Schwarzer Sand, helle Zukunft

> Sebastian Kisters

Tagesspiegel, 30. März 2007
Öl, tief unten in der Erde: In Kanada lagern die zweitgrößten Reserven der Welt. Nun werden sie erschlossen. Ein Land im Rausch.


Bis zum Feierabend hatte nichts darauf hingedeutet, dass dieser Tag im kanadischen Calgary für Justin noch ein schlechter werden sollte. Wie immer hatte er als Kellner im „Moxie’s“ 350 Dollar in zehn Stunden verdient. Es war Winter, es war Freitag, es war Zeit, endlich Karten für das nächste Spiel der Calgary Flames zu holen, des berühmten Eishockeyklubs der Stadt. Am Fanshop aber klebte ein Zettel an der Tür: „Geschlossen! Bis wir wieder Mitarbeiter haben.“ „Shit“, rief Justin und stieg in seinen Pickup, um im Süden der Stadt Karten zu bekommen. Immerhin, dachte er, liegt Wendy’s auf dem Weg, ein Fastfood-Restaurant. Der 28-Jährige steuerte auf den Drive-in-Schalter zu. Aber da hing wieder ein Zettel. „Sorry! Uns fehlen Mitarbeiter für diesen Schalter.“

Dieser Tag ist jetzt gut zwei Monate her. Justin steht im „Moxie’s“ und schüttet ein Feierabendbier hinunter. Er hat das Gesicht eines Jungen, der für Kinderschokolade Werbung machen könnte. Jetzt aber kneift er die Augen zusammen, so dass sich dicke Falten bilden. „Den Drive-in zu schließen! Das ist das Letzte! Ich sag dir was: Hier ist die Hölle los, und es wird immer schlimmer.“

Während sich der Mann in Rage redet, kommen immer mehr Menschen mit Bieren und Geschichten dazu; erzählen von Polizeihubschraubern, die nicht mehr fliegen, weil die Piloten jetzt für Ölfirmen im Norden der Provinz arbeiten, oder von Buslinien, die stillstehen, weil die Fahrer lukrativere Jobs an den Ölfeldern gefunden haben. Es sind Geschichten vom vielleicht letzten großen Rausch des Ölzeitalters. Er tobt derzeit im Westen Kanadas in der Provinz Alberta.

Der Boom kommt aus fetten Sandschichten. Darin lagert im Norden Albertas Öl, es sind die zweitgrößten Reserven der Welt. Lange Zeit waren die Vorkommen nutzlos. Denn aus Ölsanden den teuren Rohstoff zu gewinnen, ist sehr teuer. Doch seitdem sich der Preis für ein Barrel Öl – 159 Liter – von rund zehn US-Dollar seit Ende der 90er Jahre auf zwischenzeitlich über 70 Dollar erhöht hat, ist die Förderung von Ölsand ein lohnendes Geschäft. Jetzt wird der Schatz gehoben.

In den kommenden acht Jahren will die Ölindustrie in Alberta rund 92,6 Milliarden kanadische Dollar investieren, fast 60 Milliarden Euro. Zehntausende Arbeitsplätze entstehen, zehntausende Menschen ziehen in die Region. Die müssen irgendwo leben, einkaufen, wollen ins Kino und in Kneipen gehen. Also wird überall gebaut, und jeder Bauunternehmer, jede Pizzeria, jede Bank versucht der Konkurrenz Mitarbeiter abzuwerben. So kommt es, dass Kellner wie Justin bis zu 50 Dollar in der Stunde verdienen. Das Öl schmiert die Wirtschaft. Überall. Die „Financial Times“ diagnostizierte kürzlich, was sich derzeit in Alberta abspiele, sei „vergleichbar mit dem Goldrausch von 1897“.

Rund 500 Kilometer nördlich von Calgary liegt der Ausgangspunkt des Booms: Fort McMurray, ursprünglich ein Pelzhandelsposten. In den 60er Jahren lebten hier gerade einmal 1000 Menschen. Heute sind es über 60 000, in vier Jahren sollen es 100 000 sein. Rund um die Stadt sieht es aus wie beim Braunkohletagebau in der Lausitz oder am Niederrhein. Bagger, so groß und schwer wie zwei Jumbojets, fressen sich in die Erde. In die größten Ölsandfelder der Welt. Mit riesigen Schaufelrädern wird das klebrige Gemisch aus Bitumen, Sand, Wasser und Lehm abgebaut. Riesige Laster fahren damit in Raffinerien. Die Vorkommen im Westen Kanadas werden auf rund 179 Milliarden Barrel geschätzt. Hier lagert fast so viel Öl wie in ganz Saudi-Arabien. Manche Experten meinen gar, es könnte mehr sein.

Eine Farm südlich von Fort McMurray: Draußen ist es sternenklar. Der Schnee auf den Feldern funkelt, als wäre Smaragdstaub vom Himmel gefallen. Die Farmerin Susanne Hoffmann, sie ist vor Jahrzehnten aus Deutschland ausgewandert, gießt Tee ein. Der Rausch hat hier viele Farben. Sie schwimmen an diesem Abend in der Tasse. „Ach“, sagt die 68-Jährige, „da haben sie beim Bohren wohl wieder unsere Wasserader getroffen.“ Jede Farm pumpt Wasser aus eigenen Quellen in die Häuser. „Und immer öfter schwimmt da jetzt ein dünner Ölfilm drauf.“ Susanne Hoffmann benutzt Wasserfilter, sobald ihr der Tee zu bunt wird.

Der Ölboom ist hier in eine zweite Phase getreten: Es werden nicht nur die oberflächennahen Sande im Tagebau abgebaut, auch tiefer liegende Schichten werden nun erschlossen. Dazu sind Bohrungen in bis zu 800 Meter Tiefe nötig, wo mehr als drei Viertel der kanadischen Ölsande liegen. Durch die Bohrlöcher wird heißer Dampf in den Sand gepresst, der das Öl löst, so dass es nach oben gepumpt werden kann. Das Verfahren ist aufwendig. Es verbraucht viel Wasser und noch mehr Energie. In Alberta wird in diesen Tagen darüber diskutiert, extra ein Atomkraftwerk dafür zu bauen. Derzeit werden täglich rund eine Million Barrel Öl produziert, 2015 sollen es mindestens 2,6 Millionen Barrel sein, vielleicht sogar fünf Millionen. An der Nachfrage wird es nicht scheitern. Die Amerikaner betrachten die mächtige Präsenz ihrer Ölfirmen an Kanadas Ölsanden als strategische Investition in ihre Energiesicherheit.

Natürlich wollen auch die Farmer von all dem Spektakel mehr haben als nur den Beigeschmack im Tee. Sie versuchen mitzuverdienen. Einer hat sein Land schon aufgegeben. Mit schweren Maschinen, die er einst zur Ernte brauchte, fährt er jetzt Ersatzteile für Ölfirmen von Feld zu Feld. 1800 Dollar bekommt er dafür am Tag. Auch wenn eine Ölfirma gedenkt, Pipelines über das Land eines Farmers zu legen, wird nicht gegeizt. Bereits für ein unverbindliches Gespräch werden Schecks in Höhe von bis zu 300 Dollar überreicht. Als kleine Geste, dass man sich Zeit für die Ölgesellschaft genommen hat – wo etwaige Pipelines später tatsächlich verlaufen, steht da noch gar nicht fest.

Das ganz große Geld machen die Farmer allerdings nicht. Sie besitzen zwar Wegerechte, die wertvollen Mineralrechte liegen jedoch fast ausschließlich bei der Provinz. Alberta ist dadurch seit einigen Jahren schuldenfrei. Der Premierminister überwies vor zwei Jahren allen Einwohnern Albertas 400 Dollar, als kleines Geschenk am Rande des Wirtschaftsbooms.

Und der Aufschwung wuchert, schon hat er das Meer erreicht, Vancouver Island zum Beispiel. Hier liegen die Postkartenstrände, an die der Pazifik Baumstämme spült. Sie türmen sich im milden Sonnenlicht wie Mikadostäbe, dahinter erheben sich bewaldete Berge, auf deren Spitzen Schnee liegt. Tofino ist einer der schönsten Orte der Welt. Aber Tofino ist einer der schlechtesten Orte der Welt, um ein Haus zu bauen. „Es ist wirklich verrückt!“, sagt Carmen und zeigt aus ihrer Galerie am Hafen ins Städtchen hinauf. Seitdem ihre Knie nicht mehr so wollen, hat die Galeristin immer einen dünnen Spazierstock bei sich. Sie knallt ihn gerne auf den Boden, wenn sie etwas bekräftigen will. Er gibt den Takt ihrer Wut vor.

„Stell dir vor. Ich habe da oben ein kleines Haus gebaut. Für mich und meine Schwester. Und – wie lange hat es gedauert, bis es fertig war? Zwei Jahre!“ Rums! „Zwei Jah-re!“ Und wieder kracht ihr Stock auf den Boden. „Du wirst verrückt hier. Der nächste Elektriker, der zu bekommen ist, wohnt 120 Kilometer entfernt!“ Rums. Und der kümmert sich natürlich lieber um Großaufträge als um kleine Häuser. „Bring mir einen Elektriker“, sagt Carmen, „ich garantiere ihm Arbeit für mindestens zehn Jahre bei uns im Ort!“ Aber viele Handwerker seien fortgezogen. Nach Alberta oder Whistler, wo neue Straßen, Häuser und Sportplätze für die Olympischen Winterspiele 2010 gebaut werden. Zwei Regionen, die wie Magnete Menschen anziehen.

Im Zentrum des einen Magneten sitzt der deutsche Konsul Jacobus Bouwman und isst zu Mittag. Petroleum Club Calgary – hier speisen die Damen und Herren, die den Boom verwalten. Von außen sieht der Club aus wie ein misslungenes Experiment aus Spritzbeton, von innen wie ein Stück Buckingham Palace. Es gibt Putenbrust mit Preiselbeeren und einen ratlosen Blick von Bouwman: „Ich verstehe nicht, warum sich nicht viel mehr junge Deutsche auf den Weg nach Kanada machen, um hier Arbeit zu suchen. Hier werden vor allem Handwerker gebraucht. Und der Ölboom schlägt in Wellen auch auf viele andere Bereiche durch.“ Vor allem auf den Bausektor.

Die kanadische Regierung hat deshalb die Einreisebestimmungen gelockert. Menschen unter 35 dürfen sich in Kanada einen Job suchen und ein Jahr bleiben. „Wenn die Leute gut sind, wird ihre Firma den Antrag stellen, dass sie noch ein Jahr bleiben dürfen“, sagt Bouwman. „Und danach können kanadische Firmen sagen: Wir brauchen den Mann oder die Frau, gebt ihm bitte eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis! So läuft das hier.“ Ein Elektriker zum Beispiel, sagt Bouwman, würde sofort Arbeit finden. Jahresgehalt: Etwa 80 000 Dollar. Noch gefragter seien Schweißer. „Da sind auch 150 000 Dollar im Jahr drin.“

1988 waren die Olympischen Winterspiele in Calgary. Das Feuer brannte damals auf dem 191 Meter hohen Calgary Tower. Wer seitdem regelmäßig wiedergekehrt ist, um von dem Turm in die Prärie und die nahen Rocky Mountains zu blicken, hat gesehen, welche Folgen der Ölrausch hat: Die Stadt greift wie eine Krake ins Grasland, sie wächst und wächst, Vorort um Vorort.

Unten arbeitet Justin. Er sagt, dass er noch in diesem Jahr seine eigene Bar in Calgary eröffnen will. Auch wenn selbst „Wendy’s“ noch immer keine Mitarbeiter für den Drive-in-Schalter gefunden hat.