Spuren am Polarkreis

> Andrea Walter

STERN, 02.02.2006

Stille und unberührter Schnee, ein Traum für Skifahrer. In Schwedens Norden wird er wahr, bei einer Wanderung auf dem Kungsleden, dem Königspfad von LAPPLAND. Und Abenteuer in weißer Landschaft sind auch garantiert.

[walter/leseprobenbilder/2.jpg]

Man kann sie hören, klar und deutlich: die absolute Stille. Man muss nur lang genug laufen. Und warten. Auf den richtigen Moment. Also warten wir. Und laufen.

Wir sind eine Karawane im weißen Nichts. Acht Menschen auf Tourenskiern. Winzig zwischen den Bergen Lapplands, die sich wie riesige Wellen wölben. Unsere Spur führt durch Täler, über Pässe, zugefrorene Seen. Mal kommt der Wind von vorn, mal von hinten, mal – urplötzlich – verschwindet er. Wer jetzt anhält und seinen Atem dazu, hört, dass man nichts mehr hört. Dass die Stille hier zu Hause ist, im nördlichsten Zipfel Schwedens, rund 200 Kilometer nördlich vom Polarkreis.

Bis dahin müssen wir uns gewöhnen. An den Morgengruß des Wanderführers Jörg: „Aufstehen! Es ist sieben Uhr und minus zehn Grad”, an den Weg zum Plumpsklo, den proviantbeladenen Rucksack, ans Schwitzen in Funktionsunterwäsche und an Knäckebrot. Jeden Tag Knäckebrot. Als Pausensnack.

Bis dahin folgen wir roten Kreuzen auf Pfählen, die den Weg markieren, und im Gänsemarsch unserm Vordermann. Dem Wanderführer, der norwegischen Kinderärztin, dem Tierpathologen aus Hannover, dem schwedischen Architekten, dem Modellbauer, dem Bibliothekar. Vor ein paar Tagen kannten wir uns nicht. Jetzt haben wir die Zivilisation verlassen und das Handynetz. Jetzt schlafen wir alle in einem Hüttenzimmer, lachen, kochen, schnarchen und bekleben einander die Füße – mit Leukoplast, gegen Blasen. Sieben Tage wandern wir auf nordischen Tourenskiern – wie Langlaufskier, nur etwas breiter und mit Stahlkante – über den Kungsleden, den bekanntesten schwedischen Fernwanderweg. Von Abisko nach Nikkaluokta, von Hütte zu Hütte, insgesamt 105 Kilometer.

Am dritten Tag schneit es, als liefe Frau Holle im Himmel Amok. Wir haben unseren ersten „Whiteout”. So heißt das Phänomen, wenn die Konturen der Berge mit dem Himmel verschmelzen. Wenn Horizont und Orientierungssinn sich trollen, wenn alles weiß ist und niemand mehr sagen kann, wo eben noch vorn, hinten, Norden oder Süden war. Und das Atmen schwerer wird, weil Kälte in die Lungen kriecht und sich ein mulmiges Gefühl einschleicht.

ICH MUSS AN MIKAEL DENKEN, den Autohändler, den wir vor der Reise in der Kneipe von Kiruna trafen: „Das ist, als würdest du in eine riesige Flasche Milch springen”, hat er erzählt. Und im Grunde nicht so ganz verstanden, warum wir den Kungsleden ausgerechnet im Winter und mit Skiern zurücklegen wollen. „Nehmt einen Schnee-Scooter”, schlug er vor. „Das geht schneller.” HÄTTEN WIR BLOSS, denke ich kurz.

Dann dreht der Wind, reißt der Himmel auf. Die Sonne kommt zurück, auch die Erinnerung: Ich wollte gar nicht schnell sein. Sondern Ruhe finden. Da dreht der Wind wieder, peitscht erneut. Doch wir schreiten weiter. Im trotzigen Trott.

Mit Schneebrillen, die beschlagen. Im Kopf den Willen durchzuhalten und den Traum vom Abenteuer einer Polarexpedition, im Mund den Geschmack des Schals, der das Gesicht verhüllt. Was ist eigentlich, wenn man mal muss? „Damen links, Herren rechts”, sagt Jörg, grinst und zeigt über die Ebene. Na toll, denke ich, während Schneeflocken mir in den Hintern beißen. Warum hat die Natur es den Männern so viel leichter gemacht?

Mittagspause! Wir müssen einen Windschutz bauen”, ruft Jörg wenig später. Damit wir beim Rasten nicht abkühlen. Wir zücken Klappspaten und graben knietiefe Gruben. Am Tag zuvor haben wir es geübt – bei Sonne. Und drüber gelacht.

Wir setzen uns zu zweit nebeneinander, die Füße auf dem Grubenboden, den Hintern auf der Schneekante, Isomatten als Sitzunterlage, die Skier daneben gesteckt, den Windschutz oben drübergestülpt – ein orangefarbenes Minizelt. Darunter wir, mitheißem Kakao aus der Thermosflasche, Knäckebrot, beschmiert mit Weichkäse aus der Tube.

Und wir sind stolz, keine Weicheier zu sein. „Wie ein Cowboy, der abends ins Fort geritten kommt”, fühle er sich, schwärmt Florian, als wir am späten Nachmittag die Hütte erreichen, „nach einem langen Tag der Gefahr.” „Duktig”, sei die Gruppe gewesen, sagt Arne bei der allabendlichen Besprechung am Hüttentisch – tüchtig auf Schwedisch. „Das heute war schon toll”, protzt Stephan. „Aber so ein richtiger Schneesturm, der wär schon noch was!” ABER ERST GEHT ES IN DIE SAUNA.

Holz knackt im Ofen, heißer Aufgussdampf legt sich auf die Poren, zusammen mit wohliger Zufriedenheit. Etwas später sitzt Frank am Hüttentisch und schneidet den Schinken, den er als Überraschung für uns mitgeschleppt hat. Und Jörg kramt eine Plastikflasche mit Whisky aus dem Rucksack. Für jeden einen Schluck – zur Feier des Tages. Die Stube füllt sich mit anderen Wanderern, dem Geruch von Holzfeuer und Spaghetti mit Tomatensauce. Wir essen, als gäbe es kein Morgen – frische Luft macht hungrig. Und volle Bäuche machen müde. Dabei ist es noch nicht einmal zehn.

Einsam ist es in den Bergen Lapplands. Und doch hält man hier und da einen Schnack. Mit Urlaubern auf Hundeschlitten. Mit einem Samen, der Adler und Vielfraße mit seinem Schnee-Scooter verscheucht, damit sie seine Rentierherde in Ruhe lassen. Mit einer Schulklasse auf Wildnis-Kurs und mit Hüttenwarten. Woher kommt ihr? Wohin wollt ihr? Wie läuft’s? Rolf und Britt-Marie zum Beispiel, eigentlich selbstständige Unternehmensberater in Stockholm, aber acht Wochen im Jahr in den Bergen. Da übernimmt das Paar den Betrieb von Berghütten, sorgt dafür, dass im See ein Eisloch zum Wasserholen ist, hackt Holz, räumt, repariert und erklärt Gästen die Hütten-Regeln (vor Verlassen der Unterkunft müssen Wasserbottiche und Holzvorräte wieder aufgefüllt sein!). Was so schön daran ist, hier oben zu hausen?

„Keine E-Mails”, sagt Rolf und lächelt so zufrieden, dass ein Buddha neidisch werden könnte. „Es ist gut für den Kopf, Gedanken einmal zu Ende zu denken”, sagt Britt-Marie. „Ohne ständig unterbrochen zu werden.” Tagsüber ist jeder von uns allein. Mit sich und seinen Gedanken, die kommen, gehen und manchmal zum Stehen kommen, während man weitergeht, fast ein bisschen schwebt. Ein Glücksgefühl von Freiheit, frischer Luft, gleichförmigen Bewegungen und Gelassenheit.

Schritt für Schritt ändert sich der Blick. Wer lang genug in den Schnee schaut, sieht, wie viele Farben Weiß haben kann. Da gibt es das glamourös glitzernde, das sich in der Sonne aalt, das reine, das coole blaue, das grimmig-graue im Schatten der Wolken oder das nass-träggelbe, wo Schlittenhunde gepinkelt haben.

Für Dinge wie „Krieg” gibt es kein Wort in der Sprache der Samen, der Ureinwohner Lapplands. Dafür gibt es 90 verschiedene Ausdrücke, um Schnee zu beschreiben: Dicke Schneeklumpen, die an Häusern kleben, heißen zum Beispiel „bulltje”, jungfräulicher Schnee ohne Spuren heißt „Ã¥ppÃ¥s”.

Die Sonne scheint, und die Norwegerin Cathrine greift zum Spaten. Sie hebt am Hang eine Schneebank aus, auf der alle Platz haben – ein „norwegisches Sonnensofa”, erklärt sie. Und nicht nur das: „Norwegian Style” ist es auch, zur Rast den Schlafsack rauszuholen und sich darin einzukuscheln, während Schokolade die Runde dreht. Zwei kurze Pausen machen wir jeden Vormittag, eine lange Mittagsrast und zwei kurze Pausen am Nachmittag.

Wanderführer Jörg gibt das Pausen- Kommando. Und achtet darauf, dass alle genug trinken. „Wir brauchen mindestens zwei Liter Wasser am Tag”, sagt er. „Das ist wichtig.” Gegen das Austrocknen.

BALD SCHON HABEN WIR den letzten Abend, bevor wir zur Bergstation Kebnekaise kommen, zurück zum Luxus und zum Trubel. Denn dort muss kein Holz mehr gehackt werden. Dort fließt das Wasser aus der Leitung, es gibt ein Restaurant und Leute, die Heli-Ski fahren – mit dem Hubschrauber auf den Berg, mit Skiern hinunter.

Doch jetzt sind wir noch in einer einsamen Hütte, ein Schneehuhn stakst vor dem Fenster. Jetzt haben Cathrineund Florian das Abendessen gemacht, Kerzen stehen auf dem Tisch, die Gruppe sitzt schon drum herum. Bis auf Frank, der kommt als Letzter, vom Wasserholen. Nimmt die Mütze ab, zieht die Handschuhe aus und sagt: „Na, Familie.” Weil man sich eben so fühlt, wenn man gemeinsam die Zivilisation verlässt, Tag und Nacht aufeinander hockt.

Nach dem Essen bleiben die Männer sitzen. Sie philosophieren. „Man erlebt so viel, weil man so wenig erlebt”, sagt Jörg. „Das war jetzt Konfuzius, oder?”, frotzelt Florian.

Und in solchen Momenten hat man auch schon alles vergessen: Knäckebrot, Plumpsklos und Minusgrade. Man lächelt. Zufrieden. Und weiß nicht einmal, ob man wirklich schon zurückwill. Dorthin, wo die Stille ein Ende hat und das Handy Empfang.