Unterwegs in Teufels Küche

> Andrea Walter

Stern, 12. März 2009

Es furzt, es stinkt. Und manchmal schießt heißes Wasser aus der Erde. Auf Islands beliebtester Trekkingroute liegen die Extreme dicht beieinander. In fünf Tagen von Hütte zu Hütte

Björk Gudbrandsdóttir mag unheilvolle Prognosen. »Hekla ist fällig«, sagt unsere Wanderführerin. »Und Katla auch. Hoffentlich brechen sie nicht dieses Wochenende aus.« Der Bus fährt durch schwarze Einöde, vorbei an Lavageröll und der Hekla, einem 1491 Meter hohen Vulkan, den die Menschen im Mittelalter noch für das Tor zur Hölle hielten. Bis heute rumort es in seinem Innern. Zuletzt spie Hekla im Jahr 2000 Feuer. Doch das war bloß eine »Touristen-Eruption«. So nennen es die Isländer, wenn die Erde nur ein wenig bebt und die Leute zum Vulkan hinfahren, statt vor ihm zu fliehen. »Wir sind schon verrückt«, sagt Agnes, eine Reiseteilnehmerin. Weil es damals anfing zu schneien und die Schaulustigen mit ihren Autos im Schnee stecken blieben. So viel zum isländischen Humor. Er ist schwarz. Und trocken. Wie das Lavafeld, das uns umgibt.

Wir nehmen Kurs aufs Hochland. Fahren nach Landmannalaugar, dem Startpunkt unserer fünftägigen Wanderung auf dem 55 Kilometer langen »Laugavegur«, dem Weg der heißen Quellen. Er gilt als beliebteste Trekkingtour Islands, weil die Extreme der Insel hier dicht beieinander liegen: Die Strecke führt durch das größte Hochtemperaturgebiet, und in unmittelbarer Nähe liegen Gletscher.

Zehn Leute sind wir neben Björk, unserem Guide von Útivist, einem isländischen Wanderverein, der auch Nichtmitglieder mitnimmt. Viele Touristen laufen die mittelschwere Trekkingtour mit Tagesetappen von vier bis acht Stunden auch auf eigene Faust und mit dicken Rucksäcken auf dem Buckel. Bei uns geht's luxuriöser zu: Wir tragen nur den Proviant für den Tag, das übrige Gepäck wird von Hütte zu Hütte transportiert. Und mit Einheimischen als Weggefährten lernen wir einiges über die isländische Seele.

Bunte Berge, zischende Böden

Schon in Landmannalaugar beginnt der landschaftliche Irrsinn, mit dem die Isländer leben. Es gibt einen Zeltplatz mit modernen Hütten, daneben verläuft ein heißer Bach, in dem man planschen kann. Dahinter türmt sich schwarze Lava auf, und dahinter ragen Berge hervor, wellenförmig wie Baiser, schwefelgelb und rostrot. Wir schnüren die Wanderschuhe zu und brechen auf. Lavagestein knirscht unter unseren Füßen. »Wie läuft's?«, fragt Björk unseren Wanderkollegen Björn, einen Rentner von der Halbinsel Reykjanes. »Gut«, sagt er. »Bis etwas anderes passiert.«

In einem Land, in dem die Natur jederzeit in die Luft gehen kann, hält man langfristige Aussagen für unangebracht. Quer durch Island verläuft der mittelatlantische Rücken. Hier driften die Kontinentalplatten Europas und Nordamerikas auseinander, jährlich um zwei Zentimeter. Entlang dem vulkanischen Gebiet bebt die Erde und spuckt regelmäßig geschmolzenes Gestein. Auch von oben zeigt sich Island launisch. Gefällt dir das Wetter nicht, warte fünf Minuten, heißt es.

Wir kommen an einer Wiese vorbei, aus grünem Gras mit drolligen weißen Büscheln daran. Das Wollgras lieferte im Mittelalter die Dochte für die Tranlampen. »Es könnten die letzten größeren Pflanzen sein, die wir in den nächsten Tagen sehen«, sagt Björk. Und tatsächlich, bald schon sind wir in Teufels Küche. Dampfschwaden kriechen über die Hänge. Die Berge atmen Fumarolen aus. Es stinkt! Nach faulem Ei. Wir haben den Krater Brennisteinsalda erreicht, übersetzt: die Schwefelwelle. Der Boden zischt, faucht und blubbert. Überall kochen Pfützen aus grauem Schlamm. Ein Stück weiter schießt heißes Wasser aus der Erde und macht gehörigen Lärm dabei. Ein Knarzen, ein Sprudeln, ein Furzen der Natur! Und nicht weit davon leuchtet giftgrünes Moos. Es sieht hier aus wie nach einem Chemieunfall.

»Dass ihr das schön findet, ist erstaunlich«, sagt Agnes. Überhaupt bleiben dieIsländer cool bei diesem Spektakel. Sie freuen sich auf Thorsmörk, sagen sie, dasZiel unserer Wanderung. Dort sei die Landschaft so schön grün, dort gibt es Bäume! Von Letzteren hat Island nicht viele. Als vor über tausend Jahren die ersten Siedler kamen, war die Insel noch zu einem Viertel mit Birken bedeckt. Doch kaum 300 Jahre später, heißt es, war der größte Teil gerodet. Zu Booten verbaut oder als Feuerholz verbrannt.

Ein dampfendes Nachtquartier

Wir erreichen eine schwarze Ebene. Überall glitzert es. Sonnenstrahlen tanzen auf dem Obsidian, vulkanischem Gestein, das glänzt wie Glas. Dort steht auch ein Steinhaufen, ein Mahnmal. Vor fünf Jahren starb hier ein junger Mann. Er war zu dünn angezogen. Ein Schneesturm erwischte ihn, kurz vor der Hütte. Wir kommen bald darauf in unser Nachtquartier. Wieder dampft es überall. Vor der Tür am Berg und in der Küche. Mit heißem Wasser verwandeln die Wanderer ihren Trockenfraß, Tütenpasta oder Trekking-Nahrung in ein breiiges Abendmahl. Wer mal muss, muss raus: zu den Plumpsklos, an deren Türen Blätter kleben, die erklären, was bei einem Vulkanausbruch zu tun ist.

Die Rede ist von Katla. Der Vulkan liegt unter dem Gletscher Mýrdalsjökull, südöstlich von uns. Bricht er aus, regnet es Asche, und Ströme von Schmelzwasser fluten die Umgebung. In welche Richtung sie fließen, weiß man vorher nicht. Möglicherweise über Teile des Laugavegur. In dem Fall zünden die Hüttenwarte Geräuschbomben und Leuchtfeuer. Für die Wanderer ein Signal, älteren Schmelzwasserspuren auszuweichen. Die Gipfel sollte man immer meiden, ebenfalls Mulden. Vulkanausbrüche erzeugen Elektrizität, an Bergspitzen besteht erhöhte Blitzgefahr, in Vertiefungen könnten sich giftige Dämpfe sammeln.

Abgesehen davon ist der Job als Hüttenwart friedlich. In der zweiten Hütte, in Hvanngil, treffen wir Sigurlaug Jónsdóttir, genannt Sóla. Eigentlich lebt sie in der Nähe von Reykjavík, diesen Sommer verbringt sie mit ihren beiden acht- und elfjährigen Töchtern in den Bergen. In ihrem Häuschen rauscht das Funkgerät. »Unsere einzige Verbindung zur Außenwelt«, sagt Sóla. »Hier klingelt kein Telefon.« Das gefällt ihr. Man richtet sich nach der Natur, statt ewig auf die Uhr zu sehen. Nach dem Aufstehen hisst Sóla die Islandflagge, vor dem Schlafengehen holt sie sie ein. Tagsüber bringt sie die Hütten auf Vordermann.

Ist das Wetter schlecht, muntert sie die Wanderer mit Geschichten auf. »Schon meine Großmutter erzählte uns Geschichten über Trolle«, sagt sie. »Wir Isländer sind auch sehr verbunden mit unseren alten Volkssagen.« Das Geschichtenerzählen hat in Island Tradition. Schon die alten Vorfahren brauchten sie. Zur Unterhaltung. Und um durchzuhalten in den langen, dunklen, stürmischen Wintern. Noch heute sind Geschichten wichtig. In keinem Land der Welt werden pro Kopf mehr Bücher veröffentlicht als in Island. Jeder scheint hier zu schreiben. Braucht man eine Geschichte, denkt man sich einfach eine aus.

Typisch Isländer

Überhaupt sind die Isländer gewohnt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Bei nur 320.000 Einwohnern muss eben jeder mit anpacken. Risikofreude liegt den Isländern genauso im Blut wie die typisch isländische Zuversicht, dass alles gut wird. Die bewahrt man selbst jetzt in der Krise. Es gibt da ein Sprichwort: »Thetta reddast« - »Es rettet sich schon«. Auch auf unserer Reise ist das zu spüren. Durchqueren wir Gletscherflüsse, dessen Kälte uns in die Füße beißt, ruft Björk: »Das ist wundervoll!« Auch ein Sturm dann und wann sei eine gute Sache, findet Agnes: »Das klärt den Geist.« Gehen ihr tagsüber die Kräfte aus, setzt sie ihren iPod auf. Hört Rammstein oder Metallica.»Die singen mich hier durch«, sagt sie.

Nebenbei wissen Isländer, wie man Feste feiert. Das Nachtleben von Reykjavík ist wild und vielfach dokumentiert. Die Hauptfeiermeile in der Stadt heißt auch Laugavegur. Und selbst in den Bergen finden sich Zeugnisse isländischer Lebensart: »Wir müssen hier bei Fertigfraß mit ansehen, wie unsere Hüttenmitbewohner (große Gruppe Isländer) zentnerweise Grillfleisch und Gallonen von Rotwein weghauen«, steht neidvoll im Hüttenbuch geschrieben.

Am nächsten Tag laufen wir querfeldein, vorbei an grün bemoosten Bergen, einer Wiese mit violetten Blumen und kleinen Bächen. Plötzlich stehen wir vor einem Abgrund. Ein Wasserfall stürzt sich tosend in die Tiefe. Es ist, als wären wir am Ende der Welt angekommen. Dort schimmert es weiß und eisblau. Zu unseren Füßen liegt die Gletscherzunge des Entujökull.

Schafskopf zum Dinner

Die Hütte teilen wir an diesem Abend mit vielen Gästen. Jedes Bett ist belegt. Ein Schnarchen durchschneidet die stickige Luft, ein Plöddern, ein Knurren, ein Knattern, ein Seufzen. Klingt auch nicht weniger verrückt als die Landschaft am ersten Tag. Nur Agnes hat Glück. Sie bekommt, was sie sich seit Anfang unserer Wanderung wünscht: »Roomservice«. Ihr Mann ist vorbeigekommen, mit seinem Geländewagen. Er hat Lammfleisch dabei und frischen Salat und auf dem Autodach ein Zelt. Zur Feier des Tages holt Björn, der rüstige Rentner, einen halben Schafskopf aus seinem Rucksack. Ein Leckerbissen.

»Heute machen wir Picknick im Birkenwald«, sagt Björk am nächsten Morgen. Jedoch ist weit und breit kein Wald in Sicht, man sieht nur schwarze Canyons, schwarze Berge, Moos und ein paar Stauden Engelwurz. »Da ist es«, ruft Björk am Nachmittag und lächelt selig. Am Flussufer stehen ein paar Birken. Dünn und klapprig, keine davon höher als 1,80 Meter. Jetzt verstehen wir, wie der Witz gemeint ist: »Was soll man tun, wenn man sich in Island im Wald verlaufen hat?« »Aufstehen!« Und einfach über die Wipfel gucken.

Aber eines müssen wir Björk lassen: Die Landschaft wird lieblicher. Nur noch der Gletscherfluss Thrönga trennt uns vom Ziel unserer Reise, Thorsmörk, Thors Wald. Ein grünes Tal, das zwischen drei Gletschern liegt. Wir öffnen die Hüftgurte unserer Rucksäcke. Zur Sicherheit. Reißt der Gletscherfluss einen um, sollte man jedes zusätzliche Gewicht abwerfen können. Das Wasser ist stark. Wir waten zu zweit, zu dritt durch die Fluten, die uns bis zum Oberschenkel reichen. Drüben angekommen, sind wir hellwach. In den Füßen pocht das Blut. Leichtfüßig tänzeln wir voran. In einen Birkenwald. Dieses Mal einen echten. Es riecht nach Holz, nach Laub, am Wegesrand wachsen Pilze und Blaubeeren. »Ist das nicht schön?«, fragt Agnes. Ist es! Thorsmörk ist wie eine Oase mitten in der Kargheit des Landes.

Wenn das kein Grund zu feiern ist! Am Abend, nach einer warmen Dusche, gibt es zartes Island-Lamm vom Grill. Dazu trinken wir Gallonen von Wein, und Björk singt für uns ein isländisches Lied. Auch draußen vor der Tür schmettert eine Gruppe Isländer laute Lieder. Die ganze Nacht. Ja, alles ist ganz wunderbar. Nur am nächsten Morgen sind unsere Köpfe schwer. Schuld ist ein Troll. Der hatte Gin dabei.