Erwachsen werden an der Ostsee

> Andrea Walter

National Geographic Buch "Deutschlands Küsten und Inseln", März 2015
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Meine Sehnsucht nach der Ostsee begann mit den Schätzen, die sich am Saum des Meeres fanden. Mit jenen blassbraunen Überbleibseln von Tintenfischen, die mit den Resten ihrer ver­ steinerten Arme noch immer nach mir griffen. Es waren Donnerkeile – in der Fachsprache Be­ lemniten: Skelettteile von fossilen Kopffüßlern aus einem Land vor unserer Zeit. Mindestens 65, wenn nicht gar 350 Millionen Jahre alt. Aber davon wusste ich damals noch nichts.

Damals ging es darum, mehr von ihnen zu finden als mein großer Bruder. Wie Forscher, konzentriert und mit gesenktem Blick, suchten wir das Ufer ab, an das die Wellen jene urzeit­ lichen Überreste getragen hatten. Der Horizont, die Weite, die Ferne – all das kümmerte uns nicht. Und auch nicht der Bernstein, den unsere Großmutter so liebte. Es ging um jene länglichen Teile, die fast wie Patronenhülsen aussahen und die man dem germanischen Donnergott Donar andichtete – die Spitzen der Blitze, die er zur Erde schickte. Vor allem aber ging es um Masse. Ums Burgenbauen, Plantschen, Sachenfinden.

Später kam in meiner Erinnerung an die Tage an der Ostsee noch eine andere Sehnsucht auf. Es war die, endlich anzukommen, wenn Sommer war und man schon wieder auf einer Landstraße in der Schlange stand. Mit 15, 16 Jah­ ren kam die Sehnsucht hinzu, wild und verrückt zu sein. Dass es unsere Eltern waren, die uns, sechs Freunde, damals auf den Campingplatz an den Priwall fuhren, verdrängten wir, sobald wir die Rücklichter ihrer Autos sahen. Wir waren jung, und das Leben konnte kommen! Es bestand darin, das dämliche Zelt aufzubauen, auf dem Gaskocher Ravioli zu kochen und zu hoffen, dass man am Kiosk auch ohne Ausweis Bier bekam. Es bestand aus Nächten am Strand, in denen man über die Zukunft philosophierte, die aufregend sein würde – wenn man endlich Zugang haben würde zu all den Orten, die uns verschlossen wa­ ren, etwa zum Kasino, das von Travemünde her­ überleuchtete. Das Leben bestand darin, in zwei zusammengestellte Strandkörbe zu klettern, um dann, zum Gelächter der Freunde, nicht wieder herauszukommen. Und es war beseelt von dem Traum, dass alles viel, viel schneller gehen wür­ de. Sehr viel später fährt man an die See, um sie wiederzufinden: jene Zeit, die man in der Jugend im Überfluss hatte. Da zieht es einen zum Meer, weil man Antworten sucht auf Fragen, die einem nur die Zeit geben kann – oder eben das Meer, weil es schon so viel erlebt hat.

Dass es die Ostsee war, an der meine Ju­genderinnerungen hängen, passt gut, weil sie geologisch gesehen jung ist. Es gibt sie, so wie sie heute ist, seit Ende der Weichseleiszeit. Einst war hier alles mit Gletschern bedeckt. Zeitweise reichten die Eismassen sogar bis Berlin. Doch vor etwa 15 000 Jahren wurde es wärmer, das nordi­ sche Inlandeis begann zu schmelzen, die Meeres­ spiegel stiegen. Die skandinavische Erdkruste hob sich, erlöst von der Last des beinahe ewigen Eises. Der Ärmelkanal wurde geflutet, die Nord­ see stieg an, schließlich wurde die Ostsee über­ spült. Und mit ihr tauchten die Donnerkeile auf.