Beirut ist unsere Inspiration

> Eva Lehnen

Brigitte Woman, 12/2011

Für Hoda Baroudi und Maria Hibri gibt es jedenfalls keine aufregendere Stadt. Die libanesischen Designerinnen entwerfen für alte Möbel neue Gewänder - von denen jedes die Geschichte des Morgenlandes erzählt

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„Hier lang?" – „Nein, bieg besser hier ab!" Und dann erwischen sie doch die falsche Straße. Vollbremsung. Hinter ihnen lautes Gehupe und gestenreiches Gezeter - Hoda Baroudi und Maria Hibri schauen sich an und brechen in lautes Lachen aus. Der einen fallen die dunkelblonden Locken ins Gesicht, die andere rückt ihre Sonnenbrille zurecht. Ein Ziel bestimmen und überlegen, wie man es auf kürzestem Weg erreicht, „das ist überhaupt nichts für uns. Wir sind Bauchmenschen", sagt Maria Hibri.



Die libanesische Designerin sitzt auf dem Beifahrersitz des schwarzen Geländewagens, den ihre Geschäftspartnerin Hoda Baroudi durch das Gassengewimmel von Beirut steuert. Wir fahren durch Basta, einen konservativen sunnitischen Stadtteil, der sich oberhalb der Beiruter Innenstadt erhebt. Maria Hibri und Hoda Baroudi, beide um die 50, haben versprochen, uns in die Schatzhöhlen ihrer Stadt zu führen: schummrige Trödelläden, voll gestapelt mit Tischen, Sesseln, Spiegeln, Lampen, Sofas und Kommoden - jenem ausrangierten Inventar, mit dem die stilbewussten Beiruter in den fünfziger und sechziger Jahren die eleganten Salons ihrer Wohnungen ausstaffierten -, aus denen Hoda Baroudi und Maria Hibri kunstvolle Wohnobjekte schaffen.



In die offenen Wagenfenster weht der mittägliche Gebetsruf der Muezzine, vermischt sich mit dem Geklapper von Kochtöpfen und dem Klackern der Würfel der Backgammonspieler. Ein kleiner alter Mann überquert die Straße, einen Holzkarren vor sich her wuchtend, auf dem sich gelbe Aprikosen stapeln. Auf den Balkonen der Häuser trocknet frisch gewaschene Wäsche unter dem mittelmeerblauen Himmel. Die Trödelhändler sitzen entspannt vor ihren Ladenlokalen, schweigen und trinken Tee. „Wir kommen fast jeden Tag hierher, um zu gucken, was neu hinzugekommen ist." Sessel und Sofas dürfen gebrochene Beine haben, die Polsterung darf ruhig herausquellen, ganz egal, das lässt sich reparieren oder der Rahmen lässt sich nachbauen. Die berühmten „Egg Chairs" von Arne Jacobsen haben Baroudi und Hibri auf ihren Streifzügen schon gefunden oder „Lounge Chairs" des Designer-Ehepaars Charles und Ray Eames.

Über zehn Jahre ist es her, dass Hoda Baroudi, die studierte Ökonomin, und Maria Hibri, die Blumenladenbesitzerin, sich über gemeinsame Freunde kennen lernten, sofort mochten und überlegten, ob sich ihre beiden Leidenschaften nicht kombinieren ließen: Hibris Faible für alte minimalistische Möbel und Baroudis Liebe zu farbenprächtigen, traditionellen Stoffen und Stickereien, die sie auf ihren Reisen durch China, Usbekistan, Turkmenistan, auf Märkten in der Türkei oder in syrischen Souks findet.



„Wir beide sind keine Frauen, die lange abwägen und diskutieren, das erstickt bloß alle Ideen", sagt Maria Hibri. Also haben sie einfach losgelegt: ließen alte Sessel und Sofas neu aufpolstern, um sie dann mit einem Patchwork aus Baroudis Stoffsammlung neu zu beziehen. Mit einem liebevoll arrangierten, kunterbunten „Mix and Match" aus Webereien aus dem Kaukasus, zentralasiatischen Blumenstickereien auf schwarzem Grund, knalligen Punktemustern, Holzmodeldrucken aus Syrien. Seide, Chintz, Leinen, Cordstoff, Perlmuttstickereien, üppige Borten. Antikes Textil kombinieren Baroudi und Hibri mit ganz Profanem. Das kann auch mal ein Stück Stoff einer ausrangierten Jeans ihrer Kinder sein. „Bokja" haben die beiden Libanesinnen ihr Label genannt - so werden im Libanon aufwändig bestickte Tücher genannt, in die Bräute ihre Aussteuer wickeln. Das Bokja-Tuch soll die Braut, für die mit der Ehe eine neue Zeit anbricht, an ihre Vergangenheit erinnern. Bokja-Möbel, die in der Jetzt-Zeit entstehen, bekommen von ihren beiden Designerinnen ein Gewand, das die lange Geschichte des Orients erzählt. Jeder Bezug ist ein Unikat.



„Hoda, schau mal!" Maria Hibri hat auf einem Haufen vor dem Trödelladen eine champagnerfarbene, mit Stoff bespannte Wäschebox aus Omas Zeiten gefunden und zeigt auf die Nietenpolsterung. „Es gibt so viele Details, die schnell übersehen werden. Mal ist es die Form, dann ein Material. Hier in den Läden steht so vieles, was heutzutage vielleicht nicht als schön gilt, aber trotzdem eine große Inspiration ist." Gut möglich, dass eine solche Nietenpolsterung demnächst auch mal ein Bokja-Möbel ziert. „Aber wir planen nicht", sagt Hibri. Weder die Arbeit der nächsten Wochen noch die nächste Kollektion. „Wir arbeiten sehr spontan. Manchmal geht es ganz schnell, dann wieder kann es Wochen oder Monate dauern, bis wir eine klare Vision für ein Möbel haben." Als Baroudi und Hibri ihre allerersten Designs einem kleineren Kreis Beiruter Bekannter präsentieren, sind sie sofort ausverkauft, die beiden reisen mit ihren Arbeiten nach Saudi-Arabien, 2004 fliegen sie mit einem Katalog im Gepäck nach New York, um ihr Label auch im Westen bekannt zu machen. Mit großem Erfolg. Mittlerweile gehören Prominente wie die Schauspielerin Kate Hudson zu Baroudis und Hibris Kundinnen. Die beiden Designerinnen waren auf der Art Basel Miami, haben in Mailand ausgestellt. Und egal, wo sie hinkommen, reibt man sich die Augen. Zwei Frauen aus dem krisen- und kriegsgeschüttelten Libanon - ausgerechnet!



„Ach, diese Stereotype", sagt Hoda und rollt mit den Augen. Sie weiß, dass auf der ganzen Welt die Köpfe voll sind mit den Nachrichtenbildern einer zerstörten Stadt, in der bis in die neunziger Jahre hinein ein erbitterter Bürgerkrieg tobte. In deren südlichen Vororten im Sommer vor fünf Jahren über mehrere Wochen hinweg die Bomben israelischer Kampfjets einschlugen. Anfang dieses Jahres stürzte die Regierung, über Monate konnten sich die vielen politischen Lager, in die der Libanon zerfallen ist, nicht auf eine neue einigen.



Trotzdem: Für die beiden „Bokjas" gibt es keine bessere Stadt als Beirut. Die Stadt, die immer wieder neu auf die Beine kommen muss, die sich immer wieder neu zusammenraufen muss. „Ich kenne keinen anderen Ort mit einem so hohen Energielevel", sagt Baroudi. „Hier trittst du morgens auf die Straße, und sofort sind all deine Sinne sind wach." – „Wenn wir auf Reisen sind, sehnen wir uns spätestens nach einer Woche nach Beirut zurück", sagt Hibri. „Beirut ist unsere größte Inspiration." Eine Stadt, die an jeder Straßenecke ein anderes Gesicht zeigt, in der auf den ersten Blick kaum etwas zusammenpasst, die aber eben doch ein echter Hingucker ist. Wie die Bokja-Kreationen. Vielschichtig und kontrastreich.



Christen, Schiiten, Sunniten - 18 Religionsgemeinschaften versuchen im Libanon, miteinander zu leben. Moderne Apartmenthäuser stehen neben alten osmanischen Villen. An der Corniche, der Mittelmeerpromenade von Beirut, flanieren Christinnen in Miniröcken, während auf den Bänken muslimische Männer und deren Frauen mit Kopftüchern sitzen und eine Wasserpfeife rauchen. Edle Fusion- Food-Restaurants eröffnen neben kleinen Imbissbuden. Die Reichen der Stadt bummeln durch die neu aufgebauten Souks von Beirut, in denen keine Gewürze verkauft werden, sondern Burberry und Calvin Klein, während einige Kilometer weiter südlich die schiitische Hisbollah ihrer Märtyrer gedenkt. Die ganze Stadt steht auf den Fundamenten 6000 Jahre alter Geschichte. Die Ägypter haben im Libanon ihre Spuren hinterlassen, die Phönizier, die Griechen und Römer, Byzantiner und Araber, die Kreuzfahrer, die Mamelucken und Türken.



„Hoda, komm mal bitte. Was meinst du?" Maria Hibri steht vor einem großen Tisch und schiebt Stoffstreifen hin und her. Wir stehen im Atelier, das ganz in der Nähe der Trödler von Basta liegt. Ein großer Souterrain-Raum, vier Nähmaschinen rattern, ein Dampfbügeleisen zischt, an der Wand stehen Regalmeter voll mit der Beute, die Maria Hibri und Hoda Baroudi auf ihren tausendundein Reisen entlang der Seidenstraße erhandelt haben. Am liebsten reisen sie zusammen, manchmal muss aber auch eine allein los. „Hoda beherrscht diese ganzen Basar- Tricks viel besser als ich", sagt Maria Hibri anerkennend. Dann diskutieren sie Baroudis letzte Funde, schneiden sie in Stücke, ziehen immer mehr Stoffe aus den Regalen, mixen und matchen so lange, bis die Näher und Näherinnen und Mahmut, der Polsterer, mit ihrer Arbeit loslegen können.



Das Thema, das Baroudi und Hibri derzeit umtreibt: die Revolten in der arabischen Welt. In Tunesien, Ägypten, im Nachbarland Syrien, dessen Souks in Damaskus die beiden so gut kennen. Entstanden ist ein Kissen, das sie „Arab Spring", arabischer Frühling, getauft haben und mit dem Stoff einer "kuffiye", der traditionellen Kopfbedeckung arabischer Männer, bezogen haben. Darauf gestickt: bunte Blumen und Vögel. „Ich mag das Kissen sehr. Mein Sohn mag es nicht", sagt Hibri. Schließlich ist noch nicht klar, ob das, was als Frühling begonnen hat, für die Region auch wirklich einer wird. Aber ein Kissen ist ja auch zum Träumen da.