Mit Bibel und Schwert. Das Leben der Kreuzritter

> Dela Kienle

Geolino Extra Nr. 51 (2015): Burgen, Ritter & Legenden
Im Mittelalter gibt es nicht nur Ritter, die für ihren König oder eigene Reichtümer kämpfen. Ende des 11. Jahrhunderts bildet sich eine neue Gruppe: die Kreuzritter. Sie sehen sich als Erwählte Gottes – und wollen in seinem Auftrag das Heilige Land aus den Händen der Muslime „befreien“. Die Zeit der Kreuzzüge, großer Religionskriege, beginnt. Mit dabei: die Ritter des Templerordens.


Mit diesem Angriff hat niemand gerechnet: Umtost von Hufgeklapper und mit wehenden Fahnen galoppieren 84 Tempelritter ihrem Feind entgegen. Es sind sonnenverbrannte Krieger – allesamt todesmutig und fest davon überzeugt, dass Gott ihre Gräueltaten gutheißen wird. Schon taucht Montgisard, nahe der heutigen israelischen Stadt Ramla gelegen, am Horizont auf. Und davor: die Armee des muslimischen Herrschers Saladin. Der kann diese Tollkühnheit der Angreifer kaum fassen: 84 Mann gegen sein Riesenheer? Offenbar! Wie ein einziges Geschoss durchbrechen die Reiter nun die gegnerischen Linien. Mit ihren blitzenden Schwertern schlagen sie jeden neider, der sich ihrem Sturm entgegenstellt. Es ist der 25. November 1177: für die Tempelritter ein Tag des Triumphes.

Wundert es da noch, dass die „Templer“ vom 12. bis 14. Jahrhundert so verehrt und gefürchtet sind? Sie fühlen sich als auserwählte Soldaten Christi mit einer großen Mission: Sie wollen das Heilige Land, das heutige Israel, in dem Gottes Sohn Jesus gelebt und gelehrt haben soll, aus den Händen der Muslime „befreien“.

Mit gewöhnlichen Rittern haben sie nicht viel gemein. Sollen diese Raufbolde doch ihre Zeit mit Jagd, Turnieren und Frauen verplempern – und im Gefecht eigensinnig lospreschen! Die Templer hingegen sind tapfer, ungeheuer fromm und disziöliniert. Eine mittelalterliche Mischung aus Mönch und Elitekämpfer! So etwas hat es bis dahin noch nicht gegeben.

Ihr Orden entsteht in unruhigen Zeiten: Christen und Muslime bekämpfen sich aufs Schrecklichste, in insgesamt sieben Kreuzzügen – Glaubenskriegen - zwischen den Jahren 1096 und 1291. Zwar lehnt Jesus in der Bibel jegliche Gewalt ab. Doch 1095 erklärt Papst Urban II., die Kreuzzüge seien gerechte Kriege.

Als Höhepunkt des ersten Zuges erobern christliche Fürsten und Ritter 1099 tatsächlich Jerusalem, die heutige israelische Hauptstadt. Nach diesem Sieg aber lassen sich nur wenige Ritter dauerhaft in Israel nieder. Auch der französische Adlige Hugo von Payns soll ab 1114 dort leben. Voller Wut hört er, dass muslimische Wegelagerer mehr als 700 christliche Pilger überfallen haben, die nach Jerusalem reisen wollten; 300 von ihnen wurden gar getötet. Das will von Payns nicht mehr hinnehmen! Er verbündet sich mit acht weiteren Adligen. Als Ritter wollen sie künftig mit dem Schwert Pilger schützen - gleichzeitig aber wie bescheidene Mönche leben.

Payns Plan geht auf: Bald ist er Meister des ersten „geistlichen Ritterordens“. Ihr Hauptquartier liegt auf dem Jerusalemer Tempelberg – und deshalb nennen sich seine Männer auch Templer, Tempelritter oder ausführlich „Arme Kampfgefährten Christi und des salomonischen Tempels“. Auf dem Hof drängen sich häufig Neuankömmlinge: junge, aber auch altgediente Ritter, die ihren Besitz dem Orden überlassen und für Gott kämpfen wollen. Bewundernd schauen sie zu den bereits aufgenommenen Templern hinüber: Siebenmal täglich beten die in der Kapelle, sogar mitten in der Nacht. Zwischendurch eilen die Ritterbrüder zu den Ställen, um ihre Schlachtrösser zu pflegen. Drei Pferde stehen jedem Templer zu – sein einziger wertvoller Besitz. Am Leib tragen die Brüder ungefärbte weiße Mäntel, die nur durch ein blutrotes Kreuz geschmückt sind. Selbst mit Worten gehen die Templer sparsam um. Beim Essen schweigen sie, während ein Bruder aus der Bibel vorliest. Immerhin müssen die Templer nicht so streng fasten wie Mönche. Schließlich brauchen sie Kraft für den Kampf.

Wenn ein Kreuzzug beginnt und Kämpfer aus Europa ins Heilige Land strömen, reiten die Tempelritter vorneweg – oder sie sichern das Heer als Nachhut vor Angriffen. Zudem befehligen sie Burgen und Wehrtürme an den wichtigsten Straßen des Heiligen Landes. Manchmal überfallen sie auch verfeindete Truppen, greifen muslimische Städte an – und zertrümmern deren Mauern mit Katapulten.

Die Kampfesregeln sind streng: Wer etwa ohne Befehl einen Angriff beginnt, wird aus dem Orden ausgestoßen und eingekerkert. Auch andere Vergehen bestrafen die Templer gnadenlos. Wer lügt oder ungehorsam ist, läuft Gefahr, dass ihm die Mitbrüder den weißen Ordensmantel entreißen. Dann muss der Unglückliche ein Jahr und einen Tag lang niedrige Arbeiten verrichten, mit den Hunden auf dem Fußboden essen und sich sonntags von seinen Mitbrüdern züchtigen lassen.

Nach dem Vorbild der Templer bilden sich noch mehrere andere geistliche Ritterorden wie die Johanniter, der Deutsche Orden und der Lazarus-Orden. Die neuen Gotteskrieger haben zunächst viele Anhänger: Adlige in Frankreich, Spanien und anderen europäischen Ländern beschenken die Orden reich mit Land, Burgen und Gold. Im 13. Jahrhundert zählt man einige Tausend Tempelritter und Helfer, sogenannte „dienende Brüder“. Zwei Drittel der Templer kämpfen da schon gar nicht mehr im Heiligen Land, sondern verwalten in Europa unzählige Gutshöfe, Mühlen, Wälder und Werkstätten.

So unerbittlich wie als Krieger sind die Templer auch als Geschäftsleute: Sie wollen möglichst viel Geld erwirtschaften, um teure Streitrösser und Waffen zu kaufen. Die Templer besitzen sogar eigene Banken. In den Templerhäusern können Wohlhabende ihre Schätze sicher einlagern. Zudem verleihen die reichen Ritterbrüder Geld – und kassieren dafür saftige Zinsen. Mancher empfindet die Templer darum nicht mehr als heldenhaft und gottesfürchtig, sondern als machthungrig und geldgierig.

Dann wendet sich das Blatt endgültig: Ende des 13. Jahrhunderts fallen die letzten christlichen Städte im Heiligen Land zurück in muslimische Hände. Die Kreuzzüge sind gescheitert. Auch die Templer können das nicht verhindern. Oder haben sie es etwa gar nicht erst versucht? Ungeheure Gerüchte machen die Runde: Die Tempelritter seien ein gefährlicher Geheimbund, munkeln manche. Sie beteten fremde Götter an, behaupten andere. Am 13. Oktober 1307 lässt der französische König Philip IV. schließlich alle Tempelritter in seinem Land verhaften. Er bringt sogar den Papst dazu, den Templerorden aufzulösen.

Noch heute rätseln Geschichtsforscher, ob Philipp tatsächlich den Gerüchten glaubte oder es auf ihre Macht und den sagenhaften Reichtum abgesehen habe. Eines ist ihm jedenfalls nicht gelungen: Die Erinnerung an die todesmutigen Gotteskämpfer auszulöschen. Bis heute sind die Tempelritter unvergessen.