Deutschland mag sich selbst nicht

» Verena Lugert

U-Mag, Juni 2006
Du fühlst dich ungelenk, wenn du die ersten Takte der Musik hörst, fühlst dich steifbeinig, wenn du aus den Augenwinkeln siehst, wie Brasilien tanzt. Willst es ihm gleichtun, dich im Rhythmus wiegen und kannst es nicht. Du hast Angst, dass wieder keiner mit Dir tanzen will, dass du in der Ecke stehst und dich grämst. Siehst das von der Sonne verwöhnte Spanien und neidest ihm seinen bronzenen Körper. Siehst an deinem blassen Leib herab, dessen Bewegungen so wenig fließen. Auch England ist nicht schöner, weißt du, und England kann auch nicht tanzen, aber England ist witzig und ist Cool Britania und genau das bist du nicht. Du bist unbeholfen, in deinem Humor und auch in deinem Stil, wie es dir von Italien wieder schamlos vor Augen geführt wird. Du wärest so gerne so, wie es da steht, und nie im Leben würde ein Pullover bei dir so elegant aussehen, wenn du ihn dir um die Schultern legtest, sondern nur bescheuert, genau wie die Sonnenbrille, die Italien auch bei Nacht trägt. Und erst Frankreich, das da gerade so ungemein selbstverständlich dem schönsten Mädchen der Party Feuer gibt, ihr ein Kompliment macht und sie zum Lachen bringt.

Du gehst raus, in die stille Nacht, danach sehnst du dich jetzt, siehst die Sterne und den Mond, der so verlässlich und so feierlich ernst am Himmel hängt. Und du spürst tief in dir, wie deine Seele sich rührt und zuckt und davon fliegen will, irgendwo hin, denn du fühlst, dass es etwas gibt, was größer und tiefer ist als alles andere. Und während du das stehst und so innerlich wirkst und so tief, dass fast ein Sog ausgeht von dir, betrachtet dich das hübscheste Mädchen vom Fest und bemerkt, wie anziehend dein Ernst und dein Suchen sind. Und als sie dich anspricht, freut sie sich über deine Unbeholfenheit, denn das Ungeübte verrät ihr, dass du treu und nicht flatterhaft bist. Dass Du rührend bist in deinem Streben und deiner Selbstkritik. Und dann tanzt ihr, langsam, und was du an deinen Bewegungen eckig findest ist für das Mädchen Ingenieurskunst und Bauhaus und Bertholt Brecht. Und das Mädchen merkt, dass das Spröde spannend sein kann wie Zwölftonmusik.

Und dass nicht jeder aus sich heraus gehen muss, wenn er auch in sich hineingehen kann. Du bist nicht Frankreich. Nicht Brasilien und nicht Italien. Du bist Deutschland. Und am schönsten, wenn du bei dir bist und gar niemand anders sein willst.