Tulpenwahnsinn in Holland

> Dela Kienle

P.M. History (7/2014)
Im 17. Jahrhundert sind die Holländer plötzlich verrückt nach Tulpen. Jeder will sie haben, die Blume wird zum wichtigsten Statussymbol. Züchter und Spekulanten werden schwerreich durch den Verkauf. Doch dann platzt der Traum. Es ist der erste Börsencrash der Geschichte – und er hat erschreckende Ähnlichkeit mit heutigen Krisen.


Bald soll die Auktion beginnen. Aus den ganzen Niederlanden sind Spekulanten nach Alkmaar gereist, mit Gier im Herzen und Geldbündeln in den Taschen. Jetzt drängen sie sich um den eigens gemalten Verkaufskatalog: Knapp hundert Tulpenzwiebeln werden heute versteigert… braune, unansehnliche Knollen. Noch schlummern sie unerreichbar in der gefrorenen Erde, doch Aquarelle zeigen, welch wundersame Blüten im Frühjahr aus ihnen sprießen werden. Es ist der 5. Februar 1637 – der Höhepunkt des niederländischen Tulpen-Wahns. Als die Versteigerung beginnt, übertrumpfen sich die Spekulanten. 300 Gulden für eine einzelne Zwiebel – das Jahresgehalt eines Handwerkers. 400 Gulden! 600! Eine einzige „Vicheroy“-Zwiebel wechselt für 4200 Gulden den Besitzer, und eine „Admirael van Enkhuyzen“ bringt ungeheuerliche 5200 Gulden ein. Es ist der höchste gesicherte Verkaufspreis, der je für eine Tulpe erzielt wurde. Die Spekulanten wollen nicht wahrhaben, dass die Dauer-Hausse zu Ende geht: Im nur 40 Kilometer entfernten Haarlem haben zwei Tage zuvor erstmals Tulpen keine begeisterten Abnehmer mehr gefunden – und die dortigen Händler beginnen, in Panik zu verkaufen…

Heute gilt der Tulpenwahn als erste Spekulationsblase – und als wohl bizarrste Episode der niederländischen Geschichte. Vor dem Crash im Februar 1637 verfielen tausende bodenständige Kaufmänner und Handwerker den exotischen Blumen. In der Hoffnung auf Traumrendite verpfändeten sie Gerätschaft und Webstühle und trieben die Preise von Tulpenzwiebeln in die Höhe, bis diese vielfach teurer waren als ihr Gegengewicht in Gold. Es war eine Zeit, in der auch die Armen in den Niederlanden von plötzlichem Reichtum zu träumen wagten. Seit dem Spätmittelalter war der Fernhandel erstarkt, waren erste Banken gegründet worden und war eine Frühform von Handelskapitalismus entstanden. Die nördlichen Niederlande mischten früh entschlossen mit: Ab dem 16. Jahrhundert überflügelten sie die Konkurrenz im bedeutenden Ostseehandel, dank neu entwickelter „Flötenboote“, die enorme Ladekapazitäten aufwiesen, aber trotzdem von wenigen Seemännern gesteuert werden konnten. Vor allem der Import von – anschließend teuer weiterverkauftem – Getreide bescherte Amsterdam eine erste Blüte. Den endgültigen Aufschwung ermöglichte jedoch erst die Freiheit: Die calvinistischen Niederländer begehrten erfolgreich gegen ihre katholischen spanischen Herren auf, und 1581 schlossen sich die nördlichen Gebiete schließlich zur unabhängigen „Republik der Sieben Vereinigten Niederlande“ zusammen. Ohne weiterhin auf Spanien Rücksicht nehmen zu müssen, erkämpfte sich die neu gegründete niederländische Ostindien-Kompanie die Vorherrschaft über eine der wichtigsten Gewürzrouten… und wenige Jahrzehnte später dirigierten die ehrgeizigen, geschäftstüchtigen Holländer eine weltumspannende Handelsmacht.

Die Tulpe ist damals noch ein exotischer Neuling in den Niederlanden – bereit, die wachsende Zahl von Neureichen mit ihren farbigen Blüten zu betören. Ihre Wildform stammt ursprünglich aus Asien und gelangt im Laufe des 16. Jahrhunderts nach Europa. In den Niederlanden macht sie der berühmte Botaniker Carolus Clusius populär: Ab 1593 pflanzt er mit Begeisterung und Geschick Tulpen im Botanischen Garten der Universität Leiden, beschreibt sie wissenschaftlich, züchtet neue Sorten. Teils verschenkt Clusius seine Schätze an andere Liebhaber. Teils stehlen Auftragsdiebe Zwiebeln aus seinen Beeten, denn immer mehr Menschen wollen die seltene Modeblume besitzen. Bei einem einzigen dieser Diebstähle sollen mehr als hundert Zwiebeln ausgegraben worden sein, klagt Clusius in einem Brief.

Kein Wunder: Die begehrte Blume lässt sich nur mit viel Geschick und Geduld vermehren. Aus Samen gezogene Tulpen erblühen erstmals nach etwa sieben Jahren. Und an den meisten Mutterzwiebeln sprießen jährlich nur zwei bis drei winzige Tochterzwiebeln, die sich abtrennen und aufs Neue einpflanzen lassen. Jede neu kreierte Tulpensorte bleibt also Jahre lang selten. Und was sie besonders begehrenswert macht, kann kein Züchter kontrollieren: Wie aus dem Nichts zeigen manche Tulpen im Frühjahr plötzlich ein auffälliges Muster, züngeln zarte rote oder lila Flammen auf den Blütenblättern, die im Vorjahr einfarbig gewesen sind. Niemand ahnt, dass ein Pflanzenvirus die Tulpen so extravagant verwandelt. Doch gleichzeitig schwächt er die Mutterzwiebeln auch, so dass sie noch weniger Nachkommen hervorbringt. Von der seltensten, begehrtesten Tulpensorte „Semper Augustus“ existieren wohl nie mehr als zwölf Zwiebeln gleichzeitig. Laut ungesicherten Berichten wechselt eine „Semper Augustus“-Zwiebel einmal für 10.000 Gulden den Besitzer. Denselben Betrag kostet ein elegantes Grachtenhaus in Amsterdam.

Die calvinistisch geprägte niederländische Gesellschaft lässt damals nur zögerlich die Zurschaustellung von materiellen Gütern zu. Die eleganteste Lösung für Kaufmänner, die während des „Goldenen Zeitalters“ plötzlich zu unerhörtem Reichtum gelangt sind: Tulpen. Ihre zarten Blüten prangen in den neu angelegten Landhausgärten nur wenige Tage pro Jahr – aber jeder kennt ihren Preis. Manche Sorten sie so selten, dass sich selbst mit immensen Summen kaum Zwiebeln auftreiben lassen. Bisweilen stehen deshalb Spiegelkabinette in den Beeten, um die Raritäten optisch zu vervielfachen und ein Blütenmeer vorzutäuschen.

Nach den reichen Liebhabern, die ihre kostbaren Blumen eigenhändig pflegen, verführen die Tulpen bald schon eine zweite Gruppe Niederländer: Professionelle Züchter, die gute Geschäfte machen wollen. Um das Begehren anzufeuern, kreieren sie beständig neue, ausgefallene Sorten, von denen anfangs dann stets nur wenige Exemplare erhältlich sind. Um das Jahr 1630 herum gibt es bereits 500 verschiedene Tulpen in Holland, wobei jeweils nur einige, spezielle Sorten bei den Reichen gefragt sind – während schlichtere Tulpen nun schon verhältnismäßig einfach zu erhalten sind und auch bei weniger Betuchten in Mode kommen. Und so verfällt ab 1634 zunehmen eine dritte Gruppe den neumodischen Blumen: Handwerker und Arbeiter. Sie wollen die Tulpen nicht pflanzen, sondern träumen davon, als Kleinanleger und Spekulanten bequem reich zu werden.

Auch im „Goldenen Zeitalter“ ist der Alltag von Webern, Schmieden und Schreinern entbehrungsreich geblieben. Sie leben beengt, arbeiten 14 Stunden an sechs Tagen der Woche, essen klebriges Graubrot und Gemüse-Stampftopf. Für die Plackerei verdient ein Handwerker vielleicht einen Gulden täglich. Die Vorstellung muss verlockend gewesen sein, eine Tulpenzwiebel im Herbst zu pflanzen, dann einfach abzuwarten… und im Sommer Mutterzwiebel samt Sprösslingen auszugraben und gewinnbringend zu verkaufen. Durch das Interesse der neuen Käufer zieht der Preis nun auch für schlichte Tulpensorten kräftig an. Immer mehr Handwerker steigen in den Handel ein, investieren ihr Erspartes oder verpfänden ihr Eigentum. Der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben – und lässt all diejenigen als Ewiggestrige erscheinen, die dem Anlagemodell Tulpe nicht trauen.

Zunächst findet Tulpenhandel nur in den Sommermonaten statt. Es ist die einzige Zeit, in der die Zwiebeln ausgegraben und tatsächlich einem Käufer übergeben werden können. Als die Nachfrage steigt, gehen die Käufer jedoch immer größere Risiken ein – der sogenannte „Windhandel“ beginnt. Ab dem Herbst 1635 wird es üblich, mit hochspekulativen Terminkontrakten zu handeln. Anstelle einer Zwiebel erhält der Käufer nur noch ein Papier, auf dem steht, welche Tulpe er erworben hat und wann seine Zwiebel – Monate später – aus der Erde geholt wird. Zwar markiert bisweilen ein Schild auf dem Tulpenfeld den Eigentümer. Aber der Käufer weiß nicht, ob die Zwiebel gesund ist und welche Blüte sie tatsächlich hervorbringen wird; deshalb fertigen Auftragskünstler im Frühjahr verkaufsfördernde Tulpenbilder an. Manchmal wechseln Kontraktpapiere bis zu zehn Mal täglich den Besitzer. Angeheizt wird der Boom durch die Tatsache, dass der Käufer ab 1635 lediglich wenige Gulden „Weingeld“ bezahlen muss und die gesamte Verkaufssumme erst bei Übergabe der Zwiebel fällig wird. Die einen verschachern also Tulpen, die sie nicht liefern können an andere, die kaum Bargeld besitzen. Doch das verängstigt die Spekulanten nicht: Bis zum Zahltag wollen sie ihren Tulpenkontrakt längst dem nächsten Glückssuchenden verkauft haben - zu einem deutlich erhöhten Preis, versteht sich.

Amsterdam besitzt damals bereits seit zwei Jahrzehnten eine streng regulierte Börse, in der Profi-Makler mit mehreren hundert verschiedenen Gütern handeln. Tulpen jedoch sind nicht dabei. Sie werden auch nur in Ausnahmefällen bei großen öffentlichen Auktionen verkauft wie am 5. Februar 1637 in Alkmaar. Die fanatischsten Blumenspekulanten sind schließlich keine Finanzprofis, sondern waghalsige Amateure. Als Handelsplatz dienen ihnen die Nebenräume von Gasthäusern. Während des Höhepunkts des Tulpenwahns, im Dezember 1636 und im Januar 1637, hocken sie dort praktisch Tag und Nacht. Tabakspfeifen qualmen, Alkohol fließt. Meist vertrinken Händler und Käufer das obligatorische „Weingeld“ gleich zusammen, um die erfolgreiche Transaktion zu feiern. Die alkoholisierte Atmosphäre, so glauben Historiker heute, dürfte wesentlich zur Unvernunft der Spekulanten beigetragen haben. Möglicherweise erhöht auch die grassierende Beulenpest die Risikobereitschaft der Menschen. Jeder Tag könnte schließlich ihr letzter sein – und so findet wirklich jede Tulpenzwiebel gierige Käufer, selbst die gewöhnlichsten Sorten, die Kenner als vodderij („Lumpenkram“) bezeichnen. Der Preis für einen Korb der unscheinbaren „Gheele Croonen“-Zwiebeln steigt beispielsweise von 20 Gulden im September 1636 auf 1200 Gulden Ende Januar 1637. Innerhalb weniger Monate beträgt er das Sechzigfache! Doch schließlich erreichen die Preise derart schwindelerregende Höhen, dass sich kaum noch neue Spekulanten auf den Markt wagen. Und wer bereits im Tulpenhandel verstrickt ist, beobachtet mit Sorge, dass sich langsam das Frühjahr nähert… und damit der Zahltag. Ist es wirklich schlau, weitere Tulpen zu kaufen?

Der Crash ist unvermeidlich – und trifft die Beteiligten doch wie ein Schock. Es ist der 3. Februar 1637. In einem Haarlemer Wirtshaus hat sich, wie fast täglich, eine Spekulantenhorde eingefunden. Zum Auktionsauftakt bietet ein Händler ein Pfund „Witte Croonen“-Zwiebeln an. Wer bietet 1250 Gulden? Es ist kein ungewöhnlich hoher Preis, noch tags zuvor hätten sich leicht mehrere Käufer gefunden… Doch nun hebt niemand die Hand. 1100 Gulden? Vielleicht für 1000 Gulden? Niemand? Statt weinseliger Feierlaune herrscht plötzlich Stille. Den Spekulanten dämmert, dass die Tulpenpreise nicht einfach weitersteigen werden – sondern dass sie fallen, schnell und gnadenlos. Die Nachricht macht die Runde in Haarlems Wirtshäusern. Von dort verbreitet sie sich innerhalb weniger Wochen in den übrigen Provinzen. Keiner will auf seinen Tulpenkontrakten sitzen bleiben… doch kaum jemand findet noch Käufer.

Die meisten Zwiebeln, so schätzt man heute, verlieren mindestens 95 Prozent an Wert. Während im Frühjahr 1637 die Tulpenblüten leuchten, bangen tausende Anleger um ihre Existenz. Laut den Windhandel-Verträgen müssen sie schließlich den völlig überteuerten Kaufpreis bezahlen, sobald die Zwiebeln nach der Blüte ausgegraben werden. Die Summen jedoch übersteigen bei weitem den Besitz der Verzweifelten. Die Tulpenzüchter hingegen fordern zumindest zehn Prozent des vereinbarten Preises – vergeblich. Letztlich versucht die Obrigkeit, vollständiges Chaos zu verhindern. In vielen Städten bilden sich Schlichtungskommissionen. In Haarlem setzt beispielsweise der Stadtrat im Mai 1638 fest, dass die ehemaligen Spekulanten sich aus ihren Verträgen befreien können, indem sie 3,5 Prozent der ursprünglich vereinbarten Kaufsumme als Strafgebühr bezahlen.

Nicht nur finanziell erweist sich der Tulpenwahn für die Beteiligten als Desaster: Sie müssen auch mit dem hämischen Spott ihrer Nachbarn leben, die ihnen die Spekulationsgewinne stets geneidet hatten. Schmähschriften über die verführerische „Gartenhure“ Flora und ihre verrückten Anhänger machen die Runde. Berühmt ist bis heute ein Gemälde von Jan Brueghel, auf dem Affen mit Tulpenzwiebeln schachern. Bei einer anderen Darstellung treiben die Spekulanten ihre Geschäfte unter einer hausgroßen Narrenkappe. Und um ja keine Zweifel unter den Zeitgenossen aufkommen zu lassen, steht darunter: „Darstellung des seltsamen Jahres 1637, als der eine und der andere Narr den Plan ausheckte, ohne Fähigkeit reich und ohne Verstand weise zu werden.“