Auf der Suche nach Opas Schatz

> Eva Lehnen

NEON, April 2005

An einem Meilenstein bei Kaliningrad liegt ein Schatz vergraben. Ein paar private Wertsachen. Von einem jungen deutschen Soldaten versteckt, kurz bevor der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. 60 Jahre später macht sich sein Enkel auf den Weg in die russische Exklave, um den Schatz zu finden. Eine Reise in die Vergangenheit. Wer war Opa eigentlich? Warum wissen wir Enkel so wenig Bescheid über unsere Familiengeschichte?

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* Die kursiv gedruckten Stellen sind dem Lebensbericht von Ludwig Gebers entnommen

Bald sind sie alle tot. Diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg als Soldaten überstanden, das Dritte Reich als junge Erwachsene miterlebt haben: die Großeltern der heute Um-die-30-Jährigen. Was wissen wir überhaupt von ihnen, aus ihrem Leben, dem Zweiten Weltkrieg? Waren sie Täter oder Opfer? Wie nahe stand Opa dem NS-Regime? Hat Oma nicht mitbekommen, wie jüdische Nachbarn verschwanden? Wenn wir ehrlich sind: Wir wissen wenig.

Die Großeltern schweigen, und wir, die Enkel, fragen nicht wirklich nach. Oder haben es nicht getan, als Oma und Opa noch am Leben waren. Aus Angst davor, schlimme Erinnerungen hervorzuzwingen, den Seelenfrieden von jemandem zu stören, der dort drüben im Schaukelstuhl sitzt. Aus Rücksicht. Aus Desinteresse. Oder aus Feigheit, weil ja irgendetwas Düsteres in der Familiengeschichte verborgen liegen könnte. Wer will bei Familienfesten schon gerne hören, dass Opa beim Hitlergruß vielleicht strammer stand, als nötig gewesen wäre?

„Bei uns in der Familie war der Krieg kein Tabuthema. Meine Mutter hat früher immer zu mir gesagt, geh hin und frag deinen Großvater. Frag ihn, solange es noch geht“, sagt Lars. Er war gerade 16 geworden, als sein Großvater beerdigt wurde. Heute ist der Aachener 31. „Aber ich wusste damals gar nicht, was ich meinen Großvater überhaupt noch hätte fragen sollen. Mir kam es damals so vor, als wüsste ich schon alles über den Krieg. Vor allen Dingen, weil wir in der Schule so viel darüber geredet haben.“

In der Nähe von Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, will Lars nach einem Stück Familiengeschichte suchen. Einem Schatz, den sein Großvater 1945 dort vergraben hat – kurz bevor russische Soldaten ihn in Kriegsgefangenschaft nahmen. Private Wertsachen, an einem Meilenstein an einer Landstraße versteckt. „Die Sachen meines Großvaters zu suchen, das bin ich meiner Familie schuldig und auch mir selbst. Ich merke, wie die Erinnerungen an meinen Großvater langsam verblassen. Und das will ich nicht. Er bedeutet mir sehr viel“, sagt Lars.

Die Reise in die Vergangenheit beginnt am Bahnsteig von Frankfurt/Oder. Stumm prüfen Grenzschützer die Fahrkarten, Reisepässe und Gesichter. Der Zug nach Kaliningrad steht bereit. Koffer werden verstaut, Menschen füllen die Abteile. Kurz nach 23 Uhr zieht der Zug an, rollt über die polnische Grenze und schiebt sich Richtung Osten. Dunkel, in dichten Nebel gehüllt, liegen die Wiesen da draußen. Die Pritschen zum Schlafen sind schmal. 15 Stunden wird die Fahrt dauern. Lars hält ein dickes Buch in den Händen. 126 Schreibmaschinenseiten, in graues Leinen gebunden. „Ludwig Gebers, Lebensbericht“ steht auf dem Buchrücken geschrieben.

Ludwig Gebers, geboren am 29. 6. 1907, Familienvater, Lehrer, Reserveoffizier. 81 Seiten handeln von seiner Zeit an der Front und in der Kriegsgefangenschaft. Zwölf Jahre war der Großvater in Russland, vier davon im Krieg, acht im Gefangenenlager. Zwölf Jahre! 1953 – neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – kehrte er zu seiner Familie zurück. Zu seiner Frau und den beiden Kindern. Gebers Tochter ist die Mutter von Lars.

Dass der Lebensbericht im Regal steht – daran hat Lars lange nicht mehr gedacht. Für die Vergangenheit ist in den letzten Jahren wenig Zeit geblieben. Die Gegenwart ist gerade wichtig. Sein Bauingenieur- und sein BWL-Studium hat er abgeschlossen, Umzüge, der erste Job in einer PR-Agentur. „Ich dachte immer, dass mir das Buch ja nicht wegläuft. Außerdem wollte ich mich ganz in Ruhe mit dem Leben meines Großvaters beschäftigen.“

Vor einigen Wochen, als Lars die genaue Angabe der Schatzstelle finden wollte, hat er den Lebensbericht wieder aufgeschlagen. Angst gehabt vor dem, was dort drinsteht? „Wenn es im Leben meines Großvaters einen dunklen Fleck gegeben hätte, dann wüsste ich das’“, sagt Lars.

Aber was wissen wir Enkel wirklich? Segnen wir unsere Familiengeschichten nicht mit einem vorauseilenden Vertrauen – dass da schon nichts gewesen ist? „Es gibt nur eine Stelle im Buch, da muss ich unbedingt nachfragen“, sagt Lars. Zeilen, in denen der Großvater schreibt, dass er NSDAP-Mitglied war. Vor den Zugabteilen laufen Menschen mit Zahnbürsten in der Hand auf und ab. Es ist spät geworden.

‘Für junge Menschen gab es nur zwei Wege, eine Änderung der bedrückenden Zustände herbeizuführen, entweder über die KPD oder über die NSDAP. Ich nahm 1932 an vielen politischen Versammlungen teil, um mir ein Urteil zu bilden. Die These der NSDAP ‘Gemeinnutz geht vor Eigennutz’ schien mir richtig zu sein, die Zielstrebigkeit und Energie der NSDAP imponierten mir wie vielen anderen Auf einer überfüllten Versammlung sprach Hitler und verstand es, seine Zuhörer mitzureißen. Sinngemäß sagte er. Krieg? Nein, ich kenne den Krieg, habe als Gefreiter den Ersten Weltkrieg erlebt, weiß, was Krieg bedeutet. Ich werde für den Frieden eintreten Dieser Appell zündete. Ich konnte nicht mehr abseits stehen, trat der NSDAP bei.’

Lars Großvater erlebt als junger Mann, wie schwer die Folgen des Ersten Weltkrieges auf Deutschland lasten: Weltwirtschaftskrise, Inflation, Arbeitslosigkeit. Bei den Wahlen im Juli 1932 bekam die NSDAP 13,75 Millionen Wählerstimmen und wurde die stärkste Partei Deutschlands. Massen von Deutschen, die Hitler hinterherrannten. Diesem Mann, der uns Enkeln so lächerlich vorkommt: diesem kleinen Gnom mit der schnarrenden Stimme, den wir nur von ruckeligen schwarz-weißen Fernsehbildern kennen. „Seit 1929 wurde die Partei Hitlers zu einer Massenbewegung von Entwurzelten, Unzufriedenen, Verarmten, aber auch von Opportunisten, Idealisten und Abenteurern. Es ist schwer, eine soziologische Analyse seiner Anhängerschaft zu geben“, schreibt der Historiker Walther Hofer.

„Denken und Handeln eines Menschen werden weitgehend durch die Zeit bestimmt, in der er lebt. Der Eintritt in die NSDAP und die vorübergehende Mitarbeit in der SS war, heute ist mir das klar, ein Irrweg.“

Zwei Jahre lang war Ludwig Gebers SS-Mitglied. Von 1932 bis 1934. Weil die SS ihre Mitglieder zwang, aus der Kirche auszutreten, kündigte der Großvater seine Mitgliedschaft.

Die Enkel fangen an zu fragen, hieß es vor einigen Jahren, als junge deutsche Schriftsteller anfingen, sich mit ihrer Familiengeschichte auseinander zu setzen. Zeitgleich erschien 2002 eine Studie: „Opa war kein Nazi – Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis“. Die Wissenschaftler Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall befragten in 40 Familiengesprächen und 142 Interviews Großeltern, Eltern und Kinder zu ihrem Wissen über das Dritte Reich. Die Wissenschaftler wollten erforschen, wie sich der Umgang mit der Geschichte über Generationen hinweg verändert hat. Das Ergebnis: Wir Enkel kennen zwar sehr viele Fakten über die Zeit damals, aber wir weigern uns, dieses Wissen auf unsere eigenen Familien anzuwenden. Schlimmer und verdrehter noch – nach dem Ergebnis einer Emnid-Umfrage müsste die jüngere deutsche Geschichte neu geschrieben werden. Als Bundesbürger nach den Einstellungen und Handlungen ihrer Angehörigen während des Dritten Reichs gefragt werden, kommt heraus: Nur ein Prozent der Bevölkerung war damals an den Verbrechen beteiligt, 13 Prozent waren im Widerstand aktiv und 26 Prozent der Deutschen hätten Verfolgten geholfen.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2002, belegt, dass wir Enkel viel weniger wissen, als wir denken: Als 2100 Studenten erklären sollen,was die Nürnberger Gesetze waren und was auf der Wannsee-Konferenz beschlossen wurde, kann nur ein Drittel richtig erklären. Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 wurde Juden das Wahlrecht genommen, das Hakenkreuz wurde als Reichsflagge eingeführt und Ehen zwischen Ariern und Nicht-Ariern verboten. Auf der Wannsee-Konferenz wurde 1942 die Ermordung aller Juden in Europa beschlossen. Wissen, das uns zwar im Geschichtsunterricht immer wieder vorgesagt wird, uns aber weniger im Kopf haften bleibt als die Dreisatz-Rechnung. Warum eigentlich? „Vielleicht liegt es ja daran, dass wir alle in der Schule so viel über die Jahre 1933 bis 45 gehört haben, uns aber nie anstrengen mussten, an das Wissen zu gelangen“, sagt Lars.

Die Großeltern sind uns Enkeln heilig. Wir empfinden tiefen Respekt vor ihnen. Wie Oma alleine ihre Kinder durchgebracht hat, was Opa für schlimme Bilder in seiner Seele verschlossen haben muss. Ihr Leid, ihre Armut, diese schreckliche Angst, die sie gehabt haben müssen. Wir können nicht ermessen, was sie durchlebt haben. 60 Millionen Tote hat der Zweite Weltkrieg gefordert, sechs Millionen Juden wurden ermordet. Gedanken, welche Rolle die eigenen Großeltern in dem Regime gespielt haben, verbieten wir uns mit dem Argument: Wir können uns nicht in ihre Lage, in die Zeit hineinversetzen. Sollten wir die Großeltern dafür anklagen, dass nur wenige von ihnen keinen aktiven Widerstand geleistet haben? Darauf stand die Todesstrafe! Sollen wir Opa ernsthaft an den Kragen gehen: „Warum hast du dein Gewehr auf Menschenleben gerichtet, warum bist du nicht desertiert?“ Hat Opa nicht vielleicht gut daran getan, an der Front zu stehen, weil er so wenigstens eine Chance hatte, zu seiner Familie zurückzukehren? Wer als Deserteur gefasst wurde, wurde erschossen oder im Straflager zugrunde gerichtet. Überhaupt: Wie hätten wir uns selbst damals verhalten? Wären wir etwa mutig genug gewesen, uns Hitler zu widersetzen?

Auch jetzt, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, auch wenn man in diesen Wochen eigentlich gar nicht mehr drum herumkommt, sich der Geschichte zu stellen, lassen wir das Nachforschen lieber sein. Wir Enkel lieben unsere Großeltern. Und diejenigen, die man liebt, die will man schützen: Aber wollen wir wirklich nur vermeiden, dass bei den Großeltern alte Wunden aufreißen? Nein, ganz so selbstlos ist unsere Liebe nicht. Es steckt mehr hinter unserem Nicht-Nachfragen: Nämlich die Angst, dass wir womöglich Geschichten anhören müssen, die uns vor den Großeltern erschrecken lassen würden. Sie waren schließlich nicht alle nur Opfer ihrer Zeit.

„Ich glaube nicht, dass sich für meinen Großvater überhaupt die Frage gestellt hat, ob er in diesen Krieg ziehen soll oder nicht. Das war einfach so. Ich denke, dass mein Großvater vor allem aus einem großen Pflichtgefühl heraus gehandelt hat“, sagt Lars. Opa, der kluge, belesene, weißhaarige Mann. Opa, der seinem Enkel in der Sternwarte den Himmel erklärt hat. „Von meinem Großvater habe ich gelernt, dem Leben dankbar zu sein“, sagt Lars. Opa, der klasse Sportler. Opa, der manchmal von seiner Soldatenzeit erzählt hat. Eher die abenteuerlichen Anekdoten. „Ich war ja damals noch sehr jung“, sagt Lars.

„Ich habe mein Leben nüchtern-sachlich dargestellt“, schreibt der Großvater im Vorwort seines Buches. Nach seiner Pensionierung als Schuldirektor hat er damit begonnen, sein Leben chronologisch aufzuschreiben. Anhand von Unterlagen, Zeugnissen und eines Notizblocks, den er als Soldat bei sich getragen hat. Wie viel Hölle, wie viel Todesangst, wie viel Leid in all den Seiten steckt, mit denen er die Zeit des Krieges beschreibt – die Sachlichkeit verschont den Leser. Aber die Dimension, die dieser Angriffskrieg, den die deutsche Armee geführt hat, die mörderische Wucht, mit der sie in fremde Dörfer und Städte eingefallen ist – die kann der Leser ebenfalls nur erahnen.

„Willkommen in Kaliningrad“, begrüßt ein großes Schild die Zugreisenden. Marschmusik knallt aus der Lautsprecheranlage des Bahnhofs. Kaliningrad, ein Gebiet ungefähr so groß wie Schleswig-Holstein. Eine russische Exklave, mitten in der EU – nur 500 Kilometer von Frankfurt/Oder entfernt. Der deutsche Kaiser Wilhelm I. hat sich hier, als Kaliningrad noch Königsberg hieß, zum König von Preußen krönen lassen. Königsberg, damals Hauptstadt Ostpreußens, majestätisch schön, von der Roten Armee eingenommen. Die Deutschen wurden hier aus ihrer Heimat vertrieben. Kaliningrad, die Stadt, aus der jahrzehntelang keine Nachrichten drangen. Militärisches Sperrgebiet – ein Landstrich, in den selbst Sowjetbürger lange Zeit nur mit Sondergenehmigung reisen durften. Nicht weit von hier, 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, ist Lars’ Großvater vor sechzig Jahren in Kriegsgefangenschaft geraten, hier hat er seinen Schatz vergraben.

Kaliningrad heute: ein bröckeliger Betonklotz weit weg von Moskau und Investoren. Arbeitslosigkeit, Mafia, Wodka schon zum Frühstück. Nur langsam wird es besser. Eine Stadt, eine ganze Region mit zwei Identitäten, einer langen deutschen und einer kurzen russischen Geschichte: “750 Jahre Königsberg“ werden in diesem Jahr hier gefeiert, aber auch „60 Jahre Kaliningrad“. Das „Hotel Berlin“ heißt heute „Hotel Moskau“. Die Leute erzählen, dass mit den Grabsteinen des alten deutschen Luisen-Friedhofs hier die Bürgersteige gepflastert wurden. Es ist nicht mehr viel übrig von dem, was einmal deutsch war, die Russen haben der Stadt ihre preußische Seele herausgerissen. Alte Frauen sitzen gebückt am Straßenrand und verkaufen Blumen, den Männern hängen Zigaretten aus den Mundwinkeln, die jungen Frauen haben einen stolzen Gang. Kohlegeruch steht in der Luft, der Verkehr staut sich auf den Schlaglochpisten. „Merkwürdig fremd ist es hier, als wäre immer noch Kalter Krieg“, sagt Lars. Um die Straßenecke biegen Militärkadetten. Ob der Schatz sechzig Jahre lang unter der Erde gewartet hat?

Eine gute halbe Autostunde von der Stadt entfernt liegt Tharau, ein kleines Kirchdorf, das die Russen Vladimirovo nennen. 1945/46 hat Lars’ Großvater hier als Kriegsgefangener Waggons beladen. Wie tief muss man graben, um hervorzuholen, was schon so lange liegt? Verfallene Häuschen säumen den Straßenrand. Hunde schlagen an, es gibt nicht viele Fremde, die hier vorbeikommen. Das Getreide rundum steht so hoch, dass die Kälber darin verschwinden. Verrostete Schienen laufen auf ein Betonwerk zu.

„Im Winter 1945/46 mussten wir einmal bei strengster Kälte 36 Stunden lang ohne Pause durcharbeiten. Die Männer brachen reihenweise zusammen, jede Hilfeleistung wurde von den Posten mit schussbereiter MP verhindert, weil der Fortgang der Arbeit hätte verzögert werden können. Nach Beendigung der Verladung schwankten wir, uns gegenseitig stützend, ins Lager zurück Post aus der Heimat erhalte ich in der Tharauer Zeit nicht“, schreibt der Großvater in seinem Lebensbericht. Dieser letzte Satz – nicht zu wissen, ob die eigene Familie, Frau und Kinder den Krieg überhaupt überlebt haben.

„Nein, an ein Kriegsgefangenenlager kann ich mich nicht erinnern, das war schon alles weg, als ich 1950 hierher gezogen bin“, sagt Victoria Petrova. Eine alte Babuschka, 79 Jahre alt, graue Haarsträhnen schauen unter ihrem Kopftuch hervor. Ihre dicken Waden stecken in schwarzen Gummistiefeln.

Zusammen mit ihrem kleinen Hund lebt sie in dem alten Küsterhaus, unten am Fuß des Kirchberges. Die alte Russin und der junge Deutsche. Sie geben sich die Hand zur Begrüßung. „Ich weiß nichts, aber einen alten Mann gibt es im Dorf, vielleicht weiß der Bescheid, nur, der stirbt gerade“, sagt Petrova. „Früher war das dein Land, jetzt ist es mein Land“, sagt die alte Frau. Ihr Blick sagt: Die Geschichte wartet keine zwei Generationen.

„An Flucht dachte 1946 niemand mehr. 1945 hatte sich ein junger Fliegerleutnant von zwei Kameraden in einer Mülltonne – unter dem Abfall versteckt – aus dem Lager in die Freiheit tragen lassen Ein anderer wurde nach der Flucht aufgegriffen, vor dem Lager erschossen, bei der Zählung den Gefangenen vor die Füße gelegt. Lohnte es sich, jetzt noch das Leben zu riskieren? Der Russe ließ erkennen: Wenn die Verladearbeiten beendet sind, kehrt ihr nach Hause zurück.“

Noch sieben Jahre muss Ludwig Gebers in Gefangenschaft bleiben. Als die Arbeit in Tharau getan ist, bringen die Russen ihn nach Armenien, in ein Lager nach Woronesch und nach Stalingrad.

Dicht aneinander gereihte Birken säumen die Landstraße, die gen Süden aus Tharau hinausführt. Die dicken Stämme bezeugen, dass die Bäume hier schon sehr lange stehen müssen. „Das sieht so aus, als wäre das hier der Straßenverlauf von damals“, sagt Lars. Hier irgendwo muss er sein, der Meilenstein, an dem Großvaters Schatz vergraben liegt. So nah dran. Vielleicht. Vielleicht birgt das Gebüsch neben dem Asphalt das, was Lars hier sucht. In der Ferne kräht ein Hahn.

Die Landstraße verläuft eben, am Horizont, weit hinten, verliert sie sich in den Feldern. Doch es gibt keine Meilensteine mehr. Keinen einzigen, an der ganzen Straße nicht. Es lohnt nicht, wahllos hier herumzugraben. Die Geschichte wartet keine zwei Generationen.

„Es ist komisch. Ich fühle mich meinem Großvater hier nicht verbundener, als wenn ich zu Hause an ihn denke“, sagt Lars. Kann das sein? Da reist jemand auf den Spuren des Großvaters, doch die Emotionen wollen nicht kommen? Es muss an dem Ort hier liegen. Weil niemand hier mehr davon spricht, was schon sechs Jahrzehnte zurückliegt, weil man nichts mehr davon sehen kann. Weil es nicht mal mehr die Meilensteine von früher gibt.

Er kauft zwei Postkarten. Eine will er an seine Eltern, die andere an die Oma schreiben. „Die richtigen Worte von hier aus an meine Großmutter zu richten, fällt mir schwer“, sagt Lars. „Jetzt schreibe ich hier ein paar Zeilen, und die sind in ein paar Tagen schon bei ihr. Als mein Großvater ihr von hier aus geschrieben hat, war nicht mal klar, ob die Post jemals ankommen würde“, sagt Lars.

Es dauert eine Weile, bis er die Karten in den Briefkasten wirft. Am späten Nachmittag fährt sein Zug zurück nach Deutschland. „Zum Glück besitze ich ja einen noch viel wichtigeren Schatz, den mein Großvater hinterlassenhat. Den Lebensbericht. So ungefähr habe ich das vorhin auch meiner Großmutter geschrieben“, sagt Lars. „Der Mann, den ich nur als alten Herrn kennen gelernt habe, ist mir durch das Buch ein wenig näher gekommen.“

Deutsche Enkel und ihre Großeltern – so ist das: Bei Reisen, die ins Unbekannte führen, finden wir Enkel nicht unbedingt das vor, was wir uns vorstellen. Finden nicht immer die Schätze, die wir gerne bergen würden. Dass wir uns aber überhaupt auf den Weg machen, das ist selten.