Sie hat gerade Viagra für Frauen getestet

> Inka Schmeling

WOMAN, 18.4.2006

Gut, der Name ist alles andere als sexy. Die Wirkung aber schon: "PT-141" ist das erste Medikament, das sowohl Männern als auch Frauen Lust auf Sex macht. Die ersten Probanden waren begeistert: rund 120 Ratten in einem Labor in Montreal

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Erregt zittern seine Schnurrhaare. Sie flitzt davon, so plötzlich und schnell, dass die Streu gegen die Wand prasselt. Er rast hinterher, bespringt sie, dringt in sie ein, eine Millisekunde lang oder auch zwei; bis sie ihn mit ihrem kräftigen Schwanz runterdrückt, weiterrennt, die Rampe hoch. Er hinterher, sie wieder hinunter, er bespringt sie, sie befreit sich, hoch die Rampe und herunter, die Spreu prasselt, rosafarbene Füßchen trappeln, der Käfig ruckelt leicht auf dem weißen Regalboden.

„Oh la la, Baby, komm her! Nein, nicht weglaufen, hör auf mit den Spielchen! Bleib hier, du machst mich so heiß. Chérie …“ Wenn seine Ratten Sex haben, spricht Jim Pfaus, 47, dazu gerne Untertitel. Eines Tages wird er eine DVD daraus machen, einen Rattenporno, den schickt er uns dann nach Deutschland, versprochen. Eigentlich aber dient das Liebesspiel seiner Versuchstiere wissenschaftlichen Zwecken: der Erforschung des Medikaments PT-141, das die Lust auf Sex steigern soll. „Puff, jetzt hat er ejakuliert“, freut sich Pfaus mit Rattenmännchen Nummer 97. Der Käfig hört auf zu ruckeln. Ganze dreieinhalb Minuten lang. Dann prasselt und trappelt es darin von Neuem, Pfaus stimmt wieder seine Untertitel an – das Medikament scheint zu wirken, bei Nummer 97.

„Schaut mal nebenan rein, da erlebt ihr ein wirkliches Spektakel.“ An der Tür verspricht ein Pappschild „Live Nude Couples“: nackte Paare – live. Rattenpaare, grau-weiß gefleckt, hinter Plastikglasscheiben; auch hier klappern Käfige leicht auf Regalböden. Doch das Trappeln ist leiser, es fliegt weniger Streu, und genau das ist so spektakulär: Die Weibchen fliehen seltener vor dem Sex. Suchen ihn manchmal sogar, fordern ihn heraus, ganz anders als es in ihrer Natur liegt. Sie bestupsen und beschnuppern die Männchen, täuschen eine Flucht bloß an, um seinen Jagdtrieb zu entfachen, und dann krümmen sie den Rücken und halten still. Drei- bis fünfmal öfter als sonst signalisieren sie ihre Lust, sagt Pfaus. Und manchmal, sollte ihr Gefährte immer noch verhalten sein, dann würden sie ihn sogar selbst bespringen. „Ich habe noch keine Droge gesehen, die so verdammt stark wirkt.“

Gut vier Jahre testet der Psychologe und Neurobiologe, der sich auf das Sexualverhalten von Ratten spezialisiert hat, PT-141 bereits in seinem Labor an der Concordia University im kanadischen Montreal. Seit Ende 2001 dieser Anruf von einem Pharmaunternehmen kam: Was er tun würde, wenn man ihm sage, dass man einen Wirkstoff entdeckt habe, der nicht nur Männer sondern auch Frauen errege? Und was, wenn man ihm sagte, dass er direkt im Gehirn ansetze? Jim Pfaus’ Antwort kam prompt: „Kann ich den testen?“

Denn die Anfrage war eine Sensation für ihn. Ein Lustmacher für Männer und Frauen; in der Form eines Nasensprays, so dass er über die Schleimhäute direkt im Gehirn ansetzt. „Seit Viagra“, so Pfaus, „waren leider alle schwellkörperfixiert.“ Viagra blockt die Produktion eines bestimmten Enzyms und staut so Blut in den Schwellkörpern. Der Penis bleibt steif, die Klitoris schwillt an. Für Männer eine wichtige Vorraussetzung, für Frauen bedeutungslos. Anfang 2004 wurde das Projekt „Viagra für Frauen“ zu den Akten gelegt, das Pharmaunternehmen Pfizer hatte erkannt: Die weibliche Sexualität ist weit komplexer als die männliche. Ruhe kehrte ein. Dann kam PT-141.

Die Entdeckung war Zufall gewesen, ähnlich wie bei Viagra: Das war Anfang der 90er Jahre gegen Brustschmerzen bei angina pectoris entwickelt worden. Und hatte so gewaltige Nebenwirkungen, dass etliche Testpersonen es nicht mehr hergeben wollten; einer brach für Nachschub sogar ins Labor ein. PT-141, die synthetische Variante eines Hormons namens Melanotropin aus der Hirnanhangdrüse, sollte ein Selbstbräuner werden. Doch die Forscher der University of Arizona entdeckten, dass es zwar bräunt, aber auch den Appetit zügelt und Lust auf Sex macht; einem Wissenschaftler soll es zu einer acht Stunden andauernden Erektion verholfen haben. „Die perfekte Droge für den Urlaub“, in Pfaus’ Worten. Und gewinnträchtig: Der Vorgänger Viagra wurde zum bekanntesten Medikament der Welt und bringt jedes Jahr knapp zwei Milliarden Euro Gewinn. Kein Wunder, dass die Rechte an PT-141 schnell verkauft waren: an den jungen Konzern „Palatin Technologies“ in New Jersey, USA. Dort brüstet man sich nun, die erste Substanz zu besitzen, die weibliche Begierde künstlich entfachen kann.

Das Rot der Schamlippen wird immer kräftiger auf dem Bildschirm; der Eingang zur Vagina glüht orange. So sieht Begierde auf einem Wärmebild aus, erklärt Tuuli Kukkonen, 26. Sie bittet derzeit einige hundert Frauen auf den Gynäkologenstuhl in ihrem Labor an der Mc Gill University, ebenfalls in Montreal: Dort schauen sie sich einen Porno an, während eine wärmesensible Kamera die Temperaturveränderung ihrer Geschlechtsteile filmt. Kukkonen ist eine von sechs Doktoranden, die der Psychologe Irv Binik betreut: bei der Erforschung der weiblichen Lust. Und vor allem deren Fehlen. Ganze 43 Prozent der Frauen seien davon betroffen, lautete 1999 das Ergebnis einer oft zitierten Studie von Edward Laumann, Soziologe an der University of Chicago. Bei einer Umfrage der Urologischen Klinik Köln im Jahr 2003 bekamen gar an die 60 Prozent der Frauen die Diagnose: sexuelle Dysfunktion. Weshalb kann auch Irv Binik selten beantworten und helfen erst recht nicht. „Einmal hat mich eine Patientin angeschrieen: Ob ich ahne, wie ihre Lustlosigkeit ihre Partnerschaft zerstören würde, ihr Selbstbewusstsein. Ich wünschte wirklich, ich könnte ihr helfen.“

Dieser Wunsch treibt auch Jim Pfaus zu der Erforschung von PT-141. Selbst an Abenden und Sonntagen, bis ihm vor Müdigkeit die Augen brennen oder die Nase läuft – obwohl er seit über 20 Jahren das Sexualleben der Ratten erforscht, ist er gegen die Nager allergisch. Aber das sei doch „verheerend“, so ein Leben ohne Sex. Unerträglich für einen wie ihn, der sich in seinen Nacken das chinesische Schriftzeichen für „Lust“ hat tätowieren lassen. Der an der Wand seines Büros, neben Fotos von seinem dreijährigen Sohn, Bilder hängen hat von vögelnden Schildkröten, Kamelen, Gartenzwergen und von einer dieser Eingeborenen-Statuen mit gigantischem Penis. Auf dessen Fensterbank sich sogar ein Plastikschweinchen-Paar vergnügt, direkt neben einem großen hellblauen Lutscher mit „Viagra“-Schriftzug.

„Das Interesse am Sex kam spätestens bei meinem ersten Orgasmus“, erzählt Pfaus bereitwillig, „als ich da lag und dachte: Hey, was war das?“ Das habe sich angefühlt wie ein Heroin-Rausch, nein wirklich, ganz genau so. Das Interesse blieb. An der Highschool las er Simone de Beauvoir und klärte dann seine Kumpels darüber auf, was Frauen über Sex denken, was sie davon erwarten. An der Uni entschied er sich erst, Sexualtherapeut zu werden, schwenkte dann aber auf die Erforschung von Ratten um, weil die leichter zu untersuchen seien: „Sie sind nicht so von Konventionen und Ängsten gehemmt wie wir.“ Wenn man nicht von nahem doch graue Haare auf seinem Kopf entdecken würde, könnte man meinen, er sei immer noch auf der Highschool, mit seinem Nietenarmband und seinen Schoten und seiner ungebremsten Faszination von Sex. Selbst von dem letzten Comedy-Festival in Montreal erinnert er sich nur an die dreckigsten Witze. Die meisten Menschen wollen im Schlaf sterben, er beim Orgasmus.

„Sex, Sex, Sex – das ist doch nicht alles, was zählt“, hält Leonore Tiefer ihm entgegen. Die New Yorker Psychologie-Professorin kämpft dafür, die körperliche Liebe nicht auf Hormone, Erregungskurven und Temperaturmessungen zu reduzieren. „Heutzutage wird einem überall verklickert, man müsse jederzeit Lust auf Sex haben, sonst sei man nicht normal. Das ist so falsch! Wir entmenschlichen den Liebesakt und machen aus dem Ausleben von Gefühlen eine bloße Performance.“ Sie selbst hat die Vereinigung „New View of Women’s Sexual Problems“ gegründet und sagt: „Die meisten Frauen brauchen keine Drogen. Sondern Zeit, Liebe, den richtigen Partner, vielleicht auch eine Therapie.“

Die Vereinigung richtet sich gegen Medikamente, vor allem aber gegen die Pharmaindustrie dahinter. All diese angeblichen Krankheiten, von „hypoactive sexual desire disorder“ (HSDD) über „female sexual dysfunction“ (FSD) bis „female sexual arousal disorder“ (FSAD) – reine Profitgier. Um die 20 neue Substanzen sollen derzeit in den Labors der Konzerne getestet werden, vom Nasenspray übers Testosteron-Pflaster bis hin zum Libido-Gel. Die Studie des Soziologen Laumann: mitfinanziert von Pfizer. Die Umfrage in Köln: mitentwickelt von Bayer. Wer angab, innerhalb der letzten zwei Monate irgendwann einmal keine Lust auf Sex gehabt zu haben, werde gleich für krank erklärt. Das „British Medical Journal“ schrieb bereits, weibliche sexuelle Dysfunktion sei ein Paradebeispiel für die firmengesponserte Erschaffung einer Krankheit.

„Wer hat Lust auf Sex? Wer ist als nächstes dran? Ah, du bist heiß, na dann komm her!“ Jim Pfaus packt eins der Rattenweibchen aus einem gelben Putzeimer und setzt es zu Nummer 97; die Vorgängerin ist zerzaust und erschöpft. Sie kommt in einen anderen Käfig, an dem ein Pappschild lehnt: „used females“, benutzte Frauen. Benutzt von Nummer 97, von Pfaus, von „Palatin Technologies“. „Aber sie sieht doch glücklich aus“, sagt Pfaus und versteht die Diskussion nicht. Mit dem Sex sei das doch ähnlich wie mit dem Essen: Mal gibt man sich richtig viel Mühe und kocht ein Fünf-Gänge-Menü. Und dann kommt man nach Hause, ganz müde von der Arbeit, und bestellt sich was vom Chinesen. PT-141 ist Fastfood. Einfach und schnell. Und man ist bald wieder hungrig.