Ein Anflug von Widerstand

> Sebastian Kisters

Tagesspiegel, 5. Februar 2008
Der Protest gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens ist Legende. Jetzt soll eine neue Bahn gebaut werden. Die Anführer des Aufstands schlafen nicht mehr auf Bäumen. Sie lesen Akten. Aber es gibt da ein Dilemma: Die, die unter dem Ausbau leiden, leben auch von ihm.


Das Versprechen auf eine Zukunft ist 60 Meter hoch und gelb. Der erste Baukran am Frankfurter Flughafen steht längst da. Viele weitere werden folgen und sich in den Himmel recken wie Ausrufungszeichen: Hier wird bald eine der größten Baustellen der Republik aufgemacht! Hier entstehen Jobs! Optimisten sprechen von 40 000! Vier Milliarden Euro will der Flughafen in eine weitere Landebahn investieren, in ein neues Terminal und ein Büro- und Einkaufszentrum. Der Protest gegen die gigantischen Wachstumspläne wird im Verborgenen vorbereitet.

Frankfurt ist der Ort in Deutschland, der Protestkulturen hervorgebracht und geprägt hat. Zuletzt in den 80er Jahren. Damals ging es um die Startbahn West. Jetzt um die Landebahn Nordwest. Sie wäre die vierte Piste auf dem Rhein-Main-Airport. Noch hat der Bau nicht begonnen. So schlägt in diesen Tagen die Stunde der Anführer eines neuen Protests. Sie bauen keine Hüttendörfer mehr, sie schlafen nicht mehr auf Bäumen, sie mobilisieren keine Massen mehr. Sie lesen Akten.

Bis Freitag noch können Klagen gegen die Ausbaupläne eingereicht werden. Bis dahin wird allein die Stadt Offenbach mehr als eine Million Euro in Anwälte und Fachleute investiert haben, um für ein bisschen Stille über der Stadt zu kämpfen. Und dafür, auch künftig die Zukunft der Stadt selbst zu bestimmen.

Offenbach wird schon jetzt bis zu 700 Mal täglich in geringer Höhe von landenden Flugzeugen überflogen. Bei einer weiteren Landebahn könnte es rund 1000 Mal täglich über der Stadt dröhnen. „Wir können doch nicht die Lärm-Müllkippe der Republik werden“, sagt Paul- Gerhard Weiß, und bei diesem Satz rauscht seine Hand auf den Schreibtisch. Er ist sonst ein besonnener Mensch. Sachlich, unaufgeregt, höflich. Als Stadtrat ist er in Offenbach Flughafen-Beauftragter. Frankfurts Nachbarstadt hat den wichtigsten verbliebenen Trumpf gegen die Flughafenerweiterung in der Hand. Dieses eine Argument, von dem Weiß hofft, dass es Richter überzeugt, den beschlossenen Ausbau zu stoppen: „Wenn die neue Landebahn kommt, unterliegen 75 Prozent des Stadtgebiets Siedlungsbeschränkungen. Das heißt: Da können wir wegen des Lärms keine Schulen, Krankenhäuser oder Kindergärten mehr bauen, keine Wohngebiete ausweisen! Wir würden unsere Planungshoheit verlieren. Ich kenne keine Großstadt in Europa, wo es das in diesem Umfang gibt.“

Paul-Gerhard Weiß ist FDP-Mitglied. Seine Partei gehört zu den entschiedensten Befürwortern des Ausbaus – in Wiesbaden zumindest. Doch außerhalb der Landeshauptstadt zählt für Politiker das Argument, nicht mehr das Parteibuch. „Wir haben da unsere eigene Meinung“; sagt Weiß. „Das wissen die in Wiesbaden auch und akzeptieren es.“

Egal, wer künftig in Wiesbaden regieren wird, der Planfeststellungsbeschluss für den Ausbau steht. Die Ankündigungen aus dem Hessen-Wahlkampf, zumindest ein absolutes Nachtflugverbot nachträglich durchzusetzen, klingen jedenfalls nicht nach knallhartem Widerstand. „Es wird jetzt schwer“, sagen die Grünen, „es wird geprüft“, sagt die SPD.

Paul-Gerhard Weiß sagt: „Wir werden keine Massen für Demonstrationen mehr gegen den Ausbau mobilisieren können wie noch bei der Startbahn West. Die Zeiten sind vorbei. Diesmal geht es um handfeste Argumente mit juristischem Gewicht.“ Den Ausbau-Kampf der neuen Generation führen Anwälte an. Weiß hält das für einen Vorteil.

Auf 23 Seiten wurde damals die Startbahn West genehmigt. Heute braucht es 23 Aktenordner, für 2515 Seiten Genehmigungsunterlagen. Bevor beim bisher letzten Ausbau in den 80er-Jahren die Bagger rollten und Sägen kreischten, gab es einen nie da gewesenen Protest. Es war die Zeit von Walter und Käte Raiß. Die beiden haben mit Freunden über 220 000 Unterschriften gegen die Startbahn West gesammelt und eine Kirche aus Holz im Wald gebaut, um Bauarbeiter und Polizisten aufzuhalten.

Es sprudelt, wenn das Paar von jener fernen Zeit erzählt: „Wir haben noch eine enge Verbindung zum Wald, nicht wahr, Walter!“ – „Zum Beispiel nach dem Krieg. Da haben die Menschen Bucheckern gesammelt und Öl daraus gepresst. Viele brauchten den Wald zum Leben.“ – „Und dann wollten die diesen Wald fällen. Wir sind bis an den Rand der Legalität gegangen, um das zu verhindern. Aber nie darüber.“ – „Wie sagst du immer, Walter? Du musst Polizisten in die Augen schauen, dann kriegst du auch keinen Knüppel ab.“ – „Die waren fair, und wir waren es auch.“ – „Aber weißt du noch Walter, als du das Reizgas ins Gesicht bekommen hast?“ – „Ach ja. Wissen Sie, man muss die Erde schützen. Wir leben nicht für uns, sondern für die kommende Generation.“

Walter und Käte Raiß sind typische Vertreter der Protestkultur der 80er Jahre. Als plötzlich nicht mehr bloß langhaarige Studenten auf die Straße gingen. Als Ökologie plötzlich so wichtig war wie Ökonomie. Als eine neue Partei rund um den Frankfurter Flughafen auftauchte: die Grünen. Eine ihrer Wurzeln führt zur Startbahn West.

Die alte Kirche aus Holz duckt sich heute in eine Kiefernlichtung bei Mörfelden-Walldorf, der Heimatgemeinde von Walter und Käte Raiß. Sie wurde dorthin verfrachtet, um zumindest als Symbol des Widerstandes zu überleben. Wenige Kilometer entfernt starten und landen Flieger. Walter Raiß hat einen Schlüssel.

Einen Schritt durch die Holztür. Und es ist still. 50 Menschen passen in die Kirche. Es riecht nach Wald und Lagerfeuer und Wanderurlaub. Rote Gesangsbücher liegen auf einer Fensterbank.

Im Sommer 1980 haben Menschen in 70 Hütten gewohnt. Dort, wo sich heute eine vier Kilometer lange Betonpiste ins Grün schiebt: die Startbahn West. Ihr Leben im Wald haben sie gemalt, die Protestler von damals. In sattem Rot und Grün und Gelb. Große Bäume, Menschen, eine Art Dorfplatz, umrahmt von kleinen Häusern aus Holz. Die Bilder, die heute in der Kirche hängen, erinnern an naive Kunst.

Am 2. November 1981 wurde das Hüttendorf geräumt. Über 100 000 Menschen demonstrierten anschließend in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden gegen die Startbahn West. Am 12. April 1984 wurde sie eröffnet.

Draußen, vor der Kirche, weht der Wind das Brausen und Tosen des größten deutschen Flughafen herüber. Rund eine halbe Millionen Flieger sind in Frankfurt im vergangenen Jahr gestartet und gelandet. Die drei Berliner Flughäfen kommen zusammen gerade einmal auf die Hälfte. Frankfurt gehört zu den zehn wichtigsten Frachtflughäfen der Welt.

Experten gehen davon aus, dass im Jahr 2020 doppelt so viele Passagiere und Frachtgüter durch die Welt fliegen werden wie heute. Der hessische Wirtschaftsminister Alois Rhiel von der CDU hat die Genehmigung für den Frankfurter Flughafenausbau mit den weit über die Region hinausreichenden Entwicklungschancen des Flughafens begründet. Befürworter sehen den Ausbau als Projekt mit nationaler Dimension. Weltweit würden Flughäfen erweitert oder neu gebaut. Dubai zum Beispiel gönnt sich gerade einen neuen Airport mit sechs Bahnen. Die arabische Fluggesellschaft Emirates glänzt schon jetzt mit einem Wachstum von 30 Prozent. Dubai ist, wovor die Frankfurter Flughafenmanager Angst haben. In der Wüste wird ein Airport entstehen, der um Umsteigepassagiere wirbt, die derzeit noch in Frankfurt zum Stop- and-Go einfliegen. Deutschlands Luftverkehrsdrehscheibe will den Anschluss nicht verlieren.

Es geht um Wachstum, um Wohlstand. Aber auch um die Frage, wie viel Lärm eine Region dafür ertragen muss.

Viele Jahre lang sollte es einen Kompromiss geben. Ausbau ja – aber dafür ein Nachtflugverbot. Kein Fluglärm mehr über den geplagten Städten zwischen 23 Uhr und fünf Uhr früh. Ministerpräsident Roland Koch hatte es versprochen. Immer wieder. Geglaubt hatte kaum jemand daran. Schließlich wurde den Menschen in der Region nach dem Bau der Startbahn West auch schon einmal gesagt, es würde keinen Ausbau jenseits des bestehenden Geländes mehr geben. Die Skeptiker behielten recht.

17 Flüge sollen nun erlaubt werden in den sechs vorgesehenen Ruhestunden. Kaum einer in der Region kann noch glauben, dass es nicht mehr werden. Und doch gibt es keinen Massenaufschrei mehr an den Start- und Landebahnen. Es liegt an diesen Kränen, die Arbeitsplätze versprechen. Und schon jetzt sucht allein die Lufthansa hunderte neue Mitarbeiter: Ingenieure, Piloten, Menschen, die in Hallen die Flugzeuge putzen. Schon jetzt gibt der Flughafen rund 70 000 Menschen Arbeit. Er ist einer der größten Arbeitgeber Deutschlands.

In einer lärmgeplagten Gemeinde sagt ein Kommunalpolitiker hinter vorgehaltener Hand: „Wir wissen, dass wir einige Nachtflüge und den Ausbau brauchen. Der Flughafen gibt sehr vielen Menschen einen sicheren Arbeitsplatz. Aber wer das alles offen sagt, begeht politischen Selbstmord. Nur, wenn Gerichte entscheiden, können wir alle unser Gesicht wahren. Und später sagen, man habe ja alles probiert.“

Es gibt Menschen, die es ernst meinen. Paul-Gerhard Weiß und seine Anwälte in Offenbach etwa. Er sagt: „Wir müssen eine Grenze der Belastung definieren. Sonst kann das doch ewig so weitergehen. Es ist doch jetzt schon klar, dass heimlich eine fünfte Bahn geplant wird.“ Oder Familie Raiß. Sie waren kürzlich in Wiesbaden auf einer Demonstration gegen eine neue Bahn, wie 1981. Nur waren diesmal bloß 2500 Menschen da.

Walter und Käte Raiß sind Getriebene. Und sie wollen ein bisschen von dem weitergeben, was sie treibt: Vor mehr als 30 Jahren saßen sie mit einem jungen Wissenschaftler zusammen, der sagte: „Wenn es immer nur um Wachstum geht, immer mehr Öl verbraucht wird, dann wird sich das Klima ändern. Der Meeresspiegel wird steigen, die Wüsten werden sich ausbreiten, es wird weltweit heftige Stürme geben!“ Walter Raiß blickt in den Himmel. Flugzeuge überziehen ihn mit Kondensstreifen, es sieht aus, als verschnürten sie ihn. Raiß sagt: „Wissen Sie, wir haben damals schwer glauben können, was der Wissenschaftler gesagt hat. Aber wenn Sie dann erleben, dass das Wirklichkeit wird – dann macht das Angst.“

Im Frühling werden er und seine Frau nahe den Start- und Landebahnen wieder Bäume mit Schülern und Konfirmanden pflanzen. „Das machen die immer gerne“, sagt sie. Viele der Kinder werden ein Schulpraktikum beginnen, später vielleicht eine Lehre anfangen, einen Job finden. Am Flughafen.

Der Ausbau wird kommen. Die Menschen rund um den Flughafen werden darunter leiden. Und davon leben.