Roald Dahl

> Verena Lugert

Brigitte Biographie 2016

Neun Jahre warten die Taylors auf ihr Wunschkind, jetzt ist es da, aber Mabel, die Mutter, kommt um vor Sorge: so zart ist sie, die Kleine, so niedrig ihr Gewicht. Als ihr Mann Albert, ein Imker, über die Eigenschaften von Gelée Royale liest, ist er wie elektrisiert: Gelée Royale ist ein besonderer Saft, den die Fütterungsbienen im Speichel herstellen, er entscheidet, ob aus einer Larve eine einfache Arbeitsbiene wird. Oder eine kräftige Königin. Albert kommt eine Idee... Und am Ende liegt im Bettchen statt des umbangten Kindes eine riesige, haarige Monsterbiene.

„Gelée Royale“ heißt die Geschichte, sie ist eines von Roald Dahls Meisterwerken. Dunkel, grotesk und amoralisch sind sie, die Short Stories aus dem Band „Küsschen, Küsschen“, der Roald Dahl unsterblich gemacht hat. Es sind Geschichten, die einen das Fürchten lehren und Angstlust verströmen. Geschichten wie die von dem Jungen vom Land, der in einem Schlachthof mit einem Schwein verwechselt wird. Oder der Frau, die ihren Ehemann wissentlich in einem Aufzug verdursten lässt, nachdem der sie 30 Jahre lang aufs Subtilste gepiesackt hat.

Roald Dahl, der Großmeister des makabren Schockhumors, der diesen September 100 Jahre alt werden würde, liebte das Subversive, das Anarchische, überhaupt: das Seltsame, mit dem er schon die Kinder in seinen Kinderbüchern, die schnell zu Klassikern wurden, köderte. Er schenkte ihnen Figuren, die eher wehrhaft als niedlich waren. Figuren wie das ungeliebte Wunderkind Matilda, das telekinetische Kräfte entwickelt und Rache nimmt – an Lehrerin Frau Knüppelkuh, die als ehemalige Olympiasiegerin im Hammerwurf die Kinder an den Haaren packte, sich im Kreise drehte und sie in den Himmel schleuderte. Oder James, dessen Eltern von einem Rhinozeros gefressen worden sind. Er walzt mit seinem Riesenpfirsich seine widerwärtigen Tanten tot. Oder der Junge, der, von einer Hexe in eine Maus verwandelt, Rache übt und ein Hexenblutbad anrichtet. Und wer kennt Willy Wonka nicht? Den Besitzer der Schokoladenfabrik, der alles andere als ein lieber Onkel ist, denn neben allen schokoladenen Wundern, die dort brodeln und köcheln, geschieht in dem Schokoladenparadies auch Schreckliches. Die Kinder lieben Roald Dahl für die Drastik, das Hauen und Stechen, für all’ das, was so absolut nicht kindgerecht ist in seinen Büchern. Für die Anarchie, das Hinterfragen von Autoritäten. Für den schwarzen Humor und den Schauder in seinen Geschichten, in denen Kinder oft Waisen sind. Oder arm. Oder vernachlässigt. Die am Ende jedoch triumphieren - über das Unheil, das meist von Erwachsenen angerichtet worden ist. „Es mag simpel klingen“, sagte er einmal in einem Interview, „aber die Faustformel für meine Bücher lautet: Kinder sind die Verbündeten. Eltern und Lehrer sind der Feind.“ Roald Dahl war der Meinung, dass Kindern in den Büchern ruhig Monströses zugemutet werden konnte. Denn das Leben selbst ist schließlich auch monströs. Und ohnehin lässt das Dunkle in Dahls Büchern auch das all’ das Helle um so heller leuchten, das Zauberhafte noch mehr schimmern, das Schöne noch mehr strahlen, das es ja auch zuhauf gibt in seinen Romanen und Geschichten.

Auch Dahls Leben war ein Oszillieren zwischen Hell und Dunkel, Dahl war ein Götterliebling und ein vom Schicksal grausamst Heimgesuchter. Vielleicht muss man leben, wie Dahl, um zu schreiben, wie Dahl. Die Höhen und Tiefen durchmessen, Tiefen, die bei ihm schwarze Abgründe waren.

Geboren ist er am 13. September 1916 in Wales, als Sohn norwegischer Eltern. Norwegen! Das war der Sehnsuchtsort seiner Kindheit, ein verzauberter Ort, das Land der wunderbare Sommerurlaube. Mit einer mythischen Landschaft, die Dahls Phantasie anregte, ein Land, das er zu einem Schauplatz seiner Bücher machte. „Norweger wissen alles über Hexen, denn sie stammen aus Norwegen, die Hexen, dem Land mit den schwarzen Wäldern und den eisigen Bergen“, lässt Dahl in „Hexen hexen“ die Oma, eine Norwegerin, dem Enkel erklären.

Roald Dahls Vater hat ein Vermögen als Schiffsausrüster gemacht, seine erste Frau, mit der er zwei Kinder hatte, war gestorben, und so reiste in die Heimat, um nach einer zweiten Frau zu suchen, die den Kindern eine Mutter sein sollte. Was als Zweckehe gedacht war, wurde zur ganz großen Liebe: die junge Norwegerin Sofie und Harald, Roalds Vater, verliebten sich auf den ersten Blick ineinander, er nahm sie mit nach Wales, sie gebar ihm in rascher Folge zwei Mädchen und einen Jungen, den das Paar Roald nannte. Man zog in ein schlossartiges Haus, hatte Gärtner und Dienstboten, erwarb Kunst, Harald schnitzte und züchtete seltene Pflanzen. Sofie schuf ein wunderbares Zuhause für ihre eigenen und die angenommenen Kinder aus Haralds erster Ehe. Es herrschten Liebe, Schönheit, Glück.

Bis das Schicksal eingriff, zu harmonisch, zu schön war das alles, was sich bei den Dahls abspielte. Astri, Sofies ältestes Kind, verstarb mit sieben Jahren an einer Blinddarmentzündung. Harald verstummte, wurde ein Schatten seiner selbst. Erkrankte, einige Wochen nach Astris Tod, an einer Lungenentzündung, kämpfte nicht gegen die Krankheit, erlag ihr nach ein paar Tagen. Sofie hatte nun innerhalb weniger Wochen ihr Kind und ihren Mann verloren, sie war hochschwanger mit ihrem vierten Kind. Und da waren ja noch die beiden Kinder aus Haralds erster Ehe. Doch Sofie war eine Kämpferin, die Familie zog in ein bescheideneres Haus, Sofie hielt alles am Laufen und Roald hatte trotz der zweifachen Katastrophe, die die Familie getroffen hatte, eine glückliche Kindheit. Er erinnert sich an das Umherstreifen in Wiesen und Wäldern, an Streiche, die er sich mit seinen Freunden ausdachte – wie beispielsweise den, eine tote Maus ins Saure-Drops-Glas von Mrs. Pratchett zu platzieren, der unwirschen Besitzerin des Lebensmittellädchens.

Doch dann kam eine jähe Zäsur, ein Lebensabschnitt begann, der wesentlich werden sollte für Roald Dahls Haltung zu Autoritäten. Für seinen Freiheitsdrang. Roald kommt ins Internat, schon die Schuluniform hasst er: Vatermörderkragen, Strohhut, Gilet und Frack. Der Rektor, ein Priester und sadistischer Autokrat, ließ die Schüler mit dem nacktem Gesäß in die Luft gestreckt auf dem Sofa knien, Kopf, Oberkörper und Arme hatten im Nichts über der Sofalehne zu baumeln. Es folgten Stockhiebe, unterbrochen von einer Predigt des Priesters über die nichtswürdige Kreatur, die er da bestrafen musste. Er stopfte sich die Pfeife, rauchte, setzte zum neuen Hieb an. Stopfte wieder die Pfeife, wieder Predigt, wieder ein Hieb, der die Haut auf dem Gesäß aufplatzen ließ. Das Ende des entsetzlichen Rituals war immer gleich: den Jungen wurde eine Schüssel mit Wasser gereicht. Ein Schwamm und ein Handtuch. Sie mussten sich von ihrem eigenen Blut säubern.

London, 2016: im Westend läuft seit Jahren das hocherfolgreiche Musical „Matilda“, es ist ständig ausgebucht. In der Nachmittagsvorstellung sitzen Hunderte von Kindern, sie starren atemlos auf die Bühne. Mrs. Trunchbull, wie Frau Knüppelkuh auf englisch heißt, die sadistische Rektorin, überlebensgroß, tobt, malt Matilda aus, was sie gleich mit ihr vorhabe, wie sie sie zermalmen werde, zerdrücken, zerstören. Matilda wird immer kleiner, die übermächtige Lehrerin beugt sich über sie, immer tiefer, Blitze zucken, die ganze Szene drückt eine solche Klaustrophobie, eine solche Ohnmacht, eine so maßlose Grenzüberschreitung aus, dass einem das Blut in den Adern gefriert. Im Musical rächt sich Matilda.

Im wahren Leben hingegen wurde aus dem Rektor der Bischof von Canterbury, der vor den Augen der Weltöffentlichkeit Jahre später Elizabeth zur Königin krönte. So ist Dahl auf eine merkwürdige Weise mit der Queen verbunden, auch sie ein Jahrhundertmensch, wie Dahl selbst einer ist, sie wurde in diesem Jahr 90. Dahl litt ein Leben lang darunter, dass sie ihn nie zum Ritter geschlagen hatte, er machte eine Bemerkung dafür verantwortlich, die er über die Rolle der Israelis im Libanonkrieg einmal fallen gelassen hatte. Die antisemitisch verstanden wurde, von ihm aber ganz einfach nur unglaublich dumm war. Dahl war kein Antisemit, sein Agent, sein Verleger, seine Geschäftsführerin waren Juden, sie standen während des Skandals fest hinter ihm.

Doch zurück zu Dahls Internatszeit: Dahl litt nicht nur unter der Grausamkeit der Lehrer. Auch unter Heimweh. Und besonders unter den älteren Schülern. Denen mussten die Jüngeren mit blankem Hintern den Toilettensitz anwärmen, das Feuer machen, die Stube putzen. Gerade das Putzen beschreibt Dahl in seiner Autobiographie „Boy“ eindringlich: panisch wurde jede Ritze gesäubert, jeder Bilderrahmen, die Windungen jeder Schnitzerei des Kaminsimses. Denn die Älteren waren sadistisch: zur Kontrolle, ob ordentlich geputzt worden war, zogen sie sich weiße Handschuhe über. Fuhren über die Lampe, über Leisten hinter dem Schreibtisch. War der Handschuh danach nicht blendend weiß, holten die großen Jungs den Rohrstock. „Sogar heute noch“, schreibt Dahl in „Boy“, „spüre ich, wenn ich längere Zeit auf einer harten Bank sitze, ein Pochen an den Narben, die Schläge vor 55 Jahren hinterließen.“

Doch das Internat hinterlässt nicht nur böse Erinnerungen, die Dahl später Inspiration schenken. Auch gute: In der Nähe der Schule ist eine Schokoladenfabrik, Cadbury. Regelmäßig erhalten die Jungs Pakete mit einer Auswahl der neuen Sorten, die sie bewerten sollen, was Roald mit Begeisterung tut, er vergibt seine Punkte für die Sorten Milchflöckchen und Zitronenmarshmellow. Und verfasst altkluge Kommentare: „zu subtil für den gewöhnlichen Gaumen“, schreibt er etwa. Roald Dahl liebt Schokolade, sie wurde im Internat sein Tost – und später Anregung für sein wohl berühmtestes Werk, „Charlie und die Schokoladenfabrik“.

Nachdem die verhasste Schule beendet ist und er nach dem Wunsch der Mutter studieren soll, tut Dahl einen Teufel: mit allem, was nach Schule roch, war er für immer durch. Er heuert bei Shell an, wird nach Daressalam geschickt. Zu den Palmen, zu den Löwen, den Affen! Wie er sich das als kleiner Junge erträumt hat! Er erlernte in wenigen Monaten Suaheli und als im August 1939 der Zweite Weltkrieg bevorstand, trat er der Royal Air Force bei. Lernte fliegen und stürzte über Libyen ab, er überlebte, wurde als Attaché in Washington eingesetzt – und auch als Spion, wie noch gar nicht so lange bekannt ist. Washington war in der Zeit eine einzige Party: weil man ja wegen des unappetitlichen Krieges nicht nach Europa konnte, um die Sommer in Frankreich, der Schweiz oder Italien zu verbringen, fand sich der amerikanische Geldadel mit seiner verwöhnten, wunderschönen, weiblichen Nachkommenschaft in Washington ein, wo wenigstens was los war. Dahl, der Zweimetermann, der smarte Kriegsheld mit dem Filmstargesicht, war ein höchstbegehrter Junggeselle, der mit Ian Fleming, dem Erfinder von James Bond, gemeinsam feierte, trank und spielte. Gegenseitig spannten sie sich die Freundinnen aus.

Als ein Reporter einmal ein Interview von Dahl will, über seinen Flugzeugabsturz, treffen sie sich. Und weil man so munter zecht, vergessen die beiden das Interview. Er schicke ihm morgen ein paar Notizen, bietet ein angeheiterter Dahl dem Reporter an. Die Notizen erweisen sich als eine famose Erzählung, der Reporter bringt sie am 1. August 1942 in der Saturday Evening Post unter, die Zeitung zahlt Dahl 1000 Dollar für die Story und ordert elf weitere. Dahl ist jetzt Schriftsteller, das muss gefeiert werden! In der selben Nacht noch haut er die 1000 Dollar beim Pokern mit Harry S. Truman auf den Kopf, dem künftigen Präsidenten der USA.

Dahls Glückssträhne scheint nicht abzureißen: er wird als Autor immer erfolgreicher, er heiratet die Hollywoodgröße Patricia Neal, nachdem deren Beziehung zu Gary Cooper in die Brüche gegangen war. Patricia ist eine klassische Filmgöttin, die ihre Schönheit als segensreiches Erbgut-Geschenk an künftige Dahl-Generationen weitergegeben wird (man denke nur an Sophie Dahl, Roalds Enkelin, ein 1,84 großes, atemberaubendes Fotomodell, jetzt Autorin, Gattin von Jamie Cullum und Mutter. Die Fotokampagne für den Duft „Opium“, für die sie sich im Jahr 1999 nackt fotografieren ließ, gilt als ikonisch).

Patricia und Roald sind ein Glamourpaar, sie leben in England und in New York. Auch wenn Dahl ein langsamer Schreiber ist und für eine Kurzgeschichte fast sechs Monate braucht, leben sie sehr luxuriös, die Welt giert nach Dahls Geschichten, ihm werden Höchstpreise bezahlt. Patricia bekommt zwei Mädchen, Olivia und Tessa, das Glück scheint perfekt, als im Jahr 1960 Theo zur Welt kommt. Endlich ein weiterer Mann im Haus! Freut sich Dahl. Und beschreibt in seinem Tagebuch ehrfürchtig die entzückenden Hoden des Stammhalters, „in der Form von Walnüssen“.

Und dann schlägt das Schicksal zu: als die Nanny in New York die Mädchen vom Kindergarten abholt und den Säugling Theo im Kinderwagen dabei hat, rast ein Taxi auf die vier zu, fährt direkt in den Wagen, schleudert ihn mit dem Säugling 15 Meter in die Luft, Theo schlägt mit dem Kopf auf dem Asphalt auf. Er überlebt mit schwersten Gehirnverletzungen. Muss in den nächsten sechs Monaten neun Mal operiert werden, da das Hirnwasser nicht abfließen kann. Dahl, Tüftler, Macher, Held, entwickelt nun ein Ventil, mit dem das Hirnwasser ins Herz abgeleitet werden kann. Zeichnet Pläne, kontaktiert einen Erfinder, der Dampfmaschinen für Spielzeugeisenbahnen baut, fragt einen Londoner Neurochirurgen um Rat. Und hat Erfolg, das sogenannte Wade-Dahl-Till-Ventil ist in über 3000 Kindergehirnen implantiert worden.

Theo überlebt, doch das Familienglück ist erschüttert. Patricia wird zum vierten Mal schwanger, bringt Tochter Ophelia auf die Welt. Und dann wiederholt sich Grauen, das sich in Dahls Kindheit ereignet hatte: Olivia, seine heißgeliebte Erstgeborene, stirbt. An den Masern. Mit sieben, im gleichen Alter, in dem Astri, Dahls Schwester, gestorben ist. Dahl meint, am Verlust zu zerbrechen. In einem geheimen Tagebuch hat er den Tod seiner Tochter mit klinischer Kühle beschrieben, was die Lektüre noch ergreifender macht:

„Ich saß in der Halle. Rauchte. Fühlte mich erfroren. Zwei Ärzte kommen. – Wie geht es ihr? – Ich fürchte... – Ich ging in ihr Krankenzimmer. Da war schon das Tuch über ihr. Der Arzt sagt zur Schwester: Gehen Sie. Lassen Sie ihn allein. Ich küsste sie. Sie war noch warm. Ich ging raus. Warum ist sie warm?“

Tessa, die Zweitgeborene, wird der Tod der Schwester, die der Liebling des Vaters war, auch für immer prägen: ihr Leben lang meint sie, dem Vater nicht zu genügen. Wird drogensüchtig, wird irgendwann clean, geht mit dem Vater hart ins Gericht, versöhnt sich jedoch mit ihm auf dem Totenbett.

Irgendwie kommen die Dahls durch die nächsten zwei Jahre, sie leben jetzt ganz in England, in Great Missenden, einem urenglischen Dorf unweit von London, in einem wunderschönen Haus, umgeben von Hügeln und Wäldern. Obwohl es mit der Ehe der beiden nicht zum besten bestellt ist, wird Patricia wieder schwanger, mit Lucy, dem fünften Kind. Sie gewinnt einen Oscar, ist oft wochenlang für Dreharbeiten von der Familie getrennt. Um das Maß der Katastrophen voll zu machen, holt das Schicksal noch ein letztes Mal aus: schwanger erleidet Pat einen Schlaganfall, sie wird sofort am Gehirn notoperiert. Sie und das ungeborenen Kind können zwar gerettet werden, doch als Pat aus dem Koma erwacht, erkennt sie niemanden mehr. Muss wieder Sprechen und Gehen lernen. Tochter Tessa hat Angst vor ihrer kahlköpfigen, gutturale Laute ausstoßenden Mutter. Die Rolle der Mrs. Robinson aus der „Reifeprüfung“, die Patricia ursprünglich angetragen worden ist, kann sie nicht spielen.

Dahl, den der Tod von Tochter Olivia gelähmt hat, weil er den hinnehmen musste, nichts tun konnte, stürzt sich jetzt in Aktivität. Stellt ein rigoroses Trainingsprogramm für seine Frau auf: er knechtet sie unerbittlich, sie muss das Sprechen neu lernen, die Wörter für die Wiesen und Wälder und die Farben. Sie muss täglich stundenlang zur Physiotherapie. Und erlangt schließlich ihre Fähigkeiten wieder. Das verdanke sie ihm, „Roald, the Rotten“, ihrem Zuchtmeister, wie sie bei einer Rede, die sie bei einer öffentlichen Veranstaltung hält, anmerkt.

Doch das Paar lebt auseinander, die Ehe ist nicht glücklich, 1983, nach dreißig Jahren, wird sie geschieden, Dahl hatte Patricia betrogen. Dahl hat dann noch sieben Jahre gelebt, bis 1990, noch einmal geheiratet. Felicity Dahl, die Witwe, ist auch die Nachlassverwalterin.

Dahl hatte trotz aller familiärer Unbilden unglaublich kreative Jahre. Er schrieb täglich, er musste Geld verdienen, die Krankheiten von Theo und Pat hatten Unsummen verschlungen. In seiner Schreibklause tat er das, die bei ihm im Garten stand, ein gemauertes Gartenhäuschen, das niemand betreten durfte. Auch seine Kinder nicht, er brauchte Ruhe. Wölfe würden darin hausen, sagte er seinen Kindern, bevor er morgens durch den Garten stapfte, der schreibende Hüne. Die Tür des Kabäuschens öffnete. Sich auf den roten Ohrensessel setzte, ein mit grünem Filz bespanntes Schreibbrett auf den Knien, unter dem, für einen optimalen Winkel, eine Wurst aus gerollter Wellpappe platziert war. Dann nahm er ein Blatt Papier. Und einen dieser sorgsam angespitzten Bleistifte, die er aus Amerika kommen ließ. Setzte ihn an. Und schrieb.

Man kann die Hütte besuchen, sie ist abgebaut und im „Roald Dahl Museum“ in Great Missenden wieder aufgebaut worden. Eine Traube von Kindern in Bowler-Hüten und Schuluniformen mit Krawatte stehen da, bewundern die Erinnerungsstücke, die er um sich gesammelt hatte: seinen eigenen Hüftknochen, zum Beispiel, der ihm entfernt und ersetzt worden war. Es geht eine seltsame Magie von dieser Schreibstube aus.

Nein, in der Hütte, diesem Imaginarium, lebten keine Wölfe. Hier tanzte und tobte die Vorstellungskraft. Hier wurden, jeden Tag, 35 Jahre lang, immer zwei Stunden morgens und zwei am Nachmittag, Welten geschaffen. Lichte und dunkle. Hier wurden Phantasien auf Papier gebannt und uns zum Geschenk gemacht. Phantasien, so monströs und so unwirklich schön wie das Leben.