini. Und trotz Geld und Starrummel – oder gerade deswegen – wurde sie 1985 wieder in Berlin mit Heroin erwischt. 1986 nochmals. Sie landete für zehn Monate im Knast. Heute ist sie Anfang 40, wohnt in einer Zweizimmerwohnung im bürgerlichen Norden Berlins, hat einen kleinen Jungen namens Jan-Niklas, will mit uns nicht reden. Ob sie clean ist? Wer weiß. Zumindest war sie bis vor einigen Jahren im Methadon-Programm, hat vom Arzt täglich den rötlichen Sirup bekommen, als Ersatz für Heroin.

Auch das ist eine neue Entwicklung am Zoo: Methadon. Früher war die Droge auf Rezept strengstens limitiert. Ein schlimmer Papierkrieg ist es noch heute. Doch seit 2003 genügt es in Berlin, erfolglose Therapieversuche nachzuweisen und mindestens zwei Jahre lang Heroin gespritzt zu haben. Die Beschaffungskriminalität hat abgenommen, seit mehr als ein Drittel der Junkies den klebrigen Saft trinken. Allerdings spritzen viele zusätzlich weiter Heroin. Das Methadon wirkt zwar ähnlich auf Gehirn und Körper, doch was fehlt, ist der schnelle Kick.

Rick hat zehn Obdachlosenzeitungen verkauft und ist nun mit den anderen am Bus. Er hat Vollkornbrot verschlungen, sein Fixerbesteck aus einer Plastiktüte gewurschtelt und neue Spritzen eingetauscht. Mit Methadon hat er’s auch versucht – und abgebrochen. In der Therapie war er ebenfalls fünf Monate – abgebrochen. “Ich schaff das einfach nicht, ich schaff es nicht”, sagt er. “Ich bin vielleicht stark, was Muskeln angeht. Aber zum Aufhören – dazu bin ich zu schwach.”

Und es wird Zeit für ihn, Zeit für einen neuen Schuss, regelmäßig wie ein Beamter muss er da sein, sonst nimmt ihn der “Affe” in seinen qualvollen Würgegriff. Er geht allein los wie immer, hat Seife dabei, um nachher das Blut abzuwaschen. An einer dieser futuristischen runden City-Toiletten bleibt er stehen. Prüfender Blick. 50 Cent. Die Schiebetür öffnet sich, schließt sich hinter Rick wieder. Elektromusik dudelt in der Toilette wie sonst in einer schicken Berlin-Mitte-Lounge. Er hat 15 Minuten.

Später an diesem Abend wird er von seinen Töchtern erzählen, Zwillingen, die er in frühester Jugend gezeugt hat. Dass er sie Sonntag wiedersehen kann, dass sie die tollste Mutter der Welt haben, gute Noten schreiben und dass er mit ihnen Puppen spielt. Vielleicht wird ja doch noch alles gut, mag man in solchen Momenten denken. Aber jetzt, genau jetzt, gibt es bei Rick keinen Gedanken an Aufhören oder an Familie. Da gibt es nur ihn und die Gier auf das Heroin, das sich im Löffel karamellbraun verflüssigt, es blubbert kurz, riecht bitter, bis er es in die Spritze zieht. Er ballt die Faust, tastet nach einer Vene, probiert es links am Arm, zieht die Nadel wieder heraus, versucht es rechts, dann wieder links. Vor der Toilettentür laufen lachende Kinder vorbei, die Musik dudelt, fünf sechs rote Einstichlöcher bluten, Rick versucht es weiter, ruhig und systematisch, und schließlich drückt er langsam, fast zärtlich das Rauschgift in sein Blut.

“Noch zwei Minuten”, schnarrt die Toilettenstimme. Dann gleitet die Tür wieder zur Seite, wie ein Vorhang im Theater, und gibt den Blick frei auf das beleuchtete Toilettenrund, in dem Rick sich erhebt und das Spritzbesteck verschwinden lässt.
Nicht, dass das jemanden interessiert. Nicht hier, nicht am Bahnhof Zoo. Auch heute nicht.

*Alle Namen von der Redaktion geändert