Die Lufthoheiten

> Eva Lehnen

Geo Special Syrien & Jordanien 2/2011

Zweimal täglich lassen Syriens Taubenzüchter ihre Tiere in den Himmel steigen. Von dort sollen sie möglichst viele fremde Tauben in den eigenen Schlag zurückbringen. Ein Spiel, in dem es längst nicht nur um Lösegeld geht

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Der Weg in den Gefechtsstand des Taubengenerals führt über eine wackelige Holzleiter aufs flache Dach des Hauses. Ahmad Diab Idrees, genannt Abu Diab, öffnet die Türen des Schlags und ruft seine Krieger zum Appell.



Ein Vogel nach dem anderen hüpft mit kurzen Flügelschlägen ins Freie: ein gurrendes, gefiedertes Heer in grauen, weißen, schwarzen und braunen Uniformen. Es wartet auf Abu Diabs Kommando.



Ein schriller Pfiff, ein Händeklatschen, und schon steigen die asakir, die Soldaten, auf. Wenige Augenblicke später hat sich am Himmel über Aleppo ein Geschwader von etwa 40 Vögeln formiert. Wirft sich der Sonne entgegen. Zieht immer weitere Kreise.



Lauert auf den Feind.



Es herrscht Krieg hoch über den Dächern und Minaretten von Bab Al Neirab, einem Gewimmel halb fertiger Wohnhäuser aus unverputztem Beton.


In den staubigen Gassen des Viertels kennt jedes Kind Abu Diabs Namen. Hmemati, Taubenmann, nennen sie einen wie ihn. Mit seinen 29 Jahren hat Abu Diab schon viele Schlachten erfolgreich geschlagen. Er gilt als einer der Besten seiner Zunft.



Und er weiß um seinen Ruf. Stolz reckt er den dichten Schnauzbart in die Morgenluft und verfolgt den eleganten Flug der Vögel. Abu Diabs Vater, Großvater, Urgroßvater - alle waren sie Taubenmänner.



Und es scheint, als habe sich in der Familie die Liebe zu den Vögeln über die Generationen potenziert. Wenn Abu Diab auf dem Dach steht und gestikuliert, breitet er seine Arme in die Luft, als seien es Schwingen, die sich nach langen Tagen des Wartens im engen Schlag endlich wieder entfalten dürfen. Beim Sprechen zuckt er mit dem Kopf wie ein Täuberich, der gebieterisch über sein Revier wacht. „Tauben sind wie Opium. Sie sind eine Sucht.



Ihre Schönheit ist von Gott gemacht", sagt er. Rund 400 Vögel besitzt Abu Diab. Verlässliche Brieftauben, seltene Zuchttauben, Alttiere, Junge - und natürlich die Soldaten, seine ausdauerndsten Flieger.



Plötzlich startet von einem Dach ganz in der Nähe ein zweiter Schwarm. „Ahmads Tauben," ruft Abu Diab aufgeregt. „Jalla. Es geht los!" Angreifen und Gefangene machen - darum geht es jetzt. Seine Flieger sollen in die Linien der Feinde eindringen, sich unter sie mischen und dann, wenn die beiden Schwärme wieder auseinanderstieben, möglichst viele gegnerische Geiseln in den heimischen Schlag ziehen. Hoch in der Luft zeigt sich, wer seine Tiere besser gedrillt hat: Ahmad oder er. Werden die Abfangjäger ihre Mission erfüllen? Werden sie schlagtreu sein - oder sich vom gegnerischen Schwarm entführen lassen? Kassas hamam, Taubenkrieg: So heißt dieser Wettkampf am Himmel.



 „Es ist ein sehr niedriges Gewerbe, dem sich nur der gemeinste Pöbel der Müßiggänger hin-gibt", schrieb der syrische Rechtsgelehrte Gamal Al Qasimi (1866-1914) über die Leidenschaft der Taubenhalter - meist Männer aus unteren sozialen Schichten, deren Sport bessere Kreise traditionell ächteten. Schon im 11. Jahrhundert hatte der Herrscher des Abassidenreichs, Kalif Al Muqtadi von Bagdad, das Wettstreiten mit den Tauben verbieten lassen. Aussagen der Taubenmänner galten vor Gericht nichts. Trotzdem ist der kassas hamam in Syrien und vielen Nachbarländern bis heute beliebt.



Ob in der Hauptstadt Damaskus, in Hama oder eben in Aleppo: Man muss nur in den Himmel blicken, um zu sehen, wie lebendig die uralte Tradition immer noch ist. Auch wenn viele Syrer Männern wie Abu Diab nicht recht trauen. Es heißt, von den Dächern richteten sich die Augen der Taubenmänner nicht nur gen Himmel, sondern auch nach unten, in die Häuser der Nachbarn, um dort einen Blick auf fremde, unverhüllte Frauen zu erhaschen.


Abu Diab gefällt, dass man ihn in der Nachbarschaft nicht nur bewundert, sondern auch ein wenig fürchtet. Am Abend zuvor erst haben seine Krieger neun fremde Tauben mit in den eigenen Schlag gebracht. Und dann? „Oh, wir hatten ein leckeres Barbecue", sagt er und grinst so breit, dass ihn die Enden seines Schnauzbarts fast an den Ohren kitzeln. Dass er den Fang über Holzkohle im Hof seines Hauses grillt, kommt allerdings eher selten vor. Taubenjäger geben ihre Beute normalerweise dem Besitzer zurück - gegen ein saftiges Lösegeld, versteht sich. Oder sie verkaufen die entführten Vögel an andere Taubenzüchter. Allein in Aleppo gibt es mehrere Dutzend Cafés - viele öffnen erst nach Sonnenuntergang -, in denen sich Taubenmänner treffen und ihre Tiere handeln. Auf dem Suk Al Jumma, dem Freitagsmarkt vor den Toren der Stadt, bieten Liebhaber mehrere Hundert Euro für besonders schöne Exemplare.



Seit er Tauben in den Himmel schickt, hat Abu Diab selbst erst 50 Vögel verloren, wie er sagt. Über die Zahl der erbeuteten Feinde, die er zu Geld gemacht hat, will er längst den Überblick verloren haben. Seit er, der Anstreicher, sich bei einem Unfall am Knie schwer verletzte, sichern die Geschäfte mit den Vögeln das Auskommen seiner vierköpfigen Familie.



 „Da!" Abu Diab zeigt in den Himmel. Wo ein Laie mit ungeschultem Auge gerade einmal flatternde Pünktchen ausmachen kann, erkennt er ganz genau, dass sich drei Vögel des Nachbarn von seinem Schwarm haben mitreißen lassen. Mit flinken Schritten verschwindet er im Schlag, greift nach einem weißen Taubenweibchen, hält es an den Beinen fest, streckt es gen Himmel und lässt es flattern: das Zeichen für seine Vögel, zurück nach Hause zu fliegen. Es dauert nicht lang, bis seine Tauben samt der drei Geiseln landen.

Sofort lässt Abu Diab ein Netz über sie niedersausen, betrachtet die drei braun-weißen Fremdlinge und wirft ihnen eine Handvoll Maiskörner hin.



Die Henkersmahlzeit vor dem nächsten Taubenbraten?



 „Was ich mit den Gefangenen mache, ob ich sie behalte oder weiterverkaufe, wie viel ich für sie verlange oder ob ich sie grille - das hängt ganz von ihrem Besitzer ab", sagt Abu Diab und lächelt ein wenig undurchsichtig. Nach einer Pause fügt er hinzu: „Ahmad ist ein guter Freund." Doch der scheint sich nicht so sicher zu sein, dass sein Federvieh mit dem Leben davonkommt.



Keine zehn Minuten sind seit dem Manöver vergangen, da steckt Ahmad Idrees, Abu Diabs Cousin, den Kopf durch die Luke und will die Entführten auslösen. „Habibi, ich wusste, es würde nicht lang dauern, bis du kommst", ruft Abu Diab. Die Männer umarmen sich, küssen sich rechts und links auf die Wangen. Dann: Pokerface. „3000", sagt Abu Diab.



Ahmad reckt sein Kinn nach vorn und schnalzt mit der Zunge. „Auf gar keinen Fall", heißt das. Tausend syrische Pfund, etwa 16 Euro, will er zahlen, für alle drei. „Gut, 2000, weil du es bist", sagt Abu Diab.



Ahmad schüttelt den Kopf: „1500." Abu Diab hält inne. „Habibi, weißt du was? Neulich habe ich schon die Vögel deines Bruders erwischt. Nimm die deinen umsonst wieder mit." Die beiden Männer hocken sich im Schatten der Dachmauer auf den Boden. Aus einer Ecke holt Abu Diab eine Wasserpfeife, gestopft mit Apfeltabak.



Seine junge Frau reicht durch die Dachluke Gläser mit zuckrigem schwarzem Tee. Weiter heraus wagt sie sich nicht. Die Dächer Syriens sind den Männern vorbehalten. „Aishe", sagt Abu Diab, „ist eifersüchtig, wenn ich abends nicht herunterkomme, sondern hier oben bei meinen Vögeln schlafe." Er verschwindet erneut im Taubenschlag, wo er vorsichtig nach seiner Lieblingstaube greift, Habaschi Asfar: eine Gelbe Äthiopierin. Die Augen, die Färbung des Gefieders, die Anzahl der Schwanzfedern, die Länge der Beine, die im Idealfall genau mit der Schwanzspitze abschließen - darauf kommt es bei Zuchttauben an. „Um nichts in der Welt würde ich sie hergeben", sagt Abu Diab über seine Äthiopierin. Er hat ihr sogar Schmuck gekauft. Fußringe aus Plastik. Selbst güldene Geschmeide für Tauben sind in den Suks von Aleppo zu erstehen.



Doch Abu Diab hält nicht viel vom Glitzerkram.



 „Das lenkt nur ab. Mit teurem Schmuck kann man eine völlig durchschnittliche Taube wertvoll aussehen lassen. Das ist Pfusch." Später, als sich die Sonne über Aleppo langsam senkt, verrät er, dass auch er selbst der Schönheit seiner Kostbarkeiten ab und zu auf die Sprünge hilft: Mit einer Rasierklinge schnitzt er krumme Taubenschnäbel nach, manchmal gar geht er in die Drogerie und kauft Haarfärbemittel, um damit das Gefieder der Vögel aufzuhübschen. Etwa 350 Euro gibt Abu Diab pro Monat für Make-up, Medizin und Futter aus. Etwa die gleiche Summe, die er, seine Frau und die zwei Kinder zum Leben haben.