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Ich warte täglich, dass irgendein Biologe bei mir klingelt, mit Betäubungsgewehr, Netz und einer Horde Fotografen hinter sich. Am nächsten Tag steht dann in der BILD: „Sensation! Menschlicher Oktopus gefangen: Zwölf Arme, sieben Augen, Ohren sogar am Hintern! Kann gleichzeitig Artikel schreiben, Kollegen abwimmeln und auf zwei Leitungen plus Handy telefonieren!“ So was mache ich nämlich mit dem linken Fangarm. Nebenbei rüttle ich noch am streikenden Drucker und esse eine Butterbrezel dazu.
Natürlich war ich nicht immer ein Oktopus – wirklich, dafür gibt’s Beweise! Kinderfotos zum Beispiel, auf denen ich Zöpfe und bloß zwei Arme habe und ganze Nachmittage mit dem 500-Teile-Puzzle „Wildpferde der Camargue“ verbringen konnte; unabgelenkt und völlig versunken in mein Werk. Das waren Zeiten, als Essen vor dem Fernseher verboten, Musik bei Matheaufgaben verpönt und das Telefon noch nicht tragbar war. Man war ans Telefontischchen in der kalten Diele gefesselt und musste dem Ischias-Gejammer anrufender Tanten lauschen. Heute sind Freundinnen am Apparat, mit spannenden Knutsch-Geschichten vom Wochenende; doch weil ich gleichzeitig koche, murmle ich nur abwesend „Mmmmh“ und „Ach, echt?“; oder schrei’ irgendwann „Scheiße!“, wenn das Telefon in die Spaghettisauce gefallen ist. „Was erschreckst Du mich so? Jetzt hab ich den ganzen Nagellack verschmiert!“, seufzt es dann aus dem Hörer. Da war wohl noch eine nicht bei der Sache.
Die Hälfte der Erwerbstätigen klagt über „wachsende Zeitnot“. 40 Prozent der Deutschen sagen, dass sie gerne einen 30stündigen Tag hätten. In 24 mickrige Stunden passt einfach nicht mehr alles hinein, was gearbeitet und erlebt werden muss! Jahrhunderte lang ging’s der Menschheit darum, die Dinge zu beschleunigen: Statt asthmatischer Postgäule gibt’s nun rasende Sportflitzer; statt handgeschriebener Briefe schwirren Mails in „Echtzeit“; und wenn man früher selbstgeknödelte Suppenklöße aß, löffelt man jetzt asiatische Yam-Yam-Fertignudeln, die Glutamatbombe im Wegwerfbecher. Viel schneller geht’s wirklich nicht mehr, da ist die Menschheit an ihre Grenzen gestoßen. Also versuchen wir, Zeit zu sparen, indem wir immer mehr gleichzeitig machen – bis irgendwann extra Arme wachsen und wir geschäftig drei bis acht Dinge zur selben Zeit erledigen. Oder zumindest so tun.
„Octopus synchronos“: das wäre doch ein hübscher biologischer Fachbegriff für unsere Spezies! Ein Münchner Zeitforscher hat uns auch „Simultanten“ genannt, abgeleitet von „simultan“. Weil ich beim Lesen des Artikels aber nebenbei CDs sortiert habe, hab’ ich versehentlich „Simulant“ verstanden, von „simulieren“ – und ich hab mich ganz schön ertappt gefühlt. Seien wir ehrlich: Am Ende des Tages bleibt eben doch der Zweifel, wie effektiv all das hektische Treiben war. Vielleicht kann man’s so sagen: Wir simulieren simultane Geschäftigkeit.
Um mich auf den Tag einzustellen und alle zwölf Krakenarme wachzuschütteln, gebe ich mir morgens nur 25 Minuten vom Weckerklingeln bis zur U-Bahn. Das heißt: Steh ich unter der Dusche, brüllen zusätzlich Deutschlandfunknachrichten und mein Freund – letzterer, weil das Kaffeepulver alle ist. In der linken Hand Süddeutsche und Marmeladentoast, tappe ich halbnass durch die Wohnung auf der Suche nach Jeans, während ich mit der Rechten virtuos eine SMS tippe. Sonst vergisst Kollege XY noch, mir den Alpenwanderführer fürs nächste Wochenende mitzubringen – ist ein netter Kerl, aber nie richtig bei der Sache.
Am wohlsten fühlt sich der Octopus synchronos natürlich in artgerechter Umgebung: dem Großraumbüro. Letztlich ist all das Multitasking ja eine Art Imponiergehabe, wie der Balztanz beim Auerhahn. Vor Kollegen können Männchen wie Weibchen am schönsten zeigen, dass sie fleißig und unglaublich wichtig sind. Die Formel lautet etwa: r2 x k7/?s – also die Anzahl der Telefonklingler multipliziert mit den zeitgleich getrunkenen Kaffeetassen geteilt durch die Wurzel gestresster Stoßseufzer. Wer außerdem stets Spiegel Online oder den Börsenticker unter Kontrolle hält, bekommt Extrapunkte; hat man versehentlich seine Arme verknotet, gibt’s leider Abzüge in der B-Wertung.
Insgeheim hat es natürlich längst Tierversuche mit unsereins gegeben: Wie schafft es so ein Oktopus-Gehirn, sich auf zwei oder mehrere Aufgaben zu konzentrieren? Können wir bestimmte Aktivitäten besser kombinieren? Und vor allem: Spart das alles wirklich Zeit? Die erste Regel, die die Wissenschaft herausgefunden hat, ist einleuchtend: Neben einfachen, gleichförmigen Aufgaben können wir spielend schwierigere erledigen. Selbst Ischias-geplagte Tanten können natürlich gleichzeitig Braten essen (einfach) und Nachrichten schauen (schwierig). Oder Geschirrspülen (einfach) und mit dem Gatten um mehr Haushaltsgeld streiten (sehr schwierig). Dass das schon Multitasking ist, fällt niemandem mehr auf.
Regel 2: Aufgaben, die wir gleichzeitig bewältigen wollen, sollten möglichst verschieden sein. Umso wahrscheinlicher ist es, dass sie unterschiedliche Hirnlappen kitzeln. Und umso seltener kommen sich die Denkprozesse in die Quere. Das kann nämlich leicht passieren. Kleiner Selbstversuch: Bitte möglichst schnell die Farben herunterrattern, in denen folgende Wörter gedruckt sind: grün, gelb, schwarz, blau, rot, blau, grün. Na, gab’s Denksalat? Das Lesen der Wörter lässt sich kaum unterdrücken; und unser Gehirn blockiert, wenn es gleichzeitig „grün“ liest und „rot“ als Druckfarbe erkennt. „Interferenzen“ nennt das die Wissenschaft – und genau das kann passieren, wenn man zu viele ähnliche Dinge zeitgleich tut.
An der University of Michigan zum Beispiel mussten Versuchs-Oktopusse einen Bericht schreiben und nebenbei eintrudelnde E-Mails erledigen. Eine höchst realistische Situation: „Pling!“ Neue Mail! Auf dieses Geräusch reagier’ ich wie ein Rottweiler auf frische Rinderknochen – vor allem, wenn ich gerade einen kniffligen Artikel schreiben soll. „Pling!“ – da draußen will einer was von mir! Schon schau ich nach, auch wenn es wahrscheinlich Viagra-Werbung ist, oder eine Pressemitteilung für die „junge Gesundheitssandale“. Leider war das Ergebnis der Michigan-Studie für unsereins niederschmetternd: Die Probanden dort haben 50 Prozent länger gebraucht, wenn sie zwischen Mails und Berichtschreiben hin- und her gesprungen sind, anstatt brav das eine nach dem anderen zu erledigen. Man solle am besten sein E-Mail-Fach nur einmal täglich kontrollieren, raten also Experten, und bei schwierigen Arbeiten das Telefon ausstellen. Wie – mein Handy etwa auch? Das geht doch alles nicht! Was sagen die anderen Oktopusse, wenn ich mich stundenlang nicht zurückmelde?
Manchmal fühle ich mich wie bei Kafka. Ihr wisst schon, das gelbe Reclamheft, wo doch Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte und sich als ungeheurer Käfer wieder fand. Meine Verwandlung ging schleichender vor sich; und dummerweise hab ich mir die Hilfsmittel dazu selbst besorgt: Das Telefon mit dreifacher Makel- und Anklopf-Funktion. Die „Buddenbrooks“ als Hörbuch, damit ich bloß nicht sitzen und Seiten blättern muss, wenn ich stattdessen auch Weihnachtsplätzchen backen kann. Oder die DSL-Verbindung, dank derer ich nochmals beim nächtlichen Zähneputzen die Weltlage kontrolliere. Außerhalb der Wohnung versuchen findige Geschäftsleute, alles doppelt zu moppeln: Die „Reisebar“ will mir Cappuccino und Wochenendtrips nach Moskau andrehen. Es gibt Möbelläden mit Kneipenfunktion, Kunstgalerien mit integrierter Würstchenbude und keinen trendigen Waschsalon ohne Internet-Ecke. Neulich im Taxi ist plötzlich ein Bildschirm aus der Autodecke gesurrt, auf dem gleichzeitig Musikvideos und ein nervöser Nachrichtenticker flimmerten, während ich Straßenanweisungen geben musste, ein Manuskript lesen, und natürlich dem Taxifahrer zunicken, der mich Beifall heischend durch den Rückspiegel beobachtete.
Letztlich geht’s beim Multitasking um ein kostbares Gut: unsere Aufmerksamkeit. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman glaubt, dass wir die gesamte Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit konzentrieren oder flexibel auf mehrere verteilen können: 80 Prozent Aufmerksamkeit gehen gerade zum Beispiel ans Schreiben dieses Artikels und 20 Prozent an den lustigen Jack Russel Terrier einer Kollegin, der sabbrige Tennisbälle geworfen haben will. Klappt wunderbar. Problematisch wird’s bei 80 Prozent Artikelschreiben, 40 Prozent Handygeklingel und 30 Prozent Ablenkung durch dröhnenden Rap aus der Musikredaktion. Wie viel Aufmerksamkeit wir zu verteilen haben, hängt laut Kahneman übrigens vom Wachheitsgrad ab. Vielleicht gönne ich mir nebenbei einen doppelten Espresso?
Nicht alle Wissenschaftler glauben an Kahnemans Theorie. Der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel etwa sagt, dass wir streng genommen gar nichts gleichzeitig tun können. Das Gehirn nehme vielmehr alles in appetitlichen Häppchen von zwei bis drei Sekunden wahr. Und dann zappt es zwischen den Tätigkeiten hin und her wie zwischen Fernsehprogrammen. Am Kantinentisch zum Beispiel: Drei Sekunden Sprachfetzen vom Kollegentratsch – zapp! – drei Sekunden Thaipfanne-Essen – zapp! – drei Sekunden ausliegendes Flugblatt lesen – zapp! Das geht, weil das Gehirn zum Beispiel nicht jedes einzelne Wort verarbeiten muss, um den Tratsch zu kapieren; es nutzt solche Lücken, um die Aufmerksamkeit aufs Flugblatt („Betriebsversammlung!“) zu lenken. Der Trick beim Multitasking wäre demnach gar nicht, alles gleichzeitig zu tun, sondern möglichst flink zwischen den verschiedenen Tätigkeiten zu wechseln – und das kann man trainieren. Allerdings glaubt Pöppel, dass die chaotische Informationsflut unser Gehirn letztlich überfordert. Dass eigentlich gar nichts mehr hängen bleibt, dass sich keine nachhaltigen „neuronalen Repräsentationen“ mehr bilden. Dass wir zwischen den Infohäppchen verdummen.
Dumm jedenfalls komme ich mir in letzter Zeit öfter vor. Zum Beispiel in trauter Oktopus-Runde, abends in einer Kneipe. Der eine schreit seiner ferngeliebten Freundin Gute-Nacht-Grüße ins Handy. Eine andere simst eifrig („Sind jetzt im Hardy’s! Bussi!“). Oktopus Nummer drei kippelt zum Nebentisch, um der gackernden Blondinenrunde Feuer zu geben, während er uns gleichzeitig seinen neuen Blackberry vorführt: Wunderwerk der Technik, das ziemlich alles kann außer alleine aufs Klo gehen. Freundin vier blättert hektisch durch den Ratgeber „Anleitung zum Müßiggang“, klagt über ihren Chef und baut mit Bierdeckeln Pyramiden. Und ich versuche derweil, die Karte zu lesen, einen Rosenhändler abzuwimmeln, dem Kellner zuzuwinken, mein Handy zu ignorieren, das fordernd in einer Bierpfütze vibriert… und irgendwas vom Gespräch zu kapieren. Wäre da bloß nicht der ambitionierte Jung-DJ, der uns lahmem Kneipenvolk guten Geschmack eindröhnen will.
Wie gesagt: Letztlich warte ich täglich darauf, dass irgendein Biologe bei mir klingelt, mit Betäubungsgewehr, Netz und einer Horde Fotografen hinter sich. Manchmal freue ich mich auf das Leben im Zoo. Einem artgerechten Hightech-Käfig werde ich mich aber verweigern. Stattdessen werde ich mich entspannt und weise in eine Ecke setzen – und alle zwölf Arme verschränken. Falls ich so etwas überhaupt noch kann.