ROCK 'N' ROLL - An einem Strand vor unserer Zeit

> Andrea Walter

MARE No. 116, Juni/ Juli 2016

Jedes Jahr im August strömen 400 000 Menschen in die kleine Stadt Senigallia an Italiens Adria. Zehn Tage lang feiern und tanzen sie im Stil der amerikanischen 1940er- und 1950er-Jahre. Das „Summer Jamboree“ am Strand ist ein Fest ihrer Sehnsüchte, fröhlich, poetisch, authentisch

Was eigentlich ist das menschliche Sehnen? Ein Bedürfnis? Ein Wunsch? Ein Durst? Ein Trieb? Und wonach strebt es? Nach Ganzheit? Freiheit? Liebe? Sex? Dies nur vorweg. Der Zug rattert. Rimini liegt schon hinter uns. Es ist nicht mehr weit bis in die 1950er-Jahre. Ein paar Stationen noch. Vorbei an dem Sommergewitter, das sich gerade in dicken Tropfen vom Himmel stürzt. Dann sind wir da.

In Senigallia. Jenem Ort an der Adria, den ein Mann jedes Jahr Anfang August in eine Poesie verwandelt, in der alles wippt und tanzt und ein Leben preist, das längst vergangen ist und doch aktuell. Es ist „Summer Jamboree – the hottest rockin’ holiday on earth“, das größte Festival Europas zu Ehren der amerikanischen Kultur der 1940er- und 1950er-Jahre und des Rock ’n’ Roll. Aber es ist noch mehr. Es ist ein Ausflug zu den Wurzeln unserer Sehnsucht, die da lautet: irgendwie froh zu sein.

Und so steigt man aus der Bahn voller Menschen mit Tollen oder Hüten, Petticoats mit Polka-Dots und pralle rote Lippen dazu. Und fühlt sich, als mache man einen Zeitsprung. Man geht hinunter zum zartblauen Meer und trifft auf der Promenade die Flaneure. Einer schöner als der nächste und niemand in Eile. Sie schlendern, fahren Rad, die Herzdame auf dem Lenker, den Kumpel auf dem Gepäckträger. In der Luft die Süße des Südens und Rock ’n’ Roll, der aus Lautsprechern schallt.

Was ist das hier, fragt man sich – Traum oder Wirklichkeit? Und läuft weiter. Vorbei an dem Pulk eines Junggesellenabschieds aus Perugia. 44 Typen in Jeans mit Hosenträgern, darunter T-Shirts mit Warnschild – vor saufenden, pinkelnden, kotzenden Männchen. Die Stimmung ist gut, die Augen sind schon glasig. Einer spricht eine Frau an, sagt ihr, dass sie schön sei und, wäre da nicht der Ring an seinem Finger und die kleine Tochter zu Hause, „dann würden wir Liebe machen die ganze Nacht“. Man lacht, unterhält sich, wünscht sich Glück, macht ein Selfie, weiter geht’s, jeder seines Weges.

Dass die ganze Stadt voller Menschen in 1940er- und 1950er-Jahre-Kleidung ist, begreift man erst an einem der zentralen Plätze. Auf der großen Bühne wirft Bobby Brooks Wilson aus den USA seine Hüften in capriblauen Hosen hin und her und singt den „Twist“. Und sofort beginnt die Menge zu twisten. Dies, spätestens, ist der Moment, in dem es einen erwischt. Es wäre einfach, wenn man sich distanzieren könnte. Schmunzeln über die Retrorebellen, die sich hier versammelt haben. Doch das geht nicht. Weil etwas am Wirken ist, dass einen bezirzt. Ein Zauber.

Aber welcher? Sind es die Farben, die Rhythmen? Die Mischung aus italienischer Eleganz und amerikanischer Leichtigkeit, die unterm Mondschein verschmelzen? Oder die Tatsache, dass sich alle herausgeputzt haben? Kein Männerhintern verschwindet in Baggy Pants. Ein Mädchen im zitronengelben Rock fliegt beim Tanzen um ihren Partner, dem ins Gesicht geschrieben steht, dass er sie vergöttert. Sie, den Sommer, die Nacht und den Beat. Kaum jemand bleibt in diesen Nächten ungefragt, ob er tanzen möchte.

Und so tänzelt man weiter, zur Festung, in der eine Zeltstadt aufgebaut ist, mit Ständen, an denen es Klamotten und Platten und weitere Bühnen gibt. An einer Ecke, jedes Jahr derselben, steht ein silberner Wohnwagen. Darin Greg und seine Frau Asha aus Luton bei London. Jeder kennt sie. Greg ist Tätowierer, in der Mitte des Wagens steht sein Tätowierstuhl, hier sticht er all den Rockabillies ihre Schwalben, Pin-ups, Anker oder was auch immer sie sich wünschen, in die Haut.

Fragt man Greg, der „Everlasting Hope“ auf der Brust stehen hat, was er liebt an der Musik und der Szene, sagt er: „Du kannst zu moderner Musik nicht so mit einer Frau tanzen und mit ihr eine Verbindung aufbauen, wie du es zu Swing und Jive kannst.“ Trotzdem gehe es nicht darum, zurückzuschauen. Man lebe „im Hier und Jetzt“, aber möge einfach den Stil der 1940er- und 1950er-Jahre. Manche laufen das ganze Jahr über so herum, andere nur fürs Festival. „Aber wir lieben sie alle“, sagt Greg. Und überhaupt: „Wenn du nicht fühlst, was wir fühlen, gehörst du nicht hierher.“ Das sagt er nicht abschätzig, nicht so, dass man es als Ausschluss verstehen könnte, eher feststellend. „Aber du fühlst es!“ Und es stimmt, die Stadt scheint in diesen Tagen: Gefühl. Es geht um alles, nur nicht um Gleichgültigkeit.

So zieht man weiter. Vorbei an wippenden, schwingenden Körpern. Zu Klängen und Texten voller Schmalz und Witz. Vor einer Kulisse, die ein Filmset sein könnte. Nicht weit von hier: der Oldtimerparkplatz. Wer mit Baujahr 1969 oder älter angereist ist, darf hier vorfahren und parken – vor den Blicken der anderen. Es röhrt, dann stehen sie da, die Buicks, Cadillacs und Chevys, in Bonbonfarben, mit ausladenden Formen, aus denen sich Beinchen in Petticoats schwingen oder Männer mit weißen Unterhemden, den Kamm in der Hand, um die Tolle zu richten.

„Das sind noch richtige Autos“, sagt einer (Baujahr 1956 mit Freundin, sicher 20 Jahre jünger). „Die haben halt Charakter. Kein Einheitsbrei.“ Dafür nimmt man in Kauf, dass man Tage braucht, um hierherzukommen, aus Deutschland etwa, über den Gotthard oder den Brenner, mit Motoren, die 17, 18 Liter verbrauchen. Bobby Brooks Wilson auf der Hauptbühne singt inzwischen „Stand by me“ und ruft dem Publikum zu: „Love one another! Like you love yourself. And if you don’t love yourself – find somebody to love!“ Das Festival ist eine Hymne ans klopfende Herz.

Wer also ist der Mann, der die Sehnsucht nach Senigallia brachte?

Am ehesten findet man ihn abends neben der Hauptbühne. Da sitzt er, mit schwarzen, zurückgegelten Haaren, großer Brille und Hosen, die ihm fast bis zum Bauchnabel reichen, und feuert die Musiker an. Angelo di Liberto hätte der Verrückte des Ortes sein können, der mit 1940er-Jahre-Klamotten und Chevy durch die Gegend fährt – oder der, der die ganze Stadt in seine Leidenschaft einbindet. Das hat er getan.

Der Werbegrafiker mit eigenem Büro, Klamottenlabel und Laden, nebenbei DJ, wandte sich an die Stadtverwaltung, die stellte ihm den Garten einer Schule zur Verfügung. Das erste Festival stieg am 20. August 2000 und dauerte nur einen Tag. Es gab drei Stände, vier amerikanische Autos, es kamen 2000 bis 3000 Gäste. Heute läuft das Festival zehn Tage lang, und es kommen 400 000 Leute aus aller Welt. Angelo wiederholt das – „four hundred thousand!“ –, als könne er es selbst nicht glauben, und erzählt kichernd, wie einmal ein lokaler Obstverkäufer als Schlagzeuger für Chuck Berry einsprang. Es waren viele bekannte Leute hier: Ben E. King, Jerry Lee Lewis, Wanda Jackson, die Stray Cats. Auch Dita Von Teese hat schon eine Burlesque-Show gegeben.

Nur gegen ein Wort wehrt sich Angelo: Nostalgie. Das klinge negativ. Und treffe es nicht. Er habe einfach festgestellt, dass es in der Epoche der 1940er- und 1950er- Jahre viele Dinge gab, die ihm gefielen. Die Musik, die Farben, die Formen, die Jukeboxen, die Autos. Und „dafür gibt es ein Motiv“, sagt er und erzählt vom Willen zur Genugtuung und zur Erlösung, damals nach dem Krieg. Es ging um einen Neuanfang, man wollte sich die Welt zurückerobern; all das spüre man noch heute, in den Objekten, der Mode, der Musik – diese Fröhlichkeit. Und das Schöne an dem Festival sei, dass es diesen Dingen und Klängen gelinge, das zu übermitteln.

„Du triffst hier einen Haufen lebenslustiger Leute“, sagt er und spricht von der Energie und der Kraft, die der Rock ’n’ Roll bis heute hat. Und davon, dass er das mit allen teilen wollte. Die Konzerte sind gratis und offen für alle. „Wir umarmen jeden“, sagt Angelo. Und: „Bei uns gibt es mehr Liebe als in Woodstock!“ Er lacht und fügt hinzu: „Im Ernst, die Leute lernen sich kennen, verloben sich, kaufen Häuser, bekommen Kinder ...“

Dann klingelt sein Telefon. Er hat viel zu tun. In ein paar Tagen steigt die „Big Hawaii Party“, es ist die größte Veranstaltung des Festivals. Für die Gäste indes gehen die Tage dahin wie in einem zarten Sommernachtstraum. Die tägliche Choreografie ist ewig dieselbe. Tagsüber trifft man sich an der Strandbar „Mascalzone“, abends schlendert man ins Zentrum zu den Konzerten, nachts auf die Seebrücke zum Tanzen bis in den Morgen. Und die Stadt ist klein genug, um einander wiederzufinden.

Läuft man mittags am goldgelben Strand entlang, an dem ein hölzernes Seebad neben dem anderen steht, vorbei an endlosen Reihen bunter Sonnenschirme und Hotels, die an die echten 1950er erinnern, erschallt wieder Rock ’n’ Roll aus den Lautsprechern. Es gibt eine Tanzfläche, ein DJ legt auf, die Menge tanzt, auch bei 30 Grad. Auf den Liegen an den Pools rundherum liegt müde, aber immer stilvoll: tätowierte Haut.

Jeder Körper eine Leinwand voller Elvisse und flammender Herzen. Einer hat „Brainless Weirdo“ auf dem Bauch stehen, der nächste „It’s only Rock ’n’ Roll“. Anderswo räkeln sich Mädchen in Pinup- Bikins, die ihre Häupter und Zigaretten zu jeder Zeit mit Grazie halten. Eine junge Frau hat „Wirtschaftswunder-Fräulein“ auf dem Oberschenkel stehen, dort, wo die Pobacken enden. Und an der Bar fließen das Bier und der Aperol Spritz.

Irgendwann hat man in der Buntheit ein Auge dafür, wer den Stil das ganze Jahr überträgt und wer nur mal so mitmacht. Wer übers Tanzen zum Rockabilly kam, über die Rebellion oder die Mode. Aber es tut wenig zur Sache. Hier geht es allein um das, was eint. Es ist das Spiel und der Wille, die Zeit ein bisschen außer Kraft zu setzen.

An der Bar kommt es zu Gesprächen. „Halten Sie kalte Getränke bereit, wenn er nach Hause kommt“, zitiert eine junge Frau – halb Marilyn Monroe, halb Heimchen – ein Pin-up aus einer amerikanischen Zeitschrift aus den 1950er-Jahren. Und: „Denken Sie immer daran, dass seine Themen wichtiger sind als Ihre!“ Sie lacht laut. Und schiebt hinterher: „Kirche, Kinder, Küche – wir erfüllen heute nichts davon.“ Man weiß, dass man die Jahre, die man hier so hingebungsvoll nachahmt, idealisiert und verklärt. Sie sind so nie gewesen. Keine der sexy Grazien mit Wasserwellen möchte zurück an den Herd. Niemand denkt, dass Hawaii voller Hula-Girls ist.

Und doch ist da ein Sehnen. Es fallen Sätze, die von einem Zuviel oder Zuwenig erzählen in der heutigen Welt. „Früher war alles so klar“, sagt jemand. Gemeint sind die Geschlechterrollen. Eine Frau mit hinreißend schönem Augenaufschlag erzählt von dem IT-Unternehmen, bei dem sie angestellt ist. „Da arbeiten alle wie die Lemminge. Niemand flirtet mehr.“ Sie seufzt. „Das kann doch nicht alles sein!“ Und so schwingt die Frage mit, ob wir etwas verloren haben und ob wir es wiederfinden können beim Tanz am Meer.

Man scheint sich zu wehren gegen die Entzauberung des Lebens. Gegen das Funktionieren, die technische Omnipräsenz, obwohl jeder ein Smartphone hat. „Irgendwie mag ich es, dass die alten Autos nicht alles können“, sagt einer. „Dass da kein Navi drin ist, kein Schnickschnack.“ Der Rock ’n’ Roll scheint heute jene anzuziehen, denen es an Sinnlichkeit fehlt und an Poesie.

So wundert es nicht, dass allerorten geflirtet wird. Einer stellt sich als Pietro vor, „aber man nennt mich Elvis“. Er trägt schwarze Jeans, den schmalen Oberkörper nackt, die Haare und Koteletten nass vom Tanzen. Zu Hause habe er ein Zimmer nur mit Fotos von Elvis und Marilyn Monroe, sagt er, kommt beim Objekt seiner Begierde allerdings nicht weit damit.

Eine Frau am Rand der Tanzfläche erzählt einer anderen, sie sei froh, einem „Tedboy“ die falsche Nummer gegeben zu haben, „der wäre klebrig geworden“. „Du bist wunderschön“, sagt der Sänger einer Band zu einem Mädchen. „Ich habe dich gestern schon gesehen, du hattest ein weißes Kleid an mit Blumen darauf und am Abend einen pinkfarbenen Rock.“ Sie staunt. Er grinst. „Komm heute Abend zur West Side Stage, dann widme ich dir einen Song.“

Doch dann ist erst einmal der Tag der Hawaii-Party. DJs legen auf, und bald tummeln sich die Menschen auf einem großen Strandgelände etwas außerhalb der Stadt. Das Bier ist nicht billig, der Caipirinha wird zur Not mit weißem Zucker gemacht. Aber das ist egal. Die Leute tragen Hula- Ketten, die Luft ist voll von süßer Hoffnung und Mobiltelefonen, um Selfies zu machen.

Mit der Rockabilly-Szene hat die Hawaii-Party nicht mehr viel zu tun. Es ist eher ein Volksfest für die Jugend, die hier die Zeit ihres Lebens hat. Es wird getanzt, gelacht. Und alles dokumentiert.

Der Strand wird zur Bühne, zur Fiktion, die sich später auf Facebook und Instagram findet. Im Hintergrund rauscht das Meer so schön, und der Himmel ist rosa und die Musik beschwingt.

Dann spielen die Bands. An der Bühne krabbeln kleine Krebse hinauf. Die Sänger singen „You make me wanna shout“, und die Menge explodiert, als ginge es um Erlösung. Angelo steht daneben. „In der Stadt sind noch mehr Leute“, sagt er und schüttelt den Kopf. Als begreife er erst jetzt, wie glücklich er die Menschen macht. Später sieht man ihn durch die Menge laufen, die tanzt und singt. Er schlendert, als wandele er durch einen Traum. Seinen Traum. Seine Kreatur. Sein Woodstock. Sein Hawaii.

Am Strand entspinnen sich Liebesszenen, Hände werden gehalten, Sterne gezeigt, zarte Küsse getauscht. Jugendliche, randvoll mit Unschuld. Vielleicht werden sie irgendwann ihren Enkeln davon erzählen, von ihrer ersten Liebe am Strand von Senigallia, damals, in den „guten alten Zeiten“.

Ein paar Tage später werden die Autos dahin fahren, wo sie herkamen, zurück in ihre Garagen. Irgendwann wird das letzte bisschen Sand aus den Klamotten und Koffern verschwunden sein. Aber ein Same wird bleiben: dass er nicht tot ist, der Rock ’n’ Roll. Und, dass man sich der Zeit nicht ergeben muss. Sondern tanzen.