Die Frau, die für Syriens Freiheit kämpft

> Eva Lehnen

Brigitte, 4/2012
Fadwa Suleiman ist eines der prominentesten Gesichter des syrischen Aufstands und eine mutige Frau: Seit Monaten lebt die 39-Jährige an wechselnden Orten, jeder öffentliche Auftritt bedeutet Lebensgefahr, für die Regierung ist sie eine Staatsfeindin. Nur manchmal meldet sie sich per Internet aus einem Versteck
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Kein Bild, kein Schrank, kein Bücherregal, nichts, was Rückschlüsse auf ihren aktuellen Aufenthaltsort zuließe. Fadwa Suleiman, 39, sitzt vor einer kahlen weißen Wand. Sie trägt einen Pullover, ihre Haare sind kurz geschnitten. Auf geheimen Wegen ist sie über Damaskus in ihr neues Versteck an der syrischen Küste gelangt. Mehr wird sie in unserem Telefonat, das wir per Internet führen, über ihren Aufenthaltsort nicht preisgeben. Zu ihrem eigenen Schutz. Die Schauspielerin ist in Lebensgefahr - gejagt von den Gefolgsleuten des Assad- Regimes und doch unermüdlich getrieben von ihrer Hoffnung auf ein freies Syrien. Manchmal schläft sie Nacht für Nacht auf einer anderen Matratze, immer in einem anderen Haus. Die Ränder unter den Augen sind dunkel, ihre Stimme aber ist fest: „Für mich gibt es kein Zurück. Ich habe keine Angst vor dem Tod."

Die Rebellen-Hochburg Homs, vor ein paar Wochen, Stadtteil Bayada: Ein Menschenmeer feiert ein paar Quadratmeter Freiheit. Es sind nur einige Straßenzüge der Millionenstadt, die die Oppositionellen der Kontrolle des Regimes entrissen haben. Ganz in der Nähe lauern Scharfschützen auf den Dächern, die Panzer der Armee stehen am Rand des Viertels. Plötzlich löst sich eine Figur aus der Menge. Eine Frau in schwarzer Hose und mintgrünem Pullover wird auf das kleine Podest vor der Fahne gezogen. Fadwa Suleiman hat ein Palästinensertuch um den Kopf gewickelt, um den Hals hängt lose ein schwarzer Schal. Einen kurzen Moment lang wirkt es fast schüchtern, wie sie dasteht, hinabschaut, die rechte Hand aufs Herz drückt. So großes Publikum ist die Schauspielerin, die vor der Revolution außerhalb der Damaszener Künstlerszene kaum bekannt war, nicht gewohnt.

Doch die Menge jubelt ihr zu. Dann greift sie sich mit der Rechten das Mikrofon, reckt die zur Faust geballte Linke und schreit den Menschen zu: „Eins, eins, eins - das syrische Volk ist eins." Aus tausenden Mündern schallt es zurück: „Eins, eins, eins - das syrische Volk ist eins." Sie feiern, als sei das hier der Anfang des großen Sieges über die syrische Regierung.

Nicht nur in Homs hat Suleiman den Menschen Mut zugesprochen. Auch in der Hauptstadt Damaskus, in Deraa am Rand der Wüste und in Latakia am Mittelmeer hat sie zum friedlichen Widerstand aufgerufen. Obwohl sie weiß, dass das Regime überall nach ihr suchen lässt, trägt sie die immer gleiche Botschaft in ihr Heimatland hinaus: Nur gemeinsam sind wir stark genug, dieses System zu stürzen. Tausende haben die Aufnahmen ihrer Auftritte auf Youtube angeklickt. Ihre Interviews auf arabischen Satellitensendern wie "Al-Jazeera" oder "Al-Arabiya" erreichen ein Millionenpublikum.

Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit der Aufstand begann. Syriens Frauen spielen von Anfang an eine besondere Rolle. Sie versammeln sich zu lauten Demonstrationsmärschen oder stellen schweigend Kerzen auf. Sie treffen sich in kleinen Gruppen zum Wohnzimmer-Protest, organisieren geheime Feldküchen für die Aktivisten und schmuggeln unter ihren Gewändern dringend benötigte Blutkonserven und Medikamente in die von der Armee belagerten Städte.

Frauen und Männer laufen auf den Straßendemonstrationen meist getrennt voneinander. Fadwa Suleiman aber kämpft auch inmitten von Männern für die Freiheit. Und fordert konsequent, der Protest müsse friedlich bleiben - gerade weil sich der Kampf um Syrien mehr und mehr zum Bürgerkrieg zwischen Assads Gefolgsleuten und deren Gegnern entwickelt.

„In Homs hat das Regime sogar Waffen an die Aufständischen verkaufen lassen, damit die Leute endlich anfangen zurückzuschießen", sagt sie. Die Kämpfer der "Freien Syrischen Armee" beschwört Suleiman: „Legt die Waffen nieder, sonst zwingt uns das Regime einen Krieg auf, den wir nur verlieren können." Mehr als 8300 Menschen sind seit März vergangenen Jahres nach EU-Angaben getötet worden. Doch das ist lediglich die Zahl der Toten, deren Namen dokumentiert sind, die wahre Zahl der Opfer liegt viel höher. Bis dieser Text erscheint, werden noch mehr Menschen umgekommen sein. Zehntausende sind in den Kerkern von Präsident Assad verschwunden, die Regierung spricht von einem Krieg gegen Terroristen und Handlanger ausländischer Feinde.

Welche Aktionen Fadwa Suleiman als Nächstes aus ihrem Versteck plant, möchte sie nicht verraten: „Es wird etwas Großes sein." Sie will jetzt vor allem über das Positive an der Revolution reden. „Seit Monaten öffnen mir Fremde ihre Türen und gewähren mir Schutz", sagt sie. Die schlechte Internet- Verbindung lässt ihre Stimme metallisch klingen. Dann reicht ihr jemand eine Zigarette, sie zündet sie an. „Das Schöne an der Revolution ist, dass mir so viele Häuser offen stehen." Fadwa Suleiman ist eine der Heldinnen dieses Aufstands. Doch für ihre Berühmtheit zahlt sie einen hohen Preis. Immer muss sie bedenken, dass alle Landsleute, die mit ihr in Verbindung stehen, auch in Gefahr geraten. Nach zwei Monaten in Homs baten die Bewohner der Stadt sie schweren Herzens zu gehen: Der Geheimdienst ließ Leute verhaften und verhören, um herauszufinden, wer sie versteckte.

Selbst ihr eigener Bruder erklärte vor laufender Kamera im regimetreuen TVSender „Al-Douniya": „Wir sind sehr verwundert über das, was du tust, Fadwa." War das ernst gemeinte Kritik? Ein erzwungenes Statement? Oder die kluge Äußerung eines Mannes, der die Familie schützen will? „Über meine Angehörigen kann ich nicht weiter sprechen. Ich habe Angst um sie." Sie weiß: Wenn Präsident Assad an der Macht bleibt, kann sie nie wieder zu ihnen zurück.

„Ich bin schon so lange so wütend", sagt Suleiman. „Ich will endlich in Freiheit leben." Seit der Machtübernahme Baschar al-Assads im Jahr 2000 hatte sie gehofft, dass die Syrer sich gegen das Regime erheben. Über Nacht wurde damals die Verfassung geändert, damit der Diktatorensohn von seinem Vater Hafiz, der Syrien fast drei Jahrzehnte lang mit rücksichtsloser Härte regiert hatte, die Staatsführung übernehmen konnte. „Ich war außer mir, als wir Syrer das einfach so hingenommen haben." In der Hoffnung, die Theaterwelt in Damaskus könnte eine Nische für kritische Menschen wie sie sein, stürzt sie sich in ihre Schauspieler-Karriere. Und wird doch ein ums andere Mal enttäuscht. Rollen gehen meist an die, die ihre Regimetreue unter Beweis gestellt haben. Was gespielt wird, bestimmt die Regierung - am Theater wie überall im Land. Und kaum ein Bürger wagt es aufzumucken.

Bis zum März 2011. In Deraa, der Stadt im Süden des Landes, lässt der Gouverneur Kinder, die revolutionäre Slogans an eine Schulmauer gekritzelt hatten, verhaften und foltern. Als die Bewohner der Stadt anschließend auf die Straße ziehen, wird auf die Demonstranten geschossen.

Danach schließen sich immer mehr Menschen überall im Land dem Aufstand an. „Hau ab, Baschar!" Zum ersten Mal in ihrem Leben scheint ein anderes Syrien möglich. Fadwa Suleiman ist euphorisch. Wie viele Revolutionäre hofft sie in diesen ersten Wochen des Aufstands, dass der Wandel so schnell kommen wird wie in Tunesien und Ägypten. Dort haben die wütenden Massen Assads Amtskollegen Ben Ali und Mubarak aus den Ämtern gejagt. Doch in Syrien stellt sich der Machtapparat den Demonstranten mit größter Brutalität entgegen. Aktivisten wie Suleiman sollen keinen Mucks mehr machen.

„Fadwa ist ein außergewöhnliche Frau", schreibt die prominente Bloggerin und Menschenrechts- Aktivistin Razan Ghazzawi, die selbst in den vergangenen Monaten mehrfach verhaftet wurde. „Sie ist in Todesgefahr. Nicht weil sie gegen das Regime ist, sondern weil sie Alawitin und gegen das Regime ist." Auch das trägt ihr großen Respekt ein: dass ausgerechnet eine Alawitin so mutig aufbegehrt. Sie gehört zur gleichen Religionsgruppe wie der Assad-Clan. Alawiten machen in Syrien nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus. Suleimans Protest straft die Propaganda des Regimes Lügen, die Aufständischen seien ein Haufen sunnitischer Extremisten. Es ist genau dieses Misstrauen, das das Regime seit jeher unter den Bürgern zu sät. Immer soll in der Schwebe bleiben, wer wem trauen kann, zwischen Christen, Alawiten, Sunniten, Kurden, Ismailiten und Drusen.

Die, die sie von früher kennen, sagen, dass sich Fadwa Suleiman auch am Theater immer mit allergrößter Akribie und Ausdauer auf ihre Rollen vorbereitet hat. Warum sollte das jetzt anders sein? Es ist, als sei der Kampf um die Befreiung ihres Landes so etwas wie die Rolle, auf die sie immer gewartet hat. Das Stück, an dessen Ende sie sich hoffentlich nicht mehr der Regie des Regimes unterwerfen muss.

Die Skype-Leitung wird noch schlechter.

Eines ist ihr noch wichtig zu sagen: „Eigentlich sind wir alle Opfer in diesem Land. Die Bürger, die Geheimdienstleute und die Armee." Dann wechselt auf dem Computerbildschirm das kleine Symbol neben ihrem Skype-Usernamen die Farbe: von grün auf grau. Die Internetleitung nach Syrien ist abgebrochen.