Die Kinder und die Bruchpiloten

> Andrea Walter

MERIAN, 01.06.2005

Papageitaucher sind miserable Flieger. Auf Heimaey sammeln die Inselkinder abgestürzte Jungtiere ein und geben den drolligen Gesellen Hilfe zum Neustart.

Sie sind jung und tappen im Dunkeln. Sie suchen. Die einen das Meer, die anderen das Abenteuer. Die einen flattern, die anderen rennen. Die einen fiepen, die anderen johlen. Laut. Aber erst, wenn es soweit ist. Wenn sie etwas erspäht haben. Bis dahin heißt es: Geduld.

Es ist kurz nach 23 Uhr, der Himmel über Heimaey dunkelblau. Die Straßenlaternen scheinen mild, genau wie die Lichter an den Fischfabriken, der Tankstelle und dem Fähranleger. Dazwischen huschen kleine Gestalten umher, in den Händen Taschenlampen und Pappkartons. Autos kreisen durch den Ort, im Schritttempo, am Golfplatz vorbei, im Hafen herum und wieder zurück. Saedis Birta, Sigurlaug, Patrick und Viktor quetschen sich auf der Rückbank von Sigis Kombi und recken die Hälse zum Fenster hinaus. Fünf

Runden drehen die Neun- bis Dreizehnjährigen schon mit Saedis Birtas Großvater durch die Straßen. Aber noch ist nichts in Sicht. ”Da!”, schreit Patrick. Sigi tritt auf die Bremse. ”Hvar, hvar, hvar?”, rufen die Kinder im Chor, ”wo, wo, wo?” Doch Fehlalarm: bloß ein altes Stück Papier, vom Winde verweht. Kein Papageitaucher. Immer noch nicht.

Wäre dies ein gewöhnlicher Abend, müssten Saedis Birta und ihre Freunde längst in den Betten liegen. Aber es ist Mitte August und da läuft alles etwas anders auf Heimaey, der einzig bewohnten der 15 Westmänner-Inseln. 4300 Menschen leben hier, südwestlich vor der Küste Islands. Die Kinder schwirren die ganze Nacht durch die Straßen. Die Eltern haben nichts dagegen. Im Gegenteil. Oft lassen sie es sich selbst nicht nehmen, dabei zu sein, wenn’s darum geht, den Papageitauchernachwuchs zu bergen, der bei seinen ersten Flugversuchen bruchgelandet ist. Immer um diese Zeit zu Tausenden nachts auf den Straßen von Heimaey.

Ein paar Wochen dauert die Saison der possierlichen Fluganfänger. Startplatz: Felsvorsprung. Hier auf der zerklüfteten, vulkanischen Inselgruppe lebt eine der größten Papageitaucherkolonien im Nordatlantik: drei bis vier Millionen weißbäuchige, schwarzflügelige Vögel mit bunt gestreiften Schnäbeln. Im Winter leben sie auf offener See. Aber im Frühjahr kehren sie zurück, zum Brüten auf den Felsen. Im August sind die Jungen flügge und breiten zum ersten Mal ihre Flügel aus. Und segeln hinunter zum Wasser. Eigentlich.

Wären da nicht die Straßenlaternen. Die kleinen Papageitaucher halten die Lichter für den Mond, der sich auf dem Meer spiegelt. Und sie fliegen ihnen entgegen. Nur eine Theorie natürlich, aber eine, die man gern erzählt.

Außerdem leuchtet sie ein. ”Sie sind unerfahren”, sagt ein Taxifahrer, der eben vor einem Jungtier scharf bremsen musste, ”sie machen halt Fehler!” Hier dürfen sie das. Schließlich gibt es die Inselkinder: Sie sammeln die verirrten Falschflieger auf, bevor sie in die Klauen von Katzen oder Raubvögeln geraten. Oder überfahren werden. Um Heldentaten aber geht es nicht allein – auch um Rekorde und darum, verdammt lang aufzubleiben.

”Pysjaaaa!”, ruft Saedis Birta jetzt, ”Papageitaucherbaby! „Opa Sigi stoppt, die Kinder stürmen aus dem Wagen. Hechten im Scheinwerferlicht dem Vogel hinterher. Der schlägt mit den Flügeln. Kommt nicht hoch. Versucht davonzurennen. Doch vergebens! Sigurlaug greift knapp daneben, aber Saedis Birta schnappt zu. Grinst und hält den flauschigen Vogel hoch. Die erste Beute ist gemacht. Ab in den Pappkarton – bevor sie entwischt. Für die Kinder von Heimaey gehört die alljährliche Rettungsaktion zum Inselleben wie das wechselnde Wetter und die hellen Mittsommernächte. Genauso wie es üblich ist, ausgewachsene Papageitaucher bei einer Mahlzeit zu verzehren. Am Rückspiegel in Sigis Auto hängt ein ausgestopfter Papageitaucherkopf, der bei jedem Bremsen schaukelt.

Kleine Gangskontrollieren die Gas sen. In weiten Kapuzenpullis, die Mützen tief ins Gesicht gezogen. ”Wie viele habt ihr schon?”, fragt einer. ”Vier”, triumphiert Sigurlaug aus dem Autofenster. ”So’n Mist, wir haben erst zwei”, entgegnet der Junge enttäuscht. Kichern im Auto. Für die Kinder geht es, wie gesagt, auch um Papageitauchersammeirekorde.

”Meiner ist eingeschlafen”, flüstert ein Junge im Schein einer Laterne. In der Hand hat er einen jungen Vogel, dessen Kopf zwischen seinen Fingern herunterhängt. Er legt ihn auf den Boden. Da regt sich nichts mehr. Der Junge steht einfach da. Niemand sagt was, auch seine Freunde nicht. Bis einer es nicht mehr aushält, die Taschenlampe zückt, in den Karton mit den anderen Vögeln leuchtet und sagt: ”Sorry, euer Bruder ist tot!” Und etwas später leise zu seinem Freund: ”Komm, wir suchen einen neuen.”

Es ist drei Uhr nachts und still geworden auf der Rückbank von Sigis Auto. Acht Papageitaucher haben die Freunde ergattert, für jeden zwei. Jetzt geht’s nach Hause, schlafen. Die Vögel werden in der Garage untergebracht.

Das Naturkundemuseum gleicht am nächsten Vormittag einem Papa geitaucherschlag. Kinder mit Kartons voller Vögel gehen im Minutentakt ein und aus. Neben der Museumstür hängt eine Papageitaucherwaage, im Büro gibt’s Formulare. Es wird gewogen, notiert und ein bisschen geprahlt. Eine Gruppe hat 21 Vögel gefunden. Respekt. Die Zahlen werden später von Biologen des Vestmannaeyjar Research Center auf der Insel ausgewertet. 1580 gerettete Papageitaucher zählten sie im Jahr 2003. ”Die Gewohnheit, junge Papageitaucher zu retten gibt es bestimmt seit 100 Jahren”, schätzt Kristjan Egilsson, der Direktor des Naturkundemuseums. Schon Kristjans Oma hat als Kind Papageitaucher aufgesammelt.

Trippelschritte hasten nach oben ins Museumsbüro. Kinder kommen zu Kristjan gelaufen und bringen ihm die Vögel, die verdreckt sind. ”Manchmal fallen sie in Ölpfützen”, erklärt Kristjan. Dann macht er sie sauber, mit Spülmittel. Bis sich das Fett im Federkleid nachgebildet hat, bleibensie einige Wochen im Museum. ”Ich bin hier so etwas wie der Doktor Dolittle”, sagt Kristjan und lächelt. Die Sorgenkinder hütet er in einem Wasserbassin, quasi einem Papageitaucher-Hotel mit ”Panoramafenster”: Auf die Wand, auf die die Vögel vom Bassin aus schauen, ist der Ausblick gemalt, den die kleinen Bruchpiloten sonst von Heimaeys Klippen aus auf die Inseln und das isländische Festland haben.

Es ist früher Nachmittag, Auto um Auto düst die Straße entlang, die zum Leuchtturm am anderen Ende der gerade einmal sieben Kilometer langen Insel führt. Der schwarze Sandstrand ist belebt von Familien und übersät mit Pappkartons, das Meer mit Papageitauchern gesprenkelt. Kinder greifen in Kartons. Lachen, johlen, holen aus mit beiden Händen und werfen. Auch Saedis Birta, Sigurlaug, Patrick und Viktor sind dabei, katapultieren einen Papageitaucher nach dem anderen in die Luft. Da flattern sie, als ginge es um Kopf und Kragen. Dann stürzen sie ab, klatschen auf die Wellen. Aber das macht nichts. Sie sind gute Taucher und Schwimmer.

Noch knapp eine Woche, dann sind die Papageitauchernächte vorbei und auch die Sommerferien. Dann ist es abends wieder ruhig auf den Straßen von Heimaey. Weil die Kinder früher ins Bett müssen und die Papageitaucher sich draußen auf dem Meer allein durchschlagen. In ein paar Jahren kommen sie wieder. Zum Brüten. Dann werden ihre Kinder fliegen lernen. Sie werden jung sein, Fehler machen, im Dunkeln tappen. Und höchstwahrscheinlich gerettet werden.

Info Papageitaucher

Die Nordatlantischen Papageitaucher (Fratercula arctica) werden bis zu 35 Zentimeter groß und höchstens 35 Jahre alt. Die Wintermonate verbringen die Vögel auf offener See. Sie sind hervorragende Schwimmer, können bis zu 58 Meter tief tauchen und ernähren sich von kleinen Fischen. In der Luft wirken sie hingegen mit ihren kurzen Stummelflügeln ein wenig tollpatschig, weswegen der bunte gedrungene Vogel auch ”Clown der Lüfte” genannt wird. Um den stämmigen Körper in der Luft zu halten, macht ein Papageitaucher 300-400 Flügelschläge in der Minute. Nistplätze sind selbst gegrabene Tunnel oder bis metertiefe Löcher, meist auf Felsvorsprüngen, die jedes Jahr erneut aufgesucht und besetzt werden. Papageitaucherpärchen sind sich ein Leben lang treu – vermutet man. Zwar trennen sie sich im Winter, finden im Frühling aber wieder zueinander. Findet das Männchen sein Weibchen nicht, sucht er sich ein neues. Taucht die alte Favoritin wieder auf, schickt er die Neue einfach weg.