Niemand würde die Terroristen bemerken – einen Kombi zum Beispiel, der durch die Öden der niedersächsischen Weizenplantagen fährt. Oder einen Mann, der durch eine bayrische Tier-Auktionshalle schlendert. Aus dem Kombi-Fonds könnten mit einem Zerstäuber Sporen auf den Felderrand gesprüht werden. Und in der Auktionshalle könnte der vermeintliche Tierexperte Maul- und Klauenseuche-Viren verteilen. Niemand würde es merken – bis kurz darauf der gefürchtete Weizenrost ausbräche und dutzende Schafe, Rinder und Schweine an der hoch infektiösen Seuche erkrankten. Der deutsche Exportmarkt bräche umgehend zusammen, die Eindämmung der Seuchen würde Milliarden Euro verschlingen. Eine Katastrophe.
Alles nur Fiktion? Nach der Ansicht von Fachleuten ist Agrar-Terrorismus eine sehr reelle Bedrohung – und wahrscheinlicher als Anschläge auf U-Bahnen oder gut bewachte Flughäfen. Die USA haben bereits reagiert und den „Bioterrorism Act“ verabschiedet, der sich unter anderem mit möglichem Agrar-Terror auseinandersetzt. „Aber auch Deutschland ist hoch gefährdet“, sagt Harald von Witzke, Professor für Agrar-Ökonomie an der Berliner Humboldt-Universität. „Wir sind überhaupt nicht auf solche Angriffe vorbereitet, weder organisatorisch noch institutionell.“ Auch der unabhängige Biowaffen-Experte Jan van Aken warnt: „Bei uns wird die mögliche Bedrohung gar nicht wahrgenommen.“ Der Leiter der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere, Thomas Mettenleiter, bestätigt, dass sich Krankheiten wie Maul- und Klauenseuche gezielt streuen ließen: „Wenn sich die Viren ungewollt wie 2001 in Großbritannien verbreiten können – dann schafft man es natürlich umso leichter, wenn man’s drauf anlegt.“ Das Bundesministerium für Verbraucherschutz gibt sich zugeknöpft. Das Problem sei im Augenblick sehr aktuell, wie nach dem 11. September auch, erklärte ein Sprecher. Man habe einen Arbeitsstab für sicherheitsrelevante Maßnahmen gegründet – wobei unklar bleibt, worin diese bestehen. „Darüber reden wir nicht. Wenn es um Gefahrenabwehr geht, kann das auch niemand erwarten.“
Ein Attentat im Kuhstall, ein Anschlag auf ein Weizenfeld – es mag sich absurd anhören, doch für Terroristen sind das reizvolle Ziele: Es ist einfach, tierische und pflanzliche Seuchenerreger einzusetzen. Sie sind für den Angreifer ungefährlich. Und vor allem ließe sich aber mit einem geringen Aufwand enormer wirtschaftlicher Schaden anrichten.
Im amerikanischen Bundesstaat Arizona beispielsweise hatte sich 1996 der Weizenbrand-Pilz Tilletia indica ausgebreitet, der die Körner zu einer schmierig-dunklen, stinkenden Masse verkommen lässt. Innerhalb eines Tages nach der Entdeckung verbannten 32 WTO-Länder den gesamten US-Weizen von ihrer Importliste – der Schaden betrug rund 250 Millionen Dollar. Würde gar in einer der riesigen texanischen Rinderherden Maul- und Klauenseuche ausbrechen, befürchten Wissenschaftler rund 27 Milliarden Dollar Exportverluste. Als die gefährliche Krankheit 2001 in Großbritannien wütete, registrierte man zwar nur 1844 kranke Tiere – aber vorsichtshalber mussten rund 3,5 Millionen Schafe, Schweine, Rinder und Ziegen getötet und auf Scheiterhaufen verbrannt werden. Viele britische Farmer trieb das in den Ruin.
Auf den großen Knalleffekt wie beim Worldtrade-Center müssten Agrarterroristen zunächst verzichten. Der ließe sich später allerdings mit einem Bekennerschreiben herbeiführen: Den Experten wäre es dann anhand von Indizien längst klar, dass die Krankheiten keine natürlichen Ursachen haben. „Wenn beispielsweise zeitgleich und an mehreren, entfernten Stellen Maul- und Klauenseuche ausbräche – dann wäre das für uns ein sehr deutlicher Hinweis auf Terrorismus“, sagt Thomas Mettenleiter von der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere.
Selbst wenn es Terroristen nicht gelänge, eine wirkliche Seuche heraufzubeschwören – schon ein kleiner Anschlag genügt, um die Reputation eines Nahrungsmittels zu zerstören. 1989 beispielsweise gab es in den USA den Verdacht, dass aus Chile mit Zyanid vergiftete Weintrauben eingeführt worden seien. „Es ging um eine einzelne Fracht, auf die die Zöllner sogar gezielt aufmerksam gemacht worden waren“, sagt Professor von Witzke. „Trotzdem brach der Markt für sämtliche chilenische Früchte zusammen, die Leute waren hysterisch.“ Der Schaden betrug rund 210 Millionen Dollar.
Neu ist die Idee des Agrarkriegs ohnehin nicht. Praktisch jedes Biowaffenprogramm der jüngeren Vergangenheit verfügte auch über Agar-Waffen. Im ersten Weltkrieg versuchten deutsche Agenten, Pferde mit Malleus oder Milzbrand zu infizieren, die die USA nach Europa verschiffen ließen. Die Nazis experimentierten mit dem Abwurf von Kartoffelkäfern, dem verheerenden Getreiderost und Maul- und Klauenseuche als Offensivwaffe. Großbritannien hatte vorsorglich fünf Millionen getrocknete, mit Milzbranderregern infizierte Kuhfladen eingelagert. Und Japans Flugzeuge ließen nutzpflanzenschädliche Pilzsporen und Bakterien über Teilen Chinas und Sibiriens hinunterrieseln.
Im Kalten Krieg rüsteten vor allem die Sowjetunion und die USA auf. Als die Amerikaner 1969 ihren Verzicht auf Biowaffen erklärten, verfügten sie unter anderem über 30.000 Tonnen Schwarzrost-Sporen, zum Abwurf über sowjetischen Feldern. Für einen Angriff auf China hatten sie eine Tonne „Rice blast“, eine hochansteckende Pilzart, gebunkert – und errechnet, dass die Bevölkerung bei einer Zerstörung der Reisernte mit bis zu 80 Prozent weniger Kalorien auskommen müsste.
Eine derart massive Ertrags-Vernichtung könnte auch heute nur Armeen durchführen – doch das Biowaffen-Übereinkommen von 1972 verbietet diese Art von Kriegsführung. „Nationalstaaten halten sich vielleicht an Abkommen – Terroristen aber nicht. Inzwischen geht die Gefahr von ihnen aus“, sagt Harald von Witzke.
Und natürlich gibt es Möglichkeiten, an Sporen, Viren oder Bakterien zu kommen. Vor dem 11. September hatte ein amerikanischer Wissenschaftler 17 Labore nach ihren Lieferbedingungen für Pflanzenpathogene gefragt. Ein Drittel antwortete, sie würden innerhalb des gleichen Staats keine Dokumente einfordern. Inzwischen wurden die Richtlinien verschärft – zumindest in den USA. Bei ansteckenden Tierseuchen gelten in den Industrieländern sowieso strenge Sicherheitsregeln.
Doch selbst wenn die Labore nicht liefern: Viele gefährliche Erreger finden sich in freier Natur. Theoretisch wären einige sogar für Anschläge gegen Menschen geeignet – nur würde dies anspruchsvolle wissenschaftliche Kenntnisse erfordern. Für Lungen-Milzbrand beispielsweise müssen Menschen die Sporen tief einatmen, was eine komplizierte Präparation erfordert; und Terroristen riskieren wegen der hohen Ansteckungsgefahr selbst ihr Leben. Milzbrand bei Tieren heraufzubeschwören, ist hingegen ungefährlich und verhältnismäßig einfach: Im Nahen Osten oder in Teilen Afrikas und Südamerikas ist die Seuche keineswegs ausgerottet. Die Sporen halten sich jahrzehntelang im Boden, mit dem verseuchten Gras lassen sich Rinder infizieren.
Irgendwo auf der Welt findet sich auch immer Weizen mit ansteckendem Pilzbefall – oder an Maul- und Klauenseuche erkrankte Herden. „MKS ist das Paradebeispiel für eine mögliche Attacke, ein Ausbruch bei uns wäre verheerend“, sagt der Biowaffen-Experte Jan van Aken. „Will man so etwas erreichen, fährt man auf die Philippinen, gewinnt das Vertrauen der richtigen Leute und gelangt zu infizierten Tieren. Zugegeben, ich würde das nicht schaffen und ein deutscher Spinner auch nicht. Aber für eine Terror-Gruppe wäre es kein Problem. Die fliegt dann seelenruhig mit den Erregern in der Tasche nach Hause.“
Der Virus hält sich hartnäckig an scheinbar harmlosem Material: In trockenem Stallmist bleibt er 14 Tage höchst ansteckend, an Rinderhaaren bis zu vier Wochen. Vor drei Jahren ist die Krankheit in Japan ausgebrochen, weil in den Ställen infiziertes Stroh aus China benutzt wurde. Derartig unauffällige Mini-Bomben lassen sich durch den Zoll schmuggeln oder sogar mit der Post schicken.
Es ist beispielsweise Farmern in Neuseeland problemlos gelungen, Caliciviridae-Erreger ins Land einzuführen. Nicht für terroristische Anschläge – sondern um damit eine Kaninchenseuche auszulösen und die lästigen Nager auszurotten. Auch als Laien schafften sie es, Gemüse mit den Viren zu versetzen und damit die Tiere anzustecken.
Mit dem „Bioterrorism Act“ sind die USA das einzige Land, das explizit auf die Gefahren von Agrar-Terrorismus reagiert hat. Es sollen mehrere hunderttausend Dollar in spezialisierte Forschungseinrichtungen investiert werden. Man hofft, Frühwarnsysteme entwickeln zu können. Und die Kontrollen an den Grenzen werden deutlich verschärft: Künftig müssen sich sämtliche Betriebe registrieren lassen, die Lebensmittel herstellen oder verbreiten – auch wenn die Europäer wegen der „kostspieligen Lasten für die Exporteure“ Sturm laufen. Die USA wollen so verhindern, dass vergiftete Lebensmittel eingeschmuggelt werden. Oder verseuchtes Saatgut, das Pflanzenepidemien auslösen würde. Oder Erreger, die für Agrar-Terroranschläge missbraucht werden können.
Und in Deutschland? Da ist von Sicherheitsvorkehrungen und zusätzlichen Kontrollen nichts zu spüren. „Bei uns ist Gefahrenabwehr ständiger Bestandteil der Arbeit“, erklärt ein Sprecher des Bundesverbraucherministeriums. „Wir reden bloß nicht so viel darüber – bei uns wird geräuscharm gehandelt.“
Professor von Witzke bezweifelt das. Er glaubt, dass Deutschland völlig überfordert wäre, wenn eine Seuche an mehreren Stellen ausbräche – und dass man sich gezielt über die besser funktionierenden, äußerst schlagkräftigen Systeme informieren müsste, wie es sie in Holland oder den USA bereits gibt. „Unsere Regierung schafft es nicht, einen funktionierenden Kontroll-Mechanismus einzurichten“, sagt er. „Wir hätten keine Antwort, wenn bei uns ein Anschlag geschehen würde. Der Bund kann sich herausreden, so etwas sei Ländersache – aber es muss doch übergreifend organisiert werden.“
Professor Thomas Mettenleiter von der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere hofft, dass genau dies eine künftige „Task Force Tierseuchenbekämpfung“ leisten könnte, die derzeit eingerichtet wird – nicht wegen einer möglichen Agrarterror-Gefahr, sondern als Reaktion auf den Maul- und Klauenseuchen-Ausbruch in Großbritannien. „Noch ist nicht alles ideal, aber wir sind dabei, unsere Lektion zu lernen“, sagt er vorsichtig.
Dem Biowaffen-Experten Jan van Aken geht das nicht weit genug. Er fordert die Einrichtung einer übergeordneten Forschergruppe, die sämtliche Aspekte von biologischen Waffen im Auge behalten könnte. „In Deutschland wird immer nur ad hoc reagiert“, klagt er. „Es ist fatal, dass mal schnell 200 Millionen Euro für Pockenimpfstoff ausgegeben werden. Mit einem Bruchteil davon könnte man eine Gruppe einrichten, die wirklich intelligent und sinnvoll reagiert – und rechtzeitig vor Gefahren warnen könnte – wie zum Beispiel beim Agrar-Terrorismus.“