Verena Lugert studierte Literatur in München, Valencia und Lissabon. Zwei Jahre war sie Dozentin an den Universitäten von Shanghai und Kuala Lumpur, dann absolvierte die Henri-Nannen-Schule und war Stipendiatin in Peking. Anschließend war sie Redakteurin bei Neon.
Heute arbeitet sie frei im Hamburger Plan 17-Büro, schreibt Reportagen und betreut die Literaturseiten von Neon und Annabelle. Ihre Kunden sind Stern, Neon, Merian, Brigitte, Annabelle, Für Sie. Außerdem unterrichtet sie seit 2006 Reportage an der Journalistenakademie der Konrad Adenauer Stiftung und ist Dozentin für Literaturkritik an der Hochschule Ansbach. Sie spricht fließend Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Außerdem Französisch und Indonesisch.
Verena Lugert lebt in Hamburg und auf Bali, Indonesien.
Rita ist streetsmart und und liebenswert und beängstigend. Wie ein Raubtier sorgt sie für ihre Kinder, geht um ein Uhr nachts zu Bett um ab sechs wieder ihren täglichen Sisyphos-Felsen auf ihre mädchenschmalen Schultern zu packen. Kinder wecken, Frühstück, Pausenbrot, Katzen füttern, die Kinder zur Schule bringen, eines ist krank, muss zum Arzt, zu Hause Wäsche machen, putzen, aufräumen, kochen, Tierarzt, dazwischen Sozialamt, Probleme erklären, Probleme ausräumen, Probleme aussitzen, rauchen, rauchen, rauchen, gleich müssen die Kinder aus den verschiedenen Schulen abgeholt werden und abgefüttert, das Geschrei ist ohrenbetäubend, dazu läuft der Fernseher, wieder rauchen. Kinder bändigen, an den Tisch setzten, rechnen, überlegen, wie es diesmal reichen soll, das Budget ist wie eine zu kurze Bettdecke, zieht man da, friert es einen dort, gibt man dem einen die fünf Euro für das Schultheater, fehlen sie wieder da, also von vorne. Abendessen machen, die Kinder sitzen vergnügt auf der Wohnzimmercouch, vor jedem steht ein Teller Suppe, Rita räumt den Tisch ab, sie hat nichts gegessen, sie hat eigentlich den ganzen Tag noch nichts gegessen. Sie verbindet zwei Katzen die Pfoten, die habe angefangen Nägel zu kauen, sie gibt Michael gegen seine Angina ein Antibiotikum, und alle vier Knaben kriegen Zappelin, ein homöopathisches Anti-ADS-Durchknall-Mittelchen auf die rosa Zünglein geträufelt. Es ist laut, in vier Zweikämpfen werden die Kinder gleich bettfertig gemacht, noch starren sie auf den Fernseher.
Auch die vier Katzen haben ihre Augen auf den Bildschirm geheftet, die Mutterkatze und dir drei Jungen. „Eigentlich waren es auch vier Katzenkinder“, sagt Rita, „so wie bei mir.“ Aber die Mutterkatze hat gemerkt, dass ihr die Milch nicht für vier sondern nur für drei kleine Katzen reicht.
Da hat sie eins totgebissen.
Stern, 10/2007
Verena Lugert
Journalistin