Für Anfänger: Frankfurt

> Sebastian Kisters

NEON, 01.11.2004

Welche Stadt passt zu dir?

Nele ist zu Besuch, eine Freundin aus Norddeutschland. Wir sitzen am Main und trinken Bier. Sie fragt: ‘Warum bist du aus Hamburg weggegangen?’ Schweigen. ‘Dieser Platz hier ist ja wunderschön. Die Skyline, der Main. Aber sonst ist hier nicht viel.’ Regenwolken ziehen über die Berge des Taunus in die Stadt, erste Tropfen fliegen in den Fluss. Warum eigentlich Frankfurt? Ich fürchte, meine Antwort ist nicht so cool, wie ich jetzt gern wäre, aber sie ist ehrlich: Ich will eine Großstadt um mich herum, aber ich ertrage eine Großstadt nicht. Die Lösung heißt Frankfurt.

Eigentlich liebe ich meine kleine Heimatstadt in Westfalen, doch irgendwann ging es nicht mehr mit uns beiden. Das war am Volkstrauertag 1999. An diesem Trauertag legte sich Nebel wie ein feuchter Lappen über die Kleinstadt. Es war bedrückend. So bedrückend, dass alle netten Menschen um mich kein Trost waren, sondern plötzlich Fratzen. Ihre weißen Gesichter sahen mich an und sprachen: Hier kommst du nicht raus. Wir haben es auch nicht geschafft.

Ich zog nach Hamburg, aber die Stadt machte mich nicht glücklich. Hamburg ist zu groß und wild, zu viele Menschen und Straßen und Kieze und Kneipen und Möglichkeiten. Ich suche eine Großstadt für Anfänger. Oder besser: eine Stadt für Menschen, denen die Fassade einer Großstadt reicht. Ich versuche es mit München. Aber Weißbier trinken reicht nicht, um beim Kaufmann um die Ecke die Warteschlange für ‘Zugereiste’ verlassen zu dürfen. Und diese Stadtgespräche: Wer hat wann mit wem in der Nobel-Disko P1? Diskos und Oliver Kahns Nachtleben interessieren mich nicht. Frankfurt hat keinen Erstliga-Verein, und seit es die legendäre Disko Dorian Gray im Flughafen-Terminal nicht mehr gibt, auch keinen erstklassigen Club mehr. Es gibt keine Promis in der Stadt, die für die Bunte oder Gala taugen. Frankfurt ist angenehm frei von Selbstdarstellern und Wichtigtuern. Die Arroganz hat 30 Kilometer weiter westlich in Wiesbaden ein Zuhause gefunden.

Nele redet nicht gern über Politik. Sie schaut über den Fluss, hinüber zu den Türmen der Banken. ‘Findest du nicht’, fragt sie, ‘dass die Stadt in der Mitte irgendwie keine Seele hat? Wie eine Stadt in Nordamerika.’

Amerika – Nele hat Recht. Frankfurt fühlt sich oft an wie eine Stadt in den USA. In Sportbars, wo sich Menschen treffen, um auf fetten Fernsehern Football anzugucken. Dazu trinken sie Bier aus Pitchern. Und morgens in der U-Bahn, das ist auch die USA. Am Bahnhof schieben sich Menschen in Züge, die dunkelblaue Anzüge am Körper und Handys am Ohr tragen, sie steigen alle an der Station unter den Hochhäusern aus. Abends schläft die Mitte Frankfurts einfach ein. Wo Hochhäuser stehen, ist dann nur noch der Wind.

Ja, Frankfurt ist ein Stück USA, weil hier so viele ‘Zugereiste’ leben. Fast ein Drittel aller Menschen in Frankfurt kommt aus einem anderen Land, unzählige aus einer fremden Stadt. Abends am Main oder in Kneipen in den kleinen Stadtteilen spricht Frankfurt englisch und französisch, bayerisch und pakistanisch – wunderbar. Aber das Beste ist: Die Menschen sind entspannt, weil die Stadt für die meisten eine unaufgeregte Zwischenstation ist. Frankfurt ist entweder Reifestation für Hamburg, Berlin oder London. Oder Wendepunkt – Ort der Entscheidung, zurück aufs Land zu ziehen.

Wir sitzen am Sachsenhäuser Mainufer, dem schönsten Platz der Stadt, und gucken auf das Meer aus Hochhauslichtern. Es sieht imposant aus. Die Stadt riecht nach Regen. Nele sagt: ‘Hier sitzt du oft, oder?’ Ich nicke. ‘Es ist schön hier.’ Dann schweigen wir.