Wach auf, Valletta

> Inka Schmeling

MERIAN, 1.7.2006

Eine Zeit lang sah es so aus, als hätte Maltas Hauptstadt ihre besten Tage hinter sich, als sollte sie zum Museum werden. Doch jetzt erlebt Valletta das Comeback

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Die Dame ruht. Liegt da auf ihrem funkelnden, gekräuselten Bett, unter einem fleckenlos glatten Laken; beides gefärbt in tiefem Blau. Ihre grünglänzenden Augen schauen in die Ferne, nicht geschlossen aber auch nicht wirklich offen, eher verträumt, träge, vielleicht ein bisschen melancholisch. Eine kräftige Böe streicht über ihre karamellfarbene Haut, doch sie rührt sich kaum.

„Sabiha hafna, eh?“ fragt der Kapitän andächtig und auch die Touristen auf seiner Barkasse und in den gegenüberliegenden Buchten von Senglea oder Sliema raunen seine Worte in ihren Sprachen: „Bellissima!“ „How beautiful!“ „Wunderschön!“ Weit über ihren Köpfen streckt sich Valletta aus, Hauptstadt von Malta und Kulturerbe der Welt. Eingezwängt von einem Korsett aus schroffen Festungsmauern liegt sie auf der felsigen Halbinsel Monte Sciberras, erhaben und ein wenig eingebildet wirkt sie aus der Ferne. Eine Grande Dame. Eine, die viele Verehrer hat und viele Verführungen: All die Arkaden, Plätze, Cafés und Gärten. Die üppige Kuppel der Karameliterkirche, die prächtigen Paläste, ihr verschnörkeltes Theater. Und diese Straßen, die sich in vielen flachen Treppenstufen über all ihre Rundungen legen, so dass sie immer ins Tiefblaue laufen, das die Stadt auf beiden Seiten einhüllt: oben der Himmel oder unten das Meer.

Jeden Tag strömen Vallettas zahlreiche Verehrer herbei: Morgens um sechs tuckern die Fischer vom Meer zum Fischmarkt am Grand Harbour und auch die Bauern kommen herbei; in der Markthalle an der Merchant Street breiten sie ihre Tomaten, Kapern und Bohnen aus. Morgens um acht fahren dann die Anwälte, Beamten, Banker oder Angestellten aus den umliegenden Städten und Dörfern in gelben Bussen am Stadttor vor. Und ab morgens um zehn drängen sich die Touristen durch die Republic Street oder stehen Schlange vor der St. John’s Co-Cathedral. Sie kommen und setzen die Stadt in Bewegung mit ihren Stimmen und Gesten, füllen sie aus mit dem Klackern ihrer Absätze, dem Klicken ihrer Fotoapparate, dem Klimpern von Kaffeetassen und Weingläsern. Tagsüber ist Valletta eine kosmopolitische Hauptstadt mit mehr als 80.000 Menschen. Doch wenn abends die Gassen im Schatten liegen und die Rollos der Geschäfte herunterrattern, dann steigen fast alle wieder in ihre gelben Busse oder cremefarbenen Taxis. Aus der Stadt wird ein Städtchen mit etwa 8000 Einwohnern. Ein schlafendes Dornröschen.

Sie war einmal Europas Wunschkind. Oder, wie Dominic Micallef sagt, der bei Maltas Tourismusbehörde Direktor für Geschichte und Kultur ist: „Europe at its best.“ Damals, als das christliche Europa im Dauerkreuzzug mit dem muslimischen Osmanenreich lag. Als Malta die Große Belagerung von 1565 gerade abgewehrt hatte. Da wählte Jean Parisot de la Valette, zu der Zeit Großmeister der Johanniter, den Monte Sciberras zum Geburtsort einer neuen Festungsstadt. Die Könige von Spanien und Frankreich schickten Geld, Papst Pius IV. seinen Baumeister: Francesco Laparelli, ein Schüler Michelangelos. Innerhalb von drei Tagen hatte der eine neue Stadt entworfen. Im März 1566 legte Valette ihren Grundstein – und wurde selbst als erster in ihr bestattet. Der Großmeister war bereits 1568 an einem Schlaganfall gestorben und kannte so die Stadt, die seinen Namen trägt, nur auf Laparellis Plänen.

Äußerst moderne Pläne waren das: Wie ein Gitter legte Laparelli gerade, rechtwinklige Straßen über die Halbinsel, durch die Winde ungehindert wehen konnten; die senkten nämlich nicht nur die Hitze, sondern auch die Seuchengefahr. Jedes Haus besaß eine Zisterne, Abwasserkanäle führten unter den Straßen direkt zum Meer, der Abfall wurde außerhalb der Stadtmauern verbrannt. Als die Ordensritter 1571 ihren Sitz nach Valletta verlegten, bezogen sie die modernste Stadt Europas. Und eine der begehrenswertesten.

Die erwarteten Osmanen kamen zwar kein zweites Mal. Dafür Napoleon. Die Engländer. Und im Zweiten Weltkrieg versuchten es die Italiener und Deutschen. Jede Eroberung änderte Valletta: Der Johanniterorden ersetzte, als er sich im 17. und 18. Jahrhundert von Rittern zu Piraten, von Mönchen zu Lebemännern entwickelte, viele nüchterne Bastionen durch barocke Paläste. Die Briten bauten die anglikanische St. Paul’s Cathedral, verwandelten eine staubige Artillerieplattform in die üppig bepflanzten Hastings Gardens und halfen den Maltesern nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau ihrer Hauptstadt. Denn die Italiener und Deutschen hatten nichts hinterlassen außer Kratern und Ruinen: Sie zerstörten oder beschädigten etwa 85 Prozent von Vallettas Gebäuden.

Eins davon war das Royal Opera House am Freedom Square. Heute ist es nur noch Ruine, Parkplatz, Sonnenbank für Katzen und Eidechsen; eine der Stätten, an denen Valletta in ihrem Dornröschenschlaf ruht. Statt Rosen ranken hier Ginster und Gräser um die verwitterten Steine, aus den Treppenstufen sprießt Löwenzahn. Und an der warmen Mauer der Ruine lehnen drei sehr alte Männer und lamentieren, mit blumigen Worten und schmalzigen Gesten, über Vallettas einstigen Liebreiz. Damals, als sie noch wild war vor Leben, als sie gefeiert hat und hofiert wurde von anderen Staaten. Bevor 1942 die Bomben auf die Oper fielen. Bevor in den 70ern und 80ern die Einwohner in Scharen ihre Stadt verließen, weil ihre Häuser alt und schlecht saniert waren, mal zu groß und mal zu klein, weil die Kinos geschlossen wurden und weil man nun in den Nachbarorten St. Julian’s oder Sliema ausging.

„Valletta war das Zentrum von Malta, nicht nur wirtschaftlich und administrativ, sondern das Zentrum unseres Lebens. Aber heutzutage bewegen sich die Menschen so viel, sie arbeiten, essen, wohnen und gehen an ganz verschiedenen Orten aus, da gibt es kein Zentrum mehr“, erklärt Oliver Friggieri. Der 59-Jährige ist Literaturprofessor und einer der wenigen Schriftsteller Maltas, der ins Deutsche übersetzt wurde*; seine Romane, Kurzgeschichten und Gedichte kreisen fast immer um das gleiche Thema: Valletta und Floriana in den 50er und 60er Jahren. Als Kind spielte er mit seinem Bruder und seinen beiden Schwestern in den Upper Barracca Gardens und picknickte mit seiner Mutter unten an der Valletta Waterfront. Als Jugendlicher stolzierte er abends mit seinen Kumpels die Republic Street auf und ab – damals unter den Briten hieß sie noch Kingsway – und schielte den Mädchen hinterher. Als Erwachsener zog auch er weg nach Birkirkara, heute kommt er selten nach Valletta. „Ich schließe lieber meine Augen und fahre in meiner Erinnerung zurück“, sagt er. „Das sind schönere Bilder: Voller Farben und Lärm.“

Der Musiker Andrew Alamango, 34, seufzt. Weil er findet, dass das etwas sehr nostalgisch ist. Dann lacht er. Weil das Leben doch gerade zurückkehrt nach Valletta: In den letzten vier, fünf Jahren seien viele Menschen wieder in die Hauptstadt gezogen, vor allem junge, so wie er. Die Immobilienpreise steigen stetig, immer mehr Restaurants sind nicht nur mittags geöffnet sondern auch abends. Die alte Dame räkelt sich. Noch ein wenig verschlafen zwar, aber ihre Augen sind ja bereits aufgeschlagen. Langsam kribbelt das Blut wieder in ihren alten Gliedern. Es zuckt sie in den Füßen, und bald, da ist sich Alamango sicher, wird sie wieder aufspringen und ins Rampenlicht drängen. Wird sich mit Pumps, Pelzmantel und Hochsteckfrisur unter ihre jungen Nebenbuhlerinnen mit Hüftjeans und Arschgeweih mischen, wird einen tiefen Zug aus ihrem langen Zigarettenhalter nehmen und ihnen verächtlich den Rauch ins Gesicht blasen. Das Comeback einer Grande Dame.

Hinter ihrer würdevollen Fassade gibt sie bereits die ersten Kostproben ihrer neuen Vitalität. Von den Telefonhäuschen in der Republic Street, die man so britisch-rot selbst in London nur noch selten sieht, ist jedes zweite mit einem Internet-Telefon ausgestattet. Wer an den wuchtigen Verteidigungsmauern der Bastion St. James Cavalier vorbei und durch einen düsteren Tunnel hineingeht, der steht plötzlich in den nüchtern-weißen Räumen des National Arts Centre, der kann moderne Theaterstücke, Ausstellungen und Kinofilme anschauen. Und auch die alte Sacra Infirmeria sieht zwar von außen noch aus wie zur Johanniterzeit, doch ihr Inneres wurde längst zum Mediterranean Conference Centre umgebaut. Wo früher Europas fortschrittlichstes Krankenhaus war, werden nun avantgardistische Theaterstücke gegeben – Valletta bleibt sich treu, gerade indem es sich eine Verjüngungskur gönnt.

Das ein oder andere Lifting bekam sie von Konrad Buhagiar, 47. Der Architekt ist Spezialist im Restaurieren alter Gebäude; er hat das Innere der Garrison-Kapelle bei den Upper Barracca Gardens oder des Palazzo Stiges in der Straight Street in moderne Büros gewandelt: mit Glastüren, Emporen, zusätzlichen Fenstern, einem natürlichen Ventilationssystem. Mitte der 90er Jahre ist er selbst von Sliema nach Valletta gezogen und hat bald danach auch sein Büro ins Nachbarhaus gelegt. Von hier aus feilt er nun an Schmuckstücken für Valletta, das neuste hat er seiner Angebeteten gleich zu Füßen gelegt: die Valletta Waterfront.

Wie an einer Kette sind die ehemaligen Lagerräume am Wasser unterhalb der Festungsmauern aufgereiht, alte verschnörkelte Fassaden mit knallig blauen, grünen, gelben, roten Fenstern und Türen. Ein impressionistisches Bild in barockem Rahmen. Die ersten Restaurants, Bars und Souvenirläden sind im Sommer 2005 eingezogen. Auch die Nachbarhäuser sollen bald fertig sein. Und dann einerseits die Touristen der Kreuzfahrtschiffe herbeiwinken, die nur wenige Meter entfernt anlegen. Vor allem aber die Malteser. „Valletta kann nur wieder lebendig werden, wenn wir ihre Vergangenheit in die Gegenwart integrieren“, sagt Buhagiar. „Die Geschichte sollte uns bereichern, nicht einschränken.“

Vergangenheit und Gegenwart vermischt auch Chris Farrugia, 43, gerne. Er knetet, rührt, quirlt sie durcheinander: in seinem Restaurant Ambrosia. Dort serviert er heute Kaninchen mit Lakritz und Kümmel. Oder Calamari mit Chilli, Tomaten und Mozarella mit Erdbeeren. Früher kochte er französisch, Haute Cuisine, Avantgarde. Bis ihn die Sehnsucht zu den Gerichten seiner Kindheit wieder überkam, die so bodenständig und gemütlich waren. Und die für ihn, gewürzt mit dieser Prise Moderne, die optimale Mischung sind aus Heimat und Fernweh, aus Wohlfühlen und Spannung: „Ich musste meinen Kochstil verändern, weil sich in mir selbst etwas gewandelt hat. Früher habe ich mehr in die Ferne geschaut. Jetzt sitze ich am liebsten morgens in einem Straßencafé und schaue dabei zu, wie Valletta erwacht.“

Wie aus dem ersten Stock ein Weidenkorb zur Straße hinab gelassen und dann mit frischem Brot wieder hoch in die Küche gehangelt wird. Wie ein Hund in der Sonne liegt, auf seinem Knochen herum kracht und knackt und dann jault vor Vergnügen. Wie oben an den Balkonen Leinen voller Bettwäsche und Büstenhalter hängen. Wie der Alltag zurückkehrt nach Valletta, ein dörflicher Alltag vor der Kulisse einer Weltstadt. In der schmalen St. Ursula Street, der St. Paul’s oder St. John’s Street hallen die Geräusche der Fernseher und das Gezwitscher von Kanarienvögeln. Und Kirchenglocken, Schiffshörner, Türklingeln. Und das Fauchen der Espressomaschinen, das Gerede der Leute in den Cafés und das Geschrei auf dem Markt. Feuerwerksknaller, Autogehupe, Presslufthämmern, das Heulen und Grölen der Mopeds. Klänge einer modernen Stadt. Geräusche wie von einem EKG; Zeichen, dass das Herz wieder schlägt.

Andrew Alamango lauscht. Wie ein Arzt misst der Musiker den Puls, hält die Beschleunigung fest. Sein Aufnahmegerät hat er fast immer dabei, so viel Inspiration, so viele Klänge seien in der Stadt. Alamango mischt sie mit alten, fast vergessenen maltesischen Instrumenten, mit Gesängen, Sprichwörtern und Kinderreimen; peppt das ganze auf mit etwas Jazz. Auf Malta ist seine Band Etnika ein Star, sehr gefragt für Konzerte, hin und wieder geben sie sogar welche in Deutschland**. „Unsere Musik ist ähnlich wie Valletta“, analysiert Alamango, „alles kommt zusammen: Das Traditionelle und das Innovative, die Kunst und der Alltag.“ Es sind Liebeslieder, die Alamango seiner Stadt singt. Und sie bedankt sich. Überrumpelt ihn morgens manchmal so sehr mit ihrer Schönheit, dass er meint, sie nie wieder verlassen zu können. Und sich selbst zurück legt zwischen seine Laken.