Island: Viel Dampf und gute Laune

> Sebastian Kisters

STERN, 21.08.2004

Als die Götter mit der Erde fertig waren, haben sie richtig gesoffen. Irgendwann schrie einer: Komm, lass uns noch eine Insel machen, mit einer verrückten Stadt am Meer! Da war aber was los. Einer lallte: Ich will spuckende Geysire! Der nächste: Lavafelder und mittendrin heiße Quellen! Die Götter wollten gerade über Wälder und Blumen und Felder nachdenken, da fielen sie in einen gnädigen Schlaf. Einer konnte zumindest noch die geniale Idee herausbrüllen: Schöne Frauen und Jungs, die gerne feiern! Dann kippte auch er um.

Liebe auf den ersten Blick ist es nicht, wenn man sich das Ergebnis anschaut. Wir stehen auf Perlan und gucken auf eine unvollendete Insel samt Hauptstadt. Perlan, die Perle, glänzt auf einem Hügel über der Stadt. Silber schimmernde Speicher, die viele Millionen Liter Thermalwasser fassen, das nicht weit entfernt aus der Erde sprudelt. In Reykjavik wird damit geheizt. Auf die Tanks haben die Isländer eine Glaskuppel mit Rundumterrasse gesetzt; sieht aus wie ein verirrtes Ufo.

In der Ferne ragen dunkle Berge empor, manche mit Schneefeldern betupft. Düstere Wolken quälen sich über Gipfel, und irgendwo sagt jemand: „Auf gutes Wetter für Fotos könnt ihr hier fünf Jahre warten. Mindestens.” Vor den Bergen fressen sich Vororte in endlose schwarze Lavafelder. Und dann ist da noch viel Meer.

Reykjavik sieht aus wie eine ausgestreckte Zunge, die vom Atlantik umspielt wird. Ziemlich am Ende liegt das Stadtzentrum. Bunt schimmern die Blechdächer der Häuser: ein Durcheinander aus Himmelblau, Tannengrün und Klatschmohnrot. Man muss erst eine wilde Nacht zusammen verbringen, um sich in dieses zu groß geratene Fischerdorf zu verlieben.

Am besten ist aber: donnerstags anreisen und die nördlichste Hauptstadt der Welt zunächst auf die sanfte Tour entdecken. Mit dem Auto geht es in Richtung Süden. Eine halbe Stunde ist da nur Lava, Natur brutal. Auf Island hat die Erde ihr Innerstes nach außen gekehrt. Radio Reykjavik spielt ein Lied der deutschen Band Rammstein dazu: „Asche zu Asche”. Rammstein ist auf Island schwer angesagt. Dann liegt sie plötzlich von Nebel umgeben da, die Blaue Lagune. Hellblaues Thermalwasser leuchtet inmitten von schwarzem Geröll.

DIE LAGUNE IST EIN BLAUES WUNDER, ein Auffangbecken für Badende mit Hautkrankheiten, Kopf-, Kreuz- oder Seelenschmerzen. Vermutlich macht sie auch noch schön. Miss Island planscht jedenfalls auch in dem dampfenden See.

Ragnhildur Steinunn, 22, windet sich im warmen Nass und redet über ihre Insel. „Ich liebe unser Wasser”, sagt sie. „Es ist so wunderbar frisch und klar zum Trinken. Wenn du Durst hast, nimm einfach das aus der Leitung oder aus einem Bach. Kauf nie Wasser aus Flaschen. Das gibt’s nur für Touristen.” Himmel, habe sie dieses Wasser vermisst, als sie zuletzt ein Jahr in England war. Und die saubere Luft zum Atmen. „Wir Isländer müssen alle mal weg hier. Bei nur 290 000 Menschen kennt irgendwann jeder jeden auf der Insel. Aber alle kommen wieder zurück.”

Es regnet jetzt. Nirgendwo ist Regen schöner als in der Blauen Lagune. Kalte Tropfen fallen vom Himmel auf heiße Haut.

Zurück in Reykjavik ist die Zeit fürs innerstädtische Pflichtprogramm gekommen: Hallgrimskirkja besuchen, die Kirche aus weißem Beton, mit zackigen Säulen, die vom Turm abfallen. Dann eine gute Dreiviertelstunde zum Flüsschen Ellidaar wandern. Da springen im August die Lachse flussaufwärts durch die Stadt. Ein Jammer: Islands heimliches Nationalgericht ist kein Fisch, sondern sind Hot Dogs! In der Hafenbude Baejarins bestu an der Tryggvagata gibt’s immerhin die besten rund um den nördlichen Polarkreis.

Der nächste Tag gehört den Vorführungen auf den Naturbühnen rund um Reykjavik. Am besten, man nimmt sich einen Mietwagen. Ist zwar teuer. Aber das ist kein Argument, weil auf Island immer nur die Wahl bleibt zwischen teuer und unfassbar teuer. Wir fahren zum Nationalpark Thingvellir. Dass sich Amerika und Europa voneinander entfernen, ist hier nicht nur zu spüren, sondern auch zu sehen. Tief unter Island driften die eurasische und nordamerikanische Platte auseinander, jedes Jahr um bis zu zwei Zentimeter. Furchen und metertiefe Gräben zeugen davon. Kleine Narben, die von Moos und Heidekraut notdürftig verpflastert werden.

Rund 40 Kilometer weiter lässt die Erde Dampf ab. Aus dem Boden zischt und brodelt’s. Der Geysir Strokkur hustet alle zehn Minuten bis zu 25 Meter hohe Fontänen in den Himmel. Pauschaltouristen schicken ihre Gedanken zum Wetter hinterher. „Ist ja gar nicht so kalt hier. Aber dass es dauernd regnet ” Wer auf dem Rückweg den Wasserfall Gullfoss links liegen lässt und stattdessen über die Straße 35 nach Reykjavik fährt, wird mit schönen Augenblicken belohnt: auf Flüsse, ausgebrannte Vulkane und ein wenig Weideland. Dann bricht der Abend über Reykjavik herein, die Party kann beginnen.

Freitags ab 23 Uhr explodiert die nördlichste Hauptstadt der Welt mit so schöner Regelmäßigkeit wie der Geysir Strokkur. Dann sind alle Straßen voll. Alle Clubs voll. Und irgendwann – alle Isländer voll.

Das ewige In-Cafe Kaffibarinn ist eine Mischung aus Studentenkneipe und 60er-Jahre-Wohnung mit Bar drin. Ein guter Einstiegsplatz für die Nacht. Es gibt Bier für sechs Euro, Tipps für die kommenden Stunden sind gratis. Islands Kult-Regisseur Baltasar Kormakur, Mitbesitzer des Kaffibarinn, sitzt an einem kleinen Tisch, blickt durch seine fransigen Haare und die gut gefüllte Bar und meint: „Ganz wichtig! Es kann noch so schütten.” Pause. Ein Schluck aus dem Tee-Pott. „Geht aber nie, niemals mit Regenjacken raus. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Damit kommst du nirgendwo rein. Da siehst du zu sehr nach Tourist aus.” Ansonsten sei Nightlife in Reykjavik einfach. „Hier musst du nicht die richtigen Leute kennen, um auf eine Party zu dürfen. Geh in einen Laden rein, und du bist Teil des Ganzen.”

DIE SCHÖNEN DER NACHT sind in Reykjavik wie Schmetterlinge. Sie schwirren durch die hellen Mittsommernächte, wo sie landen, ist ihr Geheimnis. Die Hotspots wechseln monatlich. Aber manchmal hat man einfach Glück, geht in der ersten Kneipe zur Bar, bestellt ein weiteres Sechs-Euro-Bier, wundert sich, was Isländer so hip finden: knallige Neon-Shirts, Joola-Trainingsjacken und Boxerschuhe – da kommen Mädchen herüber. „Hey, wo bist du her.” Deutschland. Aha. Zwei Bier später flüstern sie: „Du darfst das jetzt nicht falsch verstehen. Aber: Wir haben hier nicht so Angst vor Berührungen wie ihr in Deutschland.” Dann nehmen sie einen an der Hand und mit auf eine Reise. Von Bar zu Bar, von Tanz zu Tanz. Ständig kommen Freundinnen und Freunde dazu, die mit durch Reykjavik rocken oder ein bisschen über Island erzählen. Raggi zum Beispiel, ein Musiker, der aussieht wie einer von den Blues Brothers. Er ist glücklich. Es ist Sommer. „Im Winter saufen wir, um zu überleben”, sagt er. „Und dann, von Mai bis September, sind die Menschen hier wie Kühe im Frühling.”

Alle Bars und kleinen Clubs sind in Reykjavik bloß wenige hundert Meter voneinander entfernt und liegen nahe an der Hauptstraße Laugavegur. Eintritt wird fast nie verlangt. So geht das Club-Hopping weiter. Hand in Hand mit Mädchen, die Asdis heißen oder Gudrun oder Disa.

UM LUFT ZU HOLEN, eignet sich das tanzfreie Kaffibrennslan mit großer Theke und Bierauswahl. Um in Extase zu verfallen, ein Club unter dem Theater in der Straße Hverfisgata. Rote Scheinwerfer strahlen auf wogende Menschen, die auf der Tanzfläche verschmelzen. Ein paar flüchtige Küsse und weiter geht’s. Nicht verpassen: Das trendige Vegamot, wo schon mal gegen Morgen ein glücklich grinsendes Paar vorsichtig aus einer Toilettentür lugt. Und kurz vor Schluss gibt’s noch Cosmo, den Drink aus der US-Erfolgsserie „Sex and the City” in der Thorvaldsen Bar in der Austurstraeti.

So gegen fünf Uhr morgens schließen die Läden. Die Sonne hat längst die Stadt geflutet, und ein Sommernachtstraum endet irgendwo auf der Laugavegur mit einem Straßenfest. Dann ist es bald Zeit zu gehen. Weil alle Isländer plötzlich ein unbändiges Verlangen in sich spüren, ihre Handys zücken und telefonieren bis zum Frühstück. Und, weil die zweite Nacht nie so schön wird wie die erste.