Die Sache ist ziemlich peinlich. "Hochkarätige Redner" habe man gewonnen für die Plenarvorträge zur Eröffnung des Fachkongresses Ende November, so verkündet das Programm für die bevorstehende Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Doch nun wurde der Begriff "hochkarätig" unfreiwillig doppeldeutig.
Denn einen der Eröffnungsvorträge beim Treffen der Psychiater in Berlin Ende November sollte Charles B. Nemeroff halten. Er forscht als Psychopharmakologe an der Emory University in Atlanta über Depression und Antidepressiva und gilt als führender Wissenschaftler seines Fachs. Doch jetzt gerät Nemeroff in juristische Bedrängnis: Ein Ausschuss des amerikanischen Senats wirft ihm vor, dass er in den vergangenen sieben Jahren mindestens 1,2 Millionen Dollar an privaten Honoraren von der pharmazeutischen Industrie für Vorträge und Beratungen verschwiegen hat - obwohl er sie gegenüber seiner Universität hätte offenlegen müssen.
Nachdem die Vorwürfe bereits am 3. Oktober bekanntgeworden waren, hat der Wissenschaftler seine Teilnahme am Kongress in Berlin in dieser Woche abgesagt. Offenbar hat man bei der DGPPN erkannt, dass man sich mit Nemeroffs Namen derzeit nicht schmücken kann - in der vergangenen Woche hatten die Kongressveranstalter noch gesagt, sie würden erst einmal abwarten, ob sich die Vorwürfe gegen den Psychiater-Kollegen bestätigten.
Im Umgang mit Interessenkonflikten tut sich die Ärzteschaft auch in Deutschland immer noch schwer. Von Firmen bezahlte Vorträge oder Beraterverträge mit der Pharmaindustrie sind auch bei deutschen Universitätsprofessoren keine Seltenheit. Doch der Fall Nemeroff zeigt, dass der Umgang mit solchen Interessenkonflikten in der medizinischen Forschung neu geregelt werden muss.
In den USA ist man bereits einen kleinen Schritt weiter. Der republikanische Senator Chuck Grassley, der die finanziellen Unstimmigkeiten im Fall Nemeroff öffentlich machte, hat einen Entwurf für ein Gesetz vorgelegt, das die Pharma-Hersteller verpflichten soll, regelmäßig offenzulegen, welche Honorare und andere Zuwendungen sie an welche Ärzte und Forscher gezahlt haben. Im Zusammenhang mit diesem "Sunshine Act" hat er auch die finanziellen Verbindungen zwischen Wissenschaftlern und der Pharmaindustrie untersucht.
Als Erstes nahm er sich führende Psychiater vor - aus gutem Grund: Die Erfahrungen aus einzelnen amerikanischen Bundesstaaten, in denen Zahlungen der Pharmaindustrie bereits veröffentlicht werden, zeigen, dass Psychiater und Neurologen das meiste Geld aus der Industrie erhalten - noch vor Herz-Kreislauf-Spezialisten.
Psychiatrische Medikamente seien für die Pharmaindustrie einer der wichtigsten Geschäftszweige, erläutert Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Mainz und Vorstandsmitglied der Anti-Korruptions-Ärzteinitiative MEZIS ("Mein Essen zahle ich selbst"), der nach eigenen Angaben selbst keine Honorare der Pharmaindustrie annimmt. Auch in Deutschland steigen die Verschreibungszahlen vor allem von Antidepressiva seit einigen Jahren stetig an, Neuroleptika - Medikamente gegen Schizophrenie - gehören zu den umsatzstärksten Medikamenten überhaupt.
Hinzu kommt: Anders als Krebs oder Herzinfarkte sind psychiatrische Krankheiten weder auf Röntgenbildern noch in den Blutwerten der Patienten zu erkennen. Die Diagnosekriterien sind Definitionssache, und deshalb ist es vergleichsweise einfach möglich, darauf Einfluss zu nehmen. In den vergangenen 50 Jahren explodierte die Zahl psychiatrischer Störungen von 106 auf inzwischen 297. Nicht nur der Fortschritt der Forschung könnte dafür der Grund sein, sondern auch "disease mongering", Geld verdienen mit der Ausweitung von Diagnosen, vermuten unabhängige Beobachter.
Mehr als nur ein Geschmäckle hat es deshalb, dass nach den Erkenntnissen des Senatsausschusses von Grassley mehrere führende Köpfe der amerikanischen psychiatrischen Forschung ihre finanziellen Beziehungen zur Pharmaindustrie nicht oder nur unzureichend offenlegten. Der nun in die Kritik geratene Charles Nemeroff erhielt offenbar allein im Jahr 2004 statt der von seiner Universität erlaubten - und ihr gegenüber angegebenen - 10 000 Dollar ganze 165 000 Dollar vom Pharmakonzern Glaxo-Smithkline. Und zwar ausgerechnet während er mit Forschungsgeld der steuerfinanzierten "National Institutes of Health" die Wirksamkeit von Antidepressiva ebendieser Firma untersuchte. Die Angaben über die Honorare, die den Forscher in Bedrängnis bringen, stammen von Glaxo selbst. Die Aufstellung ist ebenso wie die abweichenden Angaben Nemeroffs gegenüber seiner Universität auf den Internetseiten des amerikanischen Senats einzusehen. In einer Stellungnahme gegenüber seiner Universität schrieb Nemeroff, er habe seine Einkünfte "nach bestem Wissen" offengelegt.
Bisher wurde nicht geprüft, ob Forschungsergebnisse durch die finanziellen Verbindungen tatsächlich beeinflusst wurden. Mehrere Studien belegen allerdings, was man vermuten würde: dass sich finanzielle Beziehungen ganz grundsätzlich durchaus auf Studienergebnisse auswirken. Um möglichst unvoreingenommene Studien zu veröffentlichen, fordern einige Fachzeitschriften von Wissenschaftlern deshalb eine Erklärung über ihre möglichen Interessenkonflikte durch Verbindungen mit der Industrie. In Deutschland ist das bisher aber noch kaum üblich. "Es gibt in Deutschland noch relativ wenig Bewusstsein für die Problematik von Interessenkonflikten in der Forschung", sagt Klaus Lieb.
Er hält eine Offenlegungsklausel in Fachzeitschriften ohnehin nicht für ausreichend: "Das verleitet zu dem Glauben, mit der Offenlegung sei das Problem beseitigt." Gerade Menschen, die sich durch Interessenkonflikte selbst für nicht beeinflussbar halten, sind Untersuchungen zufolge tatsächlich besonders anfällig für Beeinflussung, warnte kürzlich ein Artikel im "Deutschen Ärzteblatt". Lieb fordert daher auch für Deutschland gesetzliche Regelungen, die die andere Seite, nämlich die Pharmakonzerne, verpflichten, ihre Zahlungen an Ärzte und Forscher öffentlich zu machen. In den USA hat sich der Verband der Pharmahersteller mit dem dort geplanten Gesetz einverstanden erklärt.
Auf dem Kongress der DGPPN müssen alle Referenten inzwischen finanzielle Verbindungen zu Firmen offenlegen, über die sie in ihrem Vortrag sprechen - falls diese die vergangenen zwölf Monate betreffen. Es wäre interessant gewesen, Nemeroffs Auskünfte zu sehen.
Auch bei der DGPPN hätte man allerdings schon früher wissen können, dass Nemeroffs Weste nicht ganz blütenrein ist: Senator Grassley ist bei weitem nicht der Erste, der den Forscher mit verschwiegenen Interessenkonflikten konfrontiert. Als Herausgeber einer renommierten Fachzeitschrift musste er deshalb schon 2006 zurücktreten, auch sein Amt als Vorstand der psychiatrischen Abteilung seiner Universität ist er inzwischen los. Hochkarätig dürfte er aber dennoch bleiben: Glaubt man den Untersuchungsergebnissen des Senats, dann hat Nemeroff zwischen 2000 und 2007 insgesamt 2,8 Millionen Dollar für Beratungsverträge mit Pharmafirmen erhalten.