Gesellschaftsporträt: Schnipseljagd durch Deutschland

> Inka Schmeling

Gabriel-Grüner-Stipendium 2004
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Die Ampel in der Leopoldstraße ist gelb. Und rot. Und grün und blau und an manchen Stellen auch weiß beklebt. Mit Zetteln. Ein „zuverlässiger Tischler“ bietet sich als „Ikea-Möbel Aufbauer“ an – und auch für kleine handwerkliche Reparaturen und auch als Umzugshelfer. Eine Designstudentin entwirft Brautkleider. Ein selbständiger Koch serviert ein „Dinner for two bei Ihnen zu Hause“. Und mittendrin rennt ein kleines Männchen mit Käppi und Kugelbauch über gelbes Papier; in der linken Hand einen Hammer, in der rechten einen Schraubenschlüssel. „Handwerker-Notdienst“ steht über der Zeichnung, und darunter: „Ihr Regal hängt schief? Der Enkel hat die Wand verkleckert? Die Wandfarbe deckt nicht? Probleme beim Bodenlegen? Der Rasenmäher gab den Geist auf? Deutscher junger Mann kommt sofort und packt es an. schnell – sauber – unkompliziert.“ Die angeschnittenen Schnipsel mit der Telefonnummer flattern im Wind; zwei fehlen schon. Das Papier ratscht, als wir den dritten abreißen.

Der gelbe Schnipsel kommt in die Plastikhülle zu den anderen, die wir unterwegs sammeln. An Ampeln und Laternenpfählen, in Supermärkten, Kneipen, Bibliotheken. In Hamburg und Frankfurt/Oder, in Dresden und Aachen, in Bonn, Schwerin, Weimar, Garmisch-Partenkirchen und jetzt hier, in München. In ganz Deutschland gehen wir auf die Jagd nach Schnipseln, auf denen Menschen ihre Arbeit anbieten. Und nach denen, die sie aufhängen. Die es anpacken, in einer Zeit, in der vieles schief hängt und verkleckert ist und den Geist aufgegeben hat.

Er trägt weder Käppi noch Kugelbauch – der Mann hinter dem Zettel ist das Gegenteil von dem Männchen auf dem Zettel. Ronald Stein, 37, ist groß, sportlich, braungebrannt. Sein Händedruck ist fest, seine Augen schauen sanft und ein bisschen verwundert. „Was ist an mir schon besonders?“ Dass er lieber Zettel schreibt, mit denen er Arbeit sucht, als Anträge ausfüllt fürs Arbeitslosengeld oder Hartz IV. „Und was wollt ihr von mir wissen?“ Wie er das schafft, nicht zu jammern sondern zu werben, nicht zu resignieren sondern mit dem Schicksal zu ringen. „Setzt euch.“

Die erste Runde begann vor gut zehn Jahren, erzählt Ronald Stein. Da haben er und seine Frau ein Bauunternehmen gegründet, haben es selbst aufgebaut, haben geackert, auf Urlaub und Freizeit verzichtet. Schließlich lief das Unternehmen gut; sie bekamen erst ein Kind und dann noch eins, kauften ein Haus in einem Münchner Vorort und ein Motorboot in Italien, stellten eine Putzfrau ein und ein Au-Pair-Mädchen. Die erste Runde ging an ihn.

Die zweite nicht. „Obwohl ich alles gegeben habe, um meinen Betrieb zu retten, ich habe anderthalb Jahre gekämpft.“ Aber die Vorschüsse, die er leisten musste, wurden immer höher und seine Auftraggeber zahlten ihre Rechnungen immer später. Irgendwann wollte selbst sein Steuerberater nicht mehr in den roten Zahlen herumrechnen und ging. Ronald Stein saß allein vor dem Berg an Papieren, „ich wusste nicht mehr, wo oben und unten ist.“ Sein Cousin kam nach München geflogen, ein Anwalt. Den ganzen Tag blätterten sie zusammen den Papierberg durch. Nachts füllten sie den Insolvenzantrag aus. Vom Motorboot blieb nur das Foto an der Wand einer kleinen Mietswohnung. Plötzlich wusste er wieder, wo unten ist.

„Meine Frau und ich waren völlig gelähmt, monatelang, wir sind kaum aus dem Haus gegangen. Da standen wir plötzlich, mit Schulden und ohne Arbeit – wie kommst du da wieder raus? Manchmal wollten wir einfach alles stehen lassen, wieder bei Null anfangen können und nicht so weit im Minus. Unsere Nachbarn waren pikiert, in anderen Ländern würde man sagen: Immerhin hat er’s versucht.“

Seit ein paar Monaten versucht er es wieder. Die Schulden abzubezahlen. Aufzustehen. Zu Kämpfen. „Dann fangen wir halt hier unten wieder an, das haben wir doch schon mal geschafft“, haben sich die Steins gesagt. Sie geht jetzt selbst putzen, in den Edelboutiquen, in denen sie früher eingekauft hat. Er arbeitet mit dem, was von der Insolvenz übrig blieb: seinem Werkzeugkasten, seinem handwerklichen Geschick und seiner Hartnäckigkeit; für 24,50 Euro die Stunde. Viele Kunden hat er noch nicht, drei oder vier in der Woche, zwei Stammkunden. Von dem Zettel in der Leopoldstraße waren zwei Schnipsel schon abgerissen, da ruft doch bestimmt bald jemand an. „Das war ich selbst. Wenn schon welche fehlen, haben die Leute weniger Hemmungen, noch einen abzureißen.“

Und wenn keiner seine Schnipsel abreißt und keiner anruft? Auch dann steht Ronald Stein auf. Nimmt den Hund, packt einen Stoß Zettel ein, setzt sich aufs Fahrrad und fährt seine Routen ab. Sein Weg von ganz unten nach oben führt vorbei an den Laternenpfählen und Ampeln; die Zettel sind der erste Schritt beim Aufstehen. Oder das letzte Aufbäumen vor der endgültigen Niederlage? „Das ist doch Quatsch. Jeder Pizzaservice verteilt seine Zettel in den Briefkästen.“ Er selbst hat in den letzten vier Monaten an die 30.000 verteilt, wo immer er potentielle Kunden vermutet: Auf dem Ikea-Parkplatz, in Frauenarztpraxen oder an der Ampel in der Leopoldstraße. Dort zieht er einen gelben Zettel aus seiner Umhängetasche, reißt mit seinen Zähnen ein Stück von der losen Tesafilmrolle ab und klebt ihn zu den anderen.

Ein paar Ampeln entfernt von dem rennenden Handwerker lächelt eine junge Frau mit Zipfelmütze und einer Flasche in der Hand auf rotem, etwas ausgebleichtem Papier. Sie wirbt für die „Spritwichtel“, drei Münchner Freunde, die nachts Alkoholika und Grillutensilien ausliefern. Auf die Idee kamen sie letztes Jahr – auf einer Party, als das Bier ausging. Obwohl sie alle ihre Vollzeitjobs haben und keine Geldnot. „Aber es ist einfach schön, etwas völlig Eigenes aufzubauen“, sagt Dominik Wagner, 27, einer der drei. „Ich hatte in den letzten Monaten richtig Bauchkribbeln vor Glück.“

Die Zettel sind gelb oder rot, blau oder weiß, sie sind mit der Hand geschrieben oder auf dem Computer, klingen hoffnungsfroh oder verzweifelt. Und genau so verschieden wie Farbe, Form und Formulierung sind die Gründe, aus denen sie aufgehangen werden. Sie entstehen, wenn sich Not in Hoffnung verwandelt, wenn der Wille größer ist als die Angst vorm Scheitern, wenn aus einer Idee ein Unternehmen wird. Die Zettel werden geschrieben aus Gründergeist. Oder aus Armut, Arbeitslosigkeit, Angst.

Aus denselben Gründen verteilt auch eine Handvoll Leute montags ihre Art von Zetteln auf dem Marienplatz. „Hier, für Sie.“ Vorne ist das Foto von einem trübseligen Gerhard Schröder, hinten der Reim „Schröder, Merkel, Stoiber – das sind die selben Räuber!“ Gegen die Agenda 2010 und gegen Hartz IV, gegen Sozialkahlschlag, ruft ein dicklicher Mann mit Hosenträgern in ein Mikrofon. Das Wort „für“ fällt kaum.

Knapp 100 Kilometer vom Marienplatz entfernt, in einem Café in Garmisch-Partenkirchen, liegen grüne Zettel aus. Die Farbe der Hoffnung. Und die Signale des Anpackens: Drei Strichmännchen schaufeln, hüten Kinder und füttern eine Katze. „Wanted? Wir sind immer für Sie da! (Der schnelle Hilfsdienst für jeden)“, bietet eine „Agentur für Dienstleistungen“ an. Die Agentur besteht aus einer Person, Margot Kern, 52, und einer Kartei von etwa 70 Leuten. Allein kam sie eben kaum an Aufträge, erzählt sie, als Agentur schon eher. Noch sind es gerade mal zwei oder drei in der Woche, da behält sie die meisten für sich. 13,50 Euro nimmt sie pro Stunde: zehn Euro Arbeitslohn, ein Euro Vermittlung, 2,50 Euro fürs Finanzamt und die Knappschaftskasse. „Haben Sie schon mal an Schwarzarbeit gedacht?“ „Das bringt nichts. Wenn ich etwas Negatives verursache, kommt auch was Negatives zurück.“ An ihrer Wohnungstür klebt ein Poster: Es ist die Zeichnung eines Frosches, der sich, bereits im Schnabel vom Storch, immer noch verzweifelt wehrt. „Niemals aufgeben!“, steht darunter.

Das niemals Aufgeben ist mühsam. In den letzten zehn Jahren sind mehr als zwei Millionen Vollzeitstellen weggefallen, hat sich die Zahl der Insolvenzen verdreifacht. Nur jede zweite befristete Stelle wird heute entfristet. Das sagen die Statistiken. Vor allem aber plakatieren es die Menschen selbst: an den Laternenpfähle und Ampeln. Wie Fieberthermometer stehen sie da und geben den aktuellsten Stand am Arbeitsmarkt wieder. Viele Zettel bedeuten viele Arbeitslose und große Unsicherheit. Aber gleichzeitig auch viele Selbständige und großen Eifer. Schließlich, so die Statistik, haben 2004 fast vier Mal so viele Arbeitslose ein Unternehmen gegründet wie 2001.

Wie sich Deutschland in den letzten Jahren verändert hat, ist nirgendwo so deutlich zu sehen wie in Bonn. Es war einmal: Hauptstadt und Synonym für Sicherheit und Geborgenheit. Heute hängen die Zettel wie Traueranzeigen hinter den mit Packpapier verklebten Türen in der kleinen Ladenzeile direkt hinterm Langen Eugen, dem früheren Abgeordnetenhaus. „Wir schließen vorübergehend diese Geschäftsstelle“, „Die bisher hier betriebene Lotto-Annahmestelle hat ihre Tätigkeit eingestellt“, „Sie erreichen uns von nun an in Berlin unter …“. Nur der „Feinkost Imbiß“ hat noch geöffnet. So alt wie seine Rechtschreibung ist auch das Sortiment: An der Kasse werden leicht vergilbte Postkarten vom Plenarsaal des Bundestages verkauft. Wer Heimweh bekommt nach der alten Republik, muss heute 500 Meter weiter gehen. Zum Haus der Geschichte.

Die Gründergeschichten der neuen Republik und die modernen Trümmerfrauen sind ausgestellt in der Stadtbibliothek am Bottlerplatz: an der Pinnwand, rechts neben dem Eingang. Von oben bis unten und von links nach rechts hängen hier die Zettel, mit denen sie sich selbst ihre Existenz aufbauen oder stützen wollen. „Daumenkino, das lebendige Weihnachtsgeschenk“, wird auf einem angeboten – von der freien Fotografin Martina Goyert, 32. Weil der Bonner Express seit zwei Monaten weniger Aufträge vergibt und sie einen Zusatzverdienst braucht. Am anderen Ende der Pinnwand wirbt ein Zettel für einen „Bonner Stadtspaziergang mit Rainer Selmann, M.A.“ Auch der 35-jährige freie Radiojournalist kann von seinen schwankenden Honoraren nicht leben; auch er sucht ein zweites Standbein.

Dazwischen, halb verdeckt von den Angeboten für einen Meerschweinchenkäfig und eine alte Lederjacke, steht in runder Mädchenhandschrift: „Kleine Schauspielgruppe sucht Auftritte auf Kindergeburtstagen. Es werden auch nach Wunsch ausgesuchte Stücke gespielt. Bitte am Telefon nach Katja fragen.“ Am Telefon bieten Katja und Natalya, beide 15, an, morgen ihr neues Stück vorzuführen: „Hello Kitty“, selbst geschrieben. Die Premiere findet in der Küche statt. Die Kostüme der Mädchen sind mit drei Zentimeter langen Stichen genäht und ihre Zukunftspläne gigantisch. Die beiden wollen, da sind sie „ganz, ganz sicher“, eines Tages Schauspielerinnen werden. Und Taschengeld brauchen sie auch. Also haben sie sich in den letzten Sommerferien hingesetzt und 50 Zettel geschrieben; alle mit der Hand, immer abwechselnd. Haben sie bei Karstadt und C&A in den Kinderabteilungen verteilt. Und die meisten nachher zerknüllt auf der Straße wieder gefunden. „Total fertig“ waren sie da. Egal, jetzt gibt es einen neuen Plan: „Wir haben in den Gelben Seiten 312 Kindergärten gefunden. Die wollen wir alle besuchen. Wenn jeder uns nimmt und wir einen Euro pro Kind verlangen, verdienen wir beide 2250 Euro. Dann können wir eine Shoppingtour nach Oberhausen machen. Und nach Paris wollen wir fahren, ins Disneyland.“

Der Zwang zu arbeiten ist größer geworden: für Schüler und Rentner, für Männer und Frauen, in Ost und West. Katja kann von ihrer Mutter kein Taschengeld bekommen, weil die von Hartz IV lebt und alleinerziehend ist. 660 Kilometer nach Osten, in Frankfurt/Oder, ist die Arbeitslosenquote mit knapp 20 Prozent doppelt so hoch wie in Bonn. Der Pensionswirt fragt beim Frühstück entgeistert: „Über Arbeit wollt ihr mit den Leuten reden? Arbeit gibt’s hier keine. Über Arbeitslosigkeit müsst ihr reden.“ Die Liste der Anzeigen unter der Rubrik „Stellenmarkt Gesuche“ im Wochenmarkt ist lang; „denn man kann doch alles lernen“, schreibt eine Altenpflegerin, die einen Job sucht, „auch in anderen Branchen“. An der Europa-Universität, wo Juristen und Wirtschaftswissenschaftler ausgebildet werden, hängt ein einziges Jobangebot: Aldi sucht “Azubis für die Kasse“. Ein Bauarbeiter spricht von „Friedenszeiten“, wenn er die DDR meint.

Wie hartnäckiger Löwenzahn sprießt da ein Zettel an der grauen Betonwand in einem Plattenbau, direkt am Eingang. „Sie möchten frischen, hausgebackenen Kuchen? Ich backe für Sie, zu allen Anlässen oder auch nur fürs Wochenende.“

Der Backofen steht in einem kleinen Dorf im Oderbruch, aus ihm riecht es nach Vanille, Zucker und Kokosnuss. „Ich mache einen Bienenstich für Sie“, ruft Petra Ertel, 46, zur Begrüßung. Die Zutaten liegen auf dem Küchentisch bereit, das Blech wartet und die Köchin auch: darauf, endlich loslegen zu können. Ihre Hände sind schon an der Mehlpackung, bevor man sich hingesetzt hat. Zack – die Eier in die Schüssel, platsch – die Buttermilch hinterher; sie knetet den Teig, verteilt ihn auf dem Blech und bestreut ihn, als liefe eine Stoppuhr mit. Die erste Frage hat sie beantwortet, bevor sie den Mund aufmacht: Wieso mit Zetteln kämpfen, statt sich in das Schicksal zu fügen? Ihre Hände verraten, wie selten sie untätig im Schoß liegen. Sie sagt: „Ich wollte einfach mal ausprobieren, ob das klappen würde.“

Der Kuchen wird knusprig braun, während sie erzählt. Eigentlich ist sie Kindergärtnerin. Aber weil so viele junge Familien aus der Gegend wegziehen, wird der Kindergarten immer kleiner und vielleicht bald geschlossen. Auch ihr Mann, ein Maurer, ist ständig in Gefahr, gekündigt zu werden. Wie so viele seiner Kollegen. Dann möchte sie auf keinen Fall mit leeren Händen dastehen, sagt sie und fegt mit der rechten Hand Teigkrümel vom Tisch.

Sie will sich jetzt schon mal nebenbei etwas aufbauen, aus dem sich mehr entwickeln könnte, für die ganze Familie. Schließlich ist da ja noch ihre jüngste Tochter. Die macht gerade eine Lehre als Backwarenverkäuferin und wird hier in der Gegend bestimmt keinen Job finden. Nicht dass die auch noch rüber geht in den Westen, wie die anderen beiden Kinder. Daher der Kuchen und die Zettel. Ein Dutzend davon hat sie vor vier Tagen aufgehangen, zwei Leute haben bis heute angerufen. Aber für Trübsal ist Petra Ertel zu resolut. Und außerdem ist der Bienenstich jetzt fertig.

Wenige Kilometer auf brandenburgischen Alleen weiter, vorbei an blühenden Feldern und hügeligen Landschaften, öffnet der 54-jährige Udo Schmidt die Tür. „Weiße Tauben lasse ich zu allen festlichen Gelegenheiten im Schornsteinfegeroutfit aufsteigen“, bietet er an; bis in sein Wohnzimmer hört man das Gurren und Flattern aus der Scheune. Die weißen Tauben hat er letztes Jahr übers Internet gekauft und das Outfit vom Schornsteinfeger aus dem Nachbardorf geliehen. Ein kleiner Zusatzverdienst zur Frührente, erklärt Udo Schmidt. Und wirkt immer noch betroffen, dass sein Rücken jetzt hinüber ist. Er, der früher ab vier Uhr morgens mit dem Lkw Brötchen und Fleisch ausfuhr, nachmittags auf dem Bau „stahlwerken“ ging und sich abends noch um die Schweine und den Gemüsegarten kümmerte. Heute kann er nicht mehr heben als den weißen Holzkasten mit seinen Tauben.

„Wenn er gar nichts mehr zu tun hätte, würde er bestimmt noch trauriger werden“, sagt seine Frau. Und die 70 Euro pro Auftritt können sie auch gut gebrauchen. Ihr Frisörladen läuft immer schlechter, „vor allem Ende des Monats, wenn all den Hartz IV-Empfänger hier in der Gegend das Geld ausgeht. Wir bieten jetzt auch Trockenhaarschnitte an, für 8,90 Euro. Damit nicht alle unsere Kunden rüber nach Polen gehen.“

Nach Slubice, direkt hinter der Grenze. Wo nicht nur der Frisör billiger ist, sondern auch der Spargel und die Turnschuhe und das Benzin und die Arbeit, die hier angeboten wird, auch auf Zetteln und überall. An Ampeln, Laternenpfählen, Hauseingängen, in den Schaufenstern von jedem zweiten Laden. Vor 60 Jahren, als die Rote Armee gen Berlin zog, wurde das Oderbruch zum größten Schlachtfeld auf deutschem Boden. Heute stehen die Menschen hier wieder in der Schusslinie: Mit den Preisen der polnischen Schwarzarbeiter können sie nicht mithalten und mit der Wirtschaft im Rest von Deutschland auch nicht.

Die negativen Seiten des Kapitalismus bekämpfen die Dresdner im „Konsum“, einem Supermarkt in der Neustadt. In drei, vier Lagen hängen hier an der Pinnwand die Zettel übereinander. Angebote für Kochkurse, Schwangerschaftsbegleitung und Hunde-Sitting. Darunter Felix, der „dir günstig jedes Hochbett baut, das Du Dir vorstellen kannst!“ Der 24-Jährige ist arbeitslos und will jetzt nach Südamerika auswandern; er braucht Geld für den Flug. Daneben hängt ein gelber Zettel: „Hörnchens Bügeldienst mit kostenfreiem Hol u. Bringeservice. Sie waschen mit ihren eigenem Waschpulver u. Weichspüler – aber das Bügeln? Kein Problem – Ich bin für Sie da!“

Das Fragezeichen und das Ausrufezeichen sind besonders groß. So fühlte sich Ilona Horn, 38, auch, als sie im letzten Jahr ihre Ich-AG-Förderung beantragte, „wie beim Gänseblümchen-Zupfen: Ich wage es, ich wage es nicht, ich wage es…“ Schließlich war das Arbeitslosengeld bequemer, sicherer, höher. „Das ist völlig gestört: Du machst nichts und kriegst Geld dafür. Ich kam mir richtig schäbig vor.“ Nach der dritten unnützen Umschulung reichte es ihr; sie ließ sich 500 Zettel auf gelbes Papier drucken und verteilte sie in der Neustadt, zusammen mit ihrem Freund und ihren beiden Töchtern. Sie wartete. Und wartete. Nach sechs Wochen kam der erste Anruf, „da konnte ich schon kaum mehr denken vor Panik.“ Was, wenn sie scheitert? Nicht mal zurück zum Arbeitslosengeld kann sie dann. Nach einer abgebrochenen Selbständigkeit bleibt bloß Hartz IV. Doch nach dem ersten Anruf kamen viele weitere und heute, ein Jahr später, ist ihr Terminkalender voll. Ilona Horn verdient fast wieder so viel wie damals, als Arbeitslose. „Ich kann jetzt weniger Geld für Luxus ausgeben. Aber trotzdem kann ich mir wieder besser ins Gesicht sehen.“

Anna Mawista, 46, hat ein paar Falten um ihre Augen und den Mund, aber es sind Lachfalten. Sie hat schlecht geschlafen in den letzten Nächten, wegen all der Fragen und Ängste und Nöten, aber ihre Stimme klingt heiter, als sie sagt: „Kommt doch herein. Ich habe Kaffee aufgesetzt.“ Ihr Büro steht mitten auf dem Goetheplatz in Weimar: ein weißer Opel-Bus. Innen hat sie ihn mit Schreibtisch, Regalen und Hockern ausgebaut; über der Ausbuchtung eines Hinterreifens ist die Besucherbank.

„Textwagen“ hatte auf dem Zettel im Copyshop gestanden. Zwei- bis dreimal die Woche fährt Anna Mawista ihren Textwagen auf den Goetheplatz, Mittwochs und Freitags und manchmal auch Samstags. Hier korrigiert oder schreibt sie, was immer ihr die Kunden von der Straße herein reichen: Magisterarbeiten, Bewerbungen oder selbst verfasste Gedichte, sogar ein Fachbuch über Milch hat sie schon lektoriert. Einmal bat ein Tourist sie, eine Postkarte für ihn zu schreiben. Ein anderes Mal kam eine Gruppe Jugendlicher, wegen einer Traueranzeige für einen Freund, der bei einem Autounfall gestorben war. „Die waren noch völlig verstört. Ich habe sie erst mal weggeschickt. Und mir dann richtig Mühe gegeben mit der Anzeige.“ 13 Euro hat sie damals verlangt; sonst nimmt sie 30 bis 40 Euro die Stunde fürs Schreiben, 20 Euro fürs Lektorieren.

Anna Mawista redet von ihrem Textwagen mit einer Liebe und einem Stolz wie andere Frauen von ihren Kindern. Das hier ist ihr Wunschkind, geboren nicht aus Not sondern aus Begeisterung für die Idee und aus dem Wunsch, endlich anzukommen. Endlich mit ihrer Begeisterung für Sprache Geld zu verdienen, nach all den Jobs, die sie schon hatte.

Doch die Geburt war schwierig: Fast 12.000 Euro musste sie sich am Anfang von Freunden und Bekannten leihen; erst allmählich kann sie zurückzahlen. „Aber ich würde so etwas zehnmal eher ausprobieren, als vorher lange rum zu rechnen.“ Sie hat mit einem Steinmetz aus der Nachbarschaft an der Inneneinrichtung gewerkelt, wochenlang. Hat den Schreibtisch verleimt, Regalbretter an die Innenwand gedübelt. Hat sich hartnäckig die Genehmigung für den Goetheplatz vom Ordnungsamt erkämpft. Immer wieder ging sie hin. Parkte schließlich ihren Wagen vor der Tür im Halteverbot und lud den Direktor auf einen Besuch ein. Er kam und sah den halb umgebauten Wagen; sie kriegte ihre Genehmigung. Und konnte im Mai 2003 endlich die Tür ihres Textwagens für Kunden aufschieben. Jedes Jahr kommen mehr zu ihr. Doch genug zum Leben sind es immer noch nicht und das Überbrückungsgeld ist schon lange ausgelaufen.

„Die erste Durststrecke ist kaum zu ertragen, wenn dir ein Projekt so nahe ist“, gesteht Anna Mawista. „Da hilft nur: Durchhalten.“ Sie verkneift sich Theater, Kino oder neue Klamotten. Repariert ihre Schuhe selbst. Bittet ihre Freunde und Bekannten wieder um kleine Kredite. „Ich kann gar nicht sagen, wie viele Nächte ich da liege und mich frage: Kann ich nächsten Monat meine Miete zahlen? Aber mit der Angst kann ich leben.“

Sie tritt die Flucht nach vorne an. Druckt noch mehr Zettel und klebt sie jetzt auch an den Unis in anderen Städten auf. Verteilt Kalender und Poster mit ihrem Werbezug. Und wenn mal wieder kein Auftrag da ist und sie sich am liebsten tief drinnen in ihrem Wagen vergraben würde, macht sie genau das Gegenteil: Sie setzt sich mit ihrem Kaffeebecher nach draußen auf die Stufen, lächelt die Passanten an, und weiß, „dass ich noch nie etwas so sehr gewollt habe wie meinen Textwagen.“