Mit meinen Bäumen sterbe auch ich

> Eva Lehnen

Chrismon plus, 24. September 2010

Ausgerechnet ein Rabbiner! Arik Aschermann schart im Westjordanland israelische Freiwillige um sich. Sie schützen die Olivenhaine der Palästinenser. Immer wieder zerstören jüdische Siedler die Ernten. Den Bauern entziehen sie so die Lebensgrundlage. Die Wut wächst - auf beiden Seiten

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Tränen laufen über Abu Aleihas runzeliges, sonnengegerbtes Gesicht. Jeder Schritt durch seinen verwüsteten kleinen Olivenhain ist für den 80-Jährigen ein Kraftakt. "Warum?", sagt er leise. Warum seine Bäume, sein einziges Einkommen, seine so wichtige Lebensgrundlage? 50 Gallonen Olivenöl im Jahr und ein paar Schafe, sonst hat Abu Aleiha nicht viel. Der alte Bauer greift nach dem Zipfel seines schwarz-weiß karierten Kufija-Tuchs, der traditionellen Kopfbedeckung palästinensischer Bauern, und trocknet sich mit dem Stück Stoff die Augen.

Niemand weiß, wie lange die jüdischen Siedler im Schutz der vorangegangenen Nacht im Olivenhain des alten Bauern Abu Aleiha gesägt haben. Sie stoppten erst, als alle Bäume verstümmelt, die Äste mit ihren dunkelblauen Früchten, von ihren Stämmen abgeschnitten, auf dem tiefroten Ackerboden lagen. Wahrscheinlich kamen sie über einen staubigen Trampelpfad aus Adei Ad, einer spartanischen Containersiedlung auf dem Berg über dem palästinensischen Dorf Mureir im Norden des Westjordanlands. Adei Ad heißt auf Deutsch: „Für immer". In dem Namen steckt eine Botschaft an Abu Aleiha und die anderen Bewohner der umliegenden Dörfer: Araber haben hier nichts zu suchen, Gott habe das Heilige Land allein Israel gegeben - für immer.

Nur wenn Abu Aleiha Glück hat und die Bäume sich erholen, können seine Kinder in etwa zehn Jahren vielleicht wieder Oliven ernten. Aber wer weiß, was bis dahin noch alles passiert? Abu Aleihas Nachbar Abu Awad hat durch die Siedlerattacken 70 Bäume verloren, ein anderer 120. Die Siedler machen Ernst mit dem, was ein Flugblatt aus ihren Kreisen fordert, "keinem Araber die Olivenernte zu ermöglichen". Eine acht Meter hohe Sperrmauer trennt große Teile des Westjordanlands von Israel. Checkpoints der israelischen Armee versperren den meisten Palästinensern den Zugang nach Jerusalem oder gar nach Israel - und umgekehrt den Israelis in die palästinensischen Gebiete.

Im Westjordanland haben sich hinter der Mauer nach Angaben der israelischen Armee etwa 300 000 jüdische Sieder niedergelassen. Sie leben in zirka 130 Siedlungen, die nach internationalem Recht illegal sind. Rund 800 von ihnen, meist junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, gelten als militant und leben in sogenannten Außenposten wie Adei Ad, die teilweise auch nach israelischer Rechtsauffassung illegal sind. Dazu kommen - so schätzt Ami Ayalon, der ehemalige Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet etwa 20 000 Sympathisanten. Genug Leute, die dafür sorgen, dass die Olivenernte für viele palästinensische Bauern alljährlich zur Zitterpartie wird.

Leider können wir nicht überall sein, sagt Arik Ascherman. Der 51-jährige Rabbiner aus Jerusalem sitzt hinter dem Steuer seines weißen Hondas und tritt aufs Gas. Die Kippa hat er mit einer kleinen Spange in den schwarzgrauen Locken festgesteckt, er trägt eine helle Baumwollhose und ein altes zerschlissenes T-Shirt. Picassos Friedenstaube mit einem Ölzweig im Schnabel ist daraufgedruckt. Jeden Herbst, wenn die Olivenernte beginnt, kann sich Ascherman, Chef der Menschenrechtsorganisation „Rabbis for Human Rights", vor Arbeit kaum retten. Viele Bauern im Westjordanland halten ihn für ihren einzigen Beschützer. Einen Rabbiner - ausgerechnet.

Seit dem frühen Morgen rast Ascherman an diesem Oktobertag mit seinem Auto durch die Karstlandschaft im Westjordanland, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Wo brauchen Bauern seine Hilfe? Sein Handy steckt in der Freisprechanlage, es klingelt ununterbrochen. Ein Mitarbeiter berichtet von einem Bauern, dem die Armee den Zutritt zu seinem eigenen Feld verwehrt. Ein anderer Farmer behauptet, dass er von Siedlern und Soldaten geschlagen worden ist. „Jeder Anruf zieht viele weitere nach sich. Es gilt immer zu prüfen, was wirklich passiert ist. Man kann keiner Seite blind glauben, aber es gibt sehr viele, sehr ernste Probleme", sagt Ascherman. In einem Dorf hat angeblich ein Bauer rohe Fleischstücke aus den Ästen seines Olivenbaumes gepflückt und ein Papier gefunden mit der Nachricht: „So wirst du auch bald aussehen." Woanders haben Siedler einem Bauern Säcke voller frisch geernteter Oliven gestohlen. Alle hoffen, dass Arik Ascherman helfen kann. Dass er den Bauern seine „Schutztruppen" schickt.

Eigentlich hat die israelische Armee als Besatzungsmacht seit einem Gerichtsurteil des israelischen Supreme Courts von 2006 die Aufgabe übernommen, die palästinensischen Bauern im besetzten Westjordanland zu schützen. Dennoch haben radikale Siedler in den vergangenen Jahren Zehntausende Bäume auf palästinensischem Grund und Boden abgesägt oder entwurzelt, ganze Felder haben sie in Flammen aufgehen lassen, immer wieder bedrohen sie in bewaffneten Trupps die Bauern und jagen sie von den Äckern.

„Die Armee, die Richter - alle sind Israelis. Wir werden nicht beschützt. Seht euch unsere Olivenhaine doch an. Seit Jahren werden wir von Siedlern bedroht", klagt ein Bauer aus Mureir, der den alten Abu Aleiha auf sein Feld begleitet. Es gibt Bauern im Westjordanland, die sich überhaupt nicht mehr zu ihren Bäumen trauen.

Es ist ein schlechtes Leben, sagt Abu Aleiha. Früher einmal war die Olivenernte eine festliche Zeit mit Musik und frohen Tänzen - inzwischen sind es Wochen der Anspannung und Angst. Jedes Jahr im Herbst trommelt Ascherman freiwillige Helfer zusammen, damit sie gemeinsam mit den Bauern auf die Felder im besetzten Westjordanland gehen und sie vor Übergriffen bewahren. Erntehelfer aus Europa sind dabei, aus Australien, aber die meisten kommen aus Israel selbst, um sich schützend dorthin zu stellen, wo die Lage besonders heikel ist - weil palästinensische Olivenhaine unmittelbar an jüdische Siedlungen grenzen.

Arik Ascherman hat seine Freiwilligen heute Morgen auf mehrere besonders gefährdete Felder aufgeteilt. Eine Vierergruppe schickt er in einem Kleinbus nach Jit im nördlichen Westjordanland. Die Stimmung im Bus ist angespannt. Mehrere israelische Checkpoints musste der Bus schon passieren. „Man weiß einfach nicht, was einen erwartet. Kommen die Siedler, um die Ernte zu stören, kommen sie nicht? Wie verhält sich die Armee?", fragt Yoav Silbert, 68, ein ehemaliger Philosophielehrer aus Tel Aviv, der seit einigen Jahren regelmäßig bei der Olivenernte hilft. „Es ist meine Art zu zeigen, dass ich mit der Besetzung des Westjordanlands durch unsere Armee nicht einverstanden bin."

Silbert hat schon manche Zusammenstöße zwischen Siedlern und Bauern miterlebt. „Solche Situationen können richtig eskalieren", sagt er. „Einmal war ich dabei, als maskierte Siedler kamen, mit Steinen nach den Bauern und den Freiwilligen warfen und dann einfach drauflosprügelten. Meine Lebensgefährtin wurde dabei verletzt. Ich selbst bin mit dem Schrecken davongekommen." Nicht nur die Palästinenser, auch die Helfer - selbst wenn es sich dabei um eigene Landsleute handelt - sind für die Siedler Feinde. Deswegen von den Feldern wegzubleiben, kommt Silbert aber nicht in den Sinn. Auch seine Mitstreiterinnen, Diana Shai, Navah Mosco und Adela Shapiro, drei Frauen aus Tel Aviv, lassen sich nicht einschüchtern.

Mitten auf der Landstraße hält der Bus. Rechts der Straße liegt das Feld, auf dem die vier heute eingeteilt sind. „Yalla", sagt Bauer Mohammad Sadah nach einer kurzen Begrüßung und Einweisung, „auf geht's." Es ist keine Zeit zu verlieren. Je schneller die Oliven von den Bäumen sind, desto geringer das Risiko, angegriffen zu werden. Der Familie des 37-Jährigen gehören schon seit mehreren Generationen etwa 1000 Olivenbäume. Drei Wochen dauert die Ernte. Drei Tonnen Olivenöl sollen daraus werden - das Haupteinkommen der Sadahs. Schon seit dem Morgengrauen sind der Bauer, sein Vater und einige andere Palästinenser aus dem Dorf auf dem Acker. "Bislang ist es zum Glück ruhig", sagt Sadah, doch sein Blick wandert immer wieder unruhig den Hang hoch. Etwa 200 Meter Luftlinie vom Acker entfernt stehen die Häuser von Kedumim, einer jüdischen Siedlung. Alle wissen: Jederzeit könnten die Bewohner kommen und die Erntearbeit stören.

Yoav Silbert kramt eine Kappe aus seinem Rucksack. Diana, Navah und Adela stellen sich Wasserflaschen bereit. Trotz der Morgenstunde brennt die Sonne schon sehr heiß auf das Westjordanland nieder. Mohammad Sadah breitet blaue und graue Plastikplanen unter den Bäumen aus, die als Nächstes abzuernten sind. Yalla.

Silbert und die Frauen greifen in die silbrigen Blätter, grüne und schwarze Oliven prasseln wie dicke Hagelkörner von den Zweigen und klatschen auf die Plastikplanen. Etwa eine Viertelstunde dauert es, bis ein Ölbaum abgeerntet ist und Mohammads Vater Abed die Oliven in weiße Säcke füllen kann, in denen sie später zur Olivenpresse ins Dorf gebracht werden. Die Arbeit ist beschwerlich und monoton. Die vier Freiwilligen könnten jetzt auf ihren Terrassen in Tel Aviv sitzen, gemütlich frühstücken oder einen Morgenspaziergang am Meer unternehmen. Stattdessen stehen sie schwitzend mitten im Westjordanland auf einem steinigen Acker. „Ich möchte den Palästinensern zeigen, dass wir Israelis Leute sind, mit denen man leben kann", sagt Silbert.

Schaut mal, da oben! - Mohammads Vater hat seinen Olivensack beiseitegestellt und weist mit dem Kinn zu der Straße, die ein Stück oberhalb zwischen Acker und Siedlung verläuft. Eine israelische Patrouille fährt im Schritttempo zuerst am Feld vorbei und kehrt nach wenigen Minuten zurück. Zwei junge Soldaten, etwa 20 Jahre alt, springen aus dem Wagen und kommen den Hang hinab. Vor ihren Körpern hängen M16-Gewehre. Yoav Silbert atmet tief ein. Diesmal also die Armee. Die Palästinenser bitten ihn, dass er als Israeli das Reden übernimmt. Silbert kramt in seinem Rucksack nach dem Zettel mit Telefonnummern, die er von Arik Ascherman bekommen hat und steckt ihn griffbereit in die Hosentasche. „Wenn die Soldaten wollen, können sie die Bauern nach Hause schicken. Dann war es das mit der Ernte. Man muss genau aufpassen, wie man sich verhält und was mansagt." Die beiden Rekruten wollen eine Genehmigung sehen, die belegt, dass den Sadahs das Land gehört und sie überhaupt berechtigt sind, ihre eigenen Oliven zu ernten. Mohammad Sadah und sein Vater haben keine.

Auch wenn die israelische Armee die Bauern schützen und ihnen Geleit auf die Felder geben soll - die Organisation ist kompliziert, viele Bauern scheitern an der israelischen Bürokratie. Oft wissen sie zu Beginn der Erntesaison nicht, an welchen Tagen die Soldaten zu ihnen kommen. Oder die Armee nennt den Bauern Termine, die wenig praktikabel sind. Entweder weil der offerierte Begleitschutz zeitlich viel zu kurz ist für die Menge der zu erntenden Bäume oder weil er zu einem Termin anberaumt ist, an dem es für die Ernte schon zu spät ist. Gehen die Bauern trotzdem auf ihre Felder, kommt es immer wieder vor, dass die Soldaten die Bauern, die sie eigentlich unterstützen sollen, während der Ernte von ihren Feldern schicken. Das sei zu ihrer eigenen Sicherheit, heißt es dann meist.

Die beiden Soldaten auf dem Feld bestehen auf der Genehmigung. Es geht hin und her. Yoav Silbert ruft Arik Ascherman an und diskutiert dann wieder mit dem Militär. Nach einer Viertelstunde ziehen die Soldaten ab, mit dem Hinweis, dass sie mit ihrem Vorgesetzten Rücksprache halten und später wiederkommen werden. „Lasst uns schnell weitermachen", sagt Bauer Mohammad Sadah. „Ich bin sicher, wenn wir Erntehelfer nicht als Zeugen da gewesen wären, hätten die Sadahs ihr Feld räumen müssen. Es ist so irrsinnig", sagt Silbert. Er selbst kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als er selbst einer jener Männer in Uniform war. Als junger Soldat rückte Silbert 1967 mit der Armee ins Westjordanland ein. Der Sechstagekrieg war der Beginn der israelischen Herrschaft über das Palästinensergebiet. „Damals dachte ich, der Einmarsch ist richtig, Israel muss sich verteidigen. Aber ich war fest davon überzeugt, dass wir, nachdem der Krieg beendet war, sofort damit anfangen würden, Frieden herzustellen. Das ist nie geschehen. Die Besatzung ist falsch", sagt Silbert heute. „Deswegen stehe ich hier."

Mittagspause. „Kommt! " - die Sadahs haben ein Picknick mitgebracht: Kichererbsenpüree, Oliven, grüne Chilischoten, Paprikapaste und Gurken. Brotfladen und eine Thermoskanne Kaffee machen im Schatten des Olivenbaumes die Runde. Yoav Silbert und die drei israelischen Helferinnen freuen sich über die Stärkung, die Palästinenser reichen immer wieder nach. Es bleibt bei herzlichen Gesten. Zwar kann der alte Abed, Mohammads Vater, Hebräisch, weil er früher einmal auf israelischen Baustellen gearbeitet hat. Navah, die Erntehelferin aus Tel Aviv, besucht einen Arabischkurs. Und doch fremdeln Bauern und Helfer. „Ein Dialog im Olivenhain", wie Rabbi Arik Ascherman ihn sich wünscht, kommt nicht auf. Organisatorisches wird besprochen, welche Bäume als Nächstes dran sind, wie lange heute gearbeitet wird - richtig warm werden die Israelis und die Palästinenser jedoch miteinander nicht.

„Es gibt viele Fragen, die ich den Bauern gerne stellen würde", sagt Navah. Über ihren Alltag, ihr Leben unter israelischer Besatzung. „Doch es kommt mir irgendwie unangemessen vor." Israelis und Palästinenser haben keine Übung mehr im Miteinander. Früher, in den 80er und zeitweilig auch in den frühen 90er Jahren, pendelten täglich Zehntausende Palästinenser wie Mohammads Vater nach Israel zur Arbeit; umgekehrt fuhren viele Israelis in die Städte der Palästinenser, weil man dort billiger einkaufen oder das Auto reparieren lassen konnte.

Aus alltäglichen Begegnungen entstand eine gewisse Nähe, es gab Bekanntschaften zwischen Menschen auf beiden Seiten, man kannte die Sprache des anderen - dem ungelösten Nahostkonflikt zum Trotz. Doch dieses routinierte Miteinander ist in den vergangenen beiden Jahrzehnten - und vor allem seit Beginn des Mauerbaus 2003 - fast völlig verloren gegangen. Heute kennen die meisten Palästinenser unter 20 Jahren Israelis nur noch als bewaffnete Soldaten oder als radikale Siedler. Umgekehrt erscheint vielen Israelis in Tel Aviv und selbst im israelischen Westjerusalem New York näher als etwa die Stadt Nablus im Westjordanland.

Nach der Mittagspause geht die Arbeit auf dem Feld der Sadahs weiter. Konzentriert und zügig. Der alte Abed ist müde, bleibt im Schatten sitzen und behält die Straße im Blick. Ob das Armeefahrzeug noch einmal zurückkehrt? Ob die Siedler die Bauern weiter gewähren lassen? „Ich bin einfach nur froh, wenn ein Tag ruhig verläuft und wir unsere Arbeit tun können", sagt Abed. Ob er glaubt, jemals wieder ohne Angst sein Feld betreten zu können? Jemals wieder zu erleben, dass die Ernte gefeiert werden kann? Ob er an einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern glaubt? Der Alte zuckt mit den Schultern.

„Die Palästinenser sind resigniert und wahnsinnig frustriert", sagt Arik Ascherman. „Die wiederholten Appelle von Präsident Barack Obama an die Israelis, den Siedlungsbau einzustellen, haben bei den Arabern so viele Erwartungen geweckt." Doch ein dauerhaftes Ende des Siedlungsbaus im Westjordanland ist nicht abzusehen. Der Rabbi ist besorgt, dass sich die Situation weiter zuspitzt: „Manchmal frage ich mich, was als Nächstes passiert, wenn den Palästinensern politisch nicht endlich geholfen wird." Die angestaute Wut hat Ascherman vor kurzem selbst zu spüren bekommen. Auf einer seiner Fahrten durch das Westjordanland zertrümmerten palästinensische Jugendliche die Rückscheibe seines Wagens. Immer noch ist sie nur notdürftig mit einer Plastikplane zugeklebt. Ein bärtiger Mann mit Kippa in einem klapprigen, staubigen Auto: Für die Jugendlichen konnte das nur ein Siedler sein. Ein Feind.