Die Staatsfeindin

» Eva Lehnen

Annabelle, 25. August 2010

Eine Hausfrau ist der Schrecken der jemenitischen Regierung. Denn Jane Novaks Blog gibt der Bevölkerung des arabischen Landes eine Stimme. Täglich deckt die Amerikanerin Missstände auf – obwohl sie noch nie einen Fuss in den Jemen gesetzt hat.

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Wenn Jane Novaks Wecker morgens um 6.45 Uhr klingelt, ist es noch dämmrig draußen in Monmouth County, New Jersey. Ihr Mann, der auf einer Baustelle in Manhattan arbeitet, ist schon seit über einer Stunde aus dem Haus und wie immer weckt Jane Novak zuerst ihren 10-jährigen Sohn, dann die 14-jährige Tochter und läuft dann schnell runter in die Küche, backt Waffeln und bestreicht Bagels und schenkt jedem Kind ein Glas Orangensaft ein. „Habt ihr eure Bücher?“. Zwei schnelle Küsse. „Goodbye Mom“. Dann biegt der gelbe Schulbus um die Ecke. Jane Novak setzt eine Waschmaschine an, macht die Betten und schreibt eine Einkaufliste für den Supermarkt. Dann steigt sie die Treppe runter in den Keller in ihr Arbeitszimmer. In Gold gerahmte Kinderfotos, Hochzeitsbilder und andere Familienaufnahmen hängen über Jane Novaks Schreibtisch. Vor dem Fenster liegt der tiptop gepflegte Garten der Novaks – ein amerikanisches Familienidyll. Jane Novak öffnet den Deckel ihres Laptops. Jetzt ist die 48-Jährige Staatsfeindin Nr. 1.

So denkt jedenfalls die Regierung in Sana´a, der Hauptstadt des Jemen. Jane Novaks Blog, „Armies of Liberation“ hat sie sperren lassen, das Volk soll sich nicht weiter kirre machen lassen von den Artikeln einer amerikanischen Hausfrau. Doch die Macht der Zensoren hat ihre Lücken. Im zerklüfteten Bergland im Norden des Landes, in der Hauptstadt oder in den Wüstentälern des Hadramaut – überall im Jemen haben die Menschen schon von „Jane“ gehört. An manchen Tagen erreichen Jane Novak bis zu 400 Emails aus dem Süden Arabiens. Hilferufe, Dankesmails, und Beweisfotos all des Grauens, das in bitterarmen Jemen Tag für Tag geschieht – und über das Jane Novak schreibt.

Dabei hat die Amerikanerin den Jemen noch nie besucht, spricht die Sprache des Landes nicht und hat noch nie einem Jemeniten persönlich die Hand geschüttelt. Und doch kennt Jane Novak den Jemen so gut, dass renommierte Nahostexperten und Politikwissenschaftler aus Novaks Artikeln und Analysen zitieren. Der Fernsehsender CNN und die BBC haben die zweifache Mutter interviewt, die „New York Times“ hat ihr ein Porträt gewidmet. Und in allen Beiträgen schwingt die Bewunderung, aber eben auch die Verwunderung mit, dass eine ganz normale Frau den Jemen, der dem Westen neuerdings als Brutstätte islamistischen Terrors große Sorgen bereitet und mit einer verwickelten Geschichte und unübersichtlichen Stammesgesellschaft, zu den komplexesten Ländern der Welt zählt, so gut überblickt.

„Die Regierung im Jemen lässt Al Qaida-Leute frei herumlaufen, während sie zum Beispiel regimekritische Journalisten ins Gefängnis steckt. Das ist doch verrückt“, bemerkte Novak schon sorgenvoll, während die Staatschefs im Westen, gebrieft von riesigen Beratungs-Stäben, die jemenitische Regierung als „Alliierten im Kampf gegen den Terror“ großzügig mit Waffen, Militärausbildern und Geld unterstützen. Völlig ungeachtet der Tatsache, dass sich Staatspräsident Ali Abdullah Saleh von einem Sheik beraten lässt, der von den USA als „specially designated global terrorist“ eingeschätzt wird und auch ansonsten enge Verbindungen zu Dschihadisten pflegt. Verkehrte Welt, die sich immer erst dann wundert, wenn es zu spät ist.

Jane Novak bloggt über die Schattenseiten des jemenitischen Regimes, die Korruption, die Unterdrückung, die Zensur, die mörderische Gewalt mit der Salehs Truppen gegen die eigene Bevölkerung im unruhigen Land vorgehen – Jane Novak macht all das öffentlich. „Ich will Leute, die von ihrer eigenen Regierung mundtot gemacht werden, ein Stimme geben. Ich will der jemenitischen Bevölkerung ein Gesicht geben. Denn was wissen Amerikaner oder Europäer, was weiß die Welt denn schon über den Jemen?“ Auf Jane Novaks Festplatte befinden sich die Fotos von verstümmelten Kinderleichen, von achtlos am Straßenrand weggeworfenen Erwachsenenkörpern. „Manchmal muss ich mich richtig zwingen mal ein seichtes Buch zu lesen oder einfach nur durchs Fernsehen zu zappen, denn sonst würde ich durchdrehen.“

Mindestens sechs Stunden am Tag bearbeitet Novak ihre Emails und surft arabische Zeitungen und Webseiten im Internet ab. Alle Meldungen, die sie über den Jemen finden kann, lässt sie sich vom Übersetzungsprogramm ihres Computers ins Englische übersetzen, recherchiert gegen und fügt all diese Puzzel-Stücke, die sie täglich sammelt, zu einem Gesamtbild, zu einer äußerst präzisen Innenansicht des geheimnisvollen Jemen zusammen.

Was wissen wir schon? Es ist unangenehm darüber nachzudenken, denn Jane Novak hat recht: Was wissen wir schon? Die meisten von uns reihen den Jemen – seit herauskam, dass der Flugzeugattentäter, der am 26. Dezember vergangenen Jahres versuchte, einen Northwest Airlines Flug mit knapp 300 Passagieren an Board, im Landeanflug auf Detroit in die Luft zu sprengen, im Jemen ausgebildet wurde – in die Liste jener Staaten ein, aus denen Terroristen kommen. Pakistan, Afghanistan – und jetzt eben auch Jemen. Unsere Angst vor ein paar hundert Extremisten ist so groß, dass wir überhaupt keinen Blick mehr haben, für all die anderen Millionen Menschen, die außerdem in den von uns ausgemachten „Terrorstaaten“ leben. Wer weiß schon, dass im Jemen ein Drittel der Bevölkerung von weniger als 1,50 Euro am Tag leben muss? Das 40 Prozent der Bevölkerung keine Arbeit haben und nur jeder Zweite Lesen und Schreiben kann? Und so viele vor der eigenen Regierung zittern?

Die Geschichten und Schicksale der ganz normalen Leute, die Jane Novak publik macht, sind es, die einem so viel mehr über den Jemen und Nahost erzählen, als so manche politische Analyse eines studierten Islam-Experten. „Wenn es um Muslime geht ,wird so oft einfach nur stereotypisiert“, mahnt Novak. „Das ganze Denken, dass der Islam Gewalt bringe, ist fatal, und wenn es so weitergeht, ist irgendwann auch keine Versöhnung mehr möglich. Durch meinen Blog und meine Artikel bin ich mit so vielen Muslimen in Kontakt. Das sind so warme und freundliche Menschen und sie sind vollkommen gegen Terrorismus.“

Jane Novaks Interesse an der arabischen Welt, zunächst gar nicht mal nur am Jemen, ist erwacht, als am 11. September 2001 50 Meilen von ihrem Zuhause entfernt, die Zwillingstürme des World Trade Center zusammenbrechen. Von ihrem Garten aus kann Novak die riesige Rauchwolke sehen, die über der Südspitze Manhattans emporsteigt und den Himmel verdunkelt. „Zuerst war ich starr vor Schreck“, erinnert sie sich – doch dann trifft Jane Novak eine Entscheidung, die dem Reflex, von dem sich so viele in diesen Zeiten leiten lassen, völlig widerspricht. Novak glaubt nicht an die simplen Worte ihres Präsidenten George W. Bush, der die Welt nach den Attentaten in zwei Lager teilt: „Entweder ihr seid für uns oder ihr seid für den Terrorismus“. Jane Novak wird keine von denen, die fortan in jedem Gemüsehändler mit Turban einen potentiellen Terroristen vermuten. Stattdessen setzt sie sich an ihren Computer und fängt an zu googeln. „Ich wollte mehr über den Nahen Osten erfahren. Ich wollte wissen: Was sind das für Leute, wie leben sie?“ Während der Graben zwischen dem Westen und der arabischen Welt immer tiefer und immer breiter wird, sucht Jane Novak nach einer Stelle, über die sich ein Brücke bauen lässt. „Ich dachte, Mütter sind Mütter, egal, wo sie auf der Welt leben und an welchen Gott sie glauben. Jede Mutter will, dass ihr Kinder in Frieden und Freiheit aufwachsen können.“

Und so beginnt Jane Novak, über Frauen in der arabischen Welt zu recherchieren, zunächst nur für sich, dann schreibt sie ihre ersten Artikel. Schnell wird ihr klar, dass sie ein Privileg hat, dass viele andere Menschen nicht haben: ihre Meinung frei zu äußern. Sie stößt auf das Schicksal des jemenitischen Journalisten, Abdulkarim Al-Khaiwani, dem die Todesstrafe droht, weil er regimekritisch berichtet hatte. Novak startet online ein Unterschriftensammlung, der internationale Druck auf die jemenitische Regierung wird schließlich so groß wird, dass Al-Khaiwani wieder freikommt. Novak hilft, Al-Khaiwanis Leben zu retten. Das Leben eines ihr unbekannten Mannes. Und Novak lässt nicht locker. „Je mehr ich über den Jemen herausfand, über das himmelschreiende Unrecht, das dort herrscht, desto dringender wollte ich der Welt davon erzählen.“

Seit 2004 nun bloggt Novak ausschließlich über den Jemen. Ihre Artikel werden außerdem in arabischen Zeitungen veröffentlicht. Ihre Nachbarn und Bekannten erfuhren von Jane Novaks Blog erst, als die „Asbury Park Press“, die Lokalzeitung, über die Frau von nebenan berichtete. Und auch ihre eigene Familie musste sich erst einmal dran gewöhnen, was die Ehefrau und Mutter dort unten im Keller tut. „Mein Mann konnte anfangs überhaupt nicht verstehen, warum ich diesen Blog habe. Er hatte das Gefühl, dass ich Amerika in den Rücken falle. Dabei weiß ich, dass es im Nahen Osten viele Menschen gibt, die Amerika hassen, auch im Jemen. Aber sie zurück zu hassen, das Leid Millionen Anderer deswegen zu ignorieren, ist doch kein Weg. “ Ab und zu liest Novak ihrem Mann die Emails vor, die sie aus dem Jemen bekommt. Zeilen – oft in gebrochenem Englisch verfasst – aber voller Dank, dass da eine ist, die sich kümmert. „Mittlerweile ist meine Familie stolz auf mich, aber manchmal ist es ganz schon schwer, so weit weg zu sein.“ Jane Novak und die Menschen im Jemen trennen Tausende von Kilometern. „Natürlich würde ich gerne mal alle, die mir schreiben persönlich treffen“, sagt Novak. Doch zweierlei Dinge halten sie davon ab, in den Jemen zu reisen. Einmal die praktische Überlegung, dass dann keiner auf Sohn und Tochter aufpasst. Vor allem aber ist es die Angst, die sie zurückhält. Wie sehr die jemenitische Regierung die Amerikanerin hasst – daran wurde Novak vor Kurzem erst wieder erinnert, als ihr jemand den Cartoon aus der jemenitischen Zeitung „Addustoor“ zuspielte. Jane Novak ist darin als Löwin dargestellt, der ein Stock mit einem Totenkopf in den Rücken gerammt wurde. Ein Dollarschein hängt ihr aus dem Hals. „Gin Novak Mom“ steht auf dem Tierkörper geschrieben. Geld, Alkohol – die Laster des Westens? „Ich weiß es nicht genau, aber als ich den Cartoon gesehen habe, ist es mir eiskalt den Rücken runter gelaufen“, antwortet Novak. „Zuerst. Doch dann habe ich gedacht, dass der Cartoon doch eigentlich nur beweist, wie sehr mich das Regime fürchtet und, dass meine Arbeit wichtig ist und wahrgenommen wird.“

Doch jetzt muss Jane Novak los. Ihr Sohn muss jetzt zu den Pfadfindern gebracht werden und ihre Tochter zum Gitarren-Unterricht. Aus Jane Novak der Staatsfeindin wird nun wieder Jane Novak, die zweifache Mutter und Hausfrau aus New Jersey, die gleich auch noch in den Supermarkt muss.