Stalins delikates Erbe

> Andrea Walter

STERN, 09.12.2004

Kaninchen in Australien, Wessis in Weimar.

Immer wieder zeigt sich: Werden Wesen willkürlich in eine wehrlose Umwelt verpflanzt, breiten sie sich ungehemmt aus. So auch die Kamtschatka-Krabbe. Seit sie hinter Norwegen ausgesetzt wurde, vermehrt sie sich gespenstisch. Immerhin, sie schmeckt irre. Esst also Krabben, Leute, und rettet Norwegen!

„Sie gehören nicht in diese Gegend”, sagt Trond und lenkt seinen Kutter aus dem Hafen. „Es wäre besser, sie wären nicht hier.” Es ist sieben Uhr früh. Fischer Trond und Hilfsmann Steve fahren hinaus in den Fjord. Zu den Tieren, die hier nicht hergehören.

Im Nordpazifik, vor den Küsten Alaskas und vor Kamtschatka, der Halbinsel mit den vereisten Vulkanen am östlichen Ende Russlands, dort leben sie eigentlich, die Viecher, die man auch Königskrabben nennt. Das war den Russen in den 60er Jahren egal: Sie setzten sie am westlichen Ende ihres Reiches aus, in der Barentssee an der Kolahalbinsel. Die grenzt an die Finnmark, den nördlichsten Zipfel Norwegens, wo Bugöynes liegt.

Kaum mehr als 200 Leute leben in Bugöynes, einer Art Bullerbü. Die Holzhäuser leuchten ochsenblutrot, sonnengelb, himmelblau. Die Gartenzäune sind frisch lackiert. Blümchenbettbezüge auf Wäschespinnen, Vogelhäuschen, Spielzeug. Auf der Stromleitung wippen zwei Raben im Wind. Sie blicken über die kleine Halbinsel, auf der Bugöynes liegt, flechtenbefleckte Felsen, hellen Strand, das Meer, auf Fischerboote und die Krabbenfabrik.

Die Idee mit den Kamtschatka-Krabben hatte angeblich Stalin: eine neue Fischerei-Ressource für Murmansk, Verpflegung für die Rote Armee. Das Experiment klappte. Und wie! Die Krabben wuchsen und mehrten sich. Ostwärts, westwärts. Weder hatten sie Feinde noch die Absicht, sich an Grenzen zu halten.

Anfang der Neunziger zappelten sie in den Netzen norwegischer Fischer: riesige Kreaturen mit stachelübersäten Panzern und sechs Beinen – lang wie Unterarme. Mit außerirdisch aussehenden Mundwerkzeugen: Ärmchen und Fühler, die sich ständig bewegen. Zwei Zähne, groß wie die von Menschen, mächtige Scheren. Bis zu anderthalb Meter Spannweite messen sie, bis zehn Kilo wiegen sie. Zwei-Meter-Tiere von 14 Kilo will manch einer gesehen haben. Oder zumindest davon gehört. Erst bekamen die Fischer einen Schreck. Dann fanden sie heraus, dass die Einwanderer auch Gutes haben: zartes Fleisch, besser als Hummer, gut zu verkaufen.

DIE WOLKEN HÄNGEN TIEF. Das Meer ist dunkelgrau, genau wie Berge, die das Ufer säumen. Trond gibt volle Kraft voraus. Die Männer wollen die ersten Körbe einholen, bevor das Hurtigrutenschiff ihnen in die Quere kommt. „Du kannst Krabben in wenigen Metern Tiefe finden oder wie hier in 300 Metern”, sagt Trond. Auf seinem Echolot sieht er sie nicht, weil sie auf dem Meeresboden hocken. „Manche sagen, sie sind wie ein Teppich – über den ganzen Boden ausgebreitet”, fügt er hinzu. Dann sagt er: „Vielleicht sind es zu viele.”

Es ist kurz vor neun. Die Havprins, Tronds zehn Meter langer, roter Kutter, ist jetzt vier nautische Meilen vom Ufer entfernt, die erste Boje in Sicht. Hilfsmann Steve schlüpft in seine Fischerhose, stülpt Mütze und Handschuhe über, Trond bugsiert das Boot Richtung Boje.

Es ist das erste Jahr, dass Trond eine Fangquote ergattert hat, 1140 Stück darf er fischen. Ein lukratives Geschäft: 61 Kronen, 7,50 Euro, zahlt die Krabbenfabrik pro Kilo Lebendgewicht. Macht mindestens 27 Euro pro Tier, bei knapp vier Kilo Mindestgewicht. Und die Arbeit sei „wie Urlaub”, sagt Trond. „Das Boot bleibt sauber. Wir müssen die Krabben nicht ausnehmen, einfach nur in eine Kiste tun.”

Mit einer Winde holen die Männer das Seil ein, an dem in Abständen fünf Körbe hängen. Metallstangen, grünes Netz – wie Mini-Fußballtore sehen sie aus, nur rundum geschlossen und mit trichterförmigen Öffnungen, durch die die Krabben hineinschlüpfen. Zum Köder in der Mitte. Königskrabben fressen, was ihnen in die Quere kommt: Muscheln, Schnecken, Algen, Seeigel, toten Fisch.

In den Körben rekeln sich die Krabben. Je größer, desto lahmer. Aber unter Wasser sind die Biester schnell – Taucher sagen, sie kämen kaum hinterher. Die Männer sortieren: Weibchen sind tabu. Nur Männchen bringen Geld, so sie mehr als 3,7 Kilo wiegen, keine Kratzer und noch alle Beine haben. Die meisten fliegen über Bord. Ein Salto, und die Krabben sinken hinab auf den Meeresboden. Von 25 landet eine in der Kiste. „Schlecht”, stöhnt Trond und geht an den nächsten Korb. So geht es immer weiter: Krabben sausen durch die Luft, Krabben kommen in die Kiste. Sonst ist es ruhig. Zeitlupenlahm kriechen Krabben durch die Fischbox.

„Egal, wie viel wir fangen, für jede Krabbe kommen Millionen nach”, sagt Trond. Er hält ein Weibchen hoch, das unterm Bauch einen dicken Klumpen dunkler Eier trägt. „Die kriegen wir nicht mehr weg”, meint Steve, „höchstens mit einer Atombombe.” Er zeigt Richtung Russland: „Davon gibt es da drüben ja genügend!”

Es sind gemischte Gefühle auf den Booten: Trond sorgt sich um die Fischbestände. Die Krabben fressen auch Laich. Die Eier der Lodde etwa, die der Kabeljau frisst. Andere sind froh: In den 80er Jahren war die See hier „schwarz” – so heißt es, wenn die Bestände überfischt sind. Fabriken schlossen, viele wurden arbeitslos. Mit der Krabbe kam neue Arbeit in die Finnmark, eine neue Einnahmequelle.

Das sahen sie auch in Oslo so und gingen nicht gegen die Krabben vor. Man ließ den Bestand wachsen. Jetzt sind die Königskrabben nicht mehr wegzukriegen. 1995 ging man von 300 000 Tieren aus – auf russischer und norwegischer Seite. Gezählt wurden nur Männchen ab 13 Zentimeter Panzerlänge. Elf Millionen sind es heute – das 37fache. Weibchen und Jungkrabben kommen noch dazu. Welchen Einfluss die Krabbe auf Dauer auf das Ökosystem hat, ist nicht abzusehen.

Die letzten Körbe sind eingeholt und wieder ausgelegt. Um 79 Krabben reicher nimmt die Havprins Kurs auf Bugöynes. Am Anleger steht ein Fischer mit Kaffeetasse. „In 30 Jahren sind sie in der Nordsee”, orakelt er. Es sollten mehr gefangen werden, findet er – finden viele. 280 000 darf Norwegen in dieser Saison aus der Barentssee holen, die Russen 500 000. Eine Kommission bestimmt die Quote. Westlich des 26. Längengrades, ab dem Nordkap, darf seit diesem Jahr frei gefischt werden, um den Sechsbeinern Einhalt zu gebieten.

IN DER KRABBENFABRIK surren die Gabelstapler. In der Saison von Oktober bis Dezember haben hier 15 Leute einen Job. Kisten werden herumgefahren, die Tiere gewogen, auf Qualität geprüft und mit ihrem Körper ruckartig auf eine scharfkantige Metallscheibe gedrückt. Ein Blitztod. Beine und Scheren werden abgetrennt, der Körper nicht weiter verwendet. Nur ein paar Mädchen holen sich ab und zu die Zähne, putzen und hängen sie an Bändchen – Krabbenketten zum Verkaufen.

Hinten in der Halle wird ein Teil der Beine und Scheren gekocht und sieht dann sofort hummerrot aus. Sie werden verpackt, gefroren und in alle Welt verschickt. 70 bis 80 Prozent gehen nach Japan – dorthin allerdings roh, denn die Japaner kochen sie lieber selbst. Viel geht nach Amerika, nur fünf Prozent nach Europa, nach Deutschland auch – wo sie ab 40 Euro das Kilo kosten.* Nichts für den Alltag, aber köstlich.

Oeyvind Seipñjñrvi sitzt in seinem Büro im Dorfkern von Bugöynes. An der Holzwand über dem Schreibtisch zwei Armbanduhren: „Tokyo” steht über der einen, „USA Vest” über der anderen. Pausenlos klingelt das Telefon. „Wie steht der Dollar heute?”, fragt Oeyvind in sein Headset und tippt den Kurs in die Rechenmaschine. Seipñjñrvi gehört die Fabrik. Er stammt aus Bugöynes, war mal Bankmanager in Tromsö und hat eine Marketingschule in Oslo besucht. Aus Liebe und Heimweh ging er zurück in seinen Heimatort, wo er Frau und vier Kinder hat – und die Fabrik.

Die Leute von Bugöynes seien bekannt, sich durchschlagen zu können, sagt er. Die Chance, die mit der Krabbe kam, witterten sie früh. „Sie gehört nicht hierher”, das sagt auch Oeyvind. Aber auch: „Wir haben gelernt, mit der Krabbe zu leben. Ja, wir leben immer mehr von ihr.” Die knapp drei Monate lange Fangzeit ist Hauptsaison in Bugöynes: 46 Prozent des Fabrikeinkommens wird mit den Schalentieren gemacht. Den Rest des Jahres wird Fisch verarbeitet: Kabeljau, Wildlachs, Seehase.

Mit der Krabbe unterm Arm ging Oeyvind in den ersten Jahren auf Reisen: nach Japan, Belgien, überallhin, lief in Restaurants und erzählte den Chefs seine Geschichte. Erfolgreich: Japan ist Oeyvinds Hauptkunde – obwohl der Transport dorthin sechs Wochen dauert. Während Ware aus Alaska, wo weit mehr Königskrabben gefangen werden, bloß zwei Wochen nach Japan braucht. Und Oeyvind sogar teurer ist („Niemand auf der Welt kriegt mehr für die Königskrabbe als wir”). Trotzdem kaufen die Japaner nicht allein in Alaska: Oeyvinds Tiere sind größer. Vielleicht, weil in der Barentssee nicht so viele gefangen werden.

Einmal im Jahr kommt eine Kundendelegation aus Japan zu Besuch. Die begutachtet jedes einzelne Krabbenbein. Wenn die Japaner Pause machen, steht auch die Fabrik still, erzählt Oeyvind lächelnd.

„Wir sind Teil einer irren Geschichte. Wenn man’s genau nimmt, sind wir auf ein Juwel gestoßen”, sagt er. Das Dorf, die arktische Umgebung und die Krabbe, die über den Meeresboden nach Norwegen lief und den Dörfern neues Leben einhauchte – „sie hat uns auf die Landkarte gebracht”, sagt Oeyvind. „Wir sind heute die Krabbenhauptstadt Norwegens.”