Amazonas

» Verena Lugert

Merian Ecuador, Januar 2009
Es war sehr früh am Morgen, als Sebastián, ein Indianer vom Stamm der Cofán, das Hüttchen verlies, das Gewehr vom Haken an der Wand nahm, in seine Gummistiefel schlüpfte, sich lautlos über die Leiter auf den federnden Waldboden schwang und sich aufmachte zur Jagd.

So früh war es und noch so dunkel, dass der Dschungel wie ein schwarzes Meer war, in das er eintauchte und zum Schatten wurde. Ein Reh wollte er jagen, schon lange hatte es kein Fleisch mehr gegeben, er lief rasch und leichtfüßig, stieß sich nicht an Ästen und fiel nicht über Wurzeln, der Regenwald war ihm wie eine erweitertes Ich, er war eins mit ihm. Und als er weit gelaufen war, in der dumpf-feuchten, zirpenden, raschelnden Dschungelunendlichkeit und ausharren wollte, um leise auf ein Reh oder einen Tapir zu warten, da hörte er einen dünnen, klagenden Laut neben ihm, sodass er zusammenfuhr. Doch was da winzig, gelbschwarz getüpfelt, noch mit geschlossenen Augen und vollkommen wehrlos neben seinen Füßen lag, war ein Jaguarjunges, ein paar Stunden nur alt. Von der Mutter verlassen. Als Sebastián heimkehrte, zu dem windschiefen Häuschen zwischen den beiden Flüssen, gab es zwar kein Fleisch, aber einen Spielkameraden für Natali, Sebastians Nichte. Natali ist fünf, sie ist eine Waise – wie der Jaguar. Jaguare sind heilige Tiere bei den Cofánes, dem Indianerstamm im Amazonas in Ecuadors äußerstem Osten, nah der kolumbianischen Grenze.

Chandya Nae heißt das Dorf, in dem Natali lebt und Sebastián, seine Brüder und seine Mutter, sein anderer Bruder mit Frau und den sechs Kindern, die beiden Schamanen und noch eine Handvoll anderer Familien. Doch was heißt Dorf? Es gibt einen Fluss, an dem steht die Hütte von Sebastians Bruder. Es gibt ein von Macheten gemähtes Rechteck, auf dem wird Fußball gespielt, dort steht auch das kleine Schulhaus, Holzdielen auf Stelzen, Palmwedel als Dach. Um die Nachbarn zu besuchen, muss man laufen, über Stock und Stein und Wurzeln, muss Flüsse auf dem Boot durchqueren und ist so gut eine halbe Stunde unterwegs, denn alle wohnen weit von einander entfernt.

Chandya Nae liegt mitten im Urwald. Chandya Nae kennt keine Touristen, es gibt keinen Arzt da, es gibt kaum Menschen, die Spanisch sprechen, denn die Cofánes haben eine eigene Sprache. Es gibt keine Duschen, keine Klos, keine Wasserhähne – es gibt den Fluss. Nach Chandya Nae führt keine Straße. Wer doch kommen will, muss eine beschwerliche Reise auf sich nehmen: Mit dem Flugzeug von Quito nach Lago Agrio, eine Stadt, die in den 60ern aus dem Nichts mitten in den Dschungel gesetzt worden ist. Dann mit dem Wagen zwei Stunden fahren, bis es keine Straße mehr gibt. Dann die Rucksäcke aufsetzen und zu Fuß durch Hitze und Schlamm, durch Flüsse und Bäche rutschend und schwitzend acht Stunden durch den Urwald marschieren. Wir waren zu langsam, so dass wir bei Einbruch der Nacht gerade die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. Zerbeult und zerstochen fielen wir über die Wurzeln, blieben mit den Gummistiefeln im Schlamm stecken, sahen mit unseren Stirnlampen am Kopf immer nur die nächsten zwei Meter, stolperten unseren Führern Sebastián und Aurelio hinterher und zogen die Schultern hoch aus Angst vor den Fledermäusen, die in unseren Rücken flatterten. Bis wir schließlich ankamen, erschöpft und verdreckt, die Hängematten im Haus von Sebastians Bruder aufhängten und in einen nervösen Schlaf fielen, der vom Rasseln und Rauschen, vom Geriesel, Geplätscher, vom Summen, Surren, Zischen, Knirschen, Knistern, Tocken und Tröpfeln und dem heiseren Geschrei der Affen untermalt war. Draußen die grollende Schwärze aus hautigem Blattwerk, drinnen das Schaben der Kakerlaken über dem Bretterboden. Kalt ist es in der Nacht, Chandya Nae liegt recht weit oben auf einem Berg.

Doch dann kam der Morgen, es gab gekochte Bananen und Fisch, ein Bad im klaren Fluß, trockene Wäsche und mit der Sonne die Wärme. Und da war auch die fröhliche Ruhe der Cofánes. Ihre Zeit, die unendlich zu sein scheint. Es gibt keine Eile, die Cofánes sitzen beim Plausch, liegen in der Hängematte, und wiegen die Babys auf dem Schoß. Die Kinder gehen fischen oder spielen, die Männer hacken Holz – oder unterhalten sich. Die Frauen kochen und waschen oder blicken einfach in die Luft. Zierlich sind sie, aber stark. Wenn eine Frau ein Kind bekommt, geht sie allein in den Wald, nicht einmal eine Freundin nimmt sie mit. Und kommt wenig später mit dem Neugeborenen wieder.

Der Schamane wohnt im satten Grün, abgelegen, er sitzt erhöht auf der Bank in seinem Haus, er hat dicke bunte Ketten und Jaguarzähne um den Hals. Sein Gesicht ist bemalt, Kräuterbüschel sind an seinen den Armen befestigt. Seine Frau knüpft an einem Fischernetz. Sechs Kinder hat sie geboren, sie ist 45 und sieht aus wie 60. Anders als Sebastians Bruder, der einen Generator hat, mit dem er an manchen Abenden Licht macht oder sogar den DVD-Player kurz anwirft, hat die Schamanenfamilie keinerlei Zugriff zu Elektrizität. Früher hatten sie mit dem Wachs der wilden Bienen Stumpen gerollt, jetzt besorgen sie sich die Kerzen in Lago Agrio. Der Schamane ist für das Gemeinwohl zuständig – er heilt Kranke und reist in andere Welten, um dort nach Lösungen zu suchen, wenn es Probleme gibt.

„Ayahuasca“ heißt das Ritual dieser Reise, es ist eine Brücke in eine andere Realität. Ayahuasca ist der Name einer Liane, botanisch Banisteriopsi Caapi. Sie enthält psychoaktive Substanzen, die eine halluzinogene Wirkung entfalten. „Seelenranke“ bedeutet das indianische Wort Ayahuasca. „Ich koche die Liane in Wasser, bis der Sud die Farbe von Honig hat“, sagt der Schamane,„dann trinke ich ihn.“ Und die Visionen beginnen. Sie können so stark sein, dass man sie nicht mehr erträgt. „Schlimme Dinge kann man sehen, den Tiger, die Boa oder den eigenen Tod. Jeder Rausch ist verschieden, man kann ihn nie vorher einschätzen“, erzählt der Schamane. Wird er zu stark, müssen die Anwesenden den Reisenden mit einem Dornenbündel wieder ins Bewusstsein zurückpeitschen. Wie ist eine solche Vision? „Wunderschön kann sie sein. So, dass man meint, man würde alles begreifen. Als würde man Einswerden mit dem Wald, mit der Welt. Doch sie können auch schrecklich sein.“ Aurelio, der Dolmetscher, der die Worte des Schamanen aus dem Cofán ins Spanische übersetzt, nickt. Aurelio will nie wieder Ayuhuasca trinken – zu schrecklich war die Reise in den finsteren Teil seinen Bewusstseins gewesen, der Ausflug in seinen inneren Urwald. Sebastián und der Schamane machen sich bereit, der Schamane hat sich eine bunte Vogelfeder durch ein Loch in seiner Nase gezogen.

Er riecht an dem Sud, er atmet rhythmisch ein, er trinkt, atmet aus, Sebastián trinkt auch, der Schamane beginnt zu singen, er schüttelt ein Blätterbündel, taucht es ins Ayahuasca, wiegt sich vor und zurück. Die Flammen flackern, die Kinder sehen Sebastián zu, der Gesang steigert sich, Natali, das Jaguarmädchen, sieht den Schamanen mit großen Augen an. Aurelio schwenkt glühendes Baumharz, es duftet wie Weihrauch. „Damit sich keine bösen Geister den beiden Reisenden annähern können“, sagt er. Der Schamane beginnt mit schleppender Stimme von seiner Vision zu berichten. „Die Tapire kommen, es sind so wunderschöne Farben, da ist ein junger Mann, er geht durch den Wald. Der Jaguar macht sich bereit, er schreitet neben dem Jüngling, sie sehen, dass die Bäume besessen sind, überall sind böse Geister. Die Bäume blühen, doch darin rollt sich die Schlange zusammen.“ Er bricht ab. Er sei müde, sagt er.

Am nächsten Tag, bei einer anderen Familie. Durch das Haus zieht der würzige Geruch von Holzfeuer, die Hühner gackern durch die Küche. An der Tür des Zimmers der Töchter hängt ein Poster von „Lux“-Seife. An die Holzwand sind Vögel gemalt. Die Mutter knüpft an einer Lasttasche, es dauert drei Tage, bis eine solche Tasche fertig ist. Einmal im Monat geht die Familie in die Stadt, nach Lago Agrio. Dort verkaufen sie die handgeknüpften Taschen, fünf Dollar können sie für eine bekommen, drei Arbeitstage stecken in dem zarten, doch reißfesten Gebilde aus winzigen Maschen. Salz und Seife, Zucker, Reis und Kerzen sind die Waren, die sie in der Stadt erstehen. Es gibt kaum Cofánes, die in der Stadt wohnen, die Cofánes lieben den Wald. 950 Cofánes gibt es, sie sprechen eine eigene Sprache, die von den anderen Stämmen nicht verstanden wird. Die Kinder lernen in der Schule Spanisch. Bei den Cofánes in Kolumbien ist es anders: da wachsen die Kinder schon mit Spanisch auf, die Sprache der Cofánes stirbt dort langsam aus. Die Menschen in Chandya Nae haben Angst davor, dass es hier genauso passieren wird eines Tages, wenn die Stadt da ist, näher gerückt durch die Straße, die sicher bald gebaut wird. Noch bedeuten die acht Stunden Fußmarsch die Freiheit, selbst auszuwählen, wann man mit der Stadt in Kontakt tritt und wann nicht.

Lourdes ist 13, still, in sich gekehrt, doch mit wachen und neugierigen Augen verfolgt sie das Gespräch. Sie würde gerne in der Stadt auf das Colegio gehen, die weiterführende Schule, doch das kostet Geld, 20 Dollar pro Monat für Unterricht, Kost und Logis. Die hat die Familie nicht. Noch nie war einer aus der Gemeinschaft von Chandya Nae auf dem Colegio – auch der Lehrer im Schulhüttchen hat selbst nur die Grundschule besucht. Ein Traum wäre, sagt der Vater, dass die Kinder auf die höhere Schule gingen, aber ihre Kultur nicht vergäßen. Der Vater hätte gerne mehr Nähe zur Stadt. Manchmal helfen Naturmedizin und Schamanismus nicht - und ein Tagesmarsch durch den Dschungel kann einen Notfall tödlich werden lassen. Doch er weiß um die Gefahren der Stadt, wie sie die indianische Kultur verdrängt. Jetzt haben die Menschen von Chandya Nae noch den Luxus, sich die Stadt in feinster Dosierung einzuverleiben. Doch sobald sich die Straße zu ihnen gewunden haben wird, wird die Moderne durchs Dorf walzen. Wird den Wald, die Körper der Menschen und ihre Beziehungen untereinander vergiften.

„In dem fruchtbaren Land mit dem ewigen Grün suchten wir vergeblich nach Spuren menschlicher Macht“, hatte Humboldt auf seiner Reise durch den ecuadorianischen Urwald noch notiert. Dies hat sich verändert. Öl ist die Hoffnung der Wirtschaft in Ecuador und Öl wird der Tod des Regenwaldes und seiner Bewohner sein. Seit das schwarze Gold in den 60er Jahren im Urwald gefunden wurde, haben sich große Flächen in apokalyptische Landschaften verwandelt – die Böden sind verseucht von Salzen und Laugen, die Bäume gefällt, die Tiere verendet. Das Risiko, an Krebs zu sterben, ist dort vier Mal so hoch wie in Quito. Aus den im Einklang mit der Natur lebenden Indianern sind an Orten, wo die Konzerne gewütet haben, sich selbst völlig entfremdete Menschen geworden. In der stinkenden, schwitzigen Kunststadt Lago Agrio blüht die Prostitution, Alkoholiker wanken mit glasigem Blick durch die Straßen. Die Indianer ziehen sich immer weiter in den Urwald zurück, doch auch immer weiter stoßen die Bagger, Bulldozer und die Pipelines vor. Und auch die Verlockungen der neuen Zeit - wie Bequemlichkeit, Bildung und Medizin. Der Kontakt mit der Moderne ist wie ein Virus – wenn sich eine indigene Kultur damit ansteckt, wird sie erlöschen. Eine Integration der indianischen und der industrialisierten Welt scheint nicht möglich. Einzig ein Stamm hat sich bis jetzt erfolgreich jeglichem Kontakt verschlossen: die kriegerischen Tagaeri. Sie haben sich dahin zurückgezogen, wo der Dschungel am dichtesten ist. Kein Mensch weiß, wie viele es sind. Denn wer sich ihnen annähert, stirbt, wird mit Lanzen erstochen. Das gilt auch für die anderen Indianer, die die Tagaeri fürchten. Die Tagaeri haben die totale Isolation gewählt. Sie negieren die Moderne – wie auch deren Errungenschaften. Sie verzichten auf Strom, Penizillin und Operationen. Wenn sie sterbenskrank werden, dann sterben sie.

Auch der Jaguar hätte es nicht überlebt, wenn Sebastián nicht in den normalen Lauf der Natur eingegriffen hätte. Jetzt wächst er heran, größer als eine Hauskatze ist er bereits, und die mächtigen Tatzen zeigen sein Potenzial. Sebastián ist bekümmert, er wird ihn nicht mehr ewig behalten können. Bald wird das Raubtier er die Hühner holen, bald wird er zur tödlichen Gefahr für die Menschen – nach Löwe und Tiger ist der Jaguar die drittgrößte Raubkatze der Welt. So lange er sich noch tragen lässt, wird ihn Sebastian wohl bald in die Stadt mitnehmen und einen Käufer für ihn suchen. Wahrscheinlich wird der Jaguar dann in einem Käfig über Jahrmärkte tingeln, eingesperrt, artfremd. Da liegt er jetzt noch, so klein noch und schon so majestätisch, so wild und so wunderschön. Die gelben Augen fixieren ein raschelndes Blatt, der Schwanz wippt nervös, die Muskeln spannen sich.

Es wird Abend, die Augen wandern über die Lichtung, die Bananenbäume und Palmen strecken sich in die Tropenschwüle, Dunst steigt auf und gleichzeitig wir der Himmel klarer, er färbt sich rosé, Schleierwölkchen ziehen durch die Dämmerung. Am kühlen Fluss wachsen die Bäume das Ufer hinauf, verschwinden im dichten, unendlichen Wald, sie werden verschluckt. Der Fluss fließt und die Vögel rufen, Zikaden zirpen und der Wald werkelt und atmet und lebt. Die Menschen in ihm nur ein Teil seines riesigen Organismus. Es gibt keinen Grundbesitz bei den Cofánes, keine Sorge um Nahrung. Mit allem versorgt sie der Dschungel: mit Bananen, mit Fischen und Wasser. Es ist ein Paradies hier in Chandya Nae, ein Paradies auf Messers Schneide: Die Cofánes haben bereits den Kontakt mit der äußeren Welt – ohne noch von ihr überrollt worden zu sein. Noch - dieser Zustand ist fragil. Und beendet, sobald es die Straße gibt. Claude Levi Strauss, ein belgischer Ethnologe, nannte sein Hauptwerk „Tristes Tropiques“, Traurige Tropen. Traurig, weil die indianische Welt dem Untergang geweiht ist.

Natali sitzt an die Leiter vom Schulhaus gelehnt. Sie schaut ihren Freunden zu, die in ihren Gummistiefeln unter dem lodernden Tropenhimmel über die Wiese rennen. Wie ein Plüschtier zieht sie ihren kleinen Jaguar an den Pfoten hoch, drückt ihn an sich, versenkt ihr Gesicht in sein knotiges Fell. Der Jaguar schnurrt.