Das Gewitter der Nacht hat die Schwüle nicht vertrieben. Der Wald dampft, als ich verschlafen durchs Unterholz stolpere. Bereits um fünf Uhr hatten sich Gibbonpärchen mit lautem »Uuuh-Uuuh-Uuuh«-Geschrei ihrer Liebe versichert. Und ich war schweißverklebt aufgewacht, den Fuß im Moskitonetz verheddert, aus wirren Jetlag-Träumen: Irgendwie war dem zahnlosen Tuktuk-Fahrer in Bangkok ein Rüssel ins Gesicht gewachsen… ganz gut, dass der Arbeitstag so früh beginnt im Zentrum der »Wildlife Friends of Thailand«. Ich bin ohnehin wach.
Es ist halb sieben Uhr morgens. Die drei Mahuts, thailändische Elefantenführer, marschieren vornweg durch den Wald; dahinter folgen Julie- Anne aus Südafrika, Michelle aus England, die drei Holländer Kim, Sanne, und Andy. Zu Hause haben wir eher mit Computerwürmern und Bürohengsten zu tun – in diesem Urlaub wollen wir als Elefantenwärter arbeiten. »Ich glaub, wir sind da«, sagt Michelle grinsend. Ich höre es auch: Knacken, berstende Äste – geballte Kraft, die aus dem Dickicht hervorbricht. Man könnte auch sagen: die Elefantendame Tia. Lässig stopft sie sich mit ihrem Rüssel Eukalyptusblätter ins Maul, wackelt mit den rosigen Schlappohren und tritt dann zu uns auf die Lichtung. Wie groß sie ist! Wie faltig! Ein unendliches Netz aus Runzeln und Furchen bedeckt ihren Körper. Ihre Zehennägel sind weiße Halbmonde. Und dann – ich schwör’s! – trompetet sie schrill zur Begrüßung, als die Mahuts auch Nong Bo, Kjaew Ta und Nam Phon heranführen. Ich tätschle Tias Rüssel, der sich wie warmes Leder anfühlt. Sie schaut mich an. Weise? Eher gelangweilt. Ich bin nur schon wieder so ein Menschenzwerg, der sich bei ihrem Anblick ein glückliches Dauergrinsen nicht verkneifen kann.
Noch vor einem Jahrhundert hat es in Thailand über hunderttausend Elefanten gegeben. Heute sind es kaum fünftausend, und weniger als die Hälfte von ihnen streift noch wild durch die Dschungel. Der Abholzwahn hat ihnen den Lebensraum geraubt – und ausgerechnet die Ausbeutung zahmer Arbeitselefanten hat die Zerstörung der Wälder ermöglicht. Seit rund 15 Jahren ist der Kahlschlag verboten, und viele Arbeitselefanten werden seitdem in Großstädten zum Betteln gezwungen – wie früher auch Tia und drei Kumpaninnen. Bei ihrer Rettung waren sie zu alt, um sie in der Natur freizulassen. Jetzt verbringen sie zumindest die Nächte an langen Ketten im Wald, wo sie im Dickicht herumrüsseln und in Ruhe schlafen. »Sung!«, ruft der Mahut, und Tia hebt ein mächtiges Vorderbein. »You want?« – der Elefantenführer schaut mich an. Ich? Was? Ah, die rechte Hand ans Elefantenohr, den linken Fuß aufs angewinkelte Elefantenbein, ein Schub von unten… und ich hänge wie ein Kartoffelsack über dem grauen Rücken, rutsche strampelnd in Tias Halsbeuge. Jetzt bin ich genauso dreckig wie sie: Elefanten lieben es, sich Erde auf den Rücken zu werfen, als Schutz vor der Sonne – und vielleicht, weil sie eingesaute Reiter sympathischer finden. Ich streiche über Tias fingerlange Borsten, die auf Kopf und Rücken abstehen und so hart sind wie die eines Handfegers. »Huuuaaa!«, brüllen die Mahuts. »Huuuaaa!«, brüllen beherzt wir Lehrlinge. Und dann schaukeln wir los Richtung Tagesgehege. Tias Ohren flappen wie Spritzschutzlappen über meinen Schienbeinen.
Das Zentrum der »Wildlife Friends of Thailand« liegt 160 Kilometer südlich von Bangkok in den Wäldern des Dörfchens Kao Look Chang. Seit sechs Jahren finden gequälte Tiere hier ein Zuhause. Schwarzbär Bouncer zum Beispiel war knapp aus der Falle von Wilderern entkommen: Man fand ihn halb tot mit zerfetztem, verfaultem Vorderbein. Tiger Mieuw war als zweifelhafter Werbegag an einer Tankstelle angekettet. Zu fressen bekam er von klein auf Hühnerabfall, und die Mangelernährung hat sein Nervensystem zerstört, sodass er bis heute kaum laufen kann. Krokodil Dundee wurde als »Haustier« gehalten. Die Otter Ollie und Olivia hatten nicht einmal Wasser in ihrem Verschlag. In den meisten der großzügigen Gehege aber turnen Affen, Weißhandgibbons vor allem. Sie wirken flauschig wie Kuscheltiere – bis sie mit ihren scharfen Zähnchen zeigen, dass sie nicht in Wohnzimmer gehören. KooKoos Besitzerin hat ihren Gibbon mit Cola und Süßkram fast zu Tode gemästet. Andere Affen wurden aus winzigen, stinkenden Käfigen gerettet oder direkt von den illegalen Märkten, auf denen man in Thailand jegliche Tierart bekommt. Artenschutz? Man braucht bloß Cash und Kontakte.
Das Elefantenfrühstück ist serviert: Vier Rüssel klatschen Ananaspflanzen gegen Baumstämme. Patsch, patsch – so schütteln die Damen die Erde von den Wurzeln, bevor sie sich das Grünzeug ins Maul stopfen. Bis zu 110 Kilo frisst jede von ihnen täglich – und weil Elefanten schlechte Futterverwerter sind, kommt das meiste schnell wieder hinten raus. Mit Rechen hieven wir die melonengroßen Stinkköttel auf eine Schubkarre. Dann machen auch wir uns Frühstück: Julie-Anne schneidet Mangos; Sanne brät in einer verbogenen Pfanne French Toast. Kim scheucht schimpfend den Furchenhornvogel Eltonweg, der sie mit seinem enormen orangefarbenen Schnabel in die Wade gezwickt hat. Das »Volunteer-House« ist offen, eine überdachte Terrasse mit Küche und Tischen; und Elton hängt hier ebenso gerne herum wie die zwei Dutzend Freiwilligen aus aller Welt, Studenten, junge Lehrer, ein Koch aus London… die meisten von ihnen arbeiten bei Affen und Bären, aber man kann auch wie wir nur wegen der Elefanten kommen.
Ich setze mich zu Edwin Wiek, dem Gründer des Zentrums. Der 40-jährige Holländer war erfolgreicher Fabrikant in Thailand; doch dann hat er während einer Sinnkrise beschlossen, dass es im Leben um mehr gehen muss als ums Geldscheffeln. »Wie hast du die Elefanten hierher gekriegt?«, frage ich ihn. »War nicht einfach«, seufzt er. »Mit einem Bettelelefanten machen die Besitzer nämlich richtig viel Umsatz.« Wenn’s eine Elefantenhölle gäbe – dann sähe sie aus wie Bangkok: der Lärm, der glühende Asphalt, Glasscherben, die sich in die Fußsohlen bohren, die beißenden Abgase, der chaotische Verkehr, verseuchtes Trinkwasser. Tagsüber werden die Elefanten gern auf Müllhalden geparkt, bevor sie dann, oft unter Drogen, bis spät in die Nacht durch die Großstadt taumeln. Die Mahuts verkaufen Bananen, und Touristen und Thailänder lassen sich nicht lange bitten – in der irrigen Annahme, dem Elefanten Gutes zu tun. 3000 Bath täglich kommen da leicht zusammen, 60 Euro, ein kleines Vermögen. »Beim Geld habe ich auch angesetzt, als ich mit den Besitzern verhandelt habe«, sagt Edwin. »Ich hab gesagt: ›Der Elefant war eine teure Investition für dich. Aber er gehört nicht in die Großstadt – das ist wie ein Mercedes im Dschungel. Dein Elefant wird krank oder in einem Verkehrsunfall sterben. Gib ihn uns – und er hat Tierärzte zur Seite, bekommt gutes Fressen und lebt so naturnah wie möglich.‹ Vier Besitzer haben nachgegeben. Als Ausgleich bekommen sie jetzt eine kleine Summe monatlich, etwa 6000 Bath. »Es waren unglaubliche Momente, als die Elefanten hier angekommen sind«, sagt Edwin. »All die Gerüche des Waldes, die Ruhe… und als sie den See entdeckt haben, wollten sie am liebsten sofort hinein.«
Das kann ich mir vorstellen. Nong Bo ist kaum zu halten, als wir nachmittags Richtung Wasser reiten. Mit akrobatischen Verrenkungen reiße ich mir gerade noch die Trekkingstiefel von den Füßen – und da platschen wir auch schon in den See. Wohlig blubbernd taucht Nong Bo ab, versinkt unter mir wie ein graues U-Boot. Ich sitze bis zur Brust im warmen Wasser, aus T-Shirt und Hosen löst sich der Dreck des Arbeitstags. Ich kraule Nong Bos Kopf unter Wasser, schrubbe ihr den Schlamm aus den Rückenborsten, fühle, wie sie unten mit den Ohren schlackert, bis sie – »Pfffuuuuüüühiaaa! « – prustend wieder auftaucht. »Bonson!«, ruft ihr Mahut vom Ufer, und Nong Bo hört gerne auf das Kommando: Sie saugt ihren Rüssel voll Wasser und spritzt eine mächtige Fontäne nach hinten – auf mich. Elefantendusche! Ich japse und schnappe nach Luft, und wenn Nong Bo könnte, würde sie sich sicher ausschütten vor Lachen.
Die Tage vergehen schnell. Einmal nimmt Edwin uns mit in den Nationalpark Pala-U, wo noch wilde Elefanten leben und wir in der Dämmerung einen majestätischen Bullen beobachten. Der Alltag bedeutet Füttern, Misten, Baden – und immer wieder Ritte von und zu verschiedenen Nachtlagern im Wald. Manchmal brettern wir auch auf einem Geländewagen zur Bananenplantage. Mit Macheten schlagen die Mahuts von den Stauden riesige Blätter, die dann knackend auf den Boden kippen. Wir schleppen sie aus den Feldern, laden sie auf den Truck, bis wir nassgeschwitzt und außer Atem sind. Auf der Rückfahrt thronen wir auf der grünen Pracht. Mahut Khom verteilt kleine süße Bananen. Doch die schönste Belohnung ist, wie begeistert sich die Elefanten auf unser Futter stürzen.
Wo anfangs nur Rüssel und dicke Hintern waren, kennen wir längst Namen, Vorlieben, und das wenige, was man vom traurigen Vorleben weiß. Da ist »Glasauge« Kjaew Ta, die vor vielen Jahren links erblindet ist. Sie ist Andys Liebling, ganz sanft – bloß dass sie sich gern gegen Bäume schubbert. Nam Phon, »Regenwasser«, hat zwei rosa Flecken am Hintern, frisst Mangos am liebsten reif und hebt nur nachlässig das Bein, wenn wir energisch »Sung!« rufen und aufsteigen wollen. Nong Bo ist mit 28 Jahren die Jüngste und besonders verspielt: Sie bleibt ständig stehen, um hohe Äste von den Bäumen zu reißen – und rollt sich gern wohlig unter Wasser. Am liebsten mag ich Tia, die kleine Dicke, die rosa ausgefranste Ohren hat und beim Pieseln peinlich berührt die Beine spreizt. Und manchmal hab ich das Gefühl, dass die Elefanten uns auch langsam kennen. Dass sie – manchmal – stehenbleiben, wenn wir energisch »Hooo!« rufen. Dass sie – manchmal – angeschlendert kommen, wenn wir am Tagesgehege ihre Namen rufen und uns den immer feuchten Rüssel entgegenstrecken. Wer kann ihnen dann übel nehmen, wenn sie mal wieder vernehmlich furzen oder haarscharf unter herabhängenden Ästen spazieren, sodass eine Kolonie Feuerameisen auf uns herunterregnet?
Am letzten Abend trägt mich nochmals Nong Bo in den Wald. »Pass auf dich auf, meine Liebe! «, flüstere ich in ihr riesiges Ohr und rutsche von ihrem hohen Rücken. Schon verschwindet sie im Wald, noch ein paar Kilo Blätter futtern. Umgedreht hat sie sich nicht – aber Elefanten haben ja ein gutes Gedächtnis. Ich übrigens auch. Tia, Nong Bo und die anderen werde ich jedenfalls nie vergessen.