Alas Welt

> Eva Lehnen

Geo Special, 5/2012
Für viele junge Istanbulerinnen ist es längst kein Widerspruch mehr: sich züchtig zu bedecken und trotzdem ihre Schönheit zu zeigen. Das Magazin „Âlâ“ spiegelt das Lebensgefühl der neuen islamischen Bourgeoisie nahezu perfekt. Ein Set-Besuch
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Sonya Antonyova, 18 Jahre alt und Fotomodell, schaut betreten die langen Beine hinab auf ihre Zehennägel. Niemand hat der Slowakin gesagt, dass sie nicht mit Nagellack zum Shooting erscheinen darf. Antonyova entschuldigt sich und schmollt in der Garderobe vor sich hin. Woher soll sie wissen, dass lackierte Nägel in einer Fotostrecke über muslimische Brautmode unschicklich sind? Niemand hat ihr erklärt, dass strenggläubige Musliminnen während der rituellen Waschung vor dem Gebet sämtliche Stellen an Händen und Füßen mit Wasser benetzen müssen, Wasser also auch nicht an Nagellack abperlen darf.

Es ist nicht Antonyovas erster Modeljob in Istanbul. Aber der erste, bei dem sie für „Âlâ" posieren soll, das neue Lifestylemagazin für Frauen mit Kopftuch, das seit seiner Erstausgabe im Sommer 2011 als Senkrechtstarter unter den türkischen Frauenzeitschriften gilt. Mit mehr als 30 000 verkauften Exemplaren hat Istanbuls erster Stilberater zum Islam selbst die türkischen Ausgaben von „Elle" und „Vogue" eingeholt. Für umgerechnet vier Euro lassen sich „Âlâ"-Leserinnen auf rund 180 Seiten zeigen, wie man modisch sein kann, ohne Gottes Gebote zu verletzen. Wie sich Röhrenjeans mit Pumps von Christian Louboutin korankonform kombinieren lassen. Und allmonatlich fiebern sie den modischen Lieblingsstücken des 25-köpfigen Redaktionsteams entgegen: exklusiv ausgewählter Garderobe, etwa einer Glitzerbluse der dänischen Designerin Malene Birger, deren Entwürfe auch Europas Prinzessinnen tragen, oder einem Faltenrock des kalifornischen Trend- Labels Rodarte. „Âlâ" berät aber auch in Glaubens- und Gesundheitsfragen, porträtiert Frauen wie die Kalligrafie- Künstlerin Fatma Zeynep Çilek, gibt Tipps für die Karriere - oder eben für das perfekte Outfit auf der muslimischen Märchenhochzeit, das an diesem Tag in einem Fotostudio in Szene gesetzt wird.

Der Fotograf legt die Kamera beiseite. Pause. Jemand muss Nagellackentferner kaufen gehen. Und Model Sonya Antonyova gewinnt Zeit, sich an ihren Look zu gewöhnen. Vorsichtig befühlt sie das eng anliegende, rosa glänzende Seidentuch, mit dem ihr die Stylistin kunstvoll das blonde Haar wegdrapiert hat. „Wenn es gleich weitergeht, wie soll ich dann eigentlich in die Kamera gucken?", möchte das Model wissen. „Ein bisschen sexy?" Noch einen Fehler will Antonyova nicht machen. Der Fotograf blickt hinüber zu Ibrahim Burak Birer, Vollbart, eng anliegendes, lässig aufgeknöpftes Hemd. Birer ist einer der beiden Herausgeber von „Âlâ". „Niemand will eine sexy Braut!", ruft er. „Guck einfach normal." In der einen Hand hält Birer eine Packung Marlboro, mit dem Daumen der anderen drückt er auf den Knöpfen seines Autoschlüssels herum. Birer braucht an diesem Tag gute Nerven. Im Grunde ist die Slowakin vor der Kamera eine Fehlbesetzung. Doch dem Blattmacher bleibt keine andere Wahl, als immer wieder hochgewachsenen Models aus dem Ausland zu erklären, nach welchen Regeln die Haute Couture in seinem Heft funktioniert.

Schließlich weigern sich westlich orientierte Models aus der Türkei, Kopftuch zu tragen. Und Töchtern aus gottesfürchtigem Hause ist es nicht erlaubt, sich in einer Modestrecke zur Schau zu stellen - auch nicht für ein Magazin wie „Âlâ", das seine Models züchtig verhüllt. „Örtünmek güzeldir" (Es ist schön, sich zu bedecken) - diese Botschaft ließ Birer auf eines der ersten „Âlâ"-Cover drucken, Worte, die mehr sind als eine prägnante Formulierung der Kleiderordnung, nach der die fromme Muslimin, außer im Gesicht und an den Händen, in der Öffentlichkeit keine Haut zeigen sollte.

Birers „Âlâ"-Slogan trifft das Lebensgefühl einer wachsenden Garde junger türkischer Frauen, die Kopftücher nicht mehr nur als Glaubensbekenntnis trägt, sondern auch selbstbewusst als modisches Accessoire. Mittlerweile bedecken, laut Tageszeitung „Hürriyet", zwischen 60 und 70 Prozent aller Frauen in der Türkei ihr Haupt. Aber bevor Birer „Âlâ" erfand, schienen Chic und Schicklichkeit für viele von ihnen noch unüberbrückbare Gegensätze zu sein.

Es ist nicht lange her, da war es für jene, die ihr Haar verschleierten, sogar ratsamer, unscheinbar zu bleiben statt modisch ins Auge zu fallen. Seit Gründung der türkischen Republik im Jahr 1923 sah man hauptsächlich die säkulare Elite durch Metropolen wie Istanbul oder Ankara flanieren. Die Frauen trugen nach dem Vorbild der Europäerinnen kniekurze Röcke, färbten sich das offene Haar gern blond. Mit jenen, die der strikten Trennung von Staat und Religion nicht entsprachen, kannten die neuen, westlich orientierten Machthaber keine Nachsicht. Schließlich wurde das Kopftuch ab 1989 per Gesetz aus allen öffentlichen Gebäuden, aus Schulen, Behörden und Hörsälen verbannt. Man musste sich schon in Istanbuls entlegenere Viertel verirren, um es zu Gesicht zu bekommen. In weite, schwarze oder beigefarbene Mäntel und Tuniken gehüllt, sah man Kopftuchträgerinnen dort zum Gemüsehändler huschen oder nach Ladenschluss zum Putzdienst im Supermarkt antreten.

Heute trifft man sie erhobenen Hauptes, elegant auf Stöckelschuhen schreitend, mit teuren Taschen am Handgelenk, in schicken Shoppingmalls in Istanbuls Zentrum, das Haar unter feinster Seide verborgen. Sie gönnen sich bei Starbucks eine Pause, verabreden sich zum Charity-Brunch in noblen Bosporus-Cafés und reisen für ein langes Wochenende auch mal nach Paris. Diesen neuen Frauentyp - urban, konservativ, aber dennoch trendbewusst und vor allem: kaufkräftig - hat Birer im Visier. Den Namen seines Magazins hat er mit Bedacht gewählt: „Âlâ" bedeutet „erhaben" - ein Wort aus dem Arabischen, der Sprache des Korans.

Im Turbostaat Türkei ist nach mehr als einem Jahrzehnt rekordverdächtigen Wachstums ein neuer religiöser Mittelstand herangewachsen. Seinen Ursprung hat er im Hinterland, in Gegenden, aus denen die Menschen früher in Scharen Richtung Europa flüchteten, um als Gastarbeiter eine Perspektive zu haben. Inzwischen findet das Wirtschaftswunder für diese Türken im eigenen Land, allen voran am Bosporus, statt.

„Âlâ" ist die perfekte Begleitung für die Töchter dieser Schichten; für stolze, junge Frauen, die zeigen wollen, dass man nicht mehr jede Lira dreimal umdrehen muss. Niemand weiß das besser als „Âlâ"- Erfinder Birer, auch er hat sich aus Anatolien in die Business- Welt der Millionenstadt Istanbul hochgearbeitet. Wer, wenn nicht er, versteht, wie sie tickt, die „Islami Burjuvazi", die neue „islamische Bourgeoisie"?

„Nirgendwo im Koran steht, dass Stöckelschuhe verboten sind." Solche Sätze sind typisch für Birer, wenn er über sein Magazin spricht. Kritische Stimmen aus dem eigenen religiösen Lager, die wettern, dass jeglicher luxuriöser Lifestyle islamischen Werten widerspräche, lassen den Geschäftsmann kalt. Genau wie seine Leserinnen. Warum, fragen sie, soll sich eine gute Muslimin nicht ein schönes Leben gönnen dürfen?

Endlich, der Nagellackentferner ist da. Bis Model Antonyova die Zehennägel gesäubert hat und das Shooting weitergehen kann, lädt "Âlâ"-Modechefin Hülya Aslan per iPhone noch schnell ein paar Backstage- Schnappschüsse für die über 120 000 "Âlâ"-Fans auf Facebook hoch. Nebenbei versucht sie, den Überblick über all die Kleider und dazugehörigen Kopftücher zu behalten, die an diesem Tag noch in Szene gesetzt werden sollen. Im Nebenraum hat jemand einen Gebetsteppich gen Mekka ausgerollt. Doch der Allmächtige muss sich gedulden. „An stressigen Tagen hole ich meine Gebete lieber in Ruhe abends nach", verrät Aslan, die in ihrem früheren Leben Bankerin war.

Die Enden ihres Burberry-Kopftuches hat die 25-Jährige lässig über die Schultern gelegt. Und doch sitzt ihr türban - so nennen Türkinnen ihre Bedeckung - derart akkurat, dass kein einziges Haar darunter hervorblitzt. Aslan trägt eine enge Jeans, dazu eine schwarze Fellweste, die über Hüfte und Po reicht, am Handgelenk glänzt eine goldene Uhr. „Natürlich schaue ich mir auch Zeitschriften wie ,Vogue', ,Instyle' oder ,Elle' an", sagt Aslan, „aber nur aus professionellen Gründen." Persönlich fühlt sie sich davon nicht angesprochen. Jennifer Aniston im lilafarbenen Minikleid, Megan Fox mit tiefem Dekolleté, Laura Stone im Bustier - schon die Cover zeigen eine Welt, die nicht Aslans ist.

Wenn die Modechefin nach Feierabend in ihrer Redaktion in Çamlica, einem ruhigen Viertel auf Istanbuls asiatischer Seite, das MacBook zuklappt und noch ausgehen will, meidet sie die Bars im Party-Viertel Beyoglu auf der anderen Seite Istanbuls. Nicht wegen der Biergläser, die die Kellner an die Tische der Feierlustigen tragen - als fromme Muslimin könnte sie statt Alkohol ja auch eine Cola bestellen. „Ich mag nicht, wie man mich dort anstarrt", sagt sie. Es sind diese abschätzigen Blicke, die ihr als Kopftuchträgerin bedeuten: „Was willst du hier? Das ist unser Platz!" Seit der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan und seine religiös geprägte „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) 2002 an die Macht gekommen sind, fürchten die säkular eingestellten Türken um ihre Freiheit. So gärt in Istanbuls Kneipenvierteln noch immer die Wut darüber, dass AKP-Funktionäre 2011 während des Ramadan die Tische und Stühle vieler Cafés und Restaurants von Bürgersteig und Straße räumen ließen.

Offiziell wegen Platzmangel. In Wahrheit, so wird gemunkelt, weil die Gottesfürchtigen es nicht gern sehen, wenn im heiligen Fastenmonat öffentlich Bier getrunken wird. Die Türkei werde immer mehr zum Gottesstaat, schimpften aufgebrachte Istanbuler und sehen ihre lebenslustige Metropole schon zum neuen Teheran mutieren. Ähnlich panisch ging es zu, als die Regierung 2008 das Kopftuchverbot an öffentlichen Universitäten rückgängig machen wollte.

Je schriller das Kampfgeheul zwischen beiden Großlagern, desto klarer wird: Hier geht es nicht bloß um Fragen von Freiheit und Moral, sondern darum, wem diese Stadt, dieses Land gehört. „Und eine Frau, die ein Kopftuch trägt", sagt die Journalistin Ayse Karabat, „erinnert die alten Eliten daran, dass ihre Privilegien schrumpfen." Wie sehr ein Stück Stoff irritieren kann, hat die Fernsehmoderatorin Ikbal Gürpinar vor Kurzem am eigenen Leib erlebt. Am Flughafen sei sie von einer wildfremden Frau angespuckt worden, erzählt die 42-Jährige. Im März dieses Jahres hatte manch ein Türke verwundert vor den Zeitschriftenregalen gestanden: Ausgerechnet Gürpinar auf dem Titel des „Âlâ"-Magazins? Noch dazu mit smaragdgrünem Kopftuch? Ein gewöhnungsbedürftiger Anblick, kannte man die Moderatorin vor der Kamera doch mit schwarz glänzendem, langem Haar.

Es sei 2010 auf einer Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien geschehen, erzählt Gürpinar. Beim Gebet in Mekka habe sie eine Stimme gehört. Die befahl ihr, künftig das Haar zu bedecken. „Ich war völlig durch den Wind, weil ich auf so etwas nicht vorbereitet war", sagt Gürpinar. „Ich dachte: ‚Da erlaubt sich jemand einen Spaß mit dir.' Doch als ich mich umdrehte, war da niemand. Da wusste ich: Die Stimme kam von Gott." Seither trägt sie Kopftuch.

Wer Gürpinar zu Hause besucht, passiert zwei Gartenzwerge und schüttelt im Windfang eines türkisfarbenen Reihenhauses in Sariyer, einige Kilometer außerhalb Istanbuls, einer Frau mit freundlichen Kulleraugen und lautem Lachen die Hand. Sie trägt ein pinkfarbenes Kopftuch, ein enges fliederfarbenes Kleid und goldene Stöckelschuhe. Quiekend scheucht sie den Kater aus dem Flur, der mit verschlammten Pfoten auf den weißen Wohnzimmerteppich zutapst.

Gürpinar bittet zu Tee und Kuchen und erinnert sich an den anstrengenden Anfang als Neu-Türban-Trägerin. Die Verhandlungen über einen lukrativen Werbevertrag mit einem Haarpflegemittelhersteller platzten. Auch Gürpinars erwachsener Sohn, von dessen Vater sie getrennt lebt, musste sich erst daran gewöhnen, dass die Mutter ab sofort ein Kopftuch tragen wollte. „Mir ist die Entscheidung nicht leichtgefallen. Aber ich weiß, dass sie richtig ist", sagt Gürpinar. "Ich bin glücklich so."