Ein Lied geht um die Welt

Stern, 20. Dezember 2007
Jeder kennt es, jeder singt es. Sogar in China und der Südsee: Stille Nacht, heilige Nacht. Vor fast 200 Jahren entstand der weihnachtliche Gassenhauer im Salzburger Land. Eine Reise auf den Spuren des ewigen Hits

Die Aussichten sind hervorragend: Im Sommer flogen ungewöhnlich viele Wespen über den Almwiesen umher, die Blätter der Lärchen färbten sich früh im Jahr goldgelb, und Ende Oktober schon gab es den ersten Schnee. Wenn die Bauernregeln stimmen, und das hoffen die Wagrainer, müsste dieser Winter ein großer werden. In den Gasthöfen des Ortes sind die Daunenbetten aufgeschüttelt, im Sporthotel dampfen die Saunen, oben auf dem Berg haben die Lifte ihren Betrieb aufgenommen. Man ist froh, dass Wagrain Anschluss an die "Skiwelt Amadé" mit ihren rund 860 Pistenkilometern hat. Der Wintertourismus bringt das nötige Geld in die 3000-Seelen-Gemeinde. Ab Weihnachten soll das Geschäft brummen. Doch das Herz der Einheimischen gehört einem anderen Winterzauber: einem Lied, fast zwei Jahrhunderte alt, in das weltweit - so hat man errechnet - zwei Milliarden Menschen einstimmen können und das hier im Salzburger Land entstanden ist: "Stille Nacht, heilige Nacht".

Selbst auf der SüdseeInsel Samoa erklingt das Weihnachtslied inzwischen, im Fernen Osten hat man den deutschen Text in chinesische Schriftzeichen übertragen, und sogar die Eskimos in der Arktis stimmen Weihnachten "Jutdlime Kimsugtut" an. In mehr als 300 Sprachen und Dialekte wurde "Stille Nacht" bislang übersetzt, katholische und protestantische Missionare und umherziehende Sänger haben schon früh das Lied von Österreich in aller Herren Länder gebracht und zu einem Welthit gemacht. Wäre den Schöpfern des Liedes, dem Hilfspfarrer Joseph Mohr und dem Aushilfsorganisten Franz Xaver Gruber, heutzutage ein ähnlicher Erfolg gelungen, sie wären Milliardäre. Als Joseph Mohr, der Texter, hingegen im Winter 1848 hier in Wagrain auf dem Friedhof vor der Kirche beerdigt wurde, war er bitterarm, sein Erbe reichte nicht einmal aus, um damit sein Grab zu bezahlen. Den Erfolg seines Liedes hat Mohr nicht mehr erlebt - im Gegenteil, als er und sein Freund Gruber "Stille Nacht" am Heiligen Abend des Jahres 1818 uraufführten, war das vielleicht eher eine Notlösung: Der Legende nach war die Kirchenorgel kaputt, und damit die Christmette nicht ohne Musik stattfinden musste, brachte Mohr seinem Freund Gruber die selbst gedichteten Textzeilen. Der schrieb eine Melodie für Chor, zwei Solostimmen und Gitarre dazu.

Mohr wollte seinen Schäfchen in diesen kalten Tagen des Winters 1818 eine kleine Freude bereiten. Wenigstens für eine kurze Zeit sollten sie Hunger, Armut und die Folgen der Napoleonischen Kriege vergessen können. Seinen Vorgesetzten war der unkonventionelle junge Hilfspriester jedoch ein Ärgernis. Mit deutlichen Worten beschwerte sich der Pastor Georg Heinrich Nöstler über Mohr: "Sein Wesen ist noch jugendlich unbesonnen, burschenmäßig geht er mit der langen Tabakpfeife und dem Beutel an der Seite über die Gasse, er spielt und trinkt und singt oft nicht erbauliche Lieder." "Dabei liegt der Zauber von `Stille Nacht` ja gerade in seiner Botschaft. Mohr hat ein Friedenslied geschrieben und traf damit offensichtlich nicht nur den Nerv der Leute damals, es ist auch heute noch aktuell", sagt Bertl Emberger. Der 68-jährige Wagrainer ist so etwas wie der Schutzpatron des berühmten Weihnachtsliedes, ein respektabler Mann mit dem Titel eines Honorarkonsuls der Republik Slowenien.

In Wagrain kennt ihn jeder. Seit neun Jahren ist Emberger nun schon Präsident der Stille Nacht-Gesellschaft, die sich die Forschung über die Entstehungsgeschichte und die Verbreitung des Liedes zur Aufgabe gemacht hat - und darüber wacht, dass damit kein Unfug veranstaltet wird. "Das Thema ist ernst", sagt Emberger und schaut streng über den Rand seiner goldenen Lesebrille. Dass "Stille Nacht" heute schon weit vor Weihnachten in Kaufhäusern, in Fußgängerzonen oder in Telefonwarteschleifen rauf und runter gespielt wird, na gut, "auch wenn das Lied eigentlich viel zu schade ist, allzu oft gesungen zu werden".

Was Emberger aber richtig auf die Palme bringt, sind stillose Vertonungen. Zwar haben er und seine Gesellschaft rechtlich keine Möglichkeiten, aber wenn es sein muss, hängt Emberger sich gern auch persönlich ans Telefon, um die Frevler zurück auf den Pfad der Tugend zu führen. Respekt vor Mohrs Werk, bitte schön!

Für die Einheimischen ist es ein Balanceakt, mit dem Erbe Mohrs und Grubers umzugehen. Einerseits sind sie stolz, dass ein so wichtiges Lied, mit dem sich sogar Wissenschaftler auf internationalen Symposien auseinandersetzen, aus ihrer Gegend kommt, und wollen die Popularität gern nutzen. Andererseits ist ihnen das Lied aber auch heilig. In diesem Jahr haben sich all die Orte, die mit der Entstehung des Liedes zu tun haben, im Salzburger Land zu "Stille Nacht-Gemeinden" zusammengeschlossen: Oberndorf, Arnsdorf, Salzburg, Hallein, Mariapfarr und Wagrain. "Es ist höchste Zeit, dass Stadt und Land Salzburg touristisch endlich mehr aus dem Thema `Stille Nacht` machen", sagt Ernst Kronreif, der Chef der Arbeitsgemeinschaft Stille Nacht-Gemeinden.

Wie empfindlich andere darauf reagieren, musste der umtriebige Österreicher aber auch schon zur Kenntnis nehmen. Als Kronreif im November dieses Jahres zum 220. Geburtstag des Komponisten Franz Xaver Gruber in Hallein eine große Feier organisieren wollte, mit Festakt, Salutschüssen, Kartoffelgulasch und Freibier für alle, funkte ihm der Hauptmann der Halleiner Ehrengarde dazwischen. Kronreifs Plan, "Stille Nacht" am Ende des Festakts mehrsprachig aufführen zu lassen, sei ja gut und schön, aber dass am Schluss die deutsche Fassung gesungen werden soll? Vier Wochen schon vor Heiligabend? Auf gar keinen Fall!

Auch in Oberndorf, wo auf einem kleinen Hügel die weiße Stille Nacht-Kapelle mit der runden Kuppel steht, hat man gelernt, dass das Lied zu viel Kommerz nicht verträgt. Vor einiger Zeit hatte sich der spanische Startenor José Carreras in dem kleinen Städtchen an der deutsch-österreichischen Grenze angemeldet, um dort - wo "Stille Nacht" einst uraufgeführt wurde - seine Interpretation auf DVD aufzunehmen.

Weil kein Schnee lag, rückte die örtliche Feuerwehr an, um die Kulisse mit Löschschaum zu verschönern. Das Ende vom Lied: Nach Carreras Auftritt wurden die Bäume krank und erholten sich nur langsam von dessen Besuch. In diesem Jahr hoffen die Oberndorfer auf echten Schnee. Alle Jahre wieder versammeln sich Punkt 17 Uhr am Heiligen Abend vor der Kapelle die Einheimischen und einige Busladungen Touristen.

Die Kapelle ist dann festlich illuminiert, Goldhauben-Frauen und die Schiffergarde marschieren auf. Und wenn schließlich das Weihnachtsevangelium gelesen und der Segen verteilt ist, dann hebt er an, der Chor: "Stille Nacht, heilige Nacht". Eine feierliche Ruhe breitet sich aus, wenn die letzte Strophe gesungen ist und die Stimmen im Dunkeln verklungen sind. Weihnachten! Und nicht nur in Oberndorf kann man an diesem Abend den Zauber spüren, den Mohr und Gruber der Welt geschenkt haben.