Von der Front in die Oper

> Inka Schmeling

BIOGRAFIE, 1.2.2006

Im Ersten Weltkrieg dirigiert er den ersten Gasangriff der Geschichte - das Gas hat er selbst entwickelt. Kurz danach bekommt der deutsche Chemiker Fritz Haber den Nobelpreis. Viele Jahre später tötet sein Nazi-Gas Zyklon B Millionen Menschen in den Konzentrationslagern, darunter seine eigenen Neffen und Nichten. Was ist so faszinierend an diesem Mann, dass sein Leben jetzt als Buch, als Film, als Theaterstück und sogar als Oper dargeboten wird?

„Chemie-Gott – Fritz Haber bekommt den Nobelpreis!“

„Mörder – Fritz Haber als Kriegsverbrecher gesucht!“

Beide Schlagzeilen könnten im November 1919 in den Zeitungen stehen. Zur selben Zeit, über denselben Mann. Gerade ist bekannt geworden, dass Fritz Haber nachträglich für das Vorjahr die höchste wissenschaftliche Auszeichnung verliehen bekommt: den Nobelpreis. Doch der Chemiker ist auf der Flucht, wird von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs gesucht: als Kriegsverbrecher.

Das Nobelpreis-Komitee erreicht ihn schließlich im Schweizer Edelstädtchen St.-Moritz – mit Vollbart und, wie später herauskommt, wohl auch mit gefälschtem Pass. Den Bart rasiert Fritz Haber kurz vor der Verleihung im Juni 1920 ab, doch die Entrüstung über seinen Part im Ersten Weltkrieg hält an. Aus Protest verweigern nicht nur zwei Franzosen ihre Nobelpreise, sondern auch etliche Diplomaten und Preisträger ihre Teilnahme an der Zeremonie. Die „New York Times“ fragt sarkastisch, ob man nicht auch einen Nobelpreis für idealistische und erfundene Literatur an Generalstabschef Erich Ludendorff vergeben wolle, einen der Hauptverantwortlichen für die deutsche Kriegsführung.

Haber selbst geht in seiner Rede bei der Preisverleihung in Stockholm nicht ein auf die Vorwürfe. Weder darauf, dass er im Krieg immer aggressivere Giftgase entwickelt und damit Zehntausende Soldaten einem qualvollen Tod ausgesetzt hat. Noch darauf, dass Deutschland mit seinen Erfindungen gegen die „Haager Landkriegsordnung“ verstieß, in der man sich 1899 und 1907 verpflichtet hatte, keine Gifte und „erstickende Gase“ zu militärischen Zwecken einzusetzen. Erst recht nicht auf seinen Spitznamen: „Vater des Gaskriegs“.

Statt dessen redet er über die Erfindung, der er den Nobelpreis verdankt: den Kunstdünger. Der hat Millionen vor dem Hungertod gerettet, ohne ihn könnte heute ein Drittel der Menschheit nicht leben. „Brot aus Luft“ nennen Zeitgenossen das Verfahren, das Haber 1909 vorstellt. Damit lässt sich der in der Luft enthaltene Stickstoff zu Ammoniak binden – die Grundlage für Kunstdünger. Allerdings auch für Sprengstoff. Denn Ammoniak kann in Nitrat verwandelt werden und das wiederum in Nitroglyzerin und TNT. Genau das tut Deutschland im Ersten Weltkrieg mit Habers Hilfe; nur Dank dieses Verfahrens geht dem Militär nicht schon in den ersten Kriegsmonaten die Munition aus. Doch auch dazu schweigt Haber in seiner Rede in Stockholm.

Seine Ammoniaksynthese kann gleichzeitig Menschenleben retten und zerstören. Sie bringt ihm Ruhm wie auch Schande, wird mal ausgezeichnet, mal verdammt. Und ist genau so widersprüchlich wie ihr Erfinder. Bis heute tut man sich schwer, den Chemiker einzuordnen; an diesem Mann scheitert jedes Schubladendenken. Er ist der Vater des Düngers und des Gaskriegs. Jude und patriotischer Deutscher. Ein loyaler Freund und Mentor, ein meist abwesender Vater und Ehemann. Er ist warmherzig und egoistisch zugleich, ist brennend ehrgeizig aber seinen Studenten gegenüber grenzenlos großzügig. Im Ersten Weltkrieg rüstet er das deutsche Militär mit seinen Erfindungen, in der Weimarer Republik leitet er das größte Chemie-Institut im Land – im Dritten Reich streicht man seinen Namen aus den Lehrbüchern.

Fritz Haber war in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einer der führenden Wissenschaftler Deutschlands. Heute kennt seinen Namen kaum noch einer. Zu kompliziert ist vielleicht seine Lebensgeschichte, zu wenig geeignet für eine klare Rolle als Vorbild oder Opfer oder Täter.

Jetzt kommt sie trotzdem wieder an die Öffentlichkeit: ins Kino, als Buch, auf der Bühne. In New York lief gerade das Theaterstück „Einstein’s Gift“; zur Zeit wird die Geschichte der beiden jüdischen Wissenschaftler Einstein und Haber auch ins Japanische, Französische und Deutsche übersetzt. Im August 2005 wurde in den USA die Biografie „Master Mind“ publiziert. Im Mai 2006 soll der Film „Haber“ bei den Festspielen in Cannes vorgestellt werden. Und ebenfalls für dieses Jahr angekündigt ist die Oper „Zyklon“.

Habers plötzliche Popularität erklärt Daniel Charles, Autor der Biografie „Master Mind“, mit der kürzlichen Freigabe von Unterlagen. Bis Mitte der Neunziger Jahre seien die in den Händen eines einzigen Forschers gewesen, eines Protegés von Haber. Und Peter King, britischer Jazz-Musiker und Komponist der Oper „Zyklon“, begründet sein Interesse damit, wie aktuell Habers moralisches Dilemma sei: „Die Wissenschaft ist nun mal ein zweischneidiges Schwert, sie kann für Gutes und Böses benutzt werden. Können wir IT-Spezialisten verantwortlich machen, wenn Al Qaeda im Internet fürchterliche Attentate plant? Oder Computerfachleute für die „smart bombs“ gegen unschuldige Iraker und Afghanen?“

Haber selbst scheint das Dilemma zwischen Kunstdünger und Giftgas nicht empfunden zu haben. Für ihn ist alles gleich: nämlich eine Gelegenheit zum Aufstieg. Schon als Kind will Fritz Haber mehr. Mehr als das gutbürgerliche Leben in seiner Heimatstadt Breslau. Mehr als die Färberei seines Vaters übernehmen, mehr als sich als Jude mit dem Zweite-Klasse-Stempel begnügen. Im Alter von 16 Jahren schreibt er an einen Freund: „Ich empfinde das Verlangen, auf dem grenzenlosen Ozean des Lebens und der Zukunft zu segeln, von keinem anderen Stern geführt als von dem eigenen Willen und Bemühen“.

Seine Segel setzt er bald. Schon als Jugendlicher hat Haber im Haus einer Tante heimlich chemische Experimente gemacht; jetzt studiert er Chemie an der Universität, in Berlin und in Heidelberg. Doch der große Erfolg bleibt erst einmal aus. Seine Leistungen sind zwar gut aber nicht überragend, den Doktortitel schafft er gerade so. Und nach dem Studium hagelt es Enttäuschungen: Er schickt eine Bewerbung an das Leipziger Labor des anerkannten Chemikers Wilhelm Ostwald. Sein Vater vermittelt ihm Praktika in drei verschiedenen Fabriken. Ein halbes Jahr lang versucht er sich sogar in dessen Unternehmen in Breslau. Alles ohne Erfolg. Schließlich landet Haber an der drittklassigen Universität von Jena, als unglücklicher – und unbezahlter – Handlanger im Labor des einzigen Chemie-Professors. An einen Freund schreibt er: „Ich fühle mich so wohl wie ein Fisch auf dem Trockenen.“

Er zappelt ähnlich wild, um sich aus seiner Lage zu befreien. Bis spät in die Nacht arbeitet Fritz Haber im Labor. Und er konvertiert zum evangelischen Glauben, weil er seine jüdische Herkunft für einen Teil der Misserfolge verantwortlich macht.

Dann, endlich, kommt das Angebot für eine Assistentenstelle an der Universität Karlsruhe. Nach langem Kampf kriegt er nun die unterste Sprosse der akademischen Leiter zu fassen, schreibt Daniel Charles in seiner Biografie. Umso entschlossener klammert er sich daran fest. In den kommenden 17 Jahren, so Charles, wird das Karlsruher Institut für Chemie zur Bühne für eine spannende Metamorphose: Fritz Haber verwandelt sich vom wissenschaftlichen Außenseiter zum Helden. Die Metamorphose schafft er nicht nur durch den Inhalt seiner Thesenpapiere, wissenschaftlichen Artikel, Präsentationen auf Konferenzen. Sondern vor allem durch die Vehemenz und die Vielzahl, in der er sie vorbringt. Haber legt sich mit Kollegen an, mischt sich in die verschiedensten Bereiche der Elektrochemie ein, taucht auf den wichtigen Konferenzen auf, lautstark und voller Energie. Überall gleichzeitig scheint er zu sein. Wie Haber schon als Jugendlicher voraussagte, sind es sein Wille und seine Bemühungen, die ihn im Alter von 40 Jahren zu seiner bekanntesten Entwicklung treiben: der Synthese von Stickstoff zu Ammoniak.

Das Thema liegt in der Luft, wortwörtlich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird klar, dass die herkömmliche Landwirtschaft bald nicht mehr reicht, um alle Menschen auf diesem Planeten zu ernähren. Die Lösung ist schnell gefunden: ein Dünger aus Ammoniak. Die Chemiker wissen auch, woraus sie den herstellen könnten: aus Stickstoff, einem Bestandteil der Luft. Sie wissen nur nicht wie. Die Stickstoffmoleküle verweigern sich starrköpfig jeder chemischen Reaktion; kein Wissenschaftler hat eine Idee, wie man sie künstlich zu Ammoniak binden könnte.

Auch Haber nicht. Zunächst interessiert es ihn nicht einmal. Doch je öfter andere Chemiker an dem Problem scheitern, umso mehr wird die Lösung zum Duell um den vordersten Platz in ihrer Liga. Habers Interesse erwacht. Vor allem an dem Reichtum und dem Ruhm, die auf den Entdecker der Stickstoff-Synthese warten, weniger an der Rettung der Menschheit. Haber stürzt sich auf die Herausforderung. „Er ging auf ein Problem los wie ein Bulle auf ein Gatter“, beschreibt der britische Chemiker Patterson die Zielstrebigkeit seines Kollegen. Habers Nerven liegen wie schon des öfteren blank; er leidet unter Schlaflosigkeit, Magenproblemen und Hautausschlag. Und er schließt sich in seinem Labor ein, Tag und Nacht.

Bis er es schafft. Im Juli 1909 kann Haber in seinem Karlsruher Labor die Synthese von Stickstoff zu Ammoniak präsentieren. Osmium, ein seltenes Edelmetall, kann die Stickstoffmoleküle binden, hat er herausgefunden. Allerdings nicht alleine. Ihm zur Seite stand eine Reihe besonders begabter Wissenschaftler und ein großzügiges Unternehmen, die BASF in Ludwigshafen. Es ist nicht der Wissenschaftler Haber, der 1909 das obere Ende der wissenschaftlichen Leiter erklommen hat. Sondern der Wissensmanager.

Damit ist Haber die perfekte Besetzung für Deutschlands neues Prestige-Projekt: die Kaiser-Wilhelm-Institute. Sie sollen das Land im internationalen Wettstreit um naturwissenschaftliche Ergebnisse und Erfindungen – wie auch Waffen – nach vorne bringen. Im Sommer 1911 verlässt Fritz Haber Karlsruhe mit Frau und Sohn, die Familie zieht nach Berlin. Als frischgebackener Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie. Zum Abschied schenkt ihm ein Kollege eine Karikatur: Von Haber, hilflos gefangen im Griff des deutschen Adlers, den einen Arm im Schnabel des Vogels, den anderen in dessen Klaue.

Patriotisch ist Haber immer gewesen. Verzweifelt will er zu einer Gesellschaft gehören, die im Laufe seines Lebens zunehmend anti-semitisch wird. Als junger Mann bewirbt er sich sogar um einen Posten als Reserveoffizier beim Militär, die Ablehnung schiebt er auf seine jüdische Herkunft. Und gibt doch nicht auf. Erkämpft sich als Wissenschaftler eine Führungsposition und leitet jetzt die wissenschaftliche Aufrüstung seines Landes. Er will ein gehorsamer Sohn seines Vaterlandes sein. Und wird dabei zum Kriegsverbrecher.

Ein leichtes Zischen ertönt am 22. April 1915 nördlich der belgischen Stadt Ypern. Gelblichgrüne Schwaden kriechen über den Boden, vereinigen sich zu dichtem Nebel. Überrascht, mehr neugierig als ängstlich, luken die französischen Soldaten über ihre Schützengräben zur deutschen Front herüber. Noch ahnen sie nicht, dass dort gerade Tausende Stahlflaschen mit etwa 150 Tonnen Chlor geöffnet wurden. Das Gas erreicht die französischen Schützengräben. Ohrensausen, Atembeschwerden, Hustenreiz packen die ersten Soldaten. Sie reißen sich die Uniformröcke auf, um besser atmen zu können, rufen nach Wasser, spucken Blut. Wer kann, flieht. Die anderen sterben. Und Fritz Haber schaut zu; nah genug ist er, um die Gesichtszüge der Sterbenden erahnen zu können. Den ersten Gasangriff der Geschichte dirigiert er selbst.

Er weiß, wie sich das anfühlt, im Chlorgas zu stehen. Hat es selbst gerade erst ausprobiert, gut zwei Wochen vor dem Angriff, unter den Blicken von skeptischen Offizieren und Generälen, die es zu überzeugen galt. Zusammen mit einem Oberst reitet er in die gelbgrüne Gaswolke, die Pferde stolpern und keuchen und zittern, die Männer ersticken fast. Sie werden auf Tragen vom Truppenübungsplatz transportiert. Doch jetzt ist der Generalstab überzeugt von Habers „Gassache“.

Fritz Haber soll dem Militär sein Gas regelrecht aufgedrängt haben. Er ist überzeugt, dass es Deutschland zum schnellen Sieg verhilft; preist es gar als „humane Waffe“, die weniger Leiden und Todesopfer verursache als die üblichen Geschosse. Als erstem Wissenschaftler wird ihm eine eigene Abteilung im Kriegsministerium unterstellt. Als der Krieg 1918 zu Ende geht, arbeiten an seinem Institut 1450 Wissenschaftler an der Entwicklung von Gaskampfstoffen und dem Schutz vor ihnen. Auch andere nützliche Chemikalien entwickelt Haber für das Militär: Gegen die Läuse etwa oder als Frostschutz für Benzin, Dieselöl und Schmierstoffe. Sein selbst genanntes Motto: „Im Frieden der Menschheit, im Krieg dem Vaterland“.

Der erste Giftgasangriff lässt etwa 1200 Tote und 3000 Verletzte auf dem Schlachtfeld bei Ypern zurück. Auf der deutschen Seite wird gefeiert, Fritz Haber wird in einer Blitzbeförderung zum Hauptmann ernannt. Tränen des Glücks soll er darüber vergossen haben, endlich bekommt er nicht nur als Wissenschaftler sondern auch als Patriot Anerkennung. Umso bitterer sind die Worte, die ihm von anderer Seite entgegen schlagen. Wie etwa von Sir John French, Befehlshaber der britischen Truppen, der über diese „zynische und barbarische Missachtung“ des Völkerrechts wütet. Oder eine gute Woche später von seiner Ehefrau zu Hause.

Clara Haber weiß, wovon sie spricht: Schließlich hat sie vor der Hochzeit als erste Frau in ihrer Heimatstadt Breslau den Doktortitel gemacht, in Chemie. „Dafür habe ich meine Karriere nicht aufgegeben“, schreit sie ihren Mann bei seiner Heimkehr an. „Das Gas wird den Krieg früher beenden“, entgegnet er, „es rettet Menschenleben!“ „Das ist eine Perversion der Wissenschaft!“ „Du fällst mir und Deutschland in der größten Not und Hilflosigkeit in den Rücken.“ So könnte es gewesen sein, beide haben diese Argumente vorher gegenüber Freunden oder Kollegen geäußert.

Auf jeden Fall streiten sie. Heftig. Über den Einsatz von Giftgas, vielleicht auch über die Liebesaffäre, bei der sie ihn ertappt haben soll. Oder über seine ständige Abwesenheit, seine Kälte und sein Desinteresse gegenüber ihr und dem gemeinsamen Sohn, ihre Einsamkeit und Langeweile und Unterforderung. Bis er sich genervt zurückzieht, wie jeden Abend ein paar Schlaftabletten schluckt und sich ins Bett legt. Sie läuft durchs Haus, schreibt einige Briefe. Dann geht sie zur Garderobe und nimmt seine Dienstwaffe. Geht in den Garten. Feuert einen Probeschuss ab, dann noch einen. Mitten in ihr Herz. Fritz Haber schläft weiter. Es ist der 13-jährige Hermann, der aufwacht und seine sterbende Mutter findet. Auch er wird sich eines Tages, im Alter von 44 Jahren, selbst das Leben nehmen.

Schon am nächsten Tag fährt Fritz Haber wieder an die Front. In Berlin bleibt sein Sohn alleine zurück, Haber besucht ihn nur hin und wieder während der Kriegsjahre. Statt dessen brütet er immer stärkere Giftgase aus – bis hin zum Senfgas, das im Juli 1917 unter seiner Regie gegen die Briten benutzt wird, wieder bei Ypern. Senfgas ist nach der „Haberschen Tödlichkeitsformel“ 50-mal giftiger als Chlorgas, es verbrennt und verätzt die Haut und bildet lange gelbe Blasen. Für Haber selbst ein „fabelhafter Erfolg, nicht wegen der Wirkung auf die inneren Organe, sondern wegen seiner Hautwirkung.“

Nach dem Ersten Weltkrieg zählt man 90.000 Gas-Tote und über eine Million Gas-Geschädigte. Und, anders als von Haber erhofft, kann keine der beiden Seiten mit dem Giftgas einen strategischen Vorteil erzielen. Der Wettlauf um immer höhere Tödlichkeitsformeln endet im Patt. Haber verkürzt mit seinen Erfindungen nicht den Krieg, er verlängert ihn. Daniel Charles berechnet in seiner Biografie, dass Deutschland bereits 1915 hätte kapitulieren müssen – wenn nicht Haber zusammen mit der BASF die industrielle Herstellung von Nitrat, der Grundlage für Sprengstoff, voran getrieben hätte. „Ohne Haber“, schreibt Charles, „hätten wir vielleicht nie die Namen Hitler und Stalin gehört. Denn mit der Kapitulation Deutschlands wäre der Tumult vermieden worden, der Hitler den Weg an die Macht ebnete.“ Mit seinem Einsatz ebnet Haber noch einem anderen Monster des 20. Jahrhunderts den Weg: Den Angriff bei Ypern bezeichnen Historiker heute als die Geburtsstunde der Massenvernichtungswaffen.

„Die großen technischen Errungenschaften der letzten 50 Jahre sind, wenn sie von primitiven Egoisten kontrolliert werden, wie Feuer in den Händen kleiner Kinder“, gesteht Haber im Jahr 1932 ein. Es bleibt die einzige überlieferte Form von Selbstkritik.

Auch die Kritik von außen versickert nach Kriegsende. Die Siegermächte lassen ihre Anklage nach der Nobelpreisverleihung fallen, seine zweite Ehefrau stellt keine schwierigen Fragen. Charlotte Nathan ist 20 Jahre jünger und Sekretärin bei der patriotischen Berliner „Deutschen Gesellschaft 1914“; sie interessiert sich mehr für Reisen als für Chemie. Sie bekommt zwei Kinder und vergöttert ihren Mann – selbst nach seiner Trennung von ihr und nach seinem Tod verfasst sie eine schwärmerische Biografie über „Mein Leben mit Fritz Haber“.

Haber bleibt seinem Vaterland treu. Während der Weimarer Republik versucht er, ihm mit einer friedlichen Erfindung zu dienen: Er will aus Meerwasser Gold gewinnen, um die hohen Reparationsansprüche der Alliierten zu erfüllen. Das Edelmetall ist tatsächlich im Meerwasser enthalten – allerdings nur in Mikromengen, wie sich nach einigen Jahren herausstellt.

Das Vaterland bleibt Haber dagegen nicht treu. Im März 1933 wird Hitler zum Alleinherrscher Deutschlands, am 1. April 1933 rufen die Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Und weniger als eine Woche später beschließen sie, innerhalb der nächsten sechs Monate alle Juden aus öffentlichen Ämtern zu vertreiben. Haber könnte bleiben, zumindest eine Weile. Für Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg gibt es eine Ausnahmeregel, außerdem ist er getauft. Dann kommt der Fragebogen zu seiner Rassenzugehörigkeit – und er schreibt: „nicht arisch“. Quer über den Bogen kritzelt er: „Meine Eltern und Großeltern und beide Frauen, mit denen ich verheiratet war, sind nach dem Gesetz nicht arisch.“ Am 30. April 1933 tritt er als Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts zurück und sagt: „Meine Tradition verlangt von mir, dass ich bei der Auswahl von Mitarbeitern nur die fachlichen und charakterlichen Eigenschaften der Bewerber berücksichtige, ohne nach ihrer rassenmäßigen Beschaffenheit zu fragen.“ Kurz darauf verlässt er Deutschland. Für immer.

Einige Monate versucht er, in England Fuß zu fassen. Dann macht er sich auf den Weg nach Palästina. Er, der nie religiös war und seinem Ehrgeiz und Patriotismus zuliebe konvertierte, möchte nun beim Aufbau eines jüdischen Landes helfen. Die Läuterung kommt zu spät. Am 29. Januar 1934 stirbt Fritz Haber in Basel an einem Herzinfarkt. Die Trauerfeier in Berlin findet erst ein Jahr später statt. Der Saal im Harnack-Haus in Dahlem ist voll: vor allem mit Frauen. Weil die Nationalsozialisten Habers Kollegen die Teilnahme an der Zeremonie verboten hatten, schickten viele ihre Gattinnen.

„Ich habe zu lange gelebt“, beklagt sich Haber in den Monaten vor seinem Tod. Dabei hat er Glück, als er im Alter von 66 Jahren stirbt. Noch hat der Zweite Weltkrieg nicht begonnen, noch sind die meisten Konzentrationslager nicht gebaut. Und so erfährt Fritz Haber nie, was ein weiteres Gift, das in den Zwanziger Jahren an seinem Institut zur Schädlingsbekämpfung entwickelt wurde, anrichtet: Zyklon B. Im Dritten Reich werden damit in den Gaskammern Millionen Menschen getötet. Darunter sind auch Habers eigene Familienangehörigen: Die Kinder seiner beiden Schwestern und seiner Kusinen werden mit dem Gas vergiftet, das er erfunden hat.