Bayerische Mysterien

» Verena Lugert

MERIAN München, 05/2006

DAS OKTOBERFEST Enthemmung und ozeanische Selbstauflösung: das Oktoberfest dient allen Urlüsten und führt die Menge in einen dionysischen Rausch, der feierlich unter Tränen endet

Rote Gesichter triefen von Schweiß, die Schädel sind erhitzt und immer neues Bier strömt in die Tiefen ihrer Schlünde. Die Luft ist gesättigt vom Brodem aus geröstetem Schweinsbraten, Zwiebeln und Bierdunst. Fleischfetzen werden von buttergoldenen Hähnchen gerissen, in feuchte Mäuler gestopft, und alle Hemmung fährt dahin. Die Menge huldigt dem Rausch und der Fruchtbarkeit, und dunkler Rauch steigt zum weißblauen Himmel von 90 Ochsen, die über offenem Feuer hängen.

Was wie eine kultische Orgie anmutet, ist eine beinahe zwei Jahrhunderte alte Münchner Institution.

Ein Mysterium der Triebabfuhr, ein Überschreiten der Grenze vom Ich zum Wir. Ein Ritual, jedes Jahr wiederholt, wenn die Blätter der Bäume beginnen, sich herbstlich zu färben, wenn die Sonne goldene Strahlen wirft und Clanchef Ude die bayerischen Dionysien mit dem Zauberspruch "O'zapft is" über die Stadt hereinbrechen lässt: das Oktoberfest.

"Uh! -Ah! - Uh! uh! -Ah! ah!" ist der Refrain von DJ Ötzis "Hey Baby", ein Brunftschrei, ein viriles Röhren. Die Masse fasst sich unter, schunkelt und erhebt sich auf die Bänke, das Bier schäumt und strömt, in feuchten Blicken glitzert die Lust. "Jeder Macho wird zum Dackel, wenn ich mit meiner Kiste wackel", singen die Frauen den nächsten Wiesnkracher mit.

Es ist ein Ritual, das vom Stamm der Baibari zelebriert wird. Baibari, wie die älteste Nennung des Bayernvolkes lautet - Baibari, das etymologisch die Bayern als "die Träger von Lodenkleidung" bezeichnet. Lodenjanker tragen in der Tat immer noch viele. Und drunter - ob Bayer, Preuße oder Ami: Lederhosen und Dirndl, egal ob traditionell von Loden-Frey oder verspielt von Lola Paltinger. Die Stammestracht betont primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale - das stramme Dirndl ist wie ein Ausrufezeichen für das Holz vor der Hütt'n, die Lederhose ist eine einzige Akzentuierung des Hosenstalls. Die Dirndl sind mit einer Codierung versehen: Rechts gebundene Schürzen weisen die Trägerin als verheiratet aus, ist sie links gebunden, geht da einiges.

Die Busenschluchten sind so tief, dass man meint, darin ein Echo zu hören. Als die EU erwog, den Wiesnkellnerinnen die großen Ausschnitte im Dirndl wegen starker Sonneneinstrahlung zu untersagen, wurden die Zeltherren ernsthaft grantig. Ein Eingriff sei das, tobte Toni Roiderer, der Sprecher der Festzeltwirte, ein Eingriff in die Gepflogenheiten eines Landes! Inzwischen hat sich das Missverständnis aufgeklärt. Die EU-Richtlinie zum Sonnenschutz am Arbeitsplatz ist nicht auf Servicepersonal anwendbar - also auch nicht auf die Wiesnkellnerinnen.

Bayern ist für das Ritual Oktoberfest gut trainiert, es verfügt über die notwendige psychokulturelle Infrastruktur: den Katholizismus. Er hat ein Stammesgedächtnis geschaffen, das an Rigidität und Ritus geschult ist, an der Gewohnheit zur Sünde, weil man die ja wieder los wird, am Samstag im Beichtstuhl. Am Verbot - und der Lust, es zu brechen. An dunkler Mystik und barockem Lebensgefühl.

Dass ein Oktoberfest in protestantischen Teilen Deutschlands nicht möglich ist, liegt auf der Hand: Wo das klare Licht der Vernunft sämtliche Abseitigkeiten ausbrennt, wo Luther gegen den "Saufteufel" zu Felde zog, wo man auf Ausgewogenheit setzt statt auf Zuspitzung und die Arbeitsmoral calvinistisch geprägt ist, bringt die Seele zur Verzückung nur geringe Begabung mit. Wichtig für das ozeanische Gefühl, das Aufgehen in der Masse, ist die Gleichheit der Feiernden. Nur so gelingt die Verwandlung von vieltausend Körpern in einen einzigen Leib. Sechs Millionen Besucher zählt das Oktoberfest jedes Jahr, sechs Millionen Menschen, geeint in dem einzigen gemeinsamen Willen: sich ordentlich zu besaufen.

Senioren schunkeln mit jungen Australiern, Roberto Blanco prostet Schulmädchen zu und in der Nebenbox kann gut ein Pornoproduzent mit seiner kompletten Belegschaft sitzen. Alle sind gleich, manch einer gleicher - aber in jedem Fall ist der Abstand zwischen Star und Volk deutlich geringer als sonst. Man ist Kameras so sehr gewöhnt auf der Wiesn, dass vor zwei Jahren ein kompletter Spielfilm - er heißt "Oktoberfest" - in den Zelten inmitten der Menge gedreht werden konnte, ohne dass ein Mensch davon Notiz nahm. Nur die Schauspielerin Barbara Rudnik war genervt, weil die Gäste immer bei ihr Bier bestellen wollten. Sie spielte eine Kellnerin.

Neben der Gleichheit braucht das Fest die Ordnung einer Liturgie - gleiche Gesänge, immer neu angestimmt, die Wechselrede zwischen der Musik und dem Publikum. "Prost, ihr Säcke!" schreit der Kapellmeister von der Bühne, "Prost, du Sack!" echot die Menge und stampft die halben Hendl und die Scherben der vielen Tausend Krüge in den Bretterboden. "Oans! Zwoa! G'suffa!" brüllen die Feiernden. Untermalt von der Blasmusik. "Meine super Pampelmusen sind der Gipfel in der Blusen", heißt es in einem Lied und die Derndln haben Mühe, ihre Zwillinge beim Schunkeln in den engen Miedern zu halten. Wie in einer Messe wird Opfergeld gesammelt, bevor der Kelch mit dem Wundertrank an die Lippen geführt werden kann. Über sieben Euro sind pro Maß fällig, den gierigen Wirten oft noch zu wenig.

"Aggressiv verkaufen", weist der Wirt des Promizeltes Hippodrom seine Bedienungen an, hart ist er zum Personal, aber ein Charmeur auf dem Bussi-Parkett. Die Hemmungen fallen, manche Bedienung hat schon Gäste gesehen, die sich auf die Bierbänke der Empore gestellt haben und in hohem Bogen heruntergebieselt haben. "Was nei geht, muss aussi", soll der zur Rede gestellte Gast nur gesagt haben.

Ein Trieb nach dem anderen bricht sich Bahn und verlacht das Über-Ich: Der orale Trieb lebt sich im Fressen und Saufen aus und der Aggressionstrieb sprengt mit einem Krachen seine Ketten. Auch wenn Willy Heide, Seniorchef vom Bräurosl-Zelt, jedes Jahr vor dem Oktoberfest eine Wallfahrt nach Maria Eich unternimmt, um für eine friedliche Wiesn zu beten. Schnell kocht sie über, die Stimmung, Schlägereien finden sich hier wie dort, von den Balonen plumpsen Bierleichen und größere Streitigkeiten werden mit einem Maßkrug als Schlagwaffe geklärt. Dabei wird die Aggression meist gar nicht als solche empfunden, wie der bayerische Kabarettist Gerhard Polt in seinem Stück "Attacke auf Geistesmensch" zeigt. Da wird ein renitenter Nobelpreisträger mit einem Maßkrug erlegt, wobei Zeuge Polt schwört: "Vom Zuschlagen kann gar keine Rede nicht sein. Der Adi hat den Krug bloß ganz leicht auf den Kopf von dem Zwetschgenmanderl aufg'setzt. Wenn i scho Nobelpreisträger bin, dann muss i doch wissen, dass ich mit einem Kopf, der wo nix aushält, nicht aufs Oktoberfest gehen kann."

Der Eros befreit sich im Grabschen, im Schmusen - und "mei, i hab a scho g'sehn, wia's in da Eck'n g'schnackslt ham", schwört eine Kellnerin.

Und wenn das "schönste Volksfest der Welt", wie es Ex-Wiesn-Wirtin Sabine Käfer nennt, zu Ende geht, wenn die Lichter ausgeknipst werden, wird auch noch dem Ungläubigsten feierlich um das Herz. Barbara Rudnik, die ja nur zum Arbeiten auf der Wiesn war, erinnert sich: "Dann kam der letzte Abend. Die letzte Stunde, die letzte Minute. Plötzlich gingen die Lichter aus, es war Stockduster. Überall blitzten Wunderkerzen auf, tausende von Menschen sangen in die Dunkelheit hinein. Es war eine Feierlichkeit, die ich nie vergessen werde." Nicht selten weinen die Menschen dann hemmungslos.

Weil der feiernde Riesenleib wieder in tausend Einzelwesen zerbröselt. Weil sie aus sind, die weißblauen Dionysien, weil der Zauber vorbei ist. Und weil am nächsten Tag Bayern wieder das Land ist, wo die Ordnung herrscht und die Zucht.