Es passiert beim Schweinehüten. Marie Garnier treibt die Tiere durch ein Weizenfeld. Eine anstrengende Arbeit: Immer wieder muss sie laufen, um ein störrisches Tier mit der Gerte in die Herde zu scheuchen. Sie rennt, springt über einen Graben - als sie plötzlich eine Veränderung an ihrem Unterleib bemerkt. Wo die 15-Jährige eben noch wie eine Frau aussah, findet sie auf einmal männliche Genitalien. Erschrocken eilt sie nach Hause zur Mutter. Der Wundarzt muss Marie untersuchen, der Chirurg, beide bestätigen: Aus dem Mädchen ist ein Junge geworden. Madame Garnier kann es nicht glauben, stellt ihr Kind dem Bischof vor, doch auch der versichert ihr: Marie ist jetzt ein Mann. Als Germain Garnier wird er im Gefolge des Königs dienen.
Von diesem Fall berichtet in der Mitte des 16. Jahrhunderts der Chirurg des französischen Königs Karl IX., Ambroise Paré. Sonderlich verwundert ist der Arzt jedoch nicht. Er kann den Geschlechtswechsel sogar erklären: »Die Genitalien und die männliche Rute entwickelten sich, weil die Bänder gerissen waren, durch die sie im Innern gehalten worden waren.« Paré hält Frauen für unvollkommene Männer. Ihre Geschlechtsorgane, glaubt er, seien im Körper stecken geblieben. » Wende das der Frau nach draußen [oder] nach drinnen, gleichsam, und gefaltet zweimal das des Mannes, und finden wirst du gänzlich Gleiches bei den beiden«, hatte der griechische Arzt Galen schon im 2. Jahrhundert geschrieben.
Die 1543 erschienenen Zeichnungen des Anatomen Andreas Vesal bestätigen diese Vorstellung: Die Vagina sieht auf ihnen exakt so aus wie ein Penis, die Gebärmutter wie ein Hodensack, die Eierstöcke entsprechen den Testikeln - nur dass die Organe bei der Frau nicht am Körper hängen, sondern in ihm stecken. »Wo du nun dise [Gebär]Mutter sampt iren anhengen besichtigst, so vergleicht sie sich mit allem dem Mannlichen glied, allein das dieß ausserthalb, das Weibliche aber inwendig ist«, heißt es auch im Arzneybuch des Renaissancearztes Christoph Wirsung. Logisch also, dass dieses »weibliche Glied« beim Springen herausfallen kann.
Die Renaissance ist eine Zeit des Aufbruchs, die Epoche, in der Kolumbus Amerika entdeckt, Gutenberg den Buchdruck erfindet und Kopernikus feststellt, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Auch die Medizin entwickelt sich rasant: Wissenschaftler öffnen die Körper Verstorbener, dokumentieren detailliert jeden Muskel, jede Ader, jedes Organ. Und doch sehen sie nichts anderes als das, was man seit der Antike weiß: Frauen und Männer haben die gleichen Geschlechtsorgane - die einen drinnen, die anderen draußen. Sie sind nicht völlig verschieden, sondern haben nur unterschiedliche Versionen des gleichen Körpers.
Erst im 18. Jahrhundert wird sich der ärztliche Blick auf die Geschlechtsorgane ändern. Nun entdeckt man Unterschiede - nicht nur zwischen den Beinen, sondern auch im Gehirn, in der Seele, in jeder einzelnen Körperzelle. Doch es ist nicht nur der medizinische Fortschritt, mit dem die uralte Idee vom einen Geschlecht verschwindet. Die gesamte Sicht auf die Welt wandelt sich zwischen 1500 und 1800 fundamental - und damit auch die Sicht auf den Menschen.
Zu Lebzeiten Marie Garniers indes wundert man sich nicht sonderlich über eine Frau, die plötzlich zum Mann wird. Wenn eine Frau die Männerrolle nur spielt, droht ihr allerdings die Todesstrafe. Der Dichter Montaigne erzählt in seinem Reisetagebuch - ebenfalls im 16. Jahrhundert - von einer Frau, die ihren Heimatort verlässt, um in der Fremde als Mann zu leben. Sie arbeitet als Weber, heiratet eine Frau, doch nach einigen Monaten wird sie von einem Besucher aus ihrem Heimatort erkannt. Das Gericht verurteilt sie zum Tod durch den Strick - »wegen der unerlaubten Erfindung, die Unvollkommenheit ihres Geschlechts zu ergänzen«, erklärt Montaigne. Mit ihrem Rollenspiel hat die Verurteilte gegen die strenge soziale Ordnung ihrer Zeit verstoßen. Ein Vergehen gegen Gott, denn die richtige Ordnung ist die gottgewollte Hierarchie aller Dinge. Nur wer sich in sie einfügt, kann Gottes Strafen entgehen. Deshalb ist es enorm wichtig, soziale Hierarchien nicht zu verwischen: Arme dürfen nicht die gleichen Kleider tragen wie Reiche, Stadtbürger dürfen nur andere Bürger heiraten - und männliche Kleidung und die männliche Rolle sind den Männern vorbehalten.
Die Erklärung dafür finden Montaigne und seine Zeitgenossen in der Bibel: Gott schuf Eva aus Adams Körper, Eva aber war schuld an der Erbsünde. Also musste sein Körper vollkommener sein. Wer wie Marie Garnier beweisen kann, dass er einen männlichen Körper hat, darf daher sozial aufsteigen. Frauen steht dies nicht zu. Die sozialen Rollen sind strikt voneinander abgegrenzt.
In den Körpern hingegen finden die Wissenschaftler solche Grenzen nicht. Die Medizin ist damals keine Lehre mit scharfen Definitionen, sondern eine der Analogien und graduellen Übergänge. Alles kann zu allem werden: Frauen verwandeln sich in Männer, Leberflecke in schlechten Atem. Auch die Körpersäfte durchlaufen geheimnisvolle Metamorphosen. So berichten Ärzte von Frauen, die Muttermilch als Speichel ausscheiden. Vor allem aber wird das Blut im Körper verfeinert und umgewandelt, etwa in Samenflüssigkeit.
Diese vermutet man in den Körpern beider Geschlechter - wie könnte es sonst sein, dass Kinder ihrer Mutter ähneln? Sogar Blutfluss wird bei Frauen wie Männern beobachtet. Der Eisenacher Stadtmedikus Johann Storch notiert in den Krankengeschichten über seine Patientinnen um 1730, dass Frauen sich lediglich da rin von Männern unterscheiden, dass sie periodisch bluten. Ein Vorteil, denn die Blutung, so nimmt man an, dient der Körperreinigung. In Männerklöstern lässt man die Mönche deshalb nach arabischem Brauch seit dem Mittelalter viermal im Jahr zur Ader.
Der Tübinger Medizinprofessor Wilhelm Gottfried Ploucquet zitiert in einem Überblick über die wissenschaftliche Literatur noch um 1800 Berichte über Männer, die durch die Fingerspitzen menstruieren, durch Krampfadern, Hämorrhoiden oder sogar durch den Penis. Bei Frauen beobachtet man den monatlichen Blutfluss gleichfalls an allen möglichen Körperstellen: Johann Storch hat Patientinnen, die periodisch blutig spucken, blutigen Durchfall bekommen oder eine Schwellung am Fuß, durch die sich das Blut einen Weg nach außen bahnt. Auch von Männern, die Milch in ihren Brüsten haben, wissen die Mediziner. Der Eisenacher Stadtarzt weiß von einem Mann, der so viel Milch bei sich gemolken hat, dass er daraus Käse machen konnte.
Sogar ein Bericht über einen syrischen Grafen, der sein Kind mehr als sechs Monate lang gestillt haben soll, ist im Umlauf. Die körperlichen Ähnlichkeiten von Mann und Frau schienen somit mitunter größer zu sein als die Unterschiede.
Selbst das Universal-Lexicon des Verlegers Johann Heinrich Zedler, erschienen zwischen 1731 und 1754, definiert den Mann noch nicht biologisch, sondern primär über seine soziale Rolle als Ehemann: als »diejenige Manns-Person, die mit einer Weibes-Person in einer Verbindung stehet, mit einander Kinder zu erzeugen, und aufzuziehen«. Unter dem Stichwort »Geschlecht« findet sich lediglich der Eintrag: »Genus, Familie, Maison, die Abkunfft, das Abstammen und Herkommen eines Menschen von dem andern.« 1835 dann kommt der erste Brockhaus heraus.
Nur 100 Jahre liegen zwischen den beiden Lexika, doch in den Erklärungen sind es Welten. So findet sich nun unter dem Stichwort »Geschlecht«: »Das Geschlecht ist entweder männlich: erzeugend, befruchtend, oder weiblich: empfangend, gebärend.
Dieser Gegensatz findet sich in der ganzen organischen, d. h. der Thier- und Pflanzenwelt ... Die Entwicklung dieses Gegensatzes ist umso vollständiger, die Verschiedenheit der Geschlechter umso schärfer hervortretend, je vollkommener überhaupt ein Wesen ist. Bei dem Menschen, dem vollkommensten Geschöpfe der Natur, tritt daher der Geschlechts- Unter schied am stärksten hervor, im Gegensatz von Mann und Weib.« Etwas muss geschehen sein in diesem Jahrhundert, et was, das den Gegensatz zwischen Männern und Frauen zu einem absoluten gemacht hat, zu einem Unterschied, der größer ist als der, dass die einen Kinder bekommen und die anderen nicht.
In der Tat ist die Welt eine andere geworden: Die Idee einer vorgegebenen göttlichen Ordnung, in der jeder Einzelne seinen festen Platz hat, haben die Denker der Aufklärung hin weg gefegt. Die Wahrheit der Natur zu erkennen und das Wesen des Menschen zu ergründen ist ihr großes Projekt. Und so beginnen Wissenschaftler, jeden Bereich der menschlichen Existenz zu durchleuchten.
Schon 1651 stellt der britische Arzt William Harvey die These auf, alles Leben komme aus dem Ei, denn an Vogeleiern hat man beobachtet, wie sich Embryonen entwickeln. Kurz darauf entdeckt der niederländische Anatom Reinier de Graaf die Eierstockfollikel. 1677 blickt der niederländische Tuchhändler und Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek durch die Linse seines selbst gebauten Mikroskops auf seine Samenflüssigkeit und erblickt darin Samenzellen. »Ich sah Tierchen, eine große Anzahl lebender Kreaturen ...Sie sehen aus wie eine Erdnuss mit langem Schwanz. Und sie bewegen sich damit vorwärts wie Aale im Wasser«, schreibt er an die Royal Society in London. Geschlechtsorgane, die man bisher unter dem männlichen Begriff zusammenfasste, werden nun auch sprachlich unterschieden, zum Beispiel Ovarien und Testikel. Organe, die bisher namenlos waren, werden benannt, etwa die Vulva.
Unter den Wissenschaftlern entsteht so nach und nach ein neuer Konsens: Es gibt zwei Geschlechter, die kaum etwas gemeinsam haben. Körperlich nicht, aber auch nicht geistig und seelisch. Von 1775 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Frage nach den Geschlechtsmerkmalen zum Fundamentalproblem der Wissenschaft. Überall suchen die Forscher nun nach Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Fündig werden sie unter anderem im Gehirn: Die Nervenfaser-Faszikel in der Großhirnrinde seien bei Frauen besonders ausgeprägt, das diene der Kommunikation mit den sensorischen und vegetativen Organen, behauptet etwa Emil Husch ke 1854 in seinem Buch Schädel, Hirn und Seele des Menschen und der Tiere nach Alter, Geschlecht und Raçe. Das Großhirn der Männer sei dagegen mit dem Sitz des Willens im Kleinhirn besonders eng verbunden. Deshalb stehe das Gehirn des Mannes entwicklungsmäßig höher als das der Frau. Frauen bildeten gleichsam eine Zwischenstufe zwischen Männern und Kindern oder auch Schwarzen.
Aus den angeblichen körperlichen Unterschieden leiten die Wissenschaftler darüber hinaus auch Wesensmerkmale, Fähigkeiten und Bestimmung ab. In seinem Buch Die Ehe aus dem Gesichtspunkte der Natur, der Moral und der Kirche betrachtet schreibt etwa Johann Gottfried Jörg, seit 1810 Ordinarius für Geburtshilfe in Leipzig und Direktor der dortigen Entbindungsschule: »Das Unvollständige [des Weibes] ergiebt sich schon sattsam aus der äußeren Beschaffenheit der Geschlechtsorgane, indem dieselben ja das Nichtgeschlossene, also auch das Unvollendete deutlich genug beurkunden. Das Abhängige der weiblichen Ge schlechtsthätigkeit geht daraus unwiderleglich hervor, daß das Weib ohne den Mann nicht schwanger werden, gebären und säugen kann. Dagegen erscheint gesellschaftlich der Mann auf einem weit höheren Standpunkte, daher vollkommener und weit weniger abhängig als das Weib. Schon die Geschlechtsorgane desselben erstrecken sich zum Theil über die Peripherie des Körpers hinaus und deuten dadurch nicht allein den mehr geschlossenen, sondern sogar auch den überreichlichen Zustand desselben an.« Und noch um 1900 ist der Mediziner Iwan Bloch überzeugt: »Samen- und Eizelle sind auch die Urbilder des geistigen Wesens von Mann und Frau.« Soll heißen: Der Mann ist aktiv, die Frau passiv. Der Mann drängt nach außen, die Frau ist häuslich. Der Mann findet den Zweck seines Daseins in der Welt, die Frau in sich selbst.
Doch so ernsthaft diese Mediziner ihre Wissenschaft betreiben - auch sie sehen in den Körpern ihrer Pa tienten weiterhin zuallererst das, was sie dort ohnehin erwarten. Ihre »Entdeckungen« sind denn auch im Wesentlichen Projektionen ihrer bürgerlichen Lebenswelt: Da ist die Frau, die sich um Haus und Kinder sorgt. Da ist der Mann, der in seinem Beruf Geld und Ruhm nachjagt. Auch Charles Darwin nimmt die Welt durch diese Brille wahr: Dass schon die Männer der Urzeit auf die Jagd gingen, während ihre Frauen in der Höhle saßen, ist die typische Fantasie eines Bürgers aus dem viktorianischen Zeitalter.
Gleichwohl trifft er damit genau den Nerv seiner Zeitgenossen, denn denen können Männer und Frauen gar nicht unterschiedlich genug sein. »Je gesünder der Mensch, um so entschiedener ist er Mann oder Weib«, schreibt der Mediziner Paul Julius Möbius, der 1900 ein Buch mit dem Titel Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes veröffentlicht. Menstruierende Männer oder solche mit Milch, plötzliche Geschlechtsumwandlungen gar - all das ist inzwischen völlig undenkbar. Sogar Frauen, die sich um Bildung bemühen, sind den Ärzten der Zeit ein Gräuel.
Man spricht von »Mannweibern« und fürchtet, dass Bildung den Körper und die Fortpflanzungsfähigkeit beschädigt. » Jede Frau, die einen gelehrten Beruf ergreift, erzeugt in ihrem Körper schwerwiegende Veränderungen, die auch imstande sind, das seelische Gleichgewicht zu stören, und die sie jeweils für ihren Beruf als Mutter untauglich machen, indem sie die Möglichkeit einer Befruchtung rauben oder allenfalls nur die Erzeugung schwächlicher, degenerierter Individuen gestatten«, warnt der Berliner Gynäkologie- Professor Alfred Dührssen 1900. Einige seiner Kollegen glauben sogar, dass eine Kultur umso entwickelter sei, je größer der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist.
Die Ergebnisse der aktuellen Geschlechterforschung hätten sie daher wohl als Anzeichen eines kulturellen Niedergangs gedeutet. Zwar gibt es immer noch Bücher, die darauf bestehen, Frauen kämen von der Venus und Männer vom Mars, doch die Wissenschaft sieht das inzwischen weit weniger eindeutig. Forscher, die Untersuchungen zu psychologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern aus den vergangenen 50 Jahren verglichen haben, beobachten eine klare Entwicklung: Frauen und Männer werden sich immer ähnlicher.
Nur kurz, ganz kurz, kommt in den sechziger Jahren noch einmal der Eindruck von Klarheit auf. Wissenschaftler hatten entdeckt, welche Bedeutung das XX- und das XY-Chromosom bei der Herausbildung von Geschlechtsmerkmalen haben. Endlich eine eindeutige Definition: Männer, das sind die mit dem XY-Chromosom, Frauen die mit dem XX-Bausatz.
Doch auch dieser kleine Unterschied ist längst verwischt. Sexualmediziner unterscheiden heute insgesamt sieben Geschlechter - in einem einzigen Menschen: das der Chromosomen, das der Keimdrüsen (Hoden und Eierstöcke), das hormonelle, das der inneren und das der äußeren Geschlechtsorgane, das anerzogene und das gefühlte. Und nicht immer stimmen alle Geschlechter überein. Es gibt Menschen, die äußerlich wie eine Frau aussehen, aber einen männlichen Chromosomensatz haben, oder Männer, in deren Körper auch Eierstöcke angelegt sind.
Die Sache ist nicht wirklich einfacher geworden, seit Marie Garnier sich beim Schwei ne hüten in einen Jungen verwandelt hat.