WER SICH HEUTZUTAGE FÜR NORMAL HÄLT, sollte besser nicht zum Arzt gehen. Es könnte sein, dass er mit einer psychischen Störung wieder nach Hause kommt. Oder gleich mehreren: All jene, die es im Winter morgens kaum aus den Betten schaffen und schlecht gelaunt sind, leiden nämlich an einer Saisonal Affektiven Störung. Frauen, die sich nach ein paar Ehejahren nicht mehr gleich vor lauter Leidenschaft für den Gatten die Kleider vom Leib reißen, haben schnell eine Sexuelle Erregungsstörung. Und wer nach Monaten immer noch traurig ist, weil ein naher Verwandter gestorben ist, läuft Gefahr, das Etikett »depressiv« zu bekommen. Sowie Medikamente und eine Therapie.
Mindestens jeder Siebte war hierzulande schon wegen psychischer Probleme in Behandlung. Jede fünfte Frau wird bis Mitte 50 einmal als »depressiv« diagnostiziert. Fast jeder zehnte Krankschreibungstag geht auf eine psychische Erkrankung zurück, allein zwischen 2001 und 2007 nahmen Psychoprobleme in der Krankenstatistik um fast 20 Prozent zu, Depressionen gar um mehr als ein Drittel. Laut Techniker Krankenkasse sind von den Medikamenten, die Studenten verschrieben bekommen, zehn Prozent Psychopharmaka. Elf Prozent der Studenten seien vom Burn-out-Syndrom bedroht. Und wenn es nach einigen Experten geht, sind noch viel mehr Menschen betroffen. Denn mindestens jeder zweite Deutsche entwickle einmal im Leben eine behandlungsbedürftige psychische Störung, fand eine epidemiologische Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Dresden und des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München heraus.
Kein Wunder. Denn Alltagsprobleme werden heutzutage zu psychischen Krankheiten hochstilisiert. Früher war man überarbeitet, heute hat man Burn-out. Aus Unlust wurde die Sexuelle Erregungsstörung, aus Jähzorn die Intermittierende Explosive Störung. Und aus unartigen Kindern wurden solche mit Oppositioneller Aufsässigkeitsstörung. Was früher als normal galt, steht heute in medizinischen Lehrbüchern und wird von einer wachsenden Zahl von Ärzten diagnostiziert. Doch noch gravierender ist ein anderer Trend: Bei verbreiteten Problemen wie Depression oder Angst sinkt die Schwelle, jenseits derer jemand als krank und behandlungsbedürftig gilt.
Sind wir tatsächlich gestörter, als wir ahnen? Oder lassen wir uns das nur von jenen einreden, die davon profitieren: von Ärzten und Pharmafirmen?
WAS IST EIGENTLICH NOCH NORMAL? Darüber streiten Fachleute derzeit. Denn in anderen westlichen Ländern sehen die Krankenzahlen nicht viel anders aus. Kann es wirklich sein, dass psychische Krankheiten weiter verbreitet sind als verkalkte Herzkranzgefäße oder Übergewicht? Ja, meint Wolfgang Gaebel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde: »Warum sollte ein derart komplexes Organ wie unser Gehirn seltener krank werden als die anderen Organe unseres Körpers?« Nein, halten andere Experten dagegen, so verbreitet seien psychische Krankheiten in Wirklichkeit gar nicht. Sie würden nur häufiger diagnostiziert als in früheren Zeiten, weil die Abgrenzung zwischen »psychisch gesund« und »psychisch gestört« unscharf geworden sei.
»Vier Fünftel dessen, was heute als psychisch krank gilt, haben noch vor 30 Jahren sämtliche Fachleute als Spielarten des Normalen angesehen«, sagt der Sozialpsychiater Klaus Dörner, ehemaliger Ärztlicher Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh und inzwischen im Ruhestand. » Wir haben die Definition von gesundem Verhalten so weit verengt, dass eigentümliches oder exzentrisches Benehmen zu etwas geworden ist, vor dem wir uns fürchten und das wir behandeln wollen«, schreibt Christopher Lane, Experte für Pharmakologie und Ethik, in seinem gerade erschienenen Buch Shyness. Darin schildert Lane, wie aus Schüchternheit die Pseudokrankheiten Soziale Phobie und Vermeidende Persönlichkeitsstörung hervorgingen.
Die Debatte unterscheidet sich von der Psychiatriekritik der 70er Jahre, als Psychiatern vorgeworfen wurde, Menschen mit Gewalt gesellschaftlichen Normen anzupassen. Und sie hat nichts zu tun mit den kruden Behauptungen von Scientology, die jede psychiatrische Behandlung ablehnen und stattdessen ihre eigene Lehre als Weg zum seelischen Heil empfehlen. Kein Experte bestreitet, dass es psychische Krankheiten gibt, und niemand stellt in Abrede, dass schwere Depressionen oder schwere Angsterkrankungen behandelt werden sollten.
Streit aber gibt es darüber, wo genau die Grenze zwischen »gesund« und »gestört« verläuft. » Wir haben bisher keine klare Idee, wie wir bestimmte psychische Störungen - vor allem die in der Gesellschaft am meisten verbreiteten wie Stimmungs- und Angststörungen - von normalen Reaktionen auf belastende Lebensereignisse abgrenzen«, sagt Mario Maj, Direktor des Instituts für Psychiatrie an der Universität Neapel und künftiger Präsident der World Psychiatric Association.
Das ist ungefähr so, als würde der Automechaniker sagen, er wisse jetzt auch nicht so genau, ob das Auto richtig kaputt oder nur die Batterie leer sei.
Schuld daran sind zwei Besonderheiten, die psychische von den meisten anderen Krankheiten unterscheiden. Anders als Krebs, Herzinfarkt oder ein gebrochener Arm lassen sich psychische Störungen bisher weder auf dem Röntgenbild noch im Blut nachweisen, nicht einmal in Hirnscans. »Die Diagnosen von psychischen Störungen sind in hohem Maße kulturabhängig«, sagt Daniel Hell, Professor für klinische Psychiatrie und Direktor an der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich – sie sind also Definitionssache.
Plakativstes Beispiel: Homosexualität. Sie galt unter verschiedenen Bezeichnungen bis ins Jahr 1987 als psychische Störung, bevor sie nach Protesten der amerikanischen Schwulen- und Lesbenbewegung aus den Diagnosehandbüchern verschwand. Was jahrhundertelang als schwere Abartigkeit galt, war von einen Tag auf den anderen ganz normal.
Hinzu kommt: Einzelne Symptome einer Depression oder einer anderen Störung können im ganz normalen Alltag auftauchen. Nur die Dauer und die Anzahl der Symptome entscheiden darüber, ob jemand in die Schublade »krank« oder »gesund« einsortiert wird. Die fehlende Trennschärfe hat Folgen. Das zeigt das Beispiel Depressionen. Für deren steigende Patientenzahlen sorgten vor allem die leichten Fälle, sagt Daniel Hell. Den derzeit gültigen Kriterien des Internationalen statistischen Klassifikationssystems für Krankheiten (ICD 10) entsprechend, aufgrund derer in Europa diagnostiziert wird, muss ein Patient mindestens zwei der folgenden Symptome mindestens zwei Wochen lang haben, damit die Diagnose Depression gestellt werden kann: gedrückte, depressive Stimmung, Interessenverlust oder Freudlosigkeit, Antriebsmangel oder erhöhte Ermüdbarkeit. Zudem müssen noch mindestens zwei weitere Symptome vorhanden sein: verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Gefühle von Schuld- und Wertlosigkeit, negative und pessimistische Zukunftsperspektive, Suizidgedanken oder -handlungen, Schlafstörungen sowie verminderter Appetit.
In den Kriterien ist allerdings nicht die Rede davon, ob diese Symptome ganz unvermittelt auftreten oder im Zusammenhang mit belastenden Lebensereignissen wie Scheidung oder Jobverlust, schwierigen Beziehungen oder der Diagnose einer möglicherweise tödlichen Krankheit. »Diese Kontextunabhängigkeit ist ein Problem«, sagt Daniel Hell, »denn die meisten depressiven Störungen entstehen nach einer Belastungssituation.«
WER FRISCH VERLASSEN WURDE, muss geradezu aufpassen, von seinem Arzt nicht für depressiv erklärt zu werden. » Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos? Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?« Beantwortet jemand diese Fragen mit »Ja«, sollen Ärzte nach einer Depression fahnden, empfiehlt ein Fortbildungsartikel im Deutschen Ärzteblatt vom Juni 2006. Doch nicht nur wer gerade eine Trennung hinter sich, sondern auch wer gerade Jobprobleme hat oder durch eine wichtige Prüfung gefallen ist, wird die Fragen bejahen.
GENAU IN SOLCHEN SITUATIONEN sind die typischen Depressionssymptome wahrscheinlich sogar eine ziemlich gesunde Reaktion, vermutet Randolph Nesse, Evolutionspsychologe und Professor für Psychiatrie an der University of Michigan. Hätten depressive Symptome überhaupt keine Funktion, so argumentiert Nesse, wären sie im Laufe der Evolution verschwunden. Sie könnten dafür sorgen, dass Menschen soziale Unterstützung bekommen, ein Alarmsignal dafür sein, dass falsche, nicht erreichbare Ziele verfolgt werden oder dass etwas im Umfeld nicht in Ordnung ist.
In einer Studie für die Fachzeitschrift Archives of General Psychiatry untersuchten Wissenschaftler um den Psychiater Jerome C. Wakefield von der New York University an 8098 Patienten, wie sich die Depressionszahlen verändern, wenn äußere Einflüsse wie Trennungen oder Jobverlust in die Diagnose einbezogen werden. Ihr Ergebnis: Etwa ein Viertel derjenigen, die nach geltenden Kriterien als depressiv galten, erlebten wahrscheinlich lediglich intensive, aber normale Trauerreaktionen nach einem belastenden Lebensereignis.
»Es hat dazu geführt, dass ich meine eigene Position überdacht habe«, schreibt Robert Spitzer, Psychiatrieprofessor am New York State Psychiatric Institute, im Vorwort zu dem Buch The Loss of Sadness (»Der Verlust der Traurigkeit«), in dem Wakefield seine These von der Fehldeutung normaler Emotionen als Krankheit kürzlich noch einmal ausgeführt hat. Spitzers Aussage ist besonders bemerkenswert, weil er einer der Hauptverantwortlichen ist für die Glaubwürdigkeitskrise, in der viele die Psychiatrie derzeit sehen. Er war Vorsitzender der Taskforce, die in den 70er Jahren das US-Diagnosehandbuch für psychische Störungen, DSM, völlig neu formulierte - in einer Form, die auch für das in Europa verwendete ICD maßgeblich wurde. Wissenschaftlicher sollten die Diagnosen werden, weg von Sigmund Freud und Psychoanalyse, hin zur Psychiatrie als Naturwissenschaft.
Möglichst objektive, vergleichbare, zählund messbare Kriterien sollten her. Also wurden für jedes psychische Problem bestimmte Symptome definiert, die, wenn sie über eine bestimmte Dauer und in bestimmter Häufigkeit auftreten und einen Menschen belasten oder sein alltägliches Leben behindern, als Störung gelten. Der Kontext, das Lebensumfeld blieben außen vor. »Wir haben aus dem bio-psycho-sozialen Modell ein Bio-Bio-Bio-Modell gemacht «, kritisiert Stephen Sharfstein, Präsident der American Psychiatric Association.
Denn dummerweise war nicht klar - und ist bis heute kaum klarer -, was genau im Gehirn falsch funktioniert, wenn jemand an einer psychischen Störung leidet. Wohl nicht zuletzt deshalb ging es in den Verhandlungen der DMS-Überarbeitungskommission nicht unbedingt immer wissenschaftlich zu. Bisweilen sei um Krankheiten geschachert worden wie um Weihrauch auf dem Basar, schreibt Christopher Lane, der in seinem Buch Shyness aus internen Dokumenten zitiert. Diagnosen wie die Chronische Jammer-Störung (Hauptsymptom: pausenloses Jammern) oder Chronisches Undifferenziertes Unglücklichsein (unter anderem durch andauernd hängende Mundwinkel charakterisiert) wurden von den Experten diskutiert, konnten sich aber dann doch nicht durchsetzen.
Andere schon. In der ersten Ausgabe des DSM von 1952 waren noch 106 verschiedene psychische Störungen aufgeführt. In der zweiten Ausgabe von 1968 waren es 182, in der dritten Ausgabe von 1980 plötzlich 265 und in der vierten von 1994 ganze 297. In nicht einmal 50 Jahren hat sich die Zahl fast verdreifacht. Und bei vielen Störungen wurden die Diagnoseschwellen nach unten verschoben.
Musste es jemandem 1980 für die Diagnose Posttraumatische Stress-Störung (PTSD) noch vier Wochen nach schlimmen Ereignissen wie einer Bombenexplosion richtig schlecht gehen (Schreckhaftigkeit, Albträume, Nervosität), kam 1994 die akute Form hinzu, bei der die Störung sofort nach dem Ereignis diagnostiziert werden kann. Die europäischen Diagnosekriterien im ICD sind an etlichen Stellen eher noch weicher. Überrascht es da noch jemanden, dass psychische Krankheiten immer häufiger diagnostiziert werden?
Selbstverständlich werden auch immer wieder neue körperliche Fehlfunktionen entdeckt - weil Medizin und Technik Fortschritte machen. In der Psychiatrie sei es eben ähnlich, argumentieren viele. Etliche Störungen habe man früher gar nicht erkannt. Außerdem gingen die Menschen heute mit psychischen Problemen eher zum Arzt als früher. Ebenfalls beliebt als Erklärung für die Epidemie der modernen Leiden: zunehmender Leistungsdruck im Beruf, unsichere Arbeits- und Familienverhältnisse und steigendes Lebenstempo. Dem seien viele Menschen auf Dauer nicht gewachsen, heißt es.So stiegen in Großbritannien innerhalb des vergangenen Jahres die Zahlen von Patienten mit psychischen Stresssymptomen um gut 30 Prozent - allerdings just bei Bankangestellten und just seit die Kreditkrise in den USA begonnen hatte.
Doch wer so argumentiere, laufe Gefahr, aus sozialen Problemen Krankheiten zu machen und die Symptome mit Medikamenten zu behandeln, statt an den Ursachen etwas zu ändern, sagen Kritiker. » Nicht jedes Leiden ist eine Krankheit«, sagt etwa der Züricher Psychiater Hell, »wer leidet, weil er überlastet, einsam oder arbeitslos ist, zeigt damit, dass etwas nicht in Ordnung ist.« Die Haltung der Mehrheit spiegelt eine aktuelle Studie der Universität Ulm: 44 Prozent der deutschen Psychiater haben an sich selbst bereits einmal eine Depression diagnostiziert, andere Psychomalaisen nicht mitgerechnet. Jeder Zehnte nahm zum Zeitpunkt der Untersuchung Psychopharmaka, jeder Dritte hatte schon einmal eine Psychotherapie gemacht. Wenn das der Maßstab ist, dann werden psychische Krankheiten in der Bevölkerung tatsächlich bisher zu wenig erkannt und behandelt.
Immerhin: Krisen zu Krankheiten umzudeuten kann noch für den guten Willen sprechen, Menschen zu helfen. Doch ein Untersuchungsausschuss des britischen Unterhauses kam 2004 zu einer etwas anderen Erklärung: »Man kann die Medikalisierung der Gesellschaft - also den Glauben daran, dass jedes Problem medizinisch behandelt werden muss - zumindest zum Teil mit der pharmazeutischen Industrie in Verbindung bringen. Zwar kann die Industrie nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sich Menschen in ungesunder Weise auf Medikamente verlassen und sie übertrieben einsetzen. Doch sie hat diese Entwicklung sicher angeheizt. Der Trend geht dahin, mehr und mehr Individuen als >unnormal< oder einer medikamentösen Behandlung bedürftig einzustufen.« Als in den 50er Jahren durch einen Zufall das erste Antidepressivum Imipramin erfunden wurde, wollte der Schweizer Hersteller Geigy es zunächst nicht vermarkten: Es gebe zu wenige Menschen mit Depressionen, hieß es. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Allein in Deutschland haben sich in den vergangenen 15 Jahren die Verordnungen von Antidepressiva mehr als verdreifacht, so steht es im Arzneiverordnungsreport.
2005 wurden mit ihnen hierzulande 440 Millionen Euro umgesetzt. In den USA, wo Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente schon lange erlaubt ist, stiegen die Ausgaben für Antidepressiva in den 90er Jahren sogar um das Sechsfache. Die Zahl der Kinder, bei denen das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom ADHS festgestellt wurde, versiebenfachte sich in den 90er Jahren. Unter amerikanischen Erwachsenen ist ADHS, das früher als reine Kinderkrankheit galt, derzeit die Störung mit der höchsten Zuwachsrate.
Das Bewusstsein für psychische Krankheiten ist in der Bevölkerung gestiegen, und sie wurden - zum Glück - über die Jahre immer weniger stigmatisiert. Doch in gleichem Maße stieg auch der Absatz der Medikamente.
Kein Zufall, sagt David Healy, Direktor der Psychiatrischen Medizin an der Cardiff University: »Die pharmazeutische Industrie vermarktet Krankheiten wie Schuhe oder Autos.« Krankheiten, wohlgemerkt, nicht Medikamente. Denn Schritt eins, um Arzneimittel zu verkaufen, ist, den Menschen klarzumachen, dass sie etwas haben, wogegen es Hilfe gibt.
BENUTZEN SIE UNGERN ÖFFENTLICHE TOILETTEN, hassen Sie es, Reden zu halten, oder vermeiden Sie es, allein im Restaurant zu essen? Das könnten Zeichen einer Sozialen Angststörung sein. Aber dagegen gibt es Medikamente! Die Störung, als Soziale Phobie seit 1980 im Diagnosemanual, boomt seit Ende der 90er Jahre - nicht zuletzt, weil Pharmafirmen zu dieser Zeit begannen, einige Antidepressiva aggressiv als Antiangstpillen zu propagieren, um sich einen neuen Markt zu erschließen. Mehr als eine Million Australier litten unter der Krankheit, behauptete etwa die Firma Roche, als sie das Antidepressivum Moclobemid (Handelsname Aurorix) in Australien einführen wollte. 2002 musste ein Verantwortlicher der Firma allerdings zugeben, dass man die Zahl der Betroffenen deutlich übertrieben hatte.
In Deutschland dürfen die Arzneimittelfirmen zwar bisher nicht in der Öffentlichkeit werben. Und noch gibt es hierzulande eine größere Skepsis gegenüber Psychopharmaka als in den USA. Aber das heißt nicht, dass die Industrie hier keinen lukrativen Markt sähe. Über Medienberichte, Drittmittel für Forscher, gesponserte Selbsthilfegruppen, Pharmareferenten oder Ärzte kann die Industrie Einfluss darauf nehmen, ob und wie Krankheiten wahrgenommen und, vor allem, wie sie behandelt werden.
Vor Kurzem zeigte etwa eine Analyse im New England Journal of Medicine, dass bis 2004 in Fachzeitschriften eher solche Studien veröffentlicht wurden, die die Wirkung von Antidepressiva positiv bewertet hatten. Diese Praxis hat bis heute Auswirkungen auf das Verschreibeverhalten. Denn Fachgesellschaften richten sich bei der Erstellung von Leitlinien nach publizierten Studien, und Ärzte richten sich nach (eventuell falschen) Leitlinien.
Das Kompetenznetz Depression, ein mit staatlichen Geldern gefördertes und in der Öffentlichkeitsarbeit sehr aktives Netzwerk »zur Optimierung von Forschung und Versorgung im Bereich depressiver Erkrankungen«, führte sogar mehrere Studien im Auftrag der Pharmaindustrie durch. Und der Internet-Beratungsservice Psychiatriekonsil des Kompetenznetzes wird von Antidepressiva- Herstellern wie Wyeth, Lilly oder Merz gesponsert. Ziel des Service: Hausärzte sollen von Experten Rat für die Behandlung ihrer depressiven Patienten bekommen. »Die genannten Firmen nehmen keinerlei Einfluss auf den Inhalt der Expertenantworten«, heißt es auf der Website. Doch die Sache mit der Unabhängigkeit sei gerade in der Psychiatrie nicht so einfach, warnt David Healy. Mit Forschungsförderungen, gut dotierten Einladungen zu Vorträgen oder sogar fertigen Studien, unter die Wissenschaftler nur noch ihren Namen zu setzen brauchen, versuche die Pharmaindustrie, die Wissenschaft zu beeinflussen.
Selbst wenn man niemandem Bestechlichkeit unterstellen will: Zweifel, ob alle Forscher und Ärzte immer so unabhängig sind, wie sie sein sollten, stellen sich unweigerlich ein. Von den 170 Wissenschaftlern, die an der vierten Fassung des Diagnosehandbuchs DSM mitarbeiteten, hatten mehr als die Hälfte finanzielle Beziehungen zur Industrie - meist in Form von Forschungsförderungen.In den Arbeitsgruppen zu Depression und Schizophrenie waren es sogar 100 Prozent, ergab eine kürzlich im Fachmagazin Psychotherapy and Psychosomatics erschienene Untersuchung. »Die Verbindungen zwischen Pharmaindustrie und Forschern sind besonders eng in jenen Bereichen, in denen vor allem Medikamente zur Behandlung eingesetzt werden«, schreiben die Autoren.
»Ein Großteil der Antidepressiva, die verkauft werden, wird an Menschen abgegeben, die anders besser versorgt wären«, sagt Daniel Hell. Die neuere Hirnforschung jedenfalls spricht gegen die Vorstellung, seelische Leiden ließen sich im Regelfall mit Tabletten heilen. Wenn sich eine psychische Störung entwickelt, dann liegt dem meist ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Veranlagungen und äußeren Einflüssen zugrunde. Auch persönliche Einstellungen und die eigene Biografie bestimmen, wie jemand auf ein Problem reagiert und ob sich daraus irgendwann eine Depression, ein Burn-out oder eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt.
So zeigen Daten der Gmünder Ersatzkasse, dass Arbeitslose in Ostdeutschland viel seltener depressiv werden: Verglichen mit westdeutschen Arbeitslosen, liegt ihr Risiko um 35 Prozent niedriger. Ergebnisverzerrungen durch falsche Diagnosen schließen die Autoren der Studie aus. Könnte es sein, dass Arbeitslose im Osten weniger leiden, weil es dort viel normaler ist, arbeitslos zu sein? Eine solche Einstellung bekommt man allerdings nicht durch Medikamente. » Wenn der Mensch leidet, sollte ihm Hilfe zukommen«, sagt der Psychiater Wolfgang Gaebel. Das subjektive Erleben des Einzelnen sei maßgeblich, je nach Situation seien Medikamente oder Psychotherapie das Mittel der Wahl. Stellt sich nur die Frage, worunter man leiden kann. Unter schlechter Stimmung? Unter Konzentrationsschwäche? Oder darunter, dass andere schlauer, reicher, erfolgreicher sind als man selbst?
Während früher Schicksalsergebenheit, Religion oder Tradition solche Probleme in Schach hielten, werden sie in einer Zeit, die das Nichts-ist-unmöglich-Versprechen zum Glaubensbekenntnis erhoben hat, zur unerträglichen Qual. Eine Behandlung muss her, und die soll, bitte schön, möglichst schnell und gut wirken.
Der Übergang zur seelischen Schönheitschirurgie ist fließend geworden. Der amerikanische Psychiater Peter D. Kramer empfahl schon in den 90er Jahren, auch Gesunden das Antidepressivum Prozac zu verabreichen, um sich better than well - also besser als gut - zu fühlen. Paris Hilton hat angeblich schon seit ihrer Kindheit ADHS und nimmt deshalb das Medikament Adderall, ein Amphetamin wie die Droge Speed.
Praktischerweise wird man davon auch noch schön dünn und kann außerdem schier endlos arbeiten, weshalb es in Amerika gerade sehr in ist, sich ADHS diagnostizieren zu lassen. Der neueste Hype ist die Bipolare Störung, die man früher Manische Depression nannte und die sich in starken Stimmungsschwankungen äußert. Schon Kinder nehmen mood stabilizers, also Stimmungsstabilisatoren.
HARMLOS IST DAS ALLES NICHT. Jede Therapie hat potenziell Nachteile, Medikamente haben zum Teil gravierende Nebenwirkungen (siehe Kasten auf Seite 18). Und auch eine Psychotherapie gibt noch keine Garantie fürs Gutfühlen. Manche Versicherungen, zum Beispiel gegen Berufsunfähigkeit, weigern sich, nach einer Diagnose wie Depression überhaupt noch einen Vertrag abzuschließen - oder zahlen später nichts. Und je mehr Geld die Krankenkassen für die Behandlung eigentlich nicht Kranker ausgeben, umso weniger bleibt für die wirklich schweren Fälle, die noch dazu teils wochenlang auf einen Termin bei einem Spezialisten warten müssen.
Aber es ist durchaus komfortabel, Lebensprobleme als Krankheit zu deuten. » Man gibt damit die Verantwortung für sein Leben ein Stück weit ab«, sagt Klaus Dörner. Die Psychokrankheiten haben es in Form koketter Selbstdiagnosen bis zum Partytalk gebracht. Klingt ja auch viel besser, zu sagen »Ich habe Burn-out« statt »Ich habe zu viel gearbeitet«, »Ich habe ADHS« statt »Ich verzettele mich zu oft« oder »Ich habe Bindungsangst « statt »Ich bin beziehungstechnisch ein Arschloch«. Die Krankheit ist schuld. Amerikanische Psychiater diskutieren derzeit sogar, ob auch Rassismus oder Schwulenhass möglicherweise eine psychische Störung sein könnte: »Pathologisches Vorurteil« wäre dann ihrer Meinung nach die Ursache.
SELBST FÜR FREI ERFUNDENE KRANKHEITEN und Medikamente finden sich ernsthafte Interessenten. Die australische Künstlerin Justine Cooper stellte im Februar 2007 eine bis ins Detail stimmige Werbekampagne für ein fiktives Medikament ins Netz. Sie nannte es Havidol (klingt wie das englische have it all, also: bekomme alles). Es versprach Abhilfe für eine ebenso ausgedachte Krankheit namens Dysphoric Social Attention Consumption Deficit Anxiety Disorder (etwa: Dysphorische soziale Aufmerksamkeits- Konsum-Defizit-Angststörung). Symptome dieser Störung: Trotz aller Erfolge habe man immer noch das Gefühl, irgendetwas fehle im Leben. Der Werbespruch lautete: When more is not enough - Wenn mehr nicht genug ist. Das Ganze sollte eine Parodie auf die Kampagnen für Psychopharmaka und die Sehnsucht der Menschen nach dem perfekten Leben durch Pillen sein. Doch etliche Besucher der zugehörigen Ausstellung in New York hätten die Sache bitterernst genommen und tatsächlich nach den Tabletten gefragt, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.
Verrückte Amis? Nein, verrückt gemacht werden wir alle. Auch in Europa sei der Trend zur Medikalisierung des Seelenlebens nicht mehr aufzuhalten, warnt der Waliser Psychiater David Healy. Am 1. April 2006 meldete das British Medical Journal, australische Forscher hätten eine neue Krankheit namens Motivationsdefizit-Störung entdeckt. Ein Aprilscherz. In der folgenden Ausgabe schrieb David Henry, Professor für Klinische Pharmakologie an der University of Newcastle in Australien und einer der Erfinder des Pseudoleidens, er habe sich gewundert, wie viele Medien über die angebliche Krankheit berichtet hätten. » Wenn es um ihre Gesundheit geht, verlieren die Leute jede Skepsis«, meint er lapidar.
Die Einstellung habe sich in den vergangenen 30 Jahren grundlegend verändert, sagt der Sozialpsychiater Klaus Dörner. » Während damals viele Menschen Angst davor hatten, dass Psychopharmaka oder Psychotherapien ihre Freiheit einschränken könnten, ist es heute genau umgekehrt: Viele Menschen meinen, nur mit deren Hilfe könnten sie wirkliche Freiheit erlangen.« Wer der westlichen Leistungskultur entsprechen will und ihren Belohnungen nachjagt, kann sich schlechte Zeiten und störende Schwächen nicht leisten. Deshalb nehme die Bereitschaft zu, auch kleinere Missstimmungen behandeln zu lassen, sagt der Psychiater Daniel Hell.
Es ist kein Zufall, dass kritische Psychiater wie Hell oder Healy unabhängig voneinander auf Aldous Huxleys Schöne neue Welt zu sprechen kommen. In dem 1932 erschienenen Buch werden die Menschen mit Sex, Konsum und der Glückdroge Soma ruhiggestellt, damit sie das oberste Staatsziel Stabilität nicht gefährden oder gar kritische Fragen stellen. »So weit sind wir davon nicht mehr entfernt«, behauptet Healy.
NUR: WAS IST DER AUSWEG? Healy zuckt mit den Schultern. Ärzte sollten den Mut haben, Patienten mit leichten psychischen Problemen zu sagen, dass fast jeder Mensch irgendwann einmal unter solchen Beschwerden leide und sie in den meisten Fällen nach einiger Zeit verschwänden, meint er. Das allerdings setzt voraus, dass die Betroffenen das auch glauben und sich nicht gleich beim nächsten Arzt ins Wartezimmer setzen, damit der ihnen etwas verschreibt. »Ein Stück weit haben wir verlernt, dass Leiden - auch seelisches Leiden - zum Leben dazugehört«, sagt Klaus Dörner. Denn wie wir mit Beschwerden umgehen, was wir noch für normal halten und wann wir auf einer Behandlung bestehen, bestimmen nicht Ärzte oder Pharmaindustrie, sondern wir selbst.
Allerdings gebe es da ein Problem, schreibt Allan Horwitz in The Loss of Sadness: »Es gibt einfach keine Interessengruppen, die sich für Normalität einsetzen.«
HILFESTELLUNG
Normal oder schon krank?
Wie lässt sich eine psychische Störung von einer normalen Reaktion auf schlimme Lebensereignisse unterscheiden? Jerome C. Wakefield und Alan Horwitz, Autoren des Buches »The Loss of Sadness«, unterscheiden folgende Kriterien: Normale Traurigkeit oder depressive Verstimmungen können im Anschluss an belastende Lebensereignisse entstehen, wie Trennung, Todesfall, Jobverlust. Aber auch chronischer Stress - wie in einer unglücklichen Beziehung, bei dauernder Einsamkeit oder Geldproblemen - kann zu solchen Reaktionen führen.
Um noch als »normal« zu gelten, sollte der Betroffene die Situation realistisch wahrnehmen können, und seine Reaktion darauf sollte im Verhältnis zum auslösenden Ereignis stehen.
Die Stimmung sollte sich außerdem mit der Situation wandeln. Bei plötzlichen belastenden Lebensereignissen sollte nach und nach eine Anpassung an die neue Situation stattfinden.Er sollte sich klarmachen, dass die Stimmung sich wahrscheinlich im Laufe der Zeit von allein bessern wird. Allein das kann schon helfen.
Problematisch wird es, wenn die schlechte Stimmung ohne Grund kommt und länger anhält oder wenn die Reaktion auf ein Ereignis überhaupt nicht im Verhältnis zu dessen Schwere steht. Auch wenn die depressive Stimmung andauert, obwohl die belastende Situation vorbei ist, oder sie sich nach einem schlimmen Ereignis nicht mit der Zeit bessert, sollte man Hilfe suchen.
Wer sich über längere Zeit sehr schlecht fühlt, dadurch in seinem täglichen Leben beeinträchtigt ist und, vor allem, wer Suizidgedanken hat, sollte unbedingt mit seinem Arzt sprechen. Wer bereits in Behandlung ist, sollte nichts ohne Rücksprache mit seinem Arzt oder Therapeuten unternehmen. Vor allem sollte man niemals Medikamente ohne ärztlichen Rat absetzen!
ANTIDEPRESSIVA
Gefährliche Helfer
Der Botenstoff Serotonin hat eine erstaunliche Karriere als Glückshormon hingelegt. Maßgeblich beteiligt daran waren Werbemaßnahmen für Medikamente. Seit 1965 verdächtigen Ärzte einen niedrigen Serotonin-Spiegel im Gehirn, für Depressionen verantwortlich zu sein. Doch die große Zeit des Botenstoffs begann in den 80er Jahren. Damals wurde eine neue Art von Antidepressiva entwickelt, die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI, berühmt wurde vor allem Prozac, in Deutschland unter dem Namen Fluctin im Handel). Diese sollen verhindern, dass die Nervenzellen im Gehirn das ausgeschüttete Serotonin zu schnell wieder aufnehmen.
Auf der deutschen Internetseite des Pharmaherstellers Pfizer steht nach wie vor: »Bei einer Depression besteht ein Mangel an Serotonin. « Doch dies konnte bis heute keine Studie nachweisen. Manche Depressive haben sogar einen höheren Serotonin-Spiegel als Gesunde. Was ein normaler Wert ist, weiß ohnehin niemand. Außerdem dauert es in der Regel mehrere Wochen, bis die SSRI bei Patienten Wirkung zeigen, obwohl die Wiederaufnahme-Hemmung schon nach den ersten Tabletten einsetzt.
Viele Forscher vermuten inzwischen, dass Serotonin nur indirekt mit der Depression zu tun hat. Die irische Medikamenten-Aufsichtsbehörde jedenfalls untersagte 2003 einem Pharmahersteller, in Informationsbroschüren zu behaupten, das Antidepressivum korrigiere ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn.
Womöglich überschätzten auch die Ärzte die Wirksamkeit von Antidepressiva, heißt es im aktuellen Arzneiverordnungs-Report, in dem die in Deutschland am häufigsten verkauften Medikamente unter die Lupe genommen werden. Bei leichten Depressionen konnte bisher nicht eindeutig belegt werden, dass sie entscheidend besser wirken als Placebos. Sport war in einigen Studien ähnlich effektiv, ebenso wie spezielle Massagen.
In den neuen Leitlinien zur Behandlung der Depression werden Medikamente bei leichten Fällen deshalb nicht mehr empfohlen. Doch auch einige deutsche Wissenschaftler befürworten den Einsatz bei »unterschwelligen « Depressionen, also bei Menschen, die weniger als die zur Diagnose einer leichten Depression geforderten vier Symptome haben.
Angesichts der Nebenwirkungen ein gefährlicher Rat. Zu den häufigsten gehören Störungen der Sexualfunktion, Schlaflosigkeit, Übelkeit oder Durchfall; nehmen Frauen die Medikamente während der Schwangerschaft, erhöht sich das Risiko von Fehlbildungen.
Besondere Beachtung fand in den vergangenen Jahren das erhöhte Suizidrisiko: Vor allem bei Kindern und Jugendlichen zeigten Studien einen so hohen Anstieg der Selbsttötungsversuche während der Tabletteneinnahme, dass die Hersteller in den USA inzwischen auffällige Warnhinweise auf die Beipackzettel drucken müssen. Hinzu kommen Symptome, die nach plötzlichem Absetzen der Antidepressiva auftreten, wie innere Unruhe und Spannung, Reizbarkeit, Angstzustände, Appetitverlust. Die Medikamente müssen deshalb mit langsam reduzierten Dosierungen »ausgeschlichen« werden.