Die Unbestechlichen

> Dela Kienle

NEON, 10/2005

Die sizilianische Mafia ist in ihrer Heimat mächtig wie lange nicht. Trotzdem wagt es eine Gruppe junger Sizilianer, auf beschlagnahmten Mafiagütern Weizen und Wein anzubauen. Direkt vor der Nase der "Ehrenwerten Gesellschaft." Ob das gut geht?

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Es war im vergangenen Juli, als eines der Weizenfelder in Flammen stand. Nur zufällig haben sie den Rauch entdeckt, bevor das Feuer sich satt fressen konnte an dem knistertrockenen, wogenden Getreideteppich. 15 Hektar wären sonst verloren gewesen – so war nur die Unbekümmertheit dahin. »Das war kein Unfall«, sagt Antonio ruhig. »Das Feuer ist an fünf Stellen ausgebrochen – am Todestag des Mafiajägers Borsellino.« Rötlicher Staub weht durch das offene Autofenster, legt sich klebrig auf Schweiß, noch immer führt der Schotterweg steil hoch zum Weinberg. Antonios roter Fiat Panda knirscht. Dieses Gänsehautknirschen, wenn Metall über Feldwegsteine schrammt. Der 32-Jährige kennt kein Erbarmen mit sich – was kümmert ihn da sein Auto? Er hätte es bequem haben können, an der Uni Florenz vielleicht, wo er Agrarwissenschaft studiert hat. Stattdessen ging er zurück nach Sizilien. Raucht billigste Zigaretten, arbeitet 16-Stunden-Schichten auf glühend heißen Feldern. Und wenn er es zulässt, ist da auch noch dieses ungute Gefühl: Was, wenn es schlimmer kommt als mit dem angezündeten Weizen? Wie lange wird die Mafia ihn weiter gewähren lassen – ihn und die anderen der Kooperative »Placido Rizzotto«?

Es hat lange keine Hinrichtungen auf offener Straße gegeben, keine Anschläge auf Staatsanwälte, keine Folterungen von Abtrünnigen. Soll sich in Neapel die Camorra im Bandenkrieg selbst abschlachten – dieses Thema füllt gerade italienische Zeitungen – bei der sizilianischen Cosa Nostra herrscht Ruhe. Der Boss der Bosse hat sie verordnet: Bernardo Provenzano, seit 42 Jahren von der Polizei gejagt, seit 42 Jahren nicht zu fassen. Niemand weiß, wie er heute aussieht, das einzige Bild stammt von 1959. Seine Anweisungen erteilt er über codierte Zettelchen, alle auf derselben Olivetti-Schreibmaschine getippt. Lässt sich nicht leichter Geld verdienen, wenn die Öffentlichkeit nicht alarmiert ist? Wenn die Politiker wieder zu Verbündeten werden, anstatt Militär nach Sizilien zu schicken wie Anfang der 90er? Manch einer glaubt, dass Provenzano nie geschnappt wird, weil er von höchsten Stellen gewarnt wird – als Belohnung sozusagen, weil er vorerst das unschöne Morden gestoppt hat.

Die sizilianische Mafia ist heute unsichtbar, doch nach Expertenansicht stark wie lange nicht. Sie verdient an öffentlichen Aufträgen, lenkt den Drogenhandel, und nach Schätzung des staatlichen Fernsehsenders RAI kassiert sie von 70 Prozent aller italienischen Läden Schutzgeld. Offizielle Stellen beziffern den Gesamtumsatz der Mafia auf 100 Milliarden Euro jährlich – doppelt so viel, wie der Fiat- Konzern umsetzt. Und doch dulden die Mafiosi in ihren Heimatdörfern, was sie vor wenigen Jahren niemals zugelassen hätten: dass der Staat Antonio und seinen Kollegen Felder zuteilen konnte, die von verhafteten Bossen beschlagnahmt wurden. Dass arbeitslose Jugendliche dort ihre Kooperative gründeten, um Wein und biologische Hartweizenpasta herzustellen. Dass sie Tagelöhnern Arbeit bieten, obwohl bisher die Paten bestimmten, wer sein Brot verdient und wer nicht. Dass sie offen über die Cosa Nostra reden, in Corleone und San Giuseppe Jato – in Dörfern, deren Paten für ihre Grausamkeit berühmt waren. Dörfern, in denen noch deren Verwandte wohnen. Und vielen gefällt es gar nicht, was die jungen Leute da so treiben.

»Pronto? Gianluca! Kannst du nicht endlich im Bett bleiben und Ruhe geben?« Ungeduldig lässt Francesca ihren Rollstuhl zum Aktenschrank des Büros schnurren. In ihrer Telefonleitung hängt Gianluca, der Kooperativenvorsitzende. Er hat Windpocken, mit 30, das stelle sich mal einer vor! Und selbst im Fieber verfolgen ihn die Bilanzzahlen. » Ein Wahnsinniger!«, seufzt Francesca. » Aber das sind wir alle.« Seit einem Jahr bezahlen sich die Kooperativenmitglieder 500 bis 1000 Euro Monatsgehalt. Brutto. Die ersten zwei Jahre haben sie nicht nur gratis geschuftet, sondern auch ihr Erspartes in die Anti-Mafia-Kommune gesteckt. Damals waren die Felder verwildert, weil die Enteignungsprozesse gegen die Mafiosi so lange gedauert hatten. Die Elektronik der beschlagnahmten Traktoren war von Mäusen angenagt, an den Weinstöcken knabberten Ziegen, und 15 Gründungsmitglieder hackten in glühender Hitze Unkraut. Niemand wusste, wie die Mafia auf diese Provokation reagieren würde. »Und niemand, wirklich niemand, wollte anfangs für uns arbeiten«, sagt Francesca und lacht ihr lautes Lachen.

Francesca ist von Geburt an körperbehindert wie etwa ein Drittel der Kooperativenmitglieder. Aufgewachsen ist sie in San Giuseppe Jato, einem Kaff 30 Kilometer hinter Palermo, das an einem steilen Hügel klebt. Das Sagen im Dorf hatte Clanführer Giovanni Brusca. Jeder Italiener kennt seinen Namen: Er drückte 1992 den Auslöseknopf, als Mafiajäger Falcone samt Frau und Leibwächter in ihrem explodierenden Auto starben. 70 Meter weit flogen Fetzen der gepanzerten Wagen, das Autobahnstück bei Palermo war nur noch ein schwarzer Krater. 1996 schließlich triumphierte die Justiz: 400 Polizisten umzingelten das Haus, in dem Giovanni Brusca sich mit seiner Familie versteckt hielt. Nach seiner Verhaftung gestand er, er habe »viel mehr als hundert, aber sicher weniger als zweihundert« Menschen getötet. Andere Mafiosi nannten ihn den »Scannacristiani«, den Menschenschlächter.

Das Dorf San Giuseppe Jato ist seit der Verhaftungswelle vor etwa zehn Jahren geschrumpft. Und doch hat alles seine Ordnung: Vor der Central Bar an der Hauptstraße hocken hemdsärmelige Alte auf Plastikstühlen. Ein Damengrüppchen klettert die steilen Kirchenstufen hinauf. »Patate, patate novelle«, schnarrt ein Gemüsehändler, während sein Wagen die angepriesenen Kartoffeln durch die Gassen schaukelt. Der Treffpunkt der Jugendlichen ist der Dorfplatz, zur »Piazza Falcone-Borsellino« umbenannt, als Ehrung für die ermordeten Richter. Nur wer genau hinschaut, sieht das Schussloch: Es durchbohrt die Marmor-Gedenktafel, genau unter den Namen der Mafiaopfer. Glatter Durchschuss.

Klar kannte Francesca den Mafiosi Giovanni Brusca vom Sehen, im Dorf kennen sich alle. Mit Bruscas Bruder hatte sie gemeinsame Freunde. Wie so ein Mafiaboss aussieht? Sonnenbrille, Zigarre, dunkle Anzüge vielleicht? Hohahihaho, spöttisches Francesca-Lachen. »Wir sind hier nicht im Kino.« Sportlich sei Giovanni gewesen, in Jeans. Und bedacht auf das Wohlwollen der Leute. Wer etwas brauchte, der habe ihn gefragt. Francescas Familie besaß ein Bekleidungsgeschäft, und Giovanni Brusca kaufte gern dort ein. »Manchmal hat er einen armen Kerl von der Straße mitgebracht und ihn komplett neu eingekleidet, mit Lederjacke und allem«, erzählt Francesca, plötzlich ernst. »Natürlich ahnte man, wer zur Mafia gehört. Aber was für Ausmaße das hatte! Was Giovanni verbrochen hat! Nie hätte ich mir das vorstellen können… nie!«

Omertà, das Gesetz des Schweigens: Selbst in Hochburgen wie San Giuseppe Jato will niemand etwas über die Organisationsstrukturen der Mafia gewusst haben. Heute weiß man: Die sizilianische Cosa Nostra ist straff organisiert. Ganz unten stehen die »Soldaten« in Zehnergruppen mit jeweils einem Chef. Darüber steht der Familienboss, der Pate, der ein Territorium kontrolliert. Drei Familien bilden ein »Mandamento«. Deren Chefs wiederum gehören zur »Cupola«, einer Ratsrunde für wichtigste Entscheidungen. Über allem steht der Boss der Bosse – seit 1995 wohl der flüchtige Bernardo Provenzano. Wer Ehrenmann werden will, muss Prüfungen bestehen, oft einen ersten Mord. Das Aufnahmeritual grenzt an Kitsch: Der künftige Mafioso hält in der Hand ein brennendes Heiligenbild, meist eins von Mariä Verkündigung. Und während die Flammen die Mutter Gottes verzehren, schwört der Novize seinem Chef Gehorsam und Schweigsamkeitbis in den Tod.

Antonios Panda hält mit einem Ruck. Der Kühlventilator jault, zwischen den Weinstöcken brummt ein kleiner Traktor. Der Weinberg, auf dem wir stehen, hat Mafiaboss Totò Riina gehört, der inzwischen zu mehrfach lebenslänglich verurteilt worden ist. Innocenzo und Stefano pflügen zwischen den Reben, lockern die Erde, die die Sonne festgebacken hat. Sie haben sich Tücher gegen den Lärm in die Ohren gestopft, Innocenzo schmettert einen Schlager, den außer ihm keiner hört. Antonio betastet die Trauben, die vielversprechend an den Weinstöcken baumeln. »In diesem Jahr werden wir endlich Gewinn machen«, sagt er. 600 000 Euro Jahresumsatz haben sie zuletzt erwirtschaftet, aber noch deckt das nicht die Kosten. Immerhin gibt es ihre Marke »Libera Terra« (»freie Erde«) inzwischen landesweit in einer Supermarktkette. »Aber natürlich verkaufen sich die Produkte vor allem in Norditalien und nicht hier auf Sizilien«, sagt Antonio grimmig.

Trotzdem, es geht vorwärts. Wie deprimierend war die erste Ernte 2002! Auf einem steinigen Abhang hatte die Kooperative ihr erstes Getreide angebaut, symbolträchtigen Anti-Mafia- Weizen. Für die Ernte waren Politiker gekommen, ein paar Journalisten – und dann fehlte plötzlich der Mähdrescher. Spontaner Motorschaden, als der Fahrer erfuhr, auf wessen Feldern er mähen sollte, »scusate«, entschuldigt bitte, nichts zu machen. Der Ersatzfahrer musste von der lokalen Polizei gezwungen werden mitzukommen und zu mähen – zumindest bis sich der Besuch wieder verzogen hatte. Es wurden auch Traktoren gestohlen, Werkzeug zerstört. Und im letzten Sommer gab’s einen merkwürdigen Rückzieher von der Firma, die den Tomatensaft in Flaschen abfüllen sollte.

Aber immerhin arbeiten die Tagelöhner aus den Dörfern jetzt mit. Nicht als Zeichen gegen die Mafia, sondern weil die Kooperative legale Löhne und Sozialabgaben bezahlt, wohl als einzige Firma am Ort. Meist sind es Frauen mit verhärmten Gesichtszügen, die an Francescas Bürotür klopfen, ihr Namen und Telefonnummern ihrer Männer diktieren, »und wenn ihr sonstwie Arbeit habt, putzen, irgendwas – bitte! Ich mach alles!«

Ganz in der Nähe eines Weinbergs, der zur Kooperative gehört, in einer vom Rosmarin überwucherten Senke, steht ein verlassenes, unfertiges Haus, an dem eine halb zerfetzte Beschlagnahmungsurkunde klebt. »Das hier hat ebenfalls Giovanni Brusca gehört«, sagt Antonio und schaut zu den dunklen Fensterhöhlen. »Im Garten haben sie mehrere Tote gefunden, einer war mit dem Kopf nach unten begraben.« Aber das ist es nicht, was diesen Ort so unheimlich macht. Nicht nur. Antonios Schritte hallen, als er den Rohbau durchquert. Vom unvollendeten Wohnzimmer geht ein geheimer Aufzug ab, der nach unten in die Schwärze verschwindet. Dort liegt ein Bunker. Und dort hat Giovanni Brusca zwei Jahre lang ein Kind versteckt, den elfjährigen Sohn eines Freundes und Mafiakollegen. Als dieser verhaftet wurde und zu plaudern drohte, sollte ihn die Entführung seines Kindes zum Schweigen bringen. 26 Monate lang saß der Kleine in diesem Bunker, bis Brusca seinen Tod angeordnet hat. Ein Handlanger hat ihn erwürgt, der abgemagerte Körper wurde in Säure aufgelöst. »Wenn man sich vorstellt, dass Brusca währenddessen hierher mit seiner Familie kam …«, sagt Antonio. »Dass sie eigene Kinder dabei hatten, während der Junge unten im Bunker saß ...« Er schaut angewidert zur Küche hinüber, die schon fertig eingerichtet war. Zertrümmert liegen Stühle und Kinderbettchen im Schutt; die Kochzeile ist herausgerissen, eine Familienpackung Pasta ist durch die Feuchtigkeit mürbe geworden. Und mitten drin: ein Hundekadaver. Halb verfault, gefletschte Zähne. Hat sich hierher zum Sterben verirrt, das Vieh. Manche im Dorf möchten aus diesem Haus einen »Garten der Erinnerung« machen. Aber die meisten wollen sich am liebsten gar nicht erinnern.

Antonio schweigt, als er zu seinem Panda zurückgeht.
Weiter geht es, zum nächsten Feld, zum nächsten Arbeitertrupp. Erst wenn es dunkel ist, wird er todmüde zurück nach Hause fahren, die Hühner füttern. Eigentlich hätte Antonio heiraten sollen, vor knapp drei Wochen. Die Kirche war bestellt, die Anzahlung fürs Festessen gemacht, er hatte seinen Anzug, die langjährige Freundin ihr Brautkleid. Und dann hat sie ihn verlassen, drei Monate vor dem Jawort. Ihr Vater hatte Druck gemacht. »Weil er meine Arbeit zu gefährlich findet«, sagt Antonio bitter. »Was ist denn das für ein Grund!« Aber er will weitermachen wie die anderen der Kooperative auch, weil die Dinge sonst nicht besser werden. Antonio zündet sich wieder eine Filterlose an. Bald sieht man nur noch die Glutspitze im Dunkeln – schwaches Leuchten in der pechschwarzen sizilianischen Nacht.

Die Mafia – eine Biografie

In Neapel herrscht die Camorra, in Kalabrien die ‘Ndrangheta, in Apulien die Sacra Corona Unita. Alles italienische Mafiaorganisationen – aber am berühmtesten ist die sizilianische Cosa Nostra.

Entstanden im Feudalsystem des 19. Jahrhunderts, erlangte sie von 1980 an traurige Berühmtheit: In weniger als zwei Jahren wurden über 1000 Menschen niedergemetzelt. Innerhalb der Cosa Nostra tobte Krieg: Die Clans aus dem Dorf Corleone rissen die Macht an sich, indem sie die zuvor herrschenden Palermer Mafiafamilien töteten.

Damals begann erstmals ein hoher Mafioso, Tommaso Buscetta, mit der Justiz zusammenzuarbeiten – mit dem berühmten Untersuchungsrichter Giovanni Falcone. Struktur, Arbeitsweise, Verbrechen: Bis dahin hatte das Schweigegesetz der Mafia alle Geheimnisse bestens gehütet.

Doch Buscetta packte aus, um seinen Feinden zu schaden – und Falcone gelang es, den ersten großen Anti-Mafia-Prozess einzuleiten: 1987 wurden 342 Mafiosi zu insgesamt 2665 Jahren Gefängnis verurteilt. Eine Niederlage? Die Mafia dachte, dass die Urteile, wie bisher auch, in Revisionsverfahren wieder aufgehoben würden – dank guter Beziehungen und Schmiergeld. Aber die Urteile wurden bestätigt. Die Mafia reagierte mit einem Krieg gegen den Staat, tötete 1992 die Untersuchungsrichter Falcone und Borsellino, 1993 zündete sie Bomben in Rom, Mailand und Florenz, ermordete Familienmitglieder von geständigen Mafiosi. Italien antwortete mit konsequenter Verfolgung, Militär in Sizilien und Sondergesetzen – bis zum Strategiewechsel der Mafia, ihrem Untertauchen Mitte der 90er unter dem neuen Boss Bernardo Provenzano.

Seitdem setzt die Cosa Nostra weniger auf Gewalt und mehr auf Geldverdienen und Komplizenschaft. Verbindungen zur Politik haben Tradition: Der Ministerpräsident Andreotti war wegen Mafiakontakten angeklagt; Berlusconis rechte Hand, Marcello Dell’Utri, wurde letztes Jahr zu neun Jahren Haft verurteilt, als eine Art Bindeglied zwischen Mafia und Politik. Die Cosa Nostra gilt heute als so stark wie lange nicht; nach Schätzungen sind in Sizilien derzeit etwa 7000 Mafiosi aktiv.